Transformations-Prozeduren

     
 

Wie gelangt man vom Objekt zum Bild?

So wie es im Medium Sprache verschiedenartige Mittel gibt, um ein Objekt (vgl. die Erörterungen zum Begriff ›Objekt) zu thematisieren, gibt es im Medium Bild auf zwei Stufen Mittel, um ein Objekt zu visualisieren.

Sprache (fokussiert auf die indoeurop. Familie):

(I) Semantik, Morphologie der Verben und Substantive, Syntax, ferner: Negationspartikel, Modalpartikel; darüber hinaus: Metaphern, Techniken des Textaufbaus und andere rhetorische Mittel.

(II) Das so Konstruierte muss dann mit Mitteln der Laute bzw. Schrift ausgedrückt werden.

Bild:

Es gibt (I) Prozeduren, mit denen ein Objekt zu seiner Visualisierung gestaltet werden. Das ist das Thema in diesem Kapitel.

(II) Das so Konstruierte muss mit graphischen Mitteln realisiert werden werden: Zeichnen, Drucken, Perspektive, Farbgestaltung, Angabe des Maßstabs usw.; vgl. + die Kapitel zur graphischen Realisation und zu mechanische Verfahren der Visualisierung.

In diesem Kapitel werden nicht behandelt graphische Techniken, die Verstehenshilfen für Betrachter anbieten (z.B. Blickführung mittels Linien, Freistellen von Elementen.) Vgl. + hierzu das Kapitel Verstehenshilfen.

Begriff Transformationsprozedur

• Transformation: Umwandlung von einem Medium in das andere bei ± Wahrung des Informationsgehalts. (Wie in einem elektrischen Transformator ein Strom niedriger Spannung / hoher Stromstärke in einen Strom hoher Spannung / niedriger Stärke umgewandelt wird.) • Prozedur: eine Verfahrensweise. (Von einer Methode im engern Sinn kann man nicht sprechen; es ist eher ein Baukasten – ein "tool kit" – von fallweise angewandten Ideen.)

Die Transformationsprozeduren hangen selbstverständlich zusammen mit den Objekten, für die sie angewendet werden. (Eine Statistik lässt sich besipielsweise nicht mimetisch abbilden; umgekehrt ein Portrait nicht diagrammatisch.) Ferner hat die Funktion einen Einfluss auf die Transformationsprozedur. — Deshalb wird in diesem Kapitel immer auch genannt, welche Aufgabe der Visualisierer hat.

 
     
 

Inhaltsübersicht

TP Mimetische Abbildung

TP Dreidimensionale Ausfaltung

TP Räumliche Verzerrung

TP Extreme Stilisierung

TP Umsetzung in abstrakte Zeichen

TP Ausfalten eines abstrakten Begriffs in Hyperonyme

TP Synekdoche I: Ein Exemplar vertritt die Gattung

TP Synekdoche II: Ein Teil vertritt das Ganze (pars-pro-toto)

TP Synekdoche III: Ein prototypischer Fall-von / ein Beispiel-für vertritt etwas Allgemeines

TP Synekdoche IV: Ein Narrativ steht für ein Abstraktum

TP Modell — (1) Metapher

TP Modell — (2) Personifikations-Allegorie

TP Modell — (3) Ding-Allegorie

TP Kombinationsbild

TP Zeitlicher Ablauf in Phasen entwickelt

TP Prozess-Ablauf

TP Aufsschneiden / ›Röntgen‹

TP Überlagerung von Bildern verschiedener Sphären

TP Graphisches Verbinden von bildnerischen Elementen einer Kategorie mit Elementen einer anderen

TP Mengenverhältnis in Balkendiagramm

TP Mengenvergleich in Bilder umgesetzt

TP Zuordnung als Sterndiagramm

TP Bild vermeiden

 

Man beachte jeweils die Querverweise + auf andere Kapitel, wo die entsprechende TP differenzierter entfaltet ist!

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Transformationsprozedur: Mimetische Abbildung

Mimetisch: (von griechisch mímesis ›Nachahmung‹ des optischen Eindrucks). Es besteht eine Ähnlichkeitsrelation, eine modell-hafte Beziehung zwischen dem Objekt und seiner Visualisierung entsprechend dem Zeichentyp ICON bei Charles Sanders Peirce (1839–1914). — Als Synonym könnte man auch ›veristisch‹ verwenden.

  • Auch eine Fotografie ist genau genommen ein Modell des Abgebildeten, bestimmt durch Bildausschnitt, Aufnahmestandort, Brennweite, Schärfentiefe u.a.m.
  • Jede Abbildung forciert die Darstellung – über das im Medium Notwendige hinaus – in eine bestimmte Richtung.
  • Es kann sogar notwendig sein, bereits das Objekt so zu präparieren, dass das Wichtige augenfällig wird (Beispiel: Gramfärbung bei Bakterien).
  • Jedes Modell stilisiert (im Sinne einer abstrahierenden Reduktion). Oft geht die Stiliisierung sehr weit ins Abstrakte. Zwischen mimetischen Bildern (z.B. Fotografien) und stilisierten Bildern gibt es nur graduelle Unterschiede.

••• Am wenigsten Probleme ergeben sich bei der Abbildung einer zweidimensionalen Vorlage; hier als Beispiel die Reproduktion eines Bildes von W. Kandinsky:

Der Große Brockhaus. Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden, 15. Auflage, Leipzig 1928 – 1935; Erster Band (1928), s.v. Absolute Malerei, S. 53.

••• Bei dreidimensionalen Objekten muss festgelegt werden, aus welcher Richtung das Objekt gezeigt wird. Hier als Beispiel die sog. Kavaliersperspektive (Axonometrie):

Ansicht von Schaffhausen aus: Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […] Zürich bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII. 2.Band, fol 77 verso.

••• Noch komplizierter gestaltet sich das Verfahren, wenn das Objekt eine gewölbte Form hat, die in die plane zweidimensionale Form des Papiers übertragen werden muss.

• Erstes Beispiel: Das Bild auf einer Vase wird abgerollt:

Adolf Furtwaengler / Karl Reichhold, Griechische Vasenmalerei: Auswahl hervorragender Vasenbilder (Serie I, Tafel 1-60), München 1904.
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/furtwaengler1904bd1/0011/image

• Zweites Beispiel: Erdoberfläche

(Dieses Bild ist kein Beispiel für eine Transformationsprozedur, sondern es erläutert, wie diese geschieht.) Eduard Imhof, Gelände und Karte, Erlenbach 1950, S. 77: Azimutalprojektion.

+ Mehr zu diesem Thema im Kapitel zur Geographie

••• Werden Objekte dargestellt, deren Aussehen völlig ungewohnt ist, muss der Maßstab der Verkleinerung / Vergrößerung mit angegeben werden.

Beispiel: Die Skulptur der Sphinx. Die Größe wird veranschaulicht durch die auf ihrem Kopf stehenden Männer.

Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk. Ein Handbuch zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse und zur Unterhaltung in 4 Bänden, Leipzig: Brockhaus 1837–1841. s.v. Sphinx, Band IV, S. 243.

+ Mehr dazu im Kapitel zu den Verstehenshilfen

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Transformationsprozedur: Dreidimensionale Ausfaltung

Dreidimensionale Objekte können dargestellt werden, indem man die sog. Normalprojektion (engl. multview projection) anwendet, d.h. drei räumlich senkrecht aufeinanderstehende Ansichten zeichnet:

  • gelb: Aufriss
  • blau: Grundriss
  • rot: Seitenriss.

Zeichnung des Verfassers aus dem Jahre 1960 (2.Klasse Sekundarschule)
(Dieses Bild ist kein Beispiel für eine Transformationsprozedur, sondern es erläutert, wie diese geschieht.)

Beispiel: Eine (rekonstruierte) antike Palast-Architektur:

Vitruvius Teutsch: Nemlichen des aller namhafftigisten vnd hocherfarnesten, Römischen Architecti, und Kunstreichen Werck oder Bawmeisters, Marci Vitruuij Pollionis, Zehen Bücher von der Architectur vnd künstlichem Bawend, Nürnberg, 1548. [Nicht i.e.S. zum Thema Gehöriges ist hier wegretuschiert.]
> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vitruvius1548

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Transformationsprozedur: Räumliche Verzerrung

Beispiel: Atlantischer Ozean

Wenn man den Querschnitt genau darstellen würde, wäre das Bild extrem schmal und die Höhenverhältnisse wären unanschaulich. Die Visualisierung wählt eine Verzerrung:

Der Maßstab vertikal (perpendiculaer) beträgt 1 Faden (1.83 m)
Der Maßstab horizontal beträgt 1 englische Meile (1 853 m)
d.h. die Überhöhung beträgt das Tausendfache.

Otto Spamer’s Illustrirtes Konversations-Lexikon für das Volk. Zugleich ein Orbis pictus für die Jugend, Leipzig: Spamer 1870–80, Band 1, Abb. Nr. 995 auf Sp. 219.

+ Mehr zu diesem Thema im Kapitel Distortionen

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Transformationsprozedur: Extreme Stilisierung

Stilisieren heisst das Bild eines visuellen Eindrucks auf das Wesentliche reduzieren. Diese Prozedur ist nötig, wenn ein Typ visualisiert werden soll.

+ Mehr dazu im Kapitel Typen

Beispiel: Darstellung der Blütenstände

Solche schematische Abbildungen dienen der Bestimmung von Pflanzen:

Die Welt von A bis Z. Ein Lexikon für die Jugend, für Schule und Haus, hg. von Richard Bamberger, Fritz Brunner; Heinrich Lades, Reutlingen: Ensslin & Laiblin / Wien: österr. Bundesverlag / Wien: Verlag für Jugend und Volk / Aarau: Sauerländer 1953.

Beispiel: Rumpfmuskulatur

Hier geht es nicht darum, den anatomischen Bau der Muskeln darzustellen, sondern es soll zeigen, welche Muskeln bei bestimmten Haltungen/Bewegungen gefordert sind:

Adolf Faller, Der Körper des Menschen, Stuttgart: Thieme, 4. Auflage 1970 (dtv 3014), S. 88.

D Standbein und Spielbein beim Gehen

D1 Kleine Gesäßmuskeln — D2 Großer Gesäßmuskel (M glutaeus maximus) — D3 Dreiköpfiger Wadenmuskel — — — D6 Streckmuskeln des Fußes und der Zehen.

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Transformationsprozedur: Umsetzung in abstrakte Zeichen

Beispiel: Tanzschrift (nach Rudolf von Laban, 1879–1958):

Herder Band 11 (1935), Sp. 949. — Vgl. den Artikel Labanotation in der Wikipedia

In graphische Zeichen werden umgesetzt:

    • die Dauer der Bewegung durch die Länge des Zeichens;
    • die Raumrichtung durch den Richtungspfeil;
    • das zu bewegende Körperglied durch die Stellung im Liniensystem;
    • die Höhe durch die Füllung des Zeichens (hoch = schraffiert; tief = schwarz usw.);
    • die Leserichtung ist von unten nach oben.

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Transformationsprozedur: Ausfalten eines abstrakten Begriffs in Hyperonyme

Als Hyperonym bezeichnet die Sprachwissenschaft (seit J. Lyons 1968) einem abstrakten Wort untergeordnete Wörter: Unter das Wort Obst fallen: Birne, Apfel, Pflaume, Traube u.a.m. (aber nicht: Rettich, Kabis, Haselnuss). Die Klassifizierungen der Alltagssprache entsprechen nicht wissenschaftlichen Standards

Beispiel: Unkraut

Der Große Duden. Bildwörterbuch der deutschen Sprache … hg. Otto Basler, Leipzig: Bibliographisches Institut 1935, Tafel 43.

Hier wird nicht nur das Hyperonym Unkraut visualisiert, sondern es werden gleichzeitig auch die Hyponyme der einzelnen Pflanzenarten benannt.

+ Vgl. das im Kapitel Typen zur Prototypensemantik Gesagte.

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Überblick Synekdoche

Bei den Techniken der Synekdoche (griechisch: ›Mit-Versetehen‹) wird zur Visualisierung der Grad der Abstraktion dadurch gesenkt, dass einzelne anschauliche Elemente des Objekts beigezogen werden.

Zwischen dem Gemeinten und dem dafür verwendeten abgebildeten Gegenstand gibt es keinen Sprung in eine andere Sphäre der Welt (<<< dazu hier Metapher),

Synekdoche: (in der Rhetorik wird auch der Begriff Metonymie verwendet): Ersatz einer Vorstellung, durch eine andere, die zur Gemeinten in einer realen (logischen, ursächlichen usw.) Beziehung steht. Beispiele: der Autor für sein Werk (Homer lesen); das Besondere für etwas Allgemeines (wir müssen unser Brot verdienen); Rohstoff für das daraus Erzeugte (jemandem das Eisen in den Leib stoßen) usw.

Wir unterscheiden folgende Untertypen:

• I Ein Exemplar vertritt die Gattung
• II Ein Teil vertritt das Ganze (pars-pro-toto)
• III Ein Fall / ein Beispiel vertritt etwas Allgemeines
• IV Ein Narrativ steht für ein Abstraktum

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Transformationsprozedur: Synekdoche I: Ein Exemplar vertritt die Gattung

Diese Technik wird angewendet, wenn der Objekt-Typ der klassenbildenden Superierung vorliegt.

Um den Chippendale-Stil zu veranschaulichen, bildet man ein dafür typisches Möbelstück ab.

Beispiel: (aus: Brockhaus Enzyklopädie in 20 Bänden, 17. Auflage, Wiesbaden 1966–1974)

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Transformationsprozedur: Synekdoche II: Ein Teil vertritt das Ganze (pars-pro-toto)

Diese Technik wird angewendet, wenn der Objekt-Typ der komplexbildenden Superierung vorliegt.

Ein Werk steht für einen Künstler (Maler, Bildhauer), hier: Aristide Maillol

Schweizer Lexikon in sieben Bänden [hg. Gustav Keckeis u.a.] Encyclicos-Verlag Zürich 1945–1948, s.v.

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Transformationsprozedur: Synekdoche III: Ein prototypischer Fall-von / ein Beispiel-für vertritt etwas Allgemeines

••• Das Objekt ist ein Abstraktum vom Typ ########

Beispiel: Der Zorn wird visualisiert durch die Abbildung eines Zornigen (sprachliche Dimension: Wort):

J. G. Krünitz, Oekonomisch-technologische Enzyklopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft […], 75. Theil (1798), Abbildung 4371.

Beispiel: Dummheit durch eine dumme Handlung (sprachliche Dimension: Satz) #### Sebastian Brant

 

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Transformationsprozedur: Synekdoche IV: Ein Narrativ steht für ein Abstraktum

••• Das Objekt ist ein Abstraktum, hier die Unbarmherzigkeit. Der Begriff wird mittels einer Erzählung bestimmt, die sich dann visualisieren lässt. Ein Invalider bettlet einen reichen Mann an, dieser indessen wird vom Teufel zurückgehalten, ihm einen Batzen aus siner reich gefüllten Geld-Truhe zu geben.

Der christliche Welt-Weise Beweinet die Thorheit der neu-entdeckten Narrn-Welt, Welcher die in disem Buch befindliche Narrn zimblich durch die Hächel ziecht, jedoch alles mit sittlicher Lehr und H. Schrifft untermischet: worin über 200, lustig und lächerliche Begebenheiten, deren sich nit allein die Herrn Pfarer auf der Cantzel sondern auch ein jede Privat-Persohn bey ehrlichen Gesellschafften nutzlich bedienen können. Der wahre dtitte Theil Vorgestellt von Alberto Josepho Loncin von Gominn; Augspurg: D.Walbert 1708; pag.38.
> http://digital.bibliothek.uni-halle.de/hd/content/zoom/217297

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Überblick Modell (Metapher, Allegorie)

Modelle dienen dazu, ein wenig bekanntes System (das Explanandum) in vereinfachter Form zu präsentieren. Sie entstammen einer anderen Welt (Beispiel: Wasserwellen simulieren die Interferenz von Lichtwellen).

Sie können verschiedene Funktionen haben: bessere Anschaulichkeit, risikofreie Manipulierbarkeit, Kostenreduktion (mein Ferrari im Maßstab 1:24 in der Vitrine), u.a.m.

Zwischen Explanandum und Modell gibt es eine Reihe von Entsprechungen: relevante Eigenschaften werden genau abgebildet, irrelevante aber vernachlässigt (im Modell eines Flugzeugs für den Windkanal muss die Aussenform genau übereinstimmen, aber es müssen keine Passagiere im Inneren sitzen).

Hier ist zu unterscheiden zwischen

(A) Modelle, die bereits im Objekt angelegt sind, alltagssprachlich als Metapher oder in idiomatischer Wendung verwendet werden.

(B) Modelle, die zwecks Visualisierung erst erzeugt werden.

Wird ein Modell Element-für-Element entfaltet, so ensteht literaturwissenschaftlich gesprochen aus der Metapher eine Allegorie.

+ Ausführlicheres dazu im Kapitel über Modelle

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Transformationsprozedur: Modell — (1) Metapher

Beispiel für (A): Die Metapher ist hier das Verb auswinden.

Das neue Verhältnis zwischen Arbeiter und Unternehmer. Karikatur aus dem »Neuen Postillon«, Zürich 1896. Quelle > Wikimedia

Beispiel für (A): Kirchen-Spaltung

Methodius <Olympius> De revelatione facta Ab angelo beato Methodio in carcere detento, Basilea: Furter 1504.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00003740/image_93

Beispiel für (A): Idiomatische Wendung: Den Hühnern die Schwänze aufbinden (als sinnlose Handlung, weil die Hühner die Schwänze ohnehin aufrechttragen)

Thomas Murner (1475–1537), »Narrenbeschwörung« Nr. 41 [in der Zählung des Herausgebers M. Spanier 1894]. Daraus die Verse 39ff.: Was unnötig ist, weil die Töchter das selbst können:

Noch findt ich frowen michel teil
   Die strickendt ouch am hüener seyl
Die ire töchtern lerent sünden
   Den hüenern ire schwentz vff binden
Sy lernen sy hoffertig mutzen
    Vndd kynnendts strychen/ ferben/ butzen
Ouch wie sie sollent gon den trit
   Hoflich neigen sich do mit
Vmb sich gucken/ ougen blicken
   Jr brüstlin vff ein schefftlin
[Gestell, auf dem waren feilgeboten werden] schicken
Vnd die lefftzen zamen biegen
[…]

Doctor thomas Murners Narren beschweerung, Straßburg: Knoblouch 1518.

Beispiel für (B): Elektrische Reihen- / Parallelschaltung

    • Als Reihenschaltung (oder Serienschaltung) wird die Hintereinanderschaltung mehrerer Bauelemente in einer Schaltung bezeichnet.
    • An allen Elementen einer Parallelschaltung liegt dieselbe elektrische Spannung, auch wenn deren Stromaufnahme unterschiedlich ist.

Das Modell setzt das elektrotechnische Explanandum um in Wasserräder.

Die Parallelschaltung ist einem Wasserlauf zu vergleichen, der mehrere hintereinander stehende Mühlen treibt. Hier fließt also das gesamte Wasser über jedes Rad hin, es findet keine Verzweigung und besondere Zuführung zu jeder Mühle statt; an jedem Rade wird der ganze Strom und ein entsprechender Teil des Gesamtgefälles ausgenutzt, und so ist es auch bei hintereinander geschalteten Lampen, von denen jede denselben Strom mit den anderen Lampen erhält, von dem Gesamtgefälle der Gesamtspannung aber einen gewissen Teil für sich nimmt. Reihenschaltung bedeutet also Teilung der Spannung, Parallelschaltung Teilung des Stroms; unsere beiden Bildchen (Abb. 216 und 217) mögen diesen Unterschied an einem Wassergefälle, welches drei Mühlräder treibt, erläutern.

[F(ranz) Reuleaux] Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien. Gesamtdarstellung aller Gebiete der gewerblichen und industriellen Arbeit. 9.Auflage, Dritter Band: Die Elektrizität […|, von Arthur Wilke, Leipzig: Spamer o.J. [1897; S. 191.

Beispielfür (B): Typische Erlebnisformen

Hans Robicsek: Sprache Mensch und Mythos. Einführung in die Differentialanalyse der Sprache. Leipzig/Wien: Deuticke 1932. Fig. 8 (gegenüber S. 82)

Bildunterschrift: Dissoziation des Oberen und Unteren, schematisch dargestellt […]

Robicsek geht in seinem Buch (dessen Etymologien an Isidor von Sevilla erinnern: APFEL = ABFALL, vgl. lat. MALUM; KEHRICHT = GERICHT) von der experimentellen Erlebniskunde aus, nach der der Mensch vier typische Daseins- oder Haltungsformen, vier typische Erlebnisformen besitzt. (S. 82ff.) Jede ist physiognomisch eindeutig charakterisiert. […] Die Formen gehen auseinander hervor.

I bezeichnet R. als stupuröse Daseinsform, kennzeichnend ist der Shok [sic];

II Nachdem man sich ermannt hat, ist der Organismus in Bewegung gekommen und gerät in Rage.

III bezeichnet R. als imbezille Haltungsform. Der Organismus geht mit uns durch. Stichwort ist Amok.

IV Erlebnis der Haltung. Wir zügeln den Organismus und kehren zu I zurück.

Schildern wir diese vier Erlebnisformen in einer solchen Weise, daß der Intellekt dabei die Rolle des Herrn, der Organismus aber in der Rolle eines dienstbaren Tieres auftritt, können wir sagen:

Erster Fall: Organismus als ungeschlachtes, großes und schwaches Tier, lahm widerspenstig, des Ansporns und der Anfeuerung bedürftig.

Zweiter Fall: Organismus als folgsames, behendes, kleines und starkes Tier, das dem Anspruch seines Herrn genügt und ihm als Waffe dient.

Dritter Fall: Organismus als kleines, schwaches Tier, unzurechnungsfähig, Tölpel und Narr, der Abkühlung und Zügelung bedürftig.

Vierter Fall: Organismus als großes und starkes Tier, widerstandkräftig und fest, das seinem Herrn als Schild dient.

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Transformationsprozedur: Modell — (2) Personifikations-Allegorie

Beispiel: Tugend-Laster-Kampf

Die ritterlich gerüstete Tugend Temperantia besiegt das im prächtigen Wagen fahrende Laster Luxuria; der Stein, mit dem sie die Gegnerin erschlägt, bedeutet Christus ...

Herrad von Landsberg († 1196), »Hortus deliciarum« ed. Rosalie Green, M. Evans, C. Bischoff, M. Curschmann, (Studies of the Warburg Institute 36), 2 vols., London / Leiden 1979 Band I, Fol. 202v = Pl. 116, Fig. 276.

Ein weiteres Beispiel aus Prudentius, »Psychomachia« hier > Codex Sangallensis 135

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Transformationsprozedur: Modell — (3) Ding-Allegorie

Beispiel: Herakles am Scheideweg

Stultifera navis, a Jacobo Locher, cognomento Philomusum Suevum in latinum traducta translata, cum suppletionibus eiusdem Sebastian Brant, Basel: Johann Bergmann 1497; fol. 130r: Concertatio virtutis cum voluptate
> http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/inc-ii-219

Herakles träumt von zwei Wegen; für einen der beiden soll er sich entscheiden:

Der eine (vom Betrachter aus gesehen linke = falsche) Weg ist breiter und auf ihm liegen keine Steine. Auf dem Hügel steht eine beinahe unbekleidete junge Frau – gemäß dem Text die Wollust (voluptas) – vor einem blühenden Busch, aus dem ein Skelett (= der Tod) hervorschaut. Darüber entlädt sich ein Gewitter.

Der rechte (= richtige) Weg ist schmaler und steinig. Auf dem Hügel steht eine bis auf das Gesicht verhüllte alte Frau – gemäß dem Text die Tugend (virtus) – vor einem Gestrüpp. In der rechten Hand hält sie eine Kunkel, symbolisch für die häusliche Arbeit. Darüber wölbt sich ein Sternenhimmel.

Mehr dazu auf dieser Website > https://www.ds.uzh.ch/wiki/Allegorieseminar/index.php?n=Main.HeraklesAmScheideweg

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Transformationsprozedur: Kombinationsbild

Hier besprechen wir Fälle, wo mehrere Objekte in einer einzigen Graphik dargestellt werden. Es lassen sich verschiedene Typen unterscheiden.

Nebeneinanderstellen von verschiedenen konkreten Ausprägungen desselben Konzepts.

  • Einerseits werden die verschiedenenen Ausprägungen eines Typs gezeigt (und benannt).
  • Der Betrachter des Bildes kann eine Schnittmenge bilden, d.h. von alle charakteristischen Zügen abstrahieren, um auf das Abstraktum zu kommen.

Diese Technik ist besonders wichtig bei semantisch ausgerichteten Enzyklopädien, z.B. beim Larousse illustré.

Beispiel: Hunderassen

Der Große Duden. Bildwörterbuch der deutschen Sprache … hg. Otto Basler, Leipzig: Bibliographisches Institut 1935, Tafel 323.

Auflistung aller Elemente eines kompletten Sets:

Beispiel: Taubstummen-Alphabet

Beispiel: Alphabet des sourds-muets in: Petit Larousse Illustré. Nouveau Dictionnaire Encyclopédique, publié sous la direction de Claude Augé; cent trente-sixième édition, Paris 1917.

+ Mehr dazu im Kapitel Bildvielheit

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Transformationsprozedur: Zeitlicher Ablauf in Phasen entwickelt

Für die Visualisierung von sich in Bewegung befindlichen Objekten bietet sich die Ent-Wicklung in prägnante Phasen an, die einzeln dargestellt werden. Der Betrachter folgt den Bildern, soweit das nicht durch die Sache selbst einleuchtet ist, in Leserichtung.

Beispiel: Gang des Pferdes

Es werden mehrere Gangarten parallel dargestellt, von links nach rechts: Pas ordinaire — Pas allongé — Pas rompu — Amble — Petit trap — Galop.

Étienne-Jules Marey, La Méthode graphique dans les sciences expérimentales et principalement en physiologie et en médecine, Paris 1878; Deuxième tirage, Paris: Masson 1885; Fig. 52.
>
https://archive.org/details/lamthodegraphiq00maregoog

Beispiel: Zweitaktmotor

Der Große Brockhaus. Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden, 15. Auflage, Leipzig 1928–1935; Band 19 (1934), s.v. Verbrennungsmotor

Bild A: Der Funke (bei der Zündkerze f) bingt das durch den Einlass d in das Kurbelghäuse c eingetretene Brennstoff-Luftgemisch zur Explosion; der Kolben a treibt über die Pleuelstange b die Kurbelwelle in Pfeilrichtung an.
Bild B: Die verbrannten Gase strömen über den Auslass e aus; gleichzeitig wird das eingeströmte Gemisch im Kurbelgehäuse vorkomprimiert.
Bild C: Das vorkomprimierte Gemisch strömt über den Überströmkanal h in den Zylinder.
Bild D: Der sich nach oben bewegende Zylinder komprimiert das Gemisch; gleichzeitig wird das Kurbelghäuse c über den Einlass d mit Frischgas geladen.
(Nach Bild D geht es wieder weiter mit Bild A.)

+ Mehr zu diesem Thema im Kapitel zu den Raum-Zeit-Relationen

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Transformationsprozedur: Prozess-Ablauf

Text Text TextText Text Text v Text

Beispiel: Kohlehydratverdauung

Adolf Faller, Der Körper des Menschen, Stuttgart: Thieme, 4. Auflage 1970 (dtv 3014), Abb. 72.

+ Mehr dazu im Kapitel Prozessidagramme

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Transformationsprozedur: Aufsschneiden / ›Röntgen‹

Das Objekt erlabt dem unbewaffneten Auge keine feutliche Ansicht. Es wird aufgeschnitten oder "geröntgt" oder zerlegt dargestellt, um die Teile zu zeigen, die bei normaler Ansicht verborgen sind.

Beispiel: Termitenhügel

Naturgeschichte der Reptilien, Amphibien, Fische, Insekten, Krebstiere, Würmer, Weichtiere, Stachelhäuter, Pflanzentiere und Urtiere. Mit 479 kolorierten Abbildungen auf 30 Tafeln u. erläuterndem Text nebst 149 Text-Illustrationen. Zum Anschauungs-Unterricht für die Jugend in Schulen und Familien. Hrsg. v. hervorragenden Fachgelehrten u. Tierzeichnern. Mit einer Vorrede von Professor G. H. von Schubert. Eßlingen u. München, Schreiber o.J. Zehnte gänzlich neu bearb. Aufl. ohne Jahr, S.43.

Beispiel: Waschmaschine

Brockhaus Enzyklopädie in 20 Bänden, 17. Auflage, Wiesbaden 1966–1974.

+ Mehr dazu im Kapitel Innenansichten

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Transformationsprozedur: Überlagerung von Bildern verschiedener Sphären

Zur Visualisierung eines Sachverhalts kann der Graphiker verschiedene Realitätsebenen einander überlagern.

• Isobaren kennen wir aus den alltäglich in der Zeitung erscheinenden Wetterkarten. Eine Ebene bildet die physische Oberfläche der Erde ab / eine zweite Ebene zeigt Kurven, die den an den Orent gemessenen Luftdruck miteinander verbinden bzw. die Windgeschwindigkeit.

Beispiel:

Der Graphiker Antonino Petrucelli hat das in dieser Darstellung überlagerten ›Layers‹ schön dargestellt:

  • die geographische Karte
  • die barometrische Messungen.

Die Welt in der wir leben (engl. Original The World We Live In, Time Inc. 1952), S. 77.

Im Printmedium oder am Bildschirm werden zwei Bild-Schichten durch Einfärbung graphisch getrennt:

MeteoSchweiz

• Bei Choropleth-Karten werden die geographischen Gebiete im Verhältnis zur statistischen Verteilung des thematischen Objektes (z.B. Bevölkerungsdichte, Mietpreise usw.) gezeichnet.

Beispiel: Mittlerer Stundenlohn in verschiedenen Gebieten der Schweiz

Strukturatlas Schweiz = Atlas structurel de la Suisse, Projektleitung: Kurt E. Brassel, Ernst A. Brugger; Redaktion: Martin Schuler, Matthias Bopp, Zürich: Ex Libris Verlag 1985.

Man erkennt sofort den großen Unterschied zwischen dem Kanton Appenzell Innerrhoden (vorherrschend bäuerliche Betriebe) und Basel-Stadt (chemische Industrie).

+ Mehr dazu im Kapitel zu den Tabellen

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Transformationsprozedur: Graphisches Verbinden von bildnerischen Elementen einer Kategorie mit Elementen einer anderen

Beispiel: Melothesie-Männchen

Je nachdem, in welchem Tierkreiszeichen der Mond steht, ist eine Körperregion mehr oder weniger zum Aderlass geeignet. Entsprechend werden die zwölf Phasen des Tierkreises einzelnen Gliedern und Organen des menschlichen Körpers zugeordnet und festgelegt, an welchen Stellen und in welchem Zeitraum Blut entnommen werden kann, ohne dabei den Patienten zu gefährden.

[Gregor Reisch] Aepitoma Omnis Phylosophiae, Alias Margarita Phylosophica, Tractans de omni genere scibili. Cum additionibus ... Argentina: Grüninger 1504.

Außen die 12 Tierkreiszeichen (Pictogramme) — in der Mitte der Leib mit seinen Organen (mimetische Darstellung) — die Verbindungslinien sind angeschrieben mit gut / mittel / böse.

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Übersicht: Diagramme

Diagramm: (von griechisch diágramma ›geometrische Figur, Umriss‹) mit arbiträren, d.h. auf einer Konvention beruhenden graphischen Mitteln hergestellte Visualisierung; entsprechend dem Terminus SYMBOL bei Peirce.

Eine reichhaltige (aber weitgehend unkommentierte) Zusammenstellung findet sich auf der Website https://de.wikipedia.org/wiki/Diagramm

Systematische logische Zusammenhänge wie z.B. mathematische Funktionen (Zuordnungen von Mengen) lassen sich statt in Formeln oder Listen in Tabellen oder Graphiken (Kurven, Balkendiagramme) repräsentieren.

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Transformationsprozedur: Mengenverhältnis in Balkendiagramm

Beispiel: Anzahl Todesfälle pro Geschlecht / Alter / Zivilstand

Émile Levasseur, La population française. Histoire de la population avant 1789 et démographie de la France comparée à celle des autres nations au 19e siècle précédée d’une introduction sur la statistique, Paris 1889–1892.

In der Ordinate ist das Alter angegeben. — In der Ordinate ist angegeben: links Männer / rechts Frauen; mit verschiedenen Schaffuren: verheiratet / verwitwet / ledig.

Man erkennt sofort die hohe Kindersterblichkeit und das durschnittliche Sterbealter. (Perfiderweise nennt Levasseur die Graphik Urne funéraire.)

+ Mehr dazu im Kapitel zu den Tabellen

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Transformationsprozedur: Mengenvergleich in Bilder umgesetzt

Beispiel: Belegungsgrad zwischen Auto und S-Bahn, wenn 400 Personen zur Arbeit fahren

Hans Künzi, Zürichs öffentlicher Verkehr und seine S-Bahn, 161. Neujahrsblatt der Gelehrten Gesellschaft auf das Jahr 1998; S. 35.

Die Visualisierung macht augenscheinlich, dass die gleiche Anzahl an Fahrgästen in den Autos viel mehr Platz einnimmt, was problematisch ist.

Beispiel: Anzahl beförderte Personen in verschiedenen Ländern

Meyers Konversations-Lexikon 6. Aufl. Band 22 = Supplementband 1909/1910, s.v. »Statistische Darstellungsmethoden II.« (Ausschnitt)

Die wirkliche Menge kann anhand der Größe der Figuten nciht abgeschätzt werden. Otto Neurath hat solche Vusualisierungsprozeduren kritisiert, vgl. + das Kapitel zu Neurath

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Transformationsprozedur: Zuordnung als Sterndiagramm

Es werden 8 Düngemittel zueinander in Relation gesetzt, dazu 3 Bewertungen von solchen Relationen. Wenn man das in eine dreispaltige Tabelle umsetzen würde (die ersten beiden Spalten für die Düngemittel; die dritte für die Bewertung), so ergäbe es n*(n+1)/2 [für n =8] 36 Zeilen. Das würde ziemlich unübersichtlich.

Das Sterndiagramm hat den Vorteil, dass man von jedem Düngemittel aus sofort alle 7 möglichen Kombinationen ersieht.

Der Große Brockhaus. Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden, 15. Auflage, Leipzig 1928–1935; Band 5 (1930), S. 167.

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Transformationsprozedur: Bild vermeiden

Wie visualisiert man etwas, das man (noch) nicht kennt?

Beispiel: Das Lebensende einer noch lebenden Person

Auf der Ehrenpforte von Kaiser Maximilian (1459–1519) wurde 1515 der 24. Druckstock, der des Kaisers Grab zeigen sollte, leer gelassen.
> https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6a/Triumphal_Arch_complete_MET_DP-18319-001.jpg

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Noch verbesserungsfähige Fassung online zuerst April 2021 — P.M.

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