Verstehenshilfen

     
 

Verstehens-Hilfen — Übersicht

Ein gutes Bild ist an sich eine Verstehenshilfe: Ein Diagramm fördert das Verständnis von statistischen Daten; eine mimetische Abbildung fördert das Verständnis des abgebildeten Objekts oder eines gedanklich imaginierten Typs usw.

Es gibt darüber hinaus auch graphische Elemente, die dem Betrachter helfen, sich in der Visualisierung zurechtzufinden. Terminologie: Man sagt, dass solche Elemente im Verhältnis zum primären Bild auf einer Meta-Ebene stehen.

(Zum Begriff meta- vgl. > https://de.wikipedia.org/wiki/Metakommunikation)

Bildlegenden

Beigabe eines charakterisierenden Attributs

Angabe des Maßstabs

Linien, die Zusammenhänge herstellen

Pfeile, die ein Bildelement hervorheben

Linienraster

Freistellen

Blickführung in Schritten

Details einblenden

Einfärbung

Stilisierung

Zoom

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Bildlegenden (Captions)

Die verbalen Bezeichnungen kann man streng genommen nicht als Hilfen bezeichnen; sie gehören zum Bild-Inhalt. Die Beispiele hier sollen zeigen, mit welchen Hilfs-Mitteln die Legende (engl. caption) auf zu erklärenden Bildteil verweisen kann:

• Linien führen von den Körperteilen zu den Namen der Krankheiten (z.B. 46 Mal del dosso):

Federico Grisone, Scielta di notabili avvertimenti, pertinenti a' cavalli ... : col ritratto del cavallo, oue si ueggono tutti i suoi morbi, co' medicamenti applicati a loro, Venedig 1571.
> https://archive.org/details/scieltadinotabil00gris/page/n74

• Die Bildlegende wird in einer Transparentfolie über die Visualisierung gelegt, damit diese nicht durch Beschriftung verunziert wird:

Ernst Haeckel [1834–1919], Kunstformen der Natur, Leipzig 1899–1904, Tafel 72 (Ausschnitt).
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b525055842/f365.item

Vergleiche ferner das ausführliche Kapitel

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Charakterisierendes Attribut

Abgebildet sind hier um ihren Vater Apollo (mit Lorbeerkranz und Harfe) herum die neun Musen – die Göttinnen der schönen Künste und Wissenschaften des Alterthums. Aber who is who?

Thalia [rechts außen] wird dargestellt mit einer komischen Maske und einem Jocusstab – Terpsichore rührt als Göttin der Tanzkunst die siebensaitige Leier – Urania trägt eine Kugel (die steht für den Sternenhimmel) und einen Griffel – Klio als Muse der Geschichte hält eine halbgeöffnete Pergamentrolle – usw.

Hiernach wird sich auch auf der begleitenden Abbildung der um Apollo versammelten Musen leicht jede Einzelne erkennen lassen.

Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk. Ein Handbuch zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse und zur Unterhaltung in 4 Bänden, Leipzig: Brockhaus 1837–1841. Bd. 3, S.223f.
Text und Bild hier > http://www.zeno.org/Brockhaus-1837/A/Musen?hl=musen

Auf dem Bild hier sind andere Attribute (lauter Musikinstrumente), aber dafür die Namen angegeben:

Petrus Tritonius / Konrad Celtis, MELOPOIAE SIVE HARMONIAE TETRACENTICAE super xxii genera carminum Heroicorum Elegiacorum Lyricorum & ecclesiasticorum hymnorum, Augusta vindelicorum 1507.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00007322/image_25

Otto Neurath (1882–1945) hat die Balkengraphiken der Statistiken früh schon mit Pictogrammen versehen.

Otto Neurath, Gesellschaft und Wirtschaft. Bildstatistisches Elementarwerk, Leipzig 1930, S. 59 (Ausschnitt) – Die genauen Mengenangaben auf S. 117.

Die Balkengraphiken sind gestaltet aus Abbreviaturen der in der Statistik gemeinten Produkte: Automobile, Filmspulen, Maiskolben, Ölfässer usw..

(Mehr zu Neuraths Werk hier; Digitalisat des Elementarwerks > hier als PDF zum Download 14,5 Mega)

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Angabe des Maßstabs

Damit man das maßstäblich veränderte Objekt von der Graphik wieder auf die richtige Größe zurückführen kann, wird das Maß der Vergrößerung / Verkleinerung angegeben. Dazu gibt es verschiedene Techniken:

  • Das kann mit der Angabe eines Quotienten (engl. ›ratio‹) zahlenmäßig angegeben werden (z.B. 1 : 25’000)
  • oder durch Beigabe einer Messlatte realisiert werden,
  • durch Beistellen eines graphischen Elements, das die wirkliche Größe zeigt,
  • durch Überlagerung mit einem graphischen Element, das die wirkliche Größe zeigt,
  • oder auch anschaulich, indem als Vergleich ein Objekt verwendet wird, dessen Größe dem Betrachter bekannt ist.

Elektronenmikroskopische Aufnahme eines T2-Phagen. Die Längenangabe ist: 1000 Ångström (10^-7 mm).
Eberhard Habers, Nucleinsäuren. Biochemie und Funktionen, Stuttgart: Theime 1969; Abb. 122. (aus Brenner et al. 1959)

Knaurs Jugendlexikon, München: Knaur 1953, S. 550.

Tyrannosaurus … Zur Beurteilung des Riesenwuchses dieses Tiers ist ein menschliches Skelett in derselben Größenskala abgebildet. (Außerdem ist ein Maßstab gezeichnet.)
Wilhelm Leche, Der Mensch. Sein Ursprung und seine Entwicklung, Jena 1911, Fig. 58.

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Linien, die Zusammenhänge herstellen

Es geht hier nicht um Linien, die logische Zusammenhänge des Objekts thematisieren, wie z.Bsp. Lage eines Dinges im Aufriss; Bewegungsablauf; Einwirkung eines Objekts auf ein anderes; Abhängigkeit; usw. – Vgl. hierzu das ausführliche Kapitel zu den Linien.

Unter dem Kruzifix rechts von Christus der gute Beter, über dem ein Engel schwebt; mittels Linien wird dargestellt, dass sich seine Gedanken auf die Wunden des Gekreuzigten konzentrieren.
Links von Christus der schlechte Beter, über dem ein Teufel schwebt. Mittels Linien wird auf die Gelüste und Verführungen verwiesen, die in die Vignetten der anderen Bildhälfte skizziert sind: Eine Frau, die in einen Spiegel schaut (Luxuria); ein Tisch mit Kannen und Geschirr (Gula); eine Truhe mit Geld (Avaritia) usw.
Holzschnitt, Deutschland um 1430; aus: Philipp Maria Halm, Ikonographische Studien zum Armenseelen-Kultus, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst 12 (1921/22), S. 1–24. [hier Abb. 11]
Vgl. Stefan Abel, Johannes Nider: »Die vierundzwanzig goldenen Harfen«. Edition und Kommentar, (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation, Band 60), Tübingen: Mohr Siebeck 2011, S. 406.

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Pfeile, die ein Bildelement hervorheben

Um darauf hinzuweisen, was im Focus des Interesses steht, fügt der Graphiker einen deiktischen (hinweisenden) Pfeil ein:

A typical example of pulmonary alveolar edema
Quelle > https://radiologykey.com/recognizing-airspace-versus-interstitial-lung-disease/

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Linienraster

• Zur Auffindung von Orten auf der Karte wird diese mit einem Gradnetz (frz. grille de repérage) versehen. Auch Sterne und Kon-Stellationen können am Himmel so verortet werden:

Kleine Enzyklopädie Natur, (Hauptredaktion Gerhard Niese), Leipzig: VEB Verlag Enzyklopädie, 1961; S.333.

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Freistellen

›Freistellen‹ (engl. ›cropping‹) heisst die Befreiung eines Motivs von einem störenden Hintergrund / Umfeld; damit soll sichergestellt werden, dass der Betrachter von solchem Beiwerk nicht abgelenkt wird.

Die Technik wird genau beschrieben in: Nikolaus Karpf (Hg.) Angewandte Fotografie, München 1960, S. 98, Legende zu Abb. 145/146.

• Bei der Dynamomaschine ist die Umgebung mit komplizierter photographischer Technik optisch abgeschwächt, damit das interessierende technische Gerät heraussticht.

Der Große Brockhaus, Band 5, (1930), Tafel Dynamomaschine II.

• In der Bedienungsanleitung werden diejenigen Bauteile optisch hervorgehoben, die man nacheinander in die Hand nehmen muss:

Bedienungsanleitung der Kamera AGFA Clack (gebaut 1953–1956)
> www.Kameramuseum.de
> https://inauspicious.org/cameras

• Aus Lavaters »Physiognomik« stammen wohl diese Stirnen; allein sie interessieren hier, deshalb sind die andern Gesichtsteile weggelassen:

[Félix Édouard Guérin-Méneville] Dictionnaire pittoresque d’histoire naturelle et des phénomènes de la nature, contenant l’histoire des animaux, des végétaux, des minéraux, des météores, des principaux phénomènes physiques et des curiosités naturelles, […]; réd. par une soc. de naturalistes, sous la dir. de F.-E. Guérin, Paris 1833–1839; Band 7 (1838), Tafel gegenüber p. 317.

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Blickführung in Schritten

Zum bessern Verständnis dessen, wie eine Gasturbine funktioniert, wird Teilbild um Teilbild gezeigt: wie die Luft komprimiert wird, dann der Brennstoff zugeführt wird, sich das entzündete Gemisch im Verbrennungsraum ausbreitet und dann die Turbine treibt (die ihrerseits den Kompressor antreibt). – Es handelt sich nicht um einen Trickfilm, der Einzelphasen beschreibt (vgl. Prozessdiagramme A2; Beispiel des Strickens), sondern nur um eine Blickführung des Betrachters.

Helveticus. Neues Schweizer Jugendbuch, Band 5 (Redaktion: Karl Thöne), Bern: Hallwag 1945, S. 148.

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Details einblenden

Wenn Details eines Objekts nicht gut erkennbar sind, werden sie separat vergrößert dargestellt und mit einem Verweiszeichen versehen:

Aus der Bedienungsanleitung für das Zusammensetzen des Klapptischs NORBO (Ikea 2011).

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Einfärbung

Bei Bildern mit vielen ähnlichen Elementen dient die Farbgebung der optischen Orientierung.

• Die ägyptische Schrift besteht bekanntlich aus pictogrammartigen Bildern. Wenn ein Schriftzeichen in einem Bild oder auf einer Skulptur verwendet wird oder wenn dieses Bild teilweise nach dem Schriftzeichen gestaltet ist, ist dies für den Nichtfachmann nicht einfach zu erkennen. Richard H. Wilkinson hat in seinem Buch die Schriftzeichen deshalb farbig hervorgehoben.

Hier wird gezeigt, wo auf der Skulptur auf einem kleinen vergoldeten Schrein aus dem Grab von Tut-anch-Amun das Schriftzeichen Gardiner G48 = sesh (Nest) zu finden ist:

Richard H. Wilkinson, Reading Egyptian Art, London 1992, p. 96/97.

• Hier werden die Bewegungen des linken und des rechten Beins durch verschiedene Einfärbung verdeutlicht:

Otto Fischer, Der Gang des Menschen, III. Teil: Abhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften: Mathematisch-physische Classe, 26,3 (Leipzig 1900), S. 85ff.
> https://archive.org/stream/abhandlungender72klasgoog#page/n204/mode/1up

• Um die Komplexität der Partitur im vierten Satz von Mozarts Sinfonie KV 551 (genannt »Jupiter-Sinfonie«) sichtbar zu machen, greift der Interpret zum Mittel der Einfärbung:

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/41._Sinfonie_%28Mozart%29
aus: http://yuanyelele.is-a-geek.org:1986/wordpress/wp-content/uploads/2010/04

• Entsprechend dem biologischen Gesetz der Homologie liegt derselbe Bauplan der fünfstrahligen Extremität beim Pferdefuß wie beim Fledermausflügel in spezifischen Abwandlungen vor. — Der Vergleich einer schwarz/weißen (bei Haeckel) mit einer farbigen Abbildung (im modernen Biologielehrbuch) zeigt die hilfreiche Technik der Einfärbung. Die homologen Knochen sind 1911 mit denselben kleinen Buchstaben bezeichnet und 2002 gleich gefärbt:

Ernst Haeckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte, 11. verb. Auflage, Berlin 1911.

Biologie für Gymnasien Band 3, Stuttgart: Klett, 2.Aufl. 2002, S. 364 (Bildgestaltung Jürgen Wirth)

• Im Diagramm (ein sog. ›Manhattan Graph‹) erkennt man durch die Einfärbung leichter, welche Balken zusammengehören:

Pestalozzikalender 1965, S. 167.

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Stilisierungen

• Landkarten mit spezieller Funktion stilisieren die Erdoberfläche stärker auf das Interessierende hin. Hier eine Karte für ein Kursbuch (oben) im Vergleich mit der Darstellung der annähernd wirklichen Bahnlinien (unten):

  

Eduard Imhof, Thematische Kartographie, Berlin / NY 1972, Abb. 44 und 45

• Mittels Stilisierung wird auch eine bessere Vergleichbarkeit ähnlicher Strukturen erreicht:

1 Wanderfalke. 2 Baumfalke. 3 Turmfalke. 4 Habicht. 5 Sperber. 6 Mäusebussard. 7 Wespenbussard. 8 Schwarzer Milan. 9 Roter Milan (Gabelweih).

Schweizer Lexikon in sieben Bänden [hg. Gustav Keckeis u.a.] Encyclios-Verlag Zürich 1945–1948; Band 3, S.475 (Ausschnitt).

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Zoom

Räumlich

Bei der Betrachtung der detaillierten Landkarte der 51 km langen Insel Ambon möchte man wissen, wo dieses Eiland im Feld der vielen indonesischen Inseln zwischen Sumatra – Borneo – Celebes (heute: Sulawesi) – Neuguinea liegt. Zu diesem Zweck wird eine Karte in kleinerem Maßstab beigegeben:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ambon_(Insel) > Karte Ambon_and_Lease_Islands_(Uliasers)_de

Zeitlich

Die Erdgeschichte wird im Kambrium (vor 570 Millionen Jahren) mit dem Aufkommen mehrzelliger Tiere allmählich interessant; vor 65 Millionen Jahren entwickelten sich dann in immer rascherer Folge vierfüßige Wirbeltiere. — Würde man die Geschichte im immer gleichen Maßstab auf einer geraden Linie zeigen, würden sich die Einträge in den jüngsten Epochen so massieren, dass man sie nicht darstellen könnte. Das Diagramm ›zoomt‹ deshalb bei den jüngeren Epochen näher heran; man könnte auch von einer Zeit-Lupe sprechen:

Michael J. Benton, Die Entwicklung des Lebens auf der Erde. 3,5 Milliarden Jahre Evolution, Heidelberg: Quelle & Meyer 1988. (The Story of Life on Earth, 1986); Seite 8

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neu eingestellt im November 2019; Ergänzungen im März 2020

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