Graphische Realisation

     
 

Vom Bild im Kopf zum Bild auf dem Papier

Schließlich müssen die mimetischen Vorbilder bzw. die Bildideen, sofern das Bild nicht durch eine Maschine erzeugt wird, durch Graphiker/Innen realisiert werden, d.h. gezeichnet, gedruckt.

Das ist nicht so trivial, wie sich das der moderne Betrachter vorstellen mag: abknipsen und dann auf dem Bildschirm angucken. — Zu beachten ist

die technische Dimension: Druckverfahren;

die didaktische Dimension (Blickführung u.ä.);

die ästhetische Dimension;

die historische Dimension.

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Präzision der Darstellung

Dass ein Bild ›naturgetreu‹ sein soll, ist ein Thema seit jeher. (Bei diagrammatischen Bildern ergeben sich andere Probleme.)

Kupfer von Matthäus Merian d. Ä. (1593–1650) in: Joh. Ludov. Gottfridi Historische Chronica, Oder Beschreibung der Fürnemsten Geschichten/ so sich von Anfang der Welt/ biß auff das Jahr Christi 1619. zugetragen … [Frankfurt am Main]: Merian 1657, S. 186.
> http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/content/pageview/1306766
> http://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/image/1605931918/265/

Parrhasios soll sich mit Zeuxis in einen Wettstreit eingelassen haben; dieser habe gemalte Trauben so erfolgreich dargeboten, dass die Vögel zum Schauplatz herbeiflogen; Parrhasios aber habe einen so naturgetreu gemalten leinenen Vorhang [auf einem Bild] angebracht, dass der auf das Urteil der Vögel stolze Zeuxis verlangte, man solle doch endlich den Vorhang wegnehmen und das Bild zeigen; als er seinen Irrtum einsah, habe er ihm in aufrichtiger Beschämung den Preis zuerkannt, weil er selbst zwar die Vögel, Parrhasios aber ihn als Künstler habe täuschen können.

Plinius, naturalis historia XXXV, xxxvi, 65: traditur et, cum ille [Parrhasios] detulisset uvas pictas tanto successu, ut in scaenam aves advolarent, ipse detulisse linteum pictum ita veritate repraesentata, ut Zeuxis alitum iudicio tumens flagitaret tandem remoto linteo ostendi picturam atque intellecto errore concederet palmam ingenuo pudore, quoniam ipse volucres fefellisset, Parrhasius autem se artificem.

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Zeichner an der Arbeit

Selten einmal stellen sich die Zeichner selbst bei der Arbeit dar.

Adam Olearii Außführliche Beschreibung Der Kundbaren Reyse Nach Muscow und Persien/ So durch gelegenheit einer Holsteinischen Gesandschafft von Gottorff auß an Michael Fedorowitz den grossen Zaar in Muscow/ und Schach Sefi König in Persien geschehen. Worinnen die gelegenheit derer Orter und Länder/ durch welche die Reyse gangen/ als Liffland/ Rußland/ Tartarien/ Meden und Persien/ sampt dero Einwohner Natur/ Leben/ Sitten [...] zu befinden. Jetzo zum dritten und letzten mahl correct heraus gegeben, Schleßwig: Holwein 1663. Ausschnitt der Kupfertafel zum 5.Buch, 10.Kapitel: In der Stadt Derbent am Kaspischen Meer im (damaligen) Persien bei der Besichtigung von Leichensteinen eines Friedhofs (Ganzes Bild > http://diglib.hab.de/purl.php?dir=drucke/xb-4f-140&image=00841)

Enyclopédie, Planches, Septieme Volume (1769), s.v. Marine, Pl. VIII: Chantier de Construction (Ausschnitt; Hervorhebung durch PM)

Samuel Wyttenbach [1748-1830], Alpes Helveticae. Beschreibung einer Reise, die im Jahr 1776 durch einen Theil der Bernischen Alpen gemacht worden, Bern: Wagner 1777. (Ausschnitt) > http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/3292328

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Druckverfahren

Stichwortartig:

  • Hochdruck: Holzschnitt, Holzstich (Thomas Bewick † 1828); Autotypie (1882 patentiert)
  • Tiefdruck: Radierung, Kupferstich (engl. etching, intaglio), Aquatinta
  • Flachdruck: Lithographie (engl. planographic printing; Senefelder ab 1818)

Holzschnitte und Holzstiche und Autotypie-Clichées erlauben die Einbindung in den (ebenfalls mit Lettern als Hochdruck realisierten) Text.

Beim Tiefdruck und bei der Lithographie aber ist das nicht möglich; es braucht zwei Druckvorgänge auf dem selben Blatt, oder dann werden die Bilder dem Buch als separate Tafeln beigegeben.

Mehrfarbige Bilder gab es bis zur Erfindung der Chromolithographie nur als handkolorierte Drucke; erst durch die Einführung der Steindruck-Schnellpresse um ca. 1870 konnten farbige Bilder kostengünstig gedruckt werden.

Artikel Druckverfahren in: Der Große Brockhaus, 15. Auflage, Band 5 (1930), S. 125.

In Holz geschnittener Druckstock und davon abgezogenes Bild, aus: Schweizer Lexikon in sieben Bänden [hg. Gustav Keckeis u.a.] Encyclios-Verlag Zürich 1945–1948; Band IV, Tafel Holzschnitt I

Bericht wie die Schwartze Kunst in Kupffer zu machen ist, aus: Vollständige Hauß- und Land-Bibliothec/ Worinnen Der Grund unverfälschter Wissenschafft zu finden ist/ deren sich bey jetziger Zeit ein Hof- Handels- Hauß- Burgers- und Land-Mann zu seinem reichlichen Nutzen bedienen kan. […] mit vielen nöthigen Kupffern zum offentlichen Druck verfertiget/ durch Andream Glorez von Mährn, Regenspurg zu Statt am Hof: Heyl 1699/1700.

Encyclopédie, Planches, Quatrieme Livraison (1767), s.v. Gravure, Pl. III: Gravure en Taille-douce

Literaturhinweise:

Traité historique et pratique de la gravure en bois, par Jean-Michel Papillon [1698–1776], graveur en bois. Ouvrage enrichi des plus jolis morceaux de sa composition et de sa gravure, Paris: Pierre Guillaume 1766 (2 vols.)

Tilman Falk, Artikel »Formschneider, Formschnitt«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. X (2004), Sp. 190–224. > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=89293

Heijo Klein, Sachwörterbuch der Drucktechnik und grafischen Kunst, Köln 1975 (dumont kunst-taschenbücher 15).

Aleš Krejča, Die Techniken der graphischen Kunst, Artia-Verlag, Prag 1980.

Homepage von Wolfgang Autenrieth > http://wp.radiertechniken.de/

Homepage von Martin Riat & Maribel Serra > http://www.riat-serra.org/graph.html#tga-inhalt

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Layout mit-bedingt durch Drucktechnik

Wenn der Druckstock für den Holzschnitt so dick ist wie die beweglichen Typen, so lässt sich das Bild bequem in die mit Buchstaben gesetzte Seite einbinden und in einem einzigen Arbeitsgang drucken, weil beides Hochdruckverfahren sind. – Im 19. Jh. ist das mit der Einbindung der Clichées aus Metall in den Text wieder so.

Möchte man eine Kupferplatte (Tiefdruckverfahren; meist Radierung, engl. ethicht, frz. eau-forte) in den Text (Typensatz = Hochdruckverfahren) auf derselben Seite einbinden, so erfordert dies zwei Druckdurchgänge, und man muss dafür sorgen, dass das Bild genau dort hinkommt, wo der Bleisatz den Platz dafür offenhält. — Meist wird dann dieses Layout gewählt: Bild(er) auf einer eigenen Seite (gelegentlich auch ausklappbar, wenn übergroß) oder alle Bilder hinten im Buch. — Eine weitere Möglichkeit ist es, den Text in die Kupferplatte zu gravieren.

Genau gleich funktioniert die Lithographie (Flachdruckverfahren, das sich ebenfalls nicht in den stehenden Letternsatz einbinden lässt.)

••• Zwei Beispiele für Layout, wo Holzschnitte in den Text eingebunden sind. (Diese lassen sich auch leicht colorieren, dazu mehr unten).

[Jacob Ruoff † 1588] HebammenBuch/ Daraus man alle Heimligkeit deß weiblichen Geschlechts erlehrnen/ welcherley Gestalt der Mensch in Mutter Leib empfangen/ zunimpt vnd geboren wirdt […] Alles auß eygentlicher Erfahrung daß weitberühmten Jacob Růffen/ Stattartzes zu Zürych/ an Tag geben. Franckfort an Mayn 1563. > https://archive.org/stream/hebammenbuchdara00rffj#page/n3/mode/2up

[Adam Lonitzer, 1528–1586], Kreuterbuch, Kunstliche Conterfeyunge der Bäume/ Studen/ Hecken/ Getreyde/ Gewürtze. […] Durch Adamum Lonierum […] Zu Franckfort/ bey Christian Egenolffs selingen Erben 1578. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00086989/image_175

••• Beispiel für die Gegenüberstellung von Letternsatz und Lithographie. Die Einzelbilder können nicht in den Fließtext integriert werden; sie sind alle auf einer Tafel vereinigt und mit Ziffern auf die Legende bezogen.

Systematische Bilder-Gallerie zur allgemeinen deutschen Real-Encyclopädie. Conversations-Lexicon in lithographirten Blättern, Carlsruhe und Freiburg in der Herder'schen Kunst und Buchhandlung, Dritte Auflage 1828. Vierte Abtheilung. Mythologie und Culltus, Tafel N° 4: Lamaische Götzen — In der Legende:

1. Ein Mythisches Kameel.
2. Der Elephant des Chursmusta.
3 bis 8. Altmongolische Bildnisse.
9. Götzen der Indier in Astrachen.
10 bis 17. Lamaische Götzenbilder.
18. Chinesischer Götze der Unsterblichkeit.
19. Totuk oder Ninifo.
20. Tsching-hoang.
21. Lincing.

Die großen Enzyklopädien sind so angelegt (mit Kupfertafeln): Ephraim Chambers, »Cyclopaedia« — die Tafelbände (Planches) der »Encyclopédie« — Krünitz, »Oeconomische Enzyklopädie« u.a.m..

••• Beispiel für das Übereinanderlegen von Letternsatz und Kupfer:

[Michael Bernhard Valentini], Museum Museorum, oder Vollständige Schau-Bühne aller Materialien und Specereyen / nebst deren natürlichen Beschreibung, Election, Nutzen und Gebrauch / Aus andern Material-, Kunst und Naturalien-Kammern, Oost- und West-Indischen Reiß-Beschreibungen / Curiosen Zeit- und Tag-Registern / Natur- und Artzney-Kündigern / wie auch selbst-eigenen Erfahrung […] Frankfurt a.M.: Zunner, zweyte Edition 1714. — Angebunden: Unvorgreiffliches Bedencken von Kunst- und Naturalien-Kammern insgemein, S. 24. Die Pflanze Brasilianisch Kavitz

Hier ist die Kupfertafel nicht genau passend zum Letternsatz eingefügt, vgl. die Überlappung des Blatts beim Text oben rechts nach Anleitung der unläugbaren Sinnen. Das ist nicht in allen Exemplaren, so: vgl. https://www.biodiversitylibrary.org/item/30610#page/592/mode/1up

••• Beispiel für in den Kupferstich / die Radierung inserierte Schrift. Der Vorteil ist, dass sich die Schrift den einzelnen, auch den nicht waagrecht verlaufenden Bildteilen anpassen kann:

[Noël Antoine Pluche, 1688–1761], Schau-Platz der Natur, oder: Untersuchungen/Gespräche von der Beschaffenheit und den Absichten der natürlichen Dinge, wodurch die Jugend zu weitern Nachforschungen aufgemuntert und auf richtige Begriffe von der Allmacht und Weisheit Gottes geführet wird; mit 204 Kupfern, 8 Bände, Frankfurt und Leipzig: Monath, 1751 bis 1760; vierter Theil 1753.

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Halbtöne — Schraffuren

Holzschnitte und Kupferstiche sind zwingend ›randscharf‹, während die Technik der Aquatinta oder der Lithographie es erlaubt, ›schummrige‹ Flächen darzustellen, was z.B. für die Darstellung eines physiologischen oder mikroskopischen Befunds wünschbar sein kann.

Insbesondere wenn das Objekt keine Struktur hat (wie etwa Vogelfedern, Fischschuppen), ist die Scharffier-Technik zur Darstellung runder Formen gefordert:

Inneres der Schale einer Wassermuschel, Holzschnitt aus: [Conrad Gessner], Fischbuoch: das ist ein kurtze, doch vollkommne Beschreybung aller Fischen so in dem Meer und süssen Wasseren, Seen, Flüssen oder anderen Bächen jr Wonung habend, sampt jrer waren Conterfactur […], Zürich: Froschauer 1563; Deß anderen Buchs die ander ordnung; Der dritte Theil.

Locomobile des MM. Cail et Cie., Holzstich aus: Louis Figuier, Les Merveilles de la Science ou description populaire des inventions modernes. Bd. I: La Machine a vapeur – Bateaux a vapeur – Locomotive et chemins de fer – Machine électrique – La Paratonnerre – La Pile de Volta – L’Electro-Magnétisme. Paris: Furne, Jouvet et Cie. [1870]; Fig. 212.

Die Kunstfertigkeit erhellt aus solchen Bildern:

Detail (20 mm breit) aus: Tafel Holzschneidekunst IV in: Der Große Brockhaus, 15. Auflage, Band 8 (1931).

Für die Darstellung von Geländeformen wurden allerhand Techniken eingesetzt, unter anderem Schraffen; vgl. das Kapitel zur Geographie. Hier ein Beispiel aus der Dufourkarte (nach 1840):

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Linien

Siehe hier zu das spezielle Kapitel Linien. Es ist nicht leicht zu unterscheiden, was zur eigentlichen Visualisierungsaufgabe gehört und was zur graphischen Realisierung. Hier eine einfache Liste der Funktionen von Linien:

❑ Sichtbarmachen von Unsichtbarem – eher Visualisierungstechnik (T):

  • Visualisierungen arithmetischer Formeln (z.B. die Parabel als Bild der Funktion x = y^2 im kartesischen Koordinatensytem)
  • Kraftlinien, Lichtstrahlen in der Physik
  • Bewegungen, Reisrouten
  • Prozessabläufe; siehe hierzu das eigene Kapitel
  • statistische Daten (zum Beispiel Isothermen, Isobaren)
  • Zuordnungen, Abhängigkeiten (zum Beispiel Soziogramme)

❑ Vereinfachungen, Stilisierungen (z.B. Grundriss einer Mauer in einem Plan) – graphische Realisierung

❑ Orientierungshilfe (zum Beispiel das Linienraster auf einem Stadtplan) – graphische Realisierung

Beispiel für sichtbar gemachte Bewegungen (die als ganzer Verlauf so nicht direkt sichtbar sind):

Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Band 1 (1949), Stichwort Becking

Die rhythmischen Schlagfiguren zeigen die Armbewegungen zu einer Takteinheit, sie sollen Personalkonstanten der Komponisten erweisen. Zusätzlich zum Bewegungsmuster ist die ›Gravität‹ der Bewegung durch die Liniendicke visualisiert. — Ursprünglich aus: Gustav Becking (1894–1945), Der musikalische Rhythmus als Erkenntnisquelle, Augsburg: Filser 1928.

Beispiel für graphische Stilisierung:

Großer Brockhaus, 15. Auflage, Band 8 (1931), Tafel Heimtechnik

Bildlegende: Zweckmäßige Körperhaltung 9. Beim Waschen: a Zu niedrig stehendes Waschgefäß erfordert gebückte Haltung; anstrengende Arbeit; b richtige Höhe des Waschgefäßes erleichtert die Arbeit. Alles Unwesentliche (Gesicht, Kleidung) ist weggelassen; herausgestellt anhand eines Strichs nur der gekrümmte Rücken.

Beispiel für Hilfslinien auf einem Objekt. Die damit unterteilten Gebiete sind numeriert, worauf sich die Legende bezieht:

Die Welt von A bis Z. Ein Lexikon für die Jugend, für Schule und Haus, hg. von Richard Bamberger u.a. Reutlingen / Wien / Aarau 1953, s.v. Fleisch

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Farben

Farbigkeit ist nicht nur ein Gewinn punkto Anschaulichkeit und Ästhetik, sie hat auch eine didaktische Funktion.

Vor der Erfindung der Farblithographie wurden die Bilder – jedes einzeln – von Hand koloriert.

Bilderbuch für Kinder enthaltend eine angenehme Sammlung von Thieren, Pflanzen, Blumen, Früchten, Mineralien, Trachten und allerhand andern unterrichtenden Gegenständen aus dem Reiche der Natur, der Künste und Wissenschaften; […] verfasst von F. J. Bertuch [1747–1822], 12 Bände. Weimar, im Verlage des Industrie-Comptoirs [1790]–1830.

Zur Rationalisierung der Arbeit wurden auch Schablonen (frz. pochoir) eingesetzt. Hier eine solche zum Einfärben von Spielkarten:

Encyclopédie, Planches, Seconde livraison (1763), Artikel Cartier; Planche Ière / bas, Fig. 6: Patron jaune. Il y en a pour toutes les couleurs.

Die Technik der Chromolithographie (vgl. den Artikel in der Wikipdia) erscheint ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Solche Bilder erkennt man (unter der Lupe) daran, dass die Farben nicht stetig aufgetragen sind (wie die aufgemalten Aquarellfarben), sondern in Rastermanier oder mittels Punktiermethode und für Farbnuancen durch Kombination solcher Raster erzeugt wurden:

Detail (25 mm breit) aus: Gotthilf Heinrich von Schubert [1780–1860], Naturgeschichte der Reptilien, Amphibien, Fische, Insekten, Krebstiere, Würmer, Weichtiere, Stachelhäuter, Pflanzentiere und Urtiere, […] 10. Auflage, Eßlingen: Schreiber, o. J. [1887].

Die Farbgebung kann statt mimetisch auch konventionell verwendet werden.

Dass zur Visualisierung von Daten Farbigkeit verwendet wird, ist eine der (T)ransformationstechniken, die vom (O)bjekt zum Bild führen. Wie der Graphiker die Farben einsetzt, gehört zum Bereich der konkreten Realisation des Bilds.

Wir kennen das z.B. aus dem Regenradar. In einer Legende wird angegeben, was mit welcher Farbe gemeint ist, hier welche Niederschlagsmenge (in mm pro Stunde) welcher Farbe zugeordnet ist:

Während hier die Farbzuordnungen willkürlich dem Regenbogen-Spektrum folgen und dadurch evtl. sogar kontra-intuitiv sind (blau, was man eher mit Wasser assoziiert = 1 mm/Stunde; orange, eher zu Sonnenschein passend = 20 mm/Stunde) sind, hat der Graphiker für die Karte der Luftverschmutzung Farben gewählt, die das Phänomen mimetisch zu repräsentieren versuchen:

Diercke Weltatlas, Neubearbeitung 1974, Braunschweig: Westermann 1983/84, S.12: Ruhrgebiet

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Simulation dreidimensionaler Gebilde auf der Fläche

Perspektivische Darstellungen räumlicher Gebilde sind, seit es gedruckte Enzyklopädien gibt (etwa Gregor Reisch, »Margarita« 1503), üblich.

Agostino Ramelli (1531 – ca. 1610), Diverse et artificiose machine, [italien/frz Parallelausgabe, Parigi/Paris] 1588. > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-8944

Perspektivische Korrektheit ist nicht zwingend für das Verständnis; gelegentlich ist sogar eine ›kubistisch‹ aufgefaltete Darstellung besser verständlich:

[Girolamo Cardano 1501–1576] Offenbarung der Natur unnd Natürlicher Dingen auch mancherley subtiler würkungen. Durch den hochgelerten Hieronymum Cardanum/ Doctorn der atzney zuo Meyland erstlich zuo Latin außgegangen. Darin kunstlich die art und eigenschafft deß gantzen umbkreyß der welt / beide himmelischer und elementischer Spheren angezeiget werdend/ […] Getruckt zu Basel. [Heinrich Petri 1559]. 12. Buch: Von subteylen Handwerchen; pag. CCCCXC.

Das Wasserrad A treibt die Welle BC, auf die das Seil K mit der angehängten Last L aufgewickelt wird (GF); wenn die Stangen M und N auf die tritt oder stafflen B und C bei D und E niedergedrückt werden, kann die Welle angehalten werden.

Nur sehr selten ist die Technik zufinden, 3D-Gebilde auf Papier zu plastisch zu evozieren. Zum Betrachten ist eine sog. Anaglyphen-Brille mit blauem und rotem Filter nötig.

Meyers Jugendlexikon, hg. Annelies Müller-Hegemann u.a., 7. Auflage, Leipzig: VEB Bibiographisches Institut 1977, Artikel Kegelschnitte.

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Didaktische Blickführung

❑ Um der Verdeutlichung willen vereinfachen / schematisieren / stilisieren die Graphiker das Vorbild mitunter.

(Es geht hier nicht um die Visualisierung eines abstrakten Typus wie z.B. ›das Wirbeltiersekelett‹, ›Blütenstand der Korbblütler‹, sondern um die Abbildung eines Unikats.)

Die Figur aus dem Book of Kells (fol. 130 recto) wird vereinfacht umgezeichnet, um die Linienführung herauszustellen bei Peter Meyer, Europäische Kunstgeschichte, Zürich 1947; 3. Auflage 1969, Band I, S. 149.

❑ Das folgende Beispiel zeigt, wie die Vereinfachung (Weglassen der pseudo-mimetischen Schraffuren der Berge, in die die Bezeichnungen eingelassen sind) eine Verbesserung der optischen Verständlicheit bringt:

oben: Pestalozzikalender 1920, S. 188.

unten: Pestalozzikalender 1921, S. 188.

❑ ›Freistellen‹ (engl. ›cropping‹) heisst die Befreiung eines Motivs von einem störenden Hintergrund; damit soll sichergestellt werden, dass der Betrachter vom Hintergrund und anderem Beiwerk nicht abgelenkt wird.

Bei der Dynamomaschine ist die Umgebung mit komplizierter photographsicher Technik optisch abgeschwächt, damit das interessierende technische Gerät heraussticht:

Der Große Band 5, (1930), Tafel Dynamomaschine II.

Die Technik wird genau beschrieben in: Nikolaus Karpf (Hg.) Angewandte Fotografie, München 1960, S. 98, Legende zu Abb. 145/146.

Die Idee ist alt. In einem spätmittelalterlichen Erbauungsbuch geht es um die Fünf-Wunden-Andacht. Um die Gläubigen auf diese zu konzentrieren, wird der Leib Christi ausgeblendet:

[Johannes Justus von Landsberg], Spiegel der Euangelischer volkomenheit, wie der minsch durch syns selffs vertzyen sich zo Got keren, vnd syns hertzen reynichait vn vereynug mit Got erlangen mach ... Tzo samen vergadert durch die Carthuser jn Collen, [Köln], Jaspar von Gennep, 1536.

❑ Wenn sehr kleine Dinge dargestellt werden, kann der Graphiker gleichsam eine Lupe über das Objekt legen, so dass ein Ausschnitt vergrößert dargestellt wird.

Karl Steinbuch, Automat und Mensch. Kybernetische Tatsachen und Hypothesen., 2. Auflage, Berlin u.a.: Springer 1963. Abb. 58: Ringkern-Speichermatrix (Der Ringdurchmesser beträgt 0,25mm.)

❑ Um darauf hinzuweisen, was im Focus des Interesses steht, fügt der Graphiker einen deiktischen (hinweisenden) Pfeil ein:

A typical example of pulmonary alveolar edema > https://radiologykey.com/recognizing-airspace-versus-interstitial-lung-disease/

❑ Bei Bildern mit vielen ähnlichen Elementen dient die Farbgebung der optischen Orientierung.

• Hier werden die Bewegungen des linken und des rechten Beins durch die Einfärbung verdeutlicht:

Otto Fischer, Der Gang des Menschen, III. Teil: Abhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften: Mathematisch-physische Classe, 26,3 (Leipzig 1900), S. 85ff. > https://archive.org/stream/abhandlungender72klasgoog#page/n204/mode/1up

• Um die Komplexität der Partitur im vierten Satz von Mozarts Sinfonie KV 551 (genannt »Jupiter-Sinfonie«) sichtbar zu machen, greift der Interpret zum Mittel der Einfärbung:

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/41._Sinfonie_%28Mozart%29 aus: http://yuanyelele.is-a-geek.org:1986/wordpress/wp-content/uploads/2010/04

Takt 390–395 – Rot: Motiv A, gelb: Motiv C, grün: Motiv D1, schwarz: Motiv D2, blau: Motiv E.

• Im Diagramm (ein sog. ›Manhattan Graph›) erkennt man durch die Einfärbung leichter, welche Balken zusammengehören:

Pestalozzikalender 1965, S. 167.

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Angabe des Maßstabs

Außer beim Naturselbstdruck muss der Betrachter immer mit einer durch den Gaphiker bewerkstelligten Vergrößerung oder Verkleinerung rechnen.

Damit man das maßstäblich veränderte Objekt von der Graphik wieder auf die richtige Größe zurückführen kann, wird ihm das Maß der Vergrößerung / Verkleinerung angegeben.

  • Das kann mit der Angabe eines Quotienten (engl. ratio) zahlenmäßig angegeben werden (z.B. 1 : 25’000)
  • oder durch Beigabe einer Messlatte realisiert werden,
  • oder auch anschaulich, indem als Vergleich ein Objekt verwendet wird, dessen Größe dem Betrachter bekannt ist.

Elektronenmikroskopische Aufnahme eines T2-Phagen (aus Brenner et al. 1959) in: Eberhard Habers, Nucleinsäuren. Biochemie und Funktionen, Stuttgart: Theime 1969; Abb. 122. Die Längenangabe ist: 1000 Ångström (10^-7 mm).

Otto Spamer’s Illustrirtes Konversations-Lexikon für das Volk. Zugleich ein Orbis pictus für die Jugend, Leipzig: Spamer 1870-80, Band VII (1878), s.v. Rafflesia: Rafflesia arnoldii (Riesenrafflesie) R.Br. : hat die größten Blüten aller Blütenpflanzen weltweit.
Auf der Seite der Wikipedia wird nur die Blüte gezeigt, ohne Vergleich: http://de.wikipedia.org/wiki/Riesenrafflesie

Schweizer Lexikon in sieben Bänden [hg. Gustav Keckeis u.a.] Encyclios-Verlag Zürich 1945–1948, Band I, s.v. Arabien

Anhang: Lange kursierte die folgende Geschichte: Ein Entwicklungshelfer hielt in einem abgelegenen Tropen-Gebiet einen Vortrag über die Gefährlichkeit der Tse-Tse-Fliege. Er hatte ein Schaubild dieses Insekts mitgebracht. Nach dem Vortrag sagte einer der Zuhörer beruhigt: »Glücklicherweise müssen wir uns darüber keine Sorgen machen; in unserem Gebiet sind die Fliegen nicht so groß.« (Tages Anzeiger Magazin Nr. 34, 27.8.1977; S. 6)

In Meyers Konversations-Lexikon 1888 ist der Maßstab angegeben: 3/1 [d.h. dreifache Vergrößerung] > http://www.retrobibliothek.de/retrobib/seite.html?id=117145 (Tafel Zweiflügler)

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Rahmen

In seltenen Fällen wählen die Visualisierer eine spezielle Rahmung.

Seltsam sind die Tücher, auf denen Gerard Blaes (ca. 1626–1682) gelegentlich seine anatomischen Präparate präsentiert. Was wird damit insinuiert? Oder ist es reiner Dekor?

Gerardi Blasii Amstelraedamensis, ... Anatome animalium, terrestrium variorum, volatilium, aquatilium, serpentum, insectorum, ovorumque, structuram naturalem ex veterum, recentiorum, propriisque observationibus proponens, figuris variis illustrata, Amstelodami: Sumptibus viduae Joannis à Someren, Henrici & viduae Theodori Boom 1681. > https://books.google.ch/books?id=-PE051sG_PIC&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Eine Anregung waren sicher die Kupfer in: Claude Perrault, Description anatomique d'un cameleon, d'un castor, d'un dromadaire, d'u ours et d'une gazelle, Paris: Frédéric Leonard 1669. >http://docnum.u-strasbg.fr/cdm/ref/collection/coll13/id/61563 — Dessen Biber (unten das lebendige Tier in der Natur, oben auf der Textilunterlage die Eingeweide) hat Blasius in Tafel XIII kopiert:

Aber Blasius montiert auch andere Zeichnungen – die im Original freigestellt sind – auf solche ausgerollte Tücher. Das Hirn des Schafs wird in Wilsii anatomia so präsentiert:

Thomas Willis (1621-1675), Cerebri Anatome, London 1664. > https://archive.org/stream/cerebrianatomecu00will#page/n75/mode/2up

Bei Blasius erscheint es so (siehe unter IV):

Auf Tafel LVII zeigt Blasius zwei Abbildungen eines Insekts (Ephemera horaria, deutsch Hafftwurm, eine Art von Eintagsfliege) und weitere Details, die er Swammerdammius entnommen hat, auf einem ausgespannten Tuch:

Das Vorbild bei Swammerdam in: Ephemeri Vita Of afbeeldingh van 's Menschen Leven : Vertoont in de Wonderbaarelijcke en nooyt gehoorde Historie van het vliegent ende een-dagh-levent Haft of Oever-Aas. Een dierken, ten aansien van sijn naam, over al in Neerlandt bekent: maar het welck binnen de tijt van vijf uuren groeyt, geboren wordt, jongh is, twee-maal vervelt, teelt, eyeren leght, zaat schiet, out wordt, ende sterft ..., Door Johannes Swammerdam, t' Amsterdam: Wolfgang, 1675 ist ganz schlicht und ohne solchen Hintergrund abgebildet:

> https://books.google.ch/books?id=R3nLNd__ayMC&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Die Darstellung findet sich auch anderswo. Johannes Zahn (1641–1707) druckt in seinem Buch Specula physico-mathematico-historica notabilium ac mirabilium sciendorum […], Nürnberg 1696 ein Flugblatt nach und kombiniert dieses Bild mit dem eines 1688 im Rhein gefundenen Monsters (Bellua pisciformis). Das erstere ist oben wiedergegeben auf einem solchen Tuch; das zweite unten in einer Flusslandschaft. Im Kapitel »de variis Exoticis Aquatilibus Monstris«, Band II, S. 411f.) :

> http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/4868506

Die Idee könnte aus dem Schulunterricht stammen, wo solche Tücher mit Bildern an der Wand aufgehängt waren – Vorläufer des Schulwandbilds. Ein frappant ähnliche Abbildung findet sich in Comenius’ »Orbis pictus«; deutlicher noch als in der Erstauflage 1658 in dieser späten Auflage, wo das Tuch deutlich in einem Raum aufgehängt ist:

Joan. Amos. Comenii Orbis pictus, Prag 1845. Thema: Das Haupt und die Hände.

Auch in Basedows »Elementarwerk« sieht man in einer Unterrichts-Szene solche Bilder an der Wand angepinnt:

2. Auflage 1785 > https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chodowiecki_Basedow_Tafel_48_b.jpg

❏ Abbildungen von Bakterien werden gern in einem runden Bildausschnitt auf schwarzem Hintergrund gezeigt, als blickte der Betrachter des Buches durch das Okular eines Mikroskops. Die Illusion dient der Beglaubigung. (Hingewiesen wurde auf diese Technik bei: Horst Bredekamp / Angela Fischel / Birgit Schneider / Gabriele Werner: Bildwelten des Wissens, in: Bilder in Prozessen. Bildwelten des Wissens. Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik. Band 1,1, Berlin: Akademie-Verlag, 2003, S. 9–20).

Petit Larousse Illustré. Nouveau Dictionnaire Encyclopédique, publié sous la direction de Claude Augé; cent trente-sixième édition, Paris 1917.

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Anordnung von Bildelementen

Oft müssen mehrere Teilbilder nebeneinander angeordnet werden; vgl. hierzu das Kapitel Bildvielheit.

••• Teilbilder können aus rein ästhetischen Gründen angeordnet sein. Ernst Haeckel schwankte lange, ob er Künstler oder Biologe werden wollte. (Gute Darstellung bei Andrea Wulf, Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, München: Bertelsmann 2016, S. 372–391.) Im Vorwort zu »Kunstformen der Natur« (1899) schreibt er: Die Natur erzeugt in ihrem Schoße eine unerschöpfliche Fülle von wunderbaren Gestalten, durch deren Schönheit und Mannigfaltigkeit alle vom Menschen geschaffenen Kunstformen weitaus übertroffen werden. […] Seit frühester Jugend von dem Formenreize der lebendigen Wesen gefesselt und seit einem halben Jahrhundert mit Vorliebe morphologische Studien pflegend, war ich nicht nur bemüht, die Gesetze ihrer Gestaltung und Entwicklung zu kennen, sondern auch zeichnend und malend tiefer in das Geheimnis ihrer Schönheit einzudringen. […] Die moderne bildende Kunst und das moderne, mächtig emporgeblühte Kunstgewerbe werden in diesen wahren »Kunstformen der Natur« eine reiche Fülle neuer und schöner Motive finden.

Kunstformen der Natur. Hundert Illustrationstafeln mit beschreibendem Text, allgemeiner Erläuterung und systematischer Übersicht von Ernst Haeckel, Leipzig [u.a.]: Verlag des Bibliographischen Instituts 1904. > http://caliban.mpipz.mpg.de/haeckel/kunstformen/index.html

••• Eine seltsame Anordnung der Bild-Elemente hat Romeyn de Hooghe (1645–1708) für sein Werk »Hieroglyphica of Merkbeelden der oude volkeren« (EA 1735) gewählt. Die einzelnen Objekte sind nicht voneinander abgetrennt, sondern wie in einem ›Wimmelbild‹ durcheinander abgebildet:

Hieroglyphica, oder Denkbilder der alten Völker, namentlich der Aegyptier, Chaldäer, Phönizier, Jüden, Griechen, Römer, u.s.w. Nebst einem umständlichen Berichte von dem Verfalle und der eingeschlichenen Verderbniß in den Gottesdiensten, durch verschiedene Jahrhunderte, und endlich die Glaubensverbesserung, bis auf diese Zeit fortgesetzt, in LXIII Capiteln, und so viel Kupfertafeln beschrieben und vorgestellet durch Romeyn de Hooghe, Rechtsgelehrten. Uebersehen und besorgt von Arnold Heinrich Westerhovius, V. D. M. Gymnas. Goud. Rector. Ihrer Schönheit wegen ins Hochdeutsche übersetzt, und mit einer Vorrede des Herrn D. Siegmund Jacob Baumgartens, Professors der Gottesgelahrheit zu Halle, begleitet. Amsterdam, Arkstee und Merkus, 1744. > http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN497825848 — Aus der Legende:

Das XXVIII Capitel – Von den guten und bösen Göttern

A. Herimis, der böse, wird meist als Geschmeiße mit vielen Armen, Hörnern und Shwänzen und Schwänzen […] vorgestellt.
B. Joosje Tideaic, war bey den Japanern und Coreanern […] der böse Gott, den sie anbeten mußten […]
C. Ein Drache, auch bey den Sclavoniern, Daciern und Umgarn mit den Namen Lascedi, Vatablon und Del angebethet.
D. Abbadon, mit einem Schlangenkopfe, Flügeln und Schlangenschwänzen statt der Füße […]
S. Syrtes ist eine lybische schöne Jungfer, vom Haupte, Hals und Busen reizend und anlockend, aber mit Klaeuen und Nägeln bereit den fahrenden Schiffsmann zu vertilgen. […].

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Mediale Zwänge – historische Befangenheit

❑ Das Medium Sprache lässt die Wörter schematisch offen – das Medium Bild zwingt zu einer Konkretheit. (Mehr dazu im entsprechenden Kapitel hier.)

Beispiel: Zur Darstellung des Tonfilmateliers muss der Graphiker irgendeine Szene, die hier gedreht wird, zeichnen; hier sind die Darsteller (6 und 7) als höfisches Paar vor einem romanischen Torbogen ausgestattet.

Bildwörterbuch deutsch und russisch, mit 194 Text- und Bildtafeln, […], 4., neu bearb. und erw. Aufl., Leipzig: Verlag Enzyklopädie 1966. Tafel 92: Die Innenaufnahme im Filmatelier — 6 die Schauspielerin — 7 der Schauspieler

❑ Hintergrundswissen hat einen Einfluss auf die Realisation von Bildideen; jeder Graphiker ist befangen im geschichtlichen Umfeld seiner Zeit.

Beispiele: Graphiker des 16./17. Jahrhunderts haben bei der illustration antiker Texte Gewänder und Bauten im Stil der eigenen Zeit dargestellt. (Streng genommen handelt es sich hier nicht um wissensvermittelnde Bilder im Sinne des Projekts.)

• Während Homer (7. Gesang der »Odyssee«) oder sein Übersetzer einfach sagen können: Vlysses kumpt … in den Künigklichen hoff/ thuot sein gebert [Gebärde; er verneigt sich] zuo der Künigin Areten … vnd fragt/ woher jm das klaid kumme/ das sy selbst gewürkt … muss der Graphiker die Figuren einkleiden und in einen würdigen Raum stellen: Odysseus in der Tracht eines Mannes mit Faltrock im Stil eines Bilds von Lucas Cranach; die Königin vor dem Kaminfeuer eines deutschen Bürgerhauses:

Odyssea. Das seind die aller zierlichsten vnd lustigsten vier vnd zwaintzig Bücher des eltisten kunstreichesten Vatters aller Poeten Homeri/ von der zehen järigen irrfart des weltweisen Kriechischen Fürstens Vlyssis/ beschriben/ beschriben/ vnnd erst durch Maister Simon Schaidenreisser […] zuo Teütsch tranßferiert/ mit argumenten vnd kurtzen scholijs erkläret […] Augustae Vindelicorum: A. Weissenhorn 1537; Fol. XXVI verso. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00029336/image_68

• Aeneas berichtet zu Beginn des 2. Buchs von Vergils »Aeneis« vom Untergang der Stadt Troja. Er kann die Stadt einfach so benennen; der Graphiker muss eine zeichnen. Die Szenen in der von Sebastian Brant 1502 herausgegebenen »Aeneis« spielen durchwegs vor mittelalterlichen Städten:

Publij Virgilij maronis opera ... expolitissimisque figuris atque imaginibus nuper per Sebastianum Brant superadditis, Straßburg: Iohannis Grieninger 1502. Fol. CLVI verso (Beginn des 2. Buchs)

• Ovid schildert in den »Metamorphosen« das Haus der Fama (12. Buch, Verse 39ff.; Übersetzung von Johann Heinrich Voß, 1798):

Rings unzählbare Gäng’ und der Öffnungen Tausende ringsher
Gab sie dem Haus, und es sperrte nicht Tor noch Türe die Schwellen.
Tag und Nacht ist es offen; und ganz aus klingendem Erze,
Tönet es ganz und erwidert den Laut, das Gehörte verdoppelnd.

Der Graphiker setzt die Phantasie in Realität um; das Haus wird zu einem Palast im Stil des Barock:

Des vortrefflichen römischen Poëtens Publii Ovidii Nasonis Metamorphoseon, Oder: Funffzehen Bücher Der Verwandlungen/ Ehmalen durch den berühmten Wilhelm Bauer in Kupffer gebracht ... [o.J.], ca. 1709 (EA 1641).

Auch Pictogramme unterliegen der Mode; das hat Otl Aicher einmal schön gezeigt:

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Erste Fassung online gestellt im August 2017; ergänzt im Dezember 2017 — PM

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