Bildvielheiten

     
 

Bildvielheiten

Einleitung

Die hier behandelten Bilder zeigen Erscheinungen, die im Gegensatz zur Erfahrung stehen:

• dass auf einem Bild dasselbe Objekt gleichzeitig mehrfach vorkommen kann;

• dass auf einem Bild Objekte zusammen vorkommen können, die es in der Wirklichkeit nicht können (durch Ungleichzeitigkeit, zu große Entfernung, Inkompatibilität) oder die faktisch nicht oder selten auf die dargestellte Weise zusammen vorkommen.

Im Focus der Betrachtung von Bildvielheiten steht hier einzig die Anordnung von Teilbildern und ihr Bezug untereinander; nicht, auf welche Weise diese Teilbilder selbst etwas darstellen. Das wird in anderen Kapiteln behandelt.

Selbstverständlich kann dasselbe Bild unter verschiedenen Aspekten betrachtet werden. So wird beispielsweise der Typ Kompilationsbild einmal in der Rubrik ›Verhältnis Thema — Bild‹ behandelt, ein andermal unter der Rubrik ›logisches Verhältnis der Bildteile‹.

Erster Fragekomplex: Das Verhältnis Thema — Bild

1. Eine Einheit auf der Objektebene wird als Vielheit auf der Bildebene dargestellt

Separierung von Aspekten

Separierung von Phasen

2. Vielheit auf der Objektebene wird als Vielheit auf der Bildebene dargestellt

Bildhaufen A und B und C

segmentale Abgrenzung

pragmatisch kluge Anordnung

Abfolge in Leserichtung; im Uhrzeigersinn

Tabelle

Baum

geographische Karte

Überblendung

3. Vielheit auf der Objektebene wird als Einheit auf der Bildebene dargestellt

Kompilationsbild

(Exkurs)

Überlagerung

4. Eine Einheit auf der Objektebene wird als Einheit auf der Bildebene dargestellt

Stroboskopbild

Simultanbild

Anhang: Typographisch bedingte und ästhetische Darstellungstechniken

Zweiter Fragekomplex: logisches Verhältnis der Bildteile

Set

Typen A: exhaustiv / B: offene Reihe

Meronymie

Hyperonymie

Varianten

Zustände

Ansichten

Formvergleich A und B

Rangliste

Größenvergleich

Explosionsbild

Funktionale Anordnung

Kontinuierlicher Formvergleich (›Morphing‹)

Zeitliche Abfolge

Narrative Abfolge (Plot)

Mehrere Bildsphären

Alternative (richtig vs. falsch)

Explanandum / Modell

Hilfsbild

Objektebene / Metaebene

Dritter Fragekomplex: Kognitiver Mehrwert konkreter Fälle von Bildvielheit

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Erster Fragekomplex: Das Verhältnis Thema — Bild

In diesem Abschnitt werden Formen der Vielheit auf der Bildebene nach den Kategorien Dimension, Ordnung und Verbundenheit (separiert / integriert) behandelt.

 
     
 

Erster Fragekomplex: Das Verhältnis Thema — Bild

1. Eine Einheit auf der Objektebene wird als Vielheit auf der Bildebene dargestellt

Separierung von Aspekten:

D’Alembert behauptet im »Discours préliminaire« (1751), im Gegensatz zu Ephraïm Chambers hätten die Verfasser der Artikel der »Encyclopédie« die Werkstätten besucht, um vor Ort einen Augenschein zu nehmen: On s’est donné la peine d’aller dans leurs atteliers, de les interroger, d’écrire sous leur dictée, de développer leurs pensées, d’en tirer les termes propres à leurs professions, d’en dresser des tables, […]. Solche mimetische Ansichten (oft sind sie allerdings irgendwo abgekupfert) werden gelegentlich mit technischen Konstruktionsplänen desselben Objekts zusammen dargeboten, wie bei diesem Pferdegöpel, der über ein Kammrad und zwei Ritzel und weitere Zahnräder die Walzstraße antreibt:

Quellenangabe: Encyclopédie, Recueil de Planches; Septieme Livraison ou Huitieme Volume (1771); s.v Monnoyage, Pl. VII: Moulin de Laminoirs (Monnoyage = Münzprägung; Laminoir = Walzwerk); auf den folgenden Tafeln sind weitere technische Details dargestellt.

Begleitender Kommentar: Le haut de cette Planche représente le manege [kreisförmige Bahn für die Pferde] des laminoirs. A, le rouet. BB, les lanternes. CC, les leviers. — Le bas de cette Planche représente le plan de différens laminoirs montés sur leur charpente [tragendes Gebälk]. A, le dégrossi. BB, les laminoirs. CC, les lanternes. DD, le rouet.

Separierung in Phasen:

Beispiel: die Bewegung des Herzmuskels. Insofern als das Herz kontinuierlich schlägt, ist das Objekt als Einheit aufzufassen. Es wird vom Graphiker in den interessanten Phasen abgebildet, so dass eine Bildvielheit entsteht.

Quellenangabe: Fritz Kahn, Der Mensch. Bau und Funktionen unseres Körpers; 2., neubearb. Aufl., Rüschlikon-Zürich: Albert Müller 1940; 4. Auflage 1948; S. 143. – Auf die Phase d folgt wieder a; vgl. den Viertaktmotor.

Separierung von Schichten (layers):

Beispiel der Vierfarbendruck. Ein gedrucktes Bild ist aus vier Farben aufgebaut: CMYK = Cyan (blau) , Magenta (purpurrot), Yellow, Key (tiefschwarz). Genaueres hier >https://de.wikipedia.org/wiki/Vierfarbdruck

Im Bild sind die Farben separiert, und die Zwischenresulate werden gezeigt.

Quellenangabe: Knaurs Jugendlexikon, München 1953, S. 188.

Historischer Exkurs: Jakob Christoph Le Blon (1667–1741) hatte den Dreifarbendruck entwickelt. Dieser wurde durch die Zugabe einer schwarz druckenden Farbplatte [heute: Key] wesentlich verbessert durch Jacques-Fabien Gautier-Dagoty (1716?–1785). – Vgl. hierzu den Aufsatz von Sarah Lowengard, »Industry and Ideas. Jacques-Fabien Gautier, or Gautier d'Agoty« (2008) > http://www.gutenberg-e.org/lowengard/C_Chap12.html

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Erster Fragekomplex: Das Verhältnis Thema — Bild

2. Vielheit auf der Objektebene wird als Vielheit auf der Bildebene dargestellt

Es stellt sich insbesondere bei dieser Gruppe das Problem der Anordnung der Bildteile, weshalb diese Techniken hier hervorgehoben werden. (Vgl. auch den Anhang zu den typographisch bedingten und ästhetischen Darstellungstechniken.)

Bildhaufen A: Bunte Vielfalt.

Die einzelnen Bilder sind ungeordnet; es besteht ein inhaltliches Sammelsurium. In älteren enzyklopädischen Werken ist das aus kommerziellen Gründen – wegen der teuren Kupferstiche – häufig, vgl. etwa den Tafelband (49 Kupferstiche im Querformat, Satzspiegel 39 x 24 cm) zur 2. völlig neubearbeiteten Auflage von Pierers Enzyklopädischem Wörterbuch der Wissenschaften unter dem Titel »Universal-Lexicon der Gegenwart und Vergangenheit«, 1848.

Quellenangabe: Neuestes Bilderbuch zur Belehrung und Unterhaltung, Stuttgart: Engelhorn & Hochdanz 1848. — Die Einleitung ist unterzeichnet von Traugott Bromme (1802–1866); Tafel 10 – Vorzüglich erschlossenes Digitalisat: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000F2A200000000

Die Auswahl der Einzelbilder erfolgt – alphabetisch! (Jedenfalls in der deutschsprachigen Spalte, für die parallel dazu abgedruckten französischen und englischen Texte ist die Ordnung dann natürlich chaotisch). Hier beispielsweise: der isländische Falke – ein Indianer – Johannisbrodbaum – der gemeine Hecht … Die Anordnung der Einzelbilder ist ornamental (vgl. unten).

Bildhaufen B: Die ungeordnete Sammlung ist thematisch einheitlich.

Kaisers Schatzkästlein 1921, S. 110/111: Aus der Geschichte der Aeroplane

Bildhaufen C: Ähnlich wie in einem ›Wimmelbild‹ sind Gottheiten hier zusammengestellt. Es geht offenbar eher darum, den heidnischen Polytheismus darzustellen, als einzelne antike Götter zu chrarakterisieren:

Jean-Jacques Boissard, (1528-1602) Theatrum vitae humanae, Metz, Abraham Faber, 1596; Stich von Théodore De Bry (1528-1598) Vgl. auch den Text > https://archive.org/stream/theatrumvitaehum00bois#page/79/mode/1up

Ordnung durch segmentale Abgrenzung: Es gibt räumlich klar abgegrenzte Bildbereiche. Die Grenzen zwischen den Teilbildern werden von einem Rahmen oder durch Leerraum gebildet, wobei man Leerraum als virtuellen Rahmen auffassen kann.

Quellenangabe: Vitruvius Teutsch: Nemlichen des aller namhafftigisten vnd hocherfarnesten, Römischen Architecti, und Kunstreichen Werck oder Bawmeisters, Marci Vitruuij Pollionis, Zehen Bücher von der Architectur vnd künstlichem Bawend, Nürnberg, 1548 [Übersetzung von W.H. Ryff] http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vitruvius1548

Infolge der sach-inhärenten Logik kommt es zu höher organisierten Gestaltungen.

Pragmatisch kluge Anordnung der Einzelbilder. Die einzelnen Teile des Gewandes, die dem Schneider als Vorlage dienen, sind so angeordnet, dass möglichst wenig Verlust an Textilien entsteht:

Tailleur d’Habits, in: Encyclopédie, Recueil de Planches, Vol. VIII (1771); pl. XV

Abfolge in Leserichtung:

Historische Entwicklung der Uniform eines preußischen Kürassierregiments von 1729 bis zum [Ersten] Weltkrieg:

Quellenangabe: Der Große Herder. Nachschlagewerk für Wissen und Leben. 4. Auflage, Band XI (1935), s.v. Uniformen

Bedienungsanleitung, wie man eine Krawatte bindet. (Die Leserichtung ist bekanntlich kulturabhängig.)

Quellenangabe: Werner Lenz, Kleines Handlexikon. Ein kluges Taschenbuch für Jedermann. Wissenswertes von A bis Z, Verlag Buch und Wissen GmbH, 1980; S.99.

Kreisförmige Anordnung im Uhrzeigersinn:

Sich wiederholender biologischer Progress vom Ei über die Kaulquappe zum Frosch:

,

Quelle: Brockhaus 1930, Band 7 s.v. Geschlechtszellen. Zu bedenken ist, dass zwischen Bild 11 und Bild 1 der Zyklus insofern nicht geschlossen ist, als hier ein neues Individuum entsteht. Die kreisförmige Darstellung möchte wohl suggerieren, dass das Froschleben kein Ende hat.

Die Bildteile sind in Form einer Tabelle zusammengefügt:

Quellenangabe: Richard Weiss, Häuser und Landschaften der Schweiz, (1959), Erlenbach-Zürich: Eugen Rentsch Verlag, 2.Auflage 1973 (Graphiker Hans Egli); Abb. 97: Landschaftstypen in ihren Zusammenhängen zwischen Natur und Mensch.

Die Bildteile sind in der Struktur eines Baums zusammengefügt:

Beispiel der Stammbaum von Japhet und seinem Eheweib Funda (nicht biblisch). Die ›Wurzel‹ ist im Bild oben; die ›Verzweigungen‹ weisen nach unten:

Quellenangabe: Schedelsche Weltchronik, Nürnberg 1493, Fol. XVI recto (https://de.wikisource.org/wiki/Die_Schedelsche_Weltchronik_%28deutsch%29:016)

Eine hübsche Darstellung der Architekturgeschichte in Baumform (The Tree of Architecture) findet sich in Banister Fletcher, A History of Architecture on the Comparative Method, London: Batsford 1905https://archive.org/stream/historyofarchite00fletuoft#page/n4/mode/1up

Die Bildteile sind auf einer geographischen Karte angebracht:

Quellenangabe: Richard Weiss, Häuser und Landschaften der Schweiz, (1959), Erlenbach-Zürich: Eugen Rentsch Verlag, 2.Auflage 1973 (Graphiker Hans Egli); Abb. 100: Übersichtskarte: Lokaltypische Hausformen.

Überblendung (engl. superimposition). Die Teilbilder können übereinander gelegt sein, als wären sie durchsichtig; es entsteht der Effekt einer Überblendung (Begriff aus der Kinematographie):

Die Ausdehnung des Interkontinental-Flughafens Zürich-Kloten. Der Grundriss ist einem Stadtplan der Stadt Zürich überlagert.

Quellenangabe: Schatzkästlein 1949, S.13

Aus dem Kommentar: Wollte man die Pisten im Stadtbereich erstellen, so würde die 1900m lange Westpiste von der Sihlpost bis in die Gegend der Kirche Fluntern und die 2600m lange Blindlandepiste sogar vom Bellevue bis in die Nähe der Station Wipkingen reichen. Die Bahnhofstrasse ist nur 1200 m lang und ihre Fahrbahn 11–12m breit, während Start- und Landebahnen auf dem Flughafen 45–75 m Breite aufweisen.

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Erster Fragekomplex: Das Verhältnis Thema — Bild

3. Vielheit auf der Objektebene wird als Einheit auf der Bildebene dargestellt

Kompilation: Die Teilbilder von mit real nicht (so) zusammen vorkommenden Elementen sind so zusammengefügt, dass der Eindruck einer einheitlichen Bildwelt entsteht; es handelt sich um ein rein geistiges Arrangement.

Erstes Beispiel: Höhenvergleich bei Gebäuden

Quellenangabe: Petit Larousse Illustré. Nouveau Dictionnaire Encyclopédique, publié sous la direction de Claude Augé; cent trente-sixième édition, Paris 1917; s.v. Hauteurs.

Zweites Beispiel: Verschiedene Krankheiten, die beim Menschen vorkommen

Die Tafel zeigt einen Katalog von möglichen Erkrankungen an zwei Figuren (Frau und Mann). Die Frau weiset in dem rechten Aug ein pterygium oder Häutlein/ welches das Gesicht verhindert … In dem lincken Aug ein staphyloma, oder Gewächs … Hinder dem rechten Ohrläpplein ein Gewächs mit einem dünnen Grund … In der rechten Brust einen offenen Krebs-Schaden … An heimlichen Orten einen Fürfall des vordern Leibs usw.

D. Joannis Sculteti ... Wund-Artzneyisches Zeug-Hauß … in die Teutsche Sprach übersetzet von Amadeus Megerlin, Franckfurt: Gerlinus 1679. Reprint hg. von der Firma L.Merckle KG, Blaubeuren 1974. > http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd17/content/titleinfo/5176763

Drittes Beispiel: Allerlei Tiere, die in einer Region vorkommen

Es werden Tiere zusammen in einem Bild gezeigt, die in der Realität nicht zusammen vorkommen – sie leben in ganz verschiedenen Biotopen (und würden sich, wenn das Gezeigte real wäre, gegenseitig auffressen). Schon in den frühen Reiseberichten (Breydenbach > http://diglib.hab.de/inkunabeln/288-12-hist-2f/start.htm?image=00282) gibt es solche Bilder; erstaunlicherweise noch im Konversationslexikon des frühen 20. Jahrhunderts:

Quellenangabe: Äthiopische Fauna. Chromlitho aus: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Sechste Auflage, Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut 1908; Band 2.

Überlagerung von mehreren Bildern zu einem:

Um zu zeigen, wie man sich die Lage der Kontinente Europa und Asien zur Zeit von Kolumbus vergestellt hat, wird der Behaim-Globus vom Jahre 1492 abgerollt und einer modernen Karte (in derselben Projektion) überlagert; Kontinente bei Behaim farbig; auf der modernen Karte weiß:

Quellenangabe: Der Große Brockhaus in 20 Bänden, Siebenter Band, Lpz. 1930, Artikel Geographie; Tafel 21: Entwicklung des Erdbildes, IV.

Eine ähnliche Darstellung auf: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Atlantic_Ocean,_Toscanelli,_1474.jpg

Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Behaims_Erdapfel

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Erster Fragekomplex: Das Verhältnis Thema — Bild

4. Eine Einheit auf der Objektebene wird (zerlegt und wieder) als Einheit auf der Bildebene dargestellt

Stroboskop-Bild: Die begriffliche Einheit ›Sprung‹ wird (in der fotografischen Technik mittels des kurz hintereinander aufleuchtenden Blitzes) in Einzelbilder aus verschiedenen Phasen des Bewegungsablaufs zerlegt, und diese optischen Erscheinungen werden (auf demselben lichtempfindlichen Medium) als ein Bild übereinander kopiert. – Hier eine Vor-Form aus dem 18.Jh.:

Quellenangabe: Kupfersammlung zu J. B. Basedows Elementarwerke für die Jugend und ihre Freunde, Berlin und Dessau 1774; Tafel LXIV Ein Luftspringer.

Wenn der Jüngling von der Höhe auf den elastischen Fußboden herunterspringt, so kann er mit der empfangenen Schnellkraft eine solche willkürliche Bewegung verbinden, daß er nach und nach in die Lagen a, b, c, d, e, f, g, h, i, k bis wieder in a komme. > http://www.sammlungen.hu-berlin.de/search/?q=elementarwerk

Simultan-Bild:

Bis ins 16.Jh. gab es Bilder, in denen zwei in derselben Narration aufeinanderfolgende Szenen in einem einzigen Bild gezeigt wurden.

Quellenangabe: Thomas Murner, Geuchmat, Druck von 1565 (in: Eduard Fuchs, Murner, G., 1931, Kommentar S.437)

Erklärung: Isebel war die Ehefrau Ahabs, des Königs von Israel, eine Götzendienerin, die ihren Mann dazu aufstachelte, Böses gegen den Herrn zu tun. ... Als Ahab den Weinberg verlangte, den Nabot ihm zu verkaufen verweigerte, sorgte Isebel dafür, dass Nabot fälschlicherweise angeklagt und zum Tod gesteinigt wurde. Danach sagte sie ihrem Mann, er solle hingehen und sich den Weinberg aneignen. Der Prophet Elia sagt über Isebel voraus: ›Die Hunde sollen Isebel an der Vormauer von Jisreel fressen‹. (1. Kön 21,5–29). --- Als Jehu in die Stadt Jisreel kam, schaute Isebel – mit geschminktem Gesicht und geschmücktem Kopf – aus einem Fenster und verhöhnte ihn. Auf Jehus Frage hin, wer zu ihm halte, schauten drei Hofbeamte heraus. Er befahl, sie herunterzuwerfen. [oben im Bild] Sie warfen sie herunter, und ihr Blut spritzte an die Wand, und die Pferde zertraten sie. Als Jehu ihnen befahl, sie zu begraben, fanden sie nur noch ihren Schädel, ihre Füße und Hände [unten im Bild samt den sie auffressenden Hunden]. (2. Kön 9,7–37).

Zweites Beispiel: Holzschnitt zur Fabel von Fuchs und Storch (Perry 426; Phaedrus I,26) von Virgil Solis (1514–1562)

Vorne die Szene, wo der Fuchs seinem ›Gast‹, dem Storch, die Speisen auf einem flachen Teller vorsetzt, so dass dieser nichts fressen kann und alles dem Fuchs bleibt; hinten die ›Gegeneinladung‹ des Storchs, der die Speisen in einem langhalsigen Gefäß darbietet. Die beiden Szenen sind durch ein bandartiges landschaftliches Element voneinander abgesetzt.

Aesopi Phrygis fabulae […] Schoene und kunstreiche Figuren uber alle Fabeln Esopi ... gerissen durch Vergilium Solis u. mit teutschen Reimen erkl. ... durch Hartman Schopper ... Francofurti ad Moenum: Corvinus, Feyrabend & Gallus 1566 und mehrere Neuauflagen.

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Anhang: Typographisch bedingte und ästhetische Darstellungstechniken

Es gibt durch den Inhalt und die Logik bedingte Darstellungsarten, aber auch solche, die äußerlich durch technische Bedingtheiten oder auch durch ästhetische Vorstellungen zustande kommen. Den letzteren ist dieser Anhang gewidmet

Durch das Layout bedingte Darstellung

Vergleich der Geschwindigkeiten vom Wachstum des Fingernagels (6,5 cm pro Jahr) bis zum Licht (300 000 000 Meter pro Sekunde). Die Rangliste wäre für eine Buchseite zu lang, so ist sie als Band geformt, das als Boustrophedon gestaltet ist. (Dass die Bilder so bei den gegenläufigen Bandteilen auf die Hinterseite zu liegen kämen, wird nicht berücksichtigt.)

Quellenangabe: Karl THÖNE (Hg.), Helveticus. Neues Schweizer Jugendbuch. Ein buntes Jahrbuch von Spiel und Sport, von Erfindungen und Entdeckungen, Bastelarbeiten und Abenteuern aus aller Welt. [Band 1] Bern: Hallwag [Jahresangabe 1941 auf dem Schutzumschlag].

Für solche Bilder sind gelegentlich Lesehilfen nötig.

Beispiel für die die Lektüre unterstützende Technik mittels einer Linie, eines Pfeils und einer Ziffernfolge. Dies scheint hier angebracht, weil die Leserichtung in der unteren Zeile wechselt wie beim Boustrophedon:

Quellenangabe: Der Große Brockhaus. Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden, 15. Auflage, Band 7 (1930), S.439. Werdegang einer modernen Glühlampe

Ornamentale Darbietung

Der Graphiker hat sich hier den Spaß erlaubt, die einzelnen Einbrecherwerkzeuge ornamental anzuordnen; der Erkenntniswert der Bilder an sich bleibt hinter den im Artikel ausgeführten modernen Methoden (Fingerabdrücke; Bertillonsches Messsystem) zurück.

Quellenangabe: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage, 22. Band = Jahres-Supplement 1909–1910; Tafel Kriminalistik II

Ernst Haeckel hat in seinen »Kunstformen der Natur« (1899–1904) sehr oft die Lebewesen in eine ornamentale Ordnung gebracht. Im Vorwort (1899) schreibt er: Die moderne bildende Kunst und das moderne mächtig emporgeblühte Kunstgewerbe werden in diesen wahren ›Kunstformen der Natur‹ eine reiche Fülle neuer und schöner Motive finden. Das bezieht sich aber auf die einzelnen abgebildeten zoologischen Formen, nicht auf deren Anordnung.

Das Buch ist im Web mehrfach digitalisiert:
https://commons.wikimedia.org/wiki/Kunstformen_der_Natur?uselang=de
http://caliban.mpipz.mpg.de/haeckel/kunstformen/index.html

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Zweiter Fragekomplex: logisches Verhältnis der Bildteile

Dieser Abschnitt präsentiert in unsystematischer Weise unterschiedliche logische Verhältnisse, die durch Bildvielheiten dargestellt werden. Die spezifische Verwendung der Bildvielheit ergibt sich aus dem umgebenden Text, aus der Legende, aus ins Bild integrierten Hilfselementen oder aus der Bildgestaltung selbst.

Jedes der hier vorgestellten Beispiele kann selbstverständlich auch mit den Kriterien erfasst werden, die im ersten Fragekomplex erörtert wurden, was hier aber nicht gemacht wird, um den Blick auf das logische Verhältnis der Bildteile zu fokussieren.

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Zweiter Fragekomplex: logisches Verhältnis der Bildteile

Set: Alle Individuen, die das nur durch Aufzählung kulturell definierte Objekt ausmachen, werden abgebildet.

Estes Beispiel: Die sieben Weltwunder.

Quellenangabe: Die Welt von A bis Z. Ein Lexikon für die Jugend, für Schule und Haus, 1953. s.v.

Zweites Beispiel: Das Alphabet – hier die interessante Variante einer Geheimschrift in Bildern

Quellenangabe: Haimliche vnd verborgne Cancellei: wie ein gut Freundt dem andern haimliche vnd verborgne brieff, dmit sie nit so bald Jderman gelesen: durch vil seltzame Characteres vnd Practik zuschreiben mag ein kurtzer Bericht ... Getruckt zu Strassburg: Beim J. Cammerlander in der grossen Stadelgass, anno 1539.

Typen A (exhaustiv): Die Arten einer Gattung (das ist das Objekt) werden abgebildet. Beispiele:

  • Alle Species der Familie Ursidae (Eisbär, Braunbär, Schwarzbär, Kragenbär, Malaienbär, Lippenbär, Brillenbär, Großer Panda)
  • die vier Temperamente (Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker, Phlegmatiker)
  • die sieben Kristallsysteme

Hier die fünf Gangarten des Pferdes (Schritt, Trab, Galopp, Karriere, Passgang – mehr gibt es natürlicherweise nicht):

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage. Leipzig u. Wien 1902–08; Band 6; s.v. Pferde — Ausschnitt; das ganze Bild hier: http://images.zeno.org/Meyers-1905/I/big/Wm15708d.jpg

Typen B (offene Reihe)

Beispiel: Bartformen. Gezeigt werden (für Europa und dessen Vorgeschichte) repräsentative, benennbare Formen.

Quellenangabe: Der Große Herder. Nachschlagewerk für Wissen und Leben. 4. Auflage, Band I (1931), s.v. Bartformen — aus der Legende zu 14: Der fast rechtwinklig aufgedrehte Schnurrbart Wilhelms II. („Es ist erreicht.”)

Meronymie: Dargestellt werden die verschiedenen Teile in der körperlichen Welt, die zusammen ein Ganzes ausmachen, z.B. die Gliedmaßen des Leibes. Hier wird gerne die Vielheit nicht ganz aufgetrennt dargestellt, sondern – um den Zusammenhang aufzuzeigen – die Teilbilder beieinander.

Erstes Beispiel, aus der Biologie. Das Bild zeigt die neunzehn Gliedmaßen (das ist das Holonym) wie 1.Antenne, Mandibel, 1.Maxille usw. (das sind die Meronyme) des männlichen Flusskrebs (Potamobius astacus):

Quellenangabe: Biologie. Lehr- und Arbeitsbuch für schweizerische Mittelschulen, unter Mitarbeit eines Arbeitsausschusses der Vereinigung schweizerischer Naturwissenschaftslehrer verfasst von Paul Steinmann, Aarau: Sauerländer, 1939-1941; Teil 2: Tierkunde, 3.Auflage 1948; Abb. 35.

Zweites Beispiel, aus der Technik: Was alles zu einem Bahnhof gehört

Quellenangabe: Der Große Duden. Bildwörterbuch der deutschen Sprache … hg. Otto Basler, Leipzig: Bibliographisches Institut 1935; Tafel 265. Aus der Legende: 10 der Weichenbock – 13 das Abstellgleis – 14 der Prellbock – 19 der Lokomotivschuppen – 24 das Empfangsgebäude – 26 der Rangiermeister – 33 der Zug.

Vgl. das Bild Nr. 2563 in Otto Spamer’s Illustrirtes Konversations-Lexikon für das Volk. Zugleich ein Orbis pictus für die Jugend, Leipzig: Spamer, Band 3 (1874); s.v Eisenbahnbetrieb (Die Einzelteile sind hier noch zusätzlich kontextualisiert in einer Phantasie-Landschaft.)

Drittes Beispiel, aus der Technik: Töpferscheibe. Gelegentlich werden in den Tafelbänden der »Encyclopédie« technische Geräte in Einzelteilen zerlegt präsentiert, als diente das Bild dem Handwerker dazu, das Gerät nachzubauen.

Die Teile sind vielleicht aus Gründen der Platzersparnis so angeordnet. (Anders als im Explosionsbild, wo ihre relative funktionale Nähe dargestellt ist.)

Quellenangabe: Encyclopédie; Planches, Tome VIII (1771), Potier de terre, Pl. viii. — Aus der Legende: 4. Traverse du haut des petits piliers. AA, les tenons. — 7. Support de l’arbre de la roue. A, l’entaille de la crapaudien. BB, les pattes — In Pl. vii wird die Töpferscheibe zusammengebaut gezeigt; die Teile sind gleich numeriert.

Hyperonymie: Unterschiedliche Ausprägungen (nicht Unterarten) eines Oberbegriffs (Hyperonyms), aus denen die definierenden Merkmale (als Schnittmenge) ersichtlich sind, werden dargestellt.

Beispiel: Stuhl

Quellenangabe: Brockhaus-Bildwörterbuch deutsch-französisch von Ernst Pfohl, 30., neubearbeitete und erweiterte Auflage, Wiesbaden: Brockhaus 1955; s.v. Stuhl (S. 478; ohne Legende)

Die Abbildung eines Stuhls mit Beschriftung seiner Teile ist doppelt so groß wie die Teilbilder und durch Linien vom Rest abgetrennt und so hervorgehoben. Sie ist die Darstellung eines prototypischen Sitzmöbels. Die anderen Teilbilder können dann als Variationen dieses Prototyps in verschiedenen Richtungen (im Sinne von »Familienähnlichkeit«) verstanden werden: z.B. mit drei statt vier Beinen; ohne Rückenlehne oder mit zusätzlicher Armlehne; mit stärkerer Polsterung; auch oder vor allem zum Liegen statt zum Sitzen, …).

Das Bild-Ensemble ist polyfunktional, insofern als die verschiedenen Ausprägungen mit ihren spezifischen Benennungen angeschrieben sind.

Varianten:

Ein naturkundliches Phänomen wird in verschiedenen Varianten gezeigt.

Erster Fall: Endliche viele Varianten. Beispiel: Polymorphismus in der Biologie.

Man unterscheidet saisonalen Dimorphismus (z.B. Balzgefieder bei Vögeln) und sexuellen Dimorphismus. Bei der Rohrammer (Emberiza schoeniclus) unterscheiden sich Männchen (oben) und Weibchen (unten):

Quellenangabe: Brehms Tierleben, Kleine Ausgabe für Volk und Schule, Leipzig/Wien: BI 1893; Zweiter Band, S. 146; Graphik von Robert Kretschmer (1818–1872); Holzstich von C. Wendt.

In einem botanischen Werk kann die Pflanze gleichzeitig mit Blüten und Früchten dargestellt werden, obwohl dies in der Natur bei dieser Art nicht vorkommt. Hier hat Conrad Gessner (1516–1565) zum bestehenden Holzschnitt im Pflanzenbuch des Matthioli noch die dazugehörigen Blüten an den Rand gezeichnet (saisonaler Dimorphismus):

Quellenangabe: Petri Andreae Matthioli Senensis serenissimi principis Ferdinandi Archiducis Austriae ... commentarii secundo aucti, in libros sex Pedacii Dioscoridis Anazarbei de medica materia ...; his accessit eiusdem Apologia adversus Amathum Lusitanum ... Venetiis: ex officina Erasmiana, Vincentii Valgrisii 1558; Exemplar der Zentrabibliothek Zürich, aus dem Besitz Gessners.

Zweiter Fall: Unendlich viele Varianten.

Beispiel: Schneekristalle. Wilson A Bentley (1865–1931) fotografierte tausende von Schneeflocken. Es handelt sich nicht um Unterarten (wie bei den Bärenarten der Familie Ursidae). Wegen der unendlichen Vielfalt ist die Auswahl beliebig; die Einzelfälle bleiben unbenannt.

Quellenangabe: Schneekristalle. Mikroaufnahmen von A.Sommerfeld; aus: Der Große Herder. Nachschlagewerk für Wissen und Leben. 4. Auflage von Herders Konversationslexikon., Band 10 (1935) nach Spalte 1088.

Zustände: das Objekt selbst hat verschiedene Zustände; das Bild zeigt die für das Funktionieren des Objekts wichtigen.

Erstes Beispiel: Dreiweghahn

Quelle: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, im Verein mit Fachgenossen hrsg. von Otto Lueger, 2., vollst. neu bearb. Auflage, 8 Bände + Ergänzungsband, Stuttgart/Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt 1904ff., Band III, S.107, s.v. Dreiweghähne

Dreiweghähne, Durchgangshähne mit drei Anschlüssen, mittels derer von drei Leitungen jede entweder mit nur einer oder mit den beiden andern verbunden oder alle Leitungen abgesperrt werden können. Die Konstruktion ist in der Regel die eines Kegel (Lilien-)hahnes; die beistehenden Skizzen zeigen, wie durch die veränderten Stellungen des Hahnkonus die verschiedenen Verbindungen und Absperrungen erreicht werden.

Zweites Beispiel: Ballettpositionen

Quelle: The English Duden. A pictorial dictionary with English and German indexes, … Mannheim: Bibliographisches Institut 1960. (Ausschnitt) — Aus der Legende: 1–5 the foot positions – 6 the plié – 7 the battement – 11 échappé – 12 sauté – 14 assemblé

Ansichten: Die Teilbilder zeigen verschiedene Ansichten desselben Objekts: aus unterschiedlicher Entfernung, aus unterschiedlicher Perspektive, verschiedene Schnitte, mit unterschiedlicher Vergrößerung.

Erstes Beispiel: Dasselbe Portrait aus verschiedenen Winkeln:

Quelle: Sancai Tuhui

(M.Winter) These panels display perspectual aspects of the Human head. They are a part of a series of scetches of humans like they can be found in paintings. Before the panels displayed here there are illustrations of people walking, sitting and reclining. They are followed by miniatures which show humans alone of or in groups in various activities such as playing Go or carrying loads. The origin of these instructional illustrations is not revealed to the reader of the Sancai Tuhui.

These illustrations here are designed to help painters depict Human beings in various angles. The eleven perspectives are simply numbered, thus they are called “Portrait partial 1” (xiang fen yi 像分一) through “Portrait partial 10” (xiang fen yi 像分十), which is the full-frontal aspect. The final picture displays a full-reverse aspect (bei xiang 背像).

Zweites Beispiel: Totale und Detail

• Im Bild liegt der Akzent auf dem mikroskopischen Bild der Schuppen. (Die narrative Szene des Fischfangs schließen wir aus der Betrachtung aus.) Thema ist die Speisevorschrift im Buch Leviticus (3.Mos. 11,9): Alle Fische, die Flossen und Schuppen haben, sind zu essen erlaubt. Dazu bildet Scheuchzer eine Sole und dero Schuppen ab (und beschreibt diese auch im Text). Die Seezunge ist im Rahmen unten als ganzer Fisch abgebildet, auf einer aufgerollten Leinwand vor dem Bild-Spiegel zeiget sich die Gestalt der Schuppen, wie sie unter dem Vergrösserungs-Glase zu sehen aus Hook, Micrograph. p. 161. (Beim zitierten Robert Hooke, Micrographia: or, Some physiological descriptions of minute bodies made by magnifying glasses. London 1665, ist gegenüber S. 162, Schem. XXI nur die Vergrößerung zu sehen.)

Quellenangabe: Johann Jacob Scheuchzer, Physica Sacra (1732) , Tab. CCXXXIX
http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/2963676

• Wohl angeregt durch Hookes »Micrographia« zeigt Friedrich Johann Justin Bertuch bei der Mehl- und Käsemilbe bei Bild 3 die Originalgröße und unter g die Ansicht im Mikroskop:

Bilderbuch für Kinder enthaltend eine angenehme Sammlung von Thieren, Pflanzen, Blumen, Früchten, Mineralien, Trachten und allerhand andern unterrichtenden Gegenständen aus dem Reiche der Natur, der Künste und Wissenschaften … Band II (Weimar 1803); No. 90.

Drittes Beispiel: Aussen- / Innenansicht

Johann Friedrich von Brandt / Julius Theodor Christian Ratzeburg, Medizinische Zoologie oder getreue Darstellung und Beschreibung der Thiere, die in der Arzneimittellehre in Betracht kommen. Bei den Verfassern in Comm. bei A.Hirschwald 1829. > https://books.google.ch/books?id=qLE8AAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

Formvergleich A: die Einzelbilder können willkürlich angeordnet werden

Erstes Beispiel: Fußabdrücke, die das Wild bei verschiedenen Gangarten im weichen Boden hinterlässt, heißen beim Hochwild Fährte, beim Niederwild Spur, beim Geflügel Geläuf. Die Fährten- und Spurenkenntnis dient dem Jäger/Förster/Naturfreund, das Vorhandensein einer bestimmten Art von Wild im Revier festzustellen.

Quellenangabe: Otto Fehringer, Die Welt der Säugetiere (Tierdarstallungen von Wilhelm Eigener [1904–1982]) München: Droemer 1953, S. 396

Zweites Beispiel: Speise- und Giftpilze werden hier nebeneinander ausgebreitet. Es geht nicht darum, den semantischen Oberbegriff ›Pilz‹ zu erläutern oder Ausprägungen einer biologischen Größe ›Fungi‹ darzulegen, sondern eine Reihe von typischen Ausprägungen vorzuführen. Die Identifikation des dem Benutzer vorliegenden Exemplars mit den Typus kann gelegentlich lebensrettend sein.

Quellenangabe: Knaurs Konversations-Lexikon A–Z [in einem Band], hg. Richard Friedenthal, Berlin © 1931.

Formvergleich B: die verschiedenen Formen stehen in einer Vergleichsreihe

Die Allen’sche Regel (nach Joel Asaph Allen 1838–1921) besagt, dass bei Tieren die relative Länge der Körperanhänge (Extremitäten, Schwanz, Ohren) in kalten Klimazonen geringer ist als bei verwandten Arten und Unterarten in wärmeren Gebieten. Die Länge der Ohren nimmt in der Verwandtschaftsreihe von a Eisfuchs – b europ. Fuchs – c Wüstenfuchs zu. Die drei aufgereihten, genau vergleichbaren Portraits verdeutlichen die Regel schlagartig, wenn damit natürlich auch nichts ausgesagt ist über deren Begründung (Verminderung des Wärmeverlusts durch kleinere Oberfläche).

Quellenangabe: Brockhaus 15.Auflage, Band 7 (1930), S. 88 (im Artikel Gehörorgane)

Rangliste: die Einzelbilder stehen in einer graduellen Reihenfolge

Quellenangabe: Pestalozzikalender 1926, S.177 und öfters wiederholt

Im folgenden Beispiel einer Rangliste sind die Objekte auf den Teilbildern jeweils um Zehnerpotenzen (von oben nach untern betrachtet) kleiner. Der Verkleinerungsmaßstab ist angegeben.

Quellenangabe: HELVETICUS, Band 9 (1949) S. 206. – Bildlegende: Grössenverhältnis von Atom und Weltall. Jedes der von oben nach unten sich folgenden Bilder ist eine vergrösserte Einzelheit des darüberstehenden Bildes. — Vgl. die Foto-Version des Films »Powers of Ten« (1977): http://csaweb.yonsei.ac.kr/~rhee/2000/universe/power10.html <19.Dez.2015>

Größenvergleich:

Die Größe eines Dinges wird verdeutlicht durch Darstellung eines Vergleichsobjekts, das der Betrachter besser kennt. Bei geographischen Karten kann das Heimatland des Benutzers als Vergleichsgröße dienen; es wird in einem Hilfsbild dargestellt. Im folgenden Beispiel entstammen die miteinander verglichenen Dinge verschiedenen Sphären. (Wie überwältigend hoch der Kölner Dom ist, wird als bekannt vorausgesetzt; Thema ist der Dampfer):

Quelle: Der Große Herder. Nachschlagewerk für Wissen und Leben. 4. Auflage von Herders Konversationslexikon, Band 3 (1932), s.v. Dampfschiff

Explosionsbild: Struktureller Bezug zwischen den Teilen

Ein komplexes System wird in seine Einzelteile ›zerlegt‹ so abgebildet, dass die Abstände zwischen diesen unter Beibehaltung der relativen Lage vergrößert werden. Hier der Vergaser Weber 40 DCNF/1 des Ferrari 206 GT Dino:

Quellenangabe: https://www.ferrariparts.co.uk

Funktionale Anordnung: Die Teile werden in ihrem praktischen Lebens-Zusammenhang dargestellt.

Quellenangabe: , en, hg. vom Jugendbuchlektorat des Bibliographischen Instituts …, Mannheim 1959; Bildtafeln von Susanne Ehmke; S. 14: In der Küche. — Aus der Legende: 13 die Marmelade – 14 die Mutter – 17 der Qualm – 27 die Wurst

Schon bei Comenius gibt es im »Orbis Pictus« (1658) eine Tafel Coquinaria – Das Kochwerk (Nr. LIV). Überhaupt ist er (als erster?) bestrebt, die Dinge/Wörter in ihrem Lebenszusammenhang zu zeigen.

Kontinuierlicher Formvergleich (›Morphing‹):

Die benachbarten Teilbilder unterscheiden sich minim, vom ersten bis zu letzten besteht indessen eine starke Differenz. Anders gesagt: von einen Pol zum andern besteht ein gradueller Unterschied. (Mit Suchrobotern findet man im WWWeb unter dem Stichwort ›Morphing‹ viele Bilder und Filme dazu.)

Dem Anatomen Petrus Camper (1722–1789) ging es darum herauszustellen, dass der Mensch die perfekteste Creatur ist – wobei die Anatomie aller Wirbeltiere einheitlich ist. Die Schädel unterscheiden sich im wesentlichen durch den ›Gesichtswinkel‹; wobei die Gerade vom vorderen Zahnansatz im Oberkiefer zum Überaugenwulst besonders bedeutsam ist, die bei primitiven Affen einen Winkel von ca. 45 Grad einnimmt, und beim Menschen senkrecht verläuft. Campers Bildtafeln zeigen den Übergang vom Affen zum Menschen in 16 Bildern. (Auf diesem Scan der ersten der beiden Tafeln sind die Winkel-Linien gut ersichtlich:)

Petrus Camper, Dissertation sur les variétés naturelles qui caractérisent la physionomie des hommes des divers climats et des différens ages: Suivie de réflexions sur la beauté ; particulièrement sur celle de la tête ; avec une manière nauvelle de dessiner toute sorte de têtes ...H. J. Jansen, 1791
http://www.e-rara.ch/nev_r/content/pageview/2085336

Johann Caspar Lavater (1741–1801) stellt in seinen physiognomischen Studien (und Phantasien) ähnliche Überlegungen an. Er kennt die Arbeit von Camper (die 1791 auf französisch erschien), sagt aber, er habe schon vorher ähnliche Überlegungen angestellt. In der anatomischen Erscheinung möchte er geistige Anlagen erkennen.

Unzählige Versuche, die Abstufungen der Menschen- und Thiergattungen, den Uebergang von brutaler Häßlichkeit zum idealisch Schönen, von der Satanität zum göttlich Erhabenen, von der Animalität des Frosches, des Affen, zur anfangenden Vermenschlichung des Samojeden, von diesem hinauf zu einem Neuton oder Kant – in eine inductionsmäßige Norm zu bringen, und gewisser Maßen die eigenthümlichen absoluten Grundlinien jeder gegebenen Abstufung physiognomisch-mathematisch zu bestimmen – sind nicht fruchtlos geblieben. (1802, S. 104)

Zum Gesichts-Linien-Winkel [Etwas gekürzt PM; Lavater bezieht sich auf andere Linien am Schädel als Camper, aber das kann hier vernachlässigt werden.]: Je spitziger, im Allgemeinen, ein Profilwinkel ist, dessen Schenkel sich … vom Schluß der Zähne gegen … die äußerste Protuberanz der Stirne … ausdehnen, je thierischer, je unstrebsamer und unproduktifer das Geschöpf seyn wird. Je spitzer der Gesichtswinkel ist desto mehr gleicht ein Mensch einem Tier, ist weniger geeignet, Anstrengungen auf sich zu nehmen und hat weniger Anlagen etwas hervorzubringen. (S. 105)

Zwei Profiltafeln erläutern das.

 

(Hier aus der französischen Ausgabe von 1803)

Der einfache Uebergang von einem Froschkopf zum Apollo, der – wenn man nur die erste und vier und zwanzigste Figur nebeneinander hält – beynahe unmöglich … scheint, ergiebt und entwickelt sich gewissermaßen von selbst … Die erste figur ist so ganz Frosch, so ganz stellt sie den aufgeblasenen Repräsentanten abscheulicher Bestialität dar, … (S. 107ff.; Lavater kommentiert jedes der 24 Bilder.)

Exkurs zur Entstehungsgeschichte:

Bereits um 1795 ließ Lavater von Johann Heinrich Lips 24 kleinformatige Aquarelle mit der Reihe vom Frosch zum Apoll anfertigen. Sie gelangten durch Verkauf 1828 in die k.k. Hofbibliothek Wien (heutige Signatur der ÖNB: LAV XXVI/495/17866).

Diese wurden 1797 wiedergegeben in einer kolorierten Radierung des Basler Künstlers Christian von Mechel (digitalisiert von Wellcome Images):

http://wellcomeimages.org/indexplus/image/L0030345.html http://wellcomeimages.org/indexplus/image/L0030346.html

Die Reihe erschien nicht in den »Physiognomischen Fragmenten« (Erstausgabe 1775–1778); sondern in einem Buch erst postum 1802 in: Johann Kaspar Lavaters nachgelassene Schriften, hrsg. von Georg Geßner, 5.Band, Zürich: Orell, Füßli und Compagnie 1802, im Kapitel Ueber die Animalitäts-Linien, S. 103–110 [und drei Tafeln; der Schwiegersohn Gessner sagt im Vorwort, dass Lavater die Kupfertafeln alle unter seinen Augen ausarbeiten ließ]
http://digital.bibliothek.uni-halle.de/hd/content/pageview/565309

1803erscheinen die Kupfer und der Text wieder in der fanzösischen Ausgabe: Jean Gaspard Lavater, Essai sur la physiognomonie [sic] destiné à faire connaître l’homme et à le faire aimer, La Haye 1781–1803; Tome 4, pp. 315–324: Sur les lignes d'animalité.

Wenn Lavater von einer Probe seiner Evolutionstheorie spricht, so darf das nicht als Darwinismus avant la lettre verstanden werden. Im Hintergrund steht der Gedanke einer Stufenleiter der Lebewesen: Im Einleitungsgedicht zur den Animalitätslinien steht S. 103: Alles formt die Natur nach Einem großen Gesetze […]. | Alles, Alles hebt sich empor von Stufe zu Stufe, | Auf , vom bloßen Daseyn zum Leben, vom Leben zum Wollen; | Leicht erkennbar ist jeder Stufe Gepräg, und bestimmbar | Jeder Stufe nöthige Form […]. Lavater kannte das Werk von Charles Bonnet, hat es 1770 teilweise übesetzt. Dort liest man im Zweyten Theil, IX. Hauptstück unter dem Titel Unermeßliche Kette der Dinge (im frz. Text: Immensité de la Chaîne des Etres):

Zwischen der niedrigsten und der höchsten Stufe der körperlichen, oder geistischen Vollkommenheit sind unzähliche mittlere Stufen vorhanden. Aus der Reihe dieser Stufen besteht die allgemeine Kette. Sie vereinigt alle Wesen, verbindet alle Welten, und umgiebt alle Sphären […] Die Natur leidet keinen Sprung; alles geht in ihr stufenweise, und gleichsam durch Schattirungen. […] Es finden sich allemal zwischen zwo Klassen, oder zwischen zwey angränzenden Gschlechtern, einige mittlere Naturstücke, die weder zu einem, noch zum andern zu gehören, sondern sie nur zu verbinden scheinen. […] Der Affe hat vieles vom vierfüßigen Thiere und vom Menschen an sich. […] Die Leiter der Natur entsteht […] wenn man vom unvollkommeneren zum vollkommeneren geht.

Charles Bonnet, Contemplation de la nature, Amsterdam: Rey 1764. – Betrachtung über die Natur vom Herrn Karl Bonnet, … mit eigenen Anmerkungen hg. von Johann Daniel Titius, Leipzig: bey Johann Friedrich Junius 1766; 2. Auflage 1772.

Wieso verwendet Lavater als Ausgangspunkt nicht wie Camper den Affen? Eine Vermutung (von R.Stutz): Die Idee könnte von Ovid-Illustrationen herrühren. Die lykischen Bauern verwehren Latona Wasser zu trinken und werden in Frösche vewandelt. (Metamorphosen VI, 339–381) In den Illustrationen erscheinen die Verwandelten in verschiedenen Varianten: noch ganz als Mensch bis zu schon ganz Frosch.

Kupferstich von Antonio Tempesta, aus: Metamorphoseon sive transformationum Ovidianarum libri quindecim, aeneis formis ab Antonio Tempesta florentini incisi et in pictorum antiquistatisque studiosorum gratiam nunc primum exquisitissimis sumptibus a Petro de Iode Antverpiano in lucem editi Aº 1606. — Hat Lavater eine ähnliche Ovid-Illustration gekannt?

Grandville (1803–1847) macht sich einen Spaß daraus, vom Menschenantlitz zum Tierkopf hin und her umzuzeichnen; schließlich ist er der Zeichner von »Les Metamorphoses du Jour« (1829) und der Illustrator von »La Vie privée des Animaux« (1840). Schon 1843 erscheinen im im »Magasin pittoresque« zwei solche Verlaufsstudien: L’Homme descend vers la Brute (p.108) und L’Animal s’élève vers l’Homme (p. 109). Dann:

Magasin pittoresque 1844, p.272. > http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k31427z/f276.item

Die Reihe vom Menschengesicht zum Frosch (Lavater in der französischen Ausgabe: La Transition d’une tête de grenouille à celle de l’Apollon) ist eindeutig von Lavater inspiriert; die Winkel-Linien wohl von Camper. Das Bild wird begleitet von folgendem Text des Redaktors:

Le dessin … est un jeu de crayon bien connu, ingénieusement renouvelé par Grandville. Entre le profil d’une belle tête et celui du plus disgracieux de nos animaux aquatiques, il peut sembler d’abord qu’il n’y ait aucun rapport possible. Grandville comble la distance, en quelques minutes, au moyen d’une inclinaison de plus en plus sensible de la ligne qui doit toucher les points saillants de la charpente du visage. Il prétend qu’a l’aide du même procédé il ferait subir avec autant de facilité la même transformation aux plus belle de nos lectrices […].

Keinerlei anatomische oder philosophische Gedanken werden laut; es geht um ein jeu de crayon; auch ist der Frosch nicht Repräsentant abscheulicher Bestialität, sondern einfach ästhetisch hässlich (disgracieux).

Linley Sambourne (1844–1910) verwendet die Technik, um die Darwinistische Lehre zu karikieren. Hier fällt die Verlaufsreihe nun wirklich zusammen mit der Theorie des damit Karikierten: Regenwürmer als Ausgangspunkt und Darwin als Endpunkt der Evolution. Darwins Buch »The Formation of Vegetable Mould through the Action of Worms« war 1881 erschienen.

Karikatur von Linley Sambourne in »Punch« 1882 https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5b/Man_is_But_a_Worm.jpg

Zeitliche Abläufe:

Schon früh wurden dynamische Abläufe in Einzelphasen zerlegt und diese abgebildet. Ein Bedürfnis dafür waren die Anleitungen für das Tanzen und Fechtschulen. Es folgen Beispiele aus verschiedenen Wirklichkeitsbereichen.

Natur: Vogelflug. Étienne-Jules Marey (1830–1904) hatte eine Camera entwickelt, mit der er durch ein Uhrwerk im Verschlussmechanismus 12 Bilder pro Sekunde knipsen konnte; die lichtempfindliche Platte rotierte, so dass die Bilder je an einer anderen Stelle belichtet wurden. (Vgl. Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6., Auflage, Band 4 (1093), S.132.)

Quellenangabe: Pestalozzikalender 1946, S. 246 – nennt als Quelle Prof. Marey.

https://de.wikipedia.org/wiki/Eadweard_Muybridge

http://photographyhistory.blogspot.ch/2009/02/etienne-jules-marey-1830-1904-study-of.html

Technik: Viertaktmotor – Während die Chronofotografie à la Muybridge und Marey ein Verfahren ist, bei dem die Bilder nach einem mechanischen Intervall-Raster erzeugt werden, hat der Visualisierer beim Viertaktmotor markante Phasen herausgegriffen.

Quellenangabe: Brockhaus 15.Auflage, Band 19 (1934) Tafel Verbrennungsmotoren I (nach Seite 448)

Der Viertaktmotor wurde von Nicolaus August Otto zusammen mit Eugen Langen aus der Gasmaschine von Lenoir (1860) entwickelt und ab 1877 produziert. Auch andere Ingenieure hatten diese Idee um diese Zeit. Das Prinzip besteht darin, ein leichtenflammbares Gas in einem Zylinder zur Explosion zu bringen, das bei seiner Ausdehnung über einen Kolben eine Kurbel antreibt, und anschliessend den Rauch durch denselben Kolben wieder ausstoßen zu lassen. In dieser Takt leistet der Motor nichts.

Legende der Einzelteile in Brockhaus 1934: a Kolben – b Pleuelstange – c Kurbel – d Einlassventil – e Auslassventil – f Zündkerze – g Vergaser [nicht bezeichnet sind die Nockenwellen und Stoßstangen, die die Ventile öffnen und schließen]

Die vier Phasen [beachte die Pfeile an der Kurbel und am Kolben!]:

  • A Ansaugen des Brennstoff-Luft-Gemisches (Einlassventil d ist geöffnet)
  • B Komprimieren des angesaugten Gemisches (beide Ventile sind geschlossen)
  • C Explosion (Zündfunke springt an der Zündkerze f über, das Gasgemisch explodiert und treibt den Kolben nach unten)
  • D Ausschub des verbrannten Gasgemisches (Auslassventil e ist geöffnet)
  • [dann folgt wieder Phase A].

Geschichte: Territorialentwicklung während der Balkankriege

In einer Reihe von vier Landkarten werden die territorialen Änderungen im Zeitraum von 1856 bis 1923 dargestellt, wobei jeweils die Gebietsverteilung nach den Friedensschlüssen gezeigt wird: (1) 1856 nach dem Pariser Kongress; (2) 1878 nach dem Berliner Kongress; (3) 1913 nach den Balkankriegen 1912/13; (4) nach dem (ersten) Weltkrieg. – Deutlich wird schlagartig der Rückgang der türkischen Gebiete und das Erstarken der Nationalstaaten, insbesondere die Ausdehnung von ›Serbien‹, das Montenegro inkorporiert.

Quellenangabe: Der Große Herder. Nachschlagewerk für Wissen und Leben. 4. Auflage von Herders Konversationslexikon, Band I (1931) s.v. Balkankriege.

Narrative Abfolge (Plot)

Narrative Abläufe fiktionaler Art werden als Comic strip (französisch: bande dessinée) dargestellt. Hier ein Beispiel aus älterer Zeit: Hans Sachs, »Der Waldbruder mit dem Esel« (6. Mai 1531):

(Vorgeschichte ohne Bild) Ein Waldbruder erklärt seinem Sohn, dass sie im Wald leben, weil er seinerzeit der arglistigen, bösen Welt hierhin entflohen sei. Der Sohn möchte die Welt kennenlernen, und sie machen sich mit einem Esel auf den Weg.
(Bild 1) Ein Kriegsmann bemerkt, es sei dumm, den Esel nicht als Reittier zu benutzen, und der Sohn setzt sich darauf.
(Bild 2) Ein altes Weib rügt den Sohn, dass er nicht den alten Vater reiten lasse. Dieser setzt sich nun auf den Esel.
(Bild 3) Ein Bauer beschimpft den Vater, er lasse den Knaben im Koth gehen.
(Bild 4) Der Junge setzt sich auch auf den Esel; beide reiten.
(Bild 5) Ein Bettler schilt die beiden, sie wollten den Esel erdrücken; sie sitzen ab und tragen den Esel.
(Ohne Bild) Ein Edelmann bekrittelt, dass sie die Welt auf den Kopf stellen; da erschlagen sie den Esel, damit niemand mehr sie verspottet.
(Bild 6) Ein Jäger tadelt sie, ein toter Esel bringe keinen Nutzen.
(Ohne Bild) Vater und Sohn kehren in den Wald zurück. –
Moral: Der argen Welt thut niemand recht.

Quellenangabe: Hans Sachs im Gewande seiner Zeit, oder Gedichte dieses Meistersängers, in derselben Gestalt wie sie zuerst auf einzelne, mit Holzschnitten verzierte Bogen gedruckt, […], Gotha: Becker 1821.
Der Holzschnitt wird verschieden zugeschrieben: Erhard Schön oder Hans Leonhard Schäuffelein.
Text (in modernisierter Orthographie): http://gutenberg.spiegel.de/buch/-5219/37

Johann Peter Hebel kennt die Geschichte unter dem Titel »Seltsamer Spazierritt« im Schatzkästlein: http://gutenberg.spiegel.de/buch/johann-peter-hebel-schatzk-329/111

Mehrere Bildsphären:

Sebastian Brant lehrt 1494 im »Narrenschiff« (Kap. 32), eine Frau zu beaufsichtigen sei so erfolglos wie Flöhe hüten oder Wasser in einen Brunnen schütten.

Der Text enthält ein metaphorisches Element:

Der hüett der hewschreck an der sunn | Vnd schüttet wasser jn eyn brunn | Wer hüettet das syn frow blib frum [wie es sich gehört]

sowie ein dinghaftes: Leitt man eyn malschloß [Vorhängeschloss] schon dar für | Vnd bslüßt all rygel/ tor/ vnd tür | Vnd setzt jns huß der hüetter vil | So gatt es dennaht als es wil.

> http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_n032.html
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00036978/image_84

Das Bild vereinigt diese beiden Sphären:

Vorne ist ein Narr am Flöhe Hüten; ein anderer schüttet Wasser in den Brunnen (der dritte wäscht Ziegelsteine, wie aus der lat. Übersetzung von Jacob Locher hervorgeht).

Hinten guckt die Frau lachend aus dem Fenster des (verschlossenen) Hauses und sagt hüet fast (beaufsichtige stark!).

Alternative (richtig / falsch oder erlaubt / verboten):

Quellenangabe: Großer Brockhaus, 15. Auflage, Band 8 (1931), Tafel Heimtechnik. Bildlegende: Zweckmäßige Körperhaltung (9) Beim Waschen: a Zu niedrig stehendes Waschgefäß erfordert gebückte Haltung; anstrengende Arbeit; b richtige Höhe des Waschgefäßes erleichtert die Arbeit

Explanandum und Modell:

Modelle dienen dazu, ein wenig bekanntes System (das Explanandum) in vereinfachter Form zu präsentieren. Sie entstammen einer anderen Welt als das Explanandum. Durch die Parallelstellung werden die Analogien (›a funktioniert beim Explanandum ähnlich wie b beim Modell‹) deutlich:

Quelle: Der Große Herder. Nachschlagewerk für Wissen und Leben. 4. Auflage von Herders Konversationslexikon, Band 1 (1931), s.v. Auge

Legende: Vergleicht man das Auge mit einer Fotokamera, so entspricht der dioptrische Apparat dem Objektiv, die Netzhaut der lichtempfindlichen Platte. — Strahlengang in der photographischen Kamera und im Auge bei Ferneinstellung (ausgezogene Linien) und bei Naheinstellung (punktierte Linien).

Hilfsbild:

Der Karte von Emden im Maßstab 1:55’000 (Hafenanlagen) ist eine kleinere Karte im Maßstab 1:500’000 (Lageplan) beigegeben, die zeigt, wo diese Stadt in der weiteren Umgebung zu lokalisieren ist.

Quellenangabe: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Sechste Auflage, Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut; Band 5 (1908), s.v.

Objekt- / Meta-Ebene:

Statt in das zu erklärende Bild Zahlen oder Buchstaben zu setzen oder mit Pfeilen auf die Details zu verweisen – was bei detailreichen Bildern missverständlich sein kann –, kann man ein vereinfachtes Bild davon anfertigen, das die Beschriftungen enthält. Im Beispiel wird dieses Meta-Bild als halbtransparente Folie (Pergamentpapier) über das Objektbild gelegt:

Quellenangabe: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Sechste Auflage, Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut; Band 22 = Jahrssupplement 1909/1900, Tafel Waldboden I. (Ausschnitt)

Superimago und Subimagines:

Quellenangabe: Reverendiss. Dn. Guilielmi Peraldi, Ord. Praedicat. SS. Theol. Profess. Ac Episcopi Lugdunensis, Summae Virtutum Ac Vitiorum: Tomus Secundus. Hac Postrema Editione ... iuxta novas Concordantias Romanae correctionis, a mendis, & erroribus purgatae, […] Coloniae Agrippinae: Boetzerus 1614. Es handelt sich um das Titelbild der »Summa de vitiis« des Wilhelm Peraldus († 1271), das zeigt, welche Themen im Buch behandelt werden.

  • Das größere Medaillon in der Mitte oben zeigt den auferstehenden Christus als Überwinder der Sünden, diese sind repräsentiert im apokalyptischen Drachen [der eigentlich sieben Köpfe haben müsste; in der Apokalypse mehrfach geschildert: Apk. 12,3f.; 13,1–8; 17,1–18]; Inschrift: Vincenti dabo manna absconditum (Apc 2,17: Dem Siegenden werde ich vom verborgenen Manna geben).
  • Die 7 Medaillons darum herum zeigen die personifizierten Laster (Superbia, Avaritia, Luxuria, Ira, Gula, Invidia, Acedia). Einerseits veranschaulichen sie die von Christus überwundenen Laster im Detail; anderseits erinnern sie an die Kapitel, die im Buch abgehandelt werden.

Die Ausdrücke ›Superimago‹ und ›Subimago‹ verwendet Jörg Jochen Berns bei der Besprechung des Titelbilds der Äsopausgabe von Zainer in Ulm um 1476/1477 in seinem Buch Film vor dem Film. Bewegende und bewegliche Bilder als Mittel der Imaginationssteuerung in Mittelalter und Früher Neuzeit. Marburg: Jonas Verlag 2000. S.48–55.

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Dritter Fragekomplex: Kognitiver Mehrwert konkreter Fälle von Bildvielheit

Die Frage ist: Was leistet die Zusammenstellung von Einzelbildern in einer der genannten Gestalten mehr als die Präsentation der einzelnen Bilder, wenn sie etwa in einem Buch verstreut vorkämen? Welche Vorteile hat die eine oder andere Präsentationstechnik?

••• Eine Zusammengehörigkeit wird evoziert.

Jean Huber (1721–1786), »Le Souper des philosophes«, Eau-forte sur papier bleu (25 x 34 cm), Bibliothèque nationale de France. Digitalisat > http://expositions.bnf.fr/lumieres/grand/048.htm

Nach der Legende (unten auf dem Blatt) sind abgebildet: In der Mitte mit erhobener Hand Voltaire (1694–1778) – zu seiner Linken Denis Diderot (1713–1784) – am rechten Tischende mit dem Hut Le Père Adam [?] – dem Betrachter den Rücken zugewandt der Marquis de Condorcet (1743–1794) – zu seiner Linken im verlorenen Profil Jean le Rond d’Alembert (1717 – 1783) – am linken Tischende L’Abbé Mauri [?] – zur Rechten von Voltaire Jean-François de La Harpe (1739–1803)

Im späteren Ölgemälde »Un dîner de philosophes« 1772 oder 1773 (Voltaire Foundation, Oxford) sitzen zum Teil andere Personen beim Diner. — Ce dîner de philosophes n'a jamais existé ainsi.

Weitere Beispiele:

Das berühmteste Beispiel ist natürlich Raffaels »Schule von Athen« (1509/11), vgl. die Seite von Hans Zimmermann > http://12koerbe.de/pan/athen.htm {Zugriff 13.09.2016}

15 europäische Potentaten: Kaiser Maximilian I., König Ludwig XII. von Frankreich, der Doge von Venedig, ›der Eidgenosse‹ usw. um einen Tisch gruppiert beim Kartenspiel ›Der Flüss‹ spielen um die Macht, umgeben von Zuschauern. Flugblatt Zürich 1514; Wickiana Signatur PAS II 24/14 > Bruno Weber, Zeichen der Zeit. Aus den Schatzkammern der Zentralbibliothek Zürich, 2002, Nr. 21.

’t Licht is op den kandelar gestelt: Eine Reihe von Persönlichkeiten der Reformationszeit (Luther, Calvin u.a.) und der katholischen Opposition (der Papst, ein Kardinal, ein Mönch, der Teufel) sitzen an einem Tisch. Flugblatt aus Amsterdam ca. 1620/50. > Illustrierte Flugblätter aus den Jahrhunderten der Reformation und der Glaubenskämpfe. Herausgegeben von Wolfgang Harms. Bearbeitet von Beate Rattay. Kunstsammlungen der Veste Coburg 1983, Nr. 11.

Das Bild von Theobald von Oer mit Schiller – Herder – Wieland – Goethe in Weimar: https://de.wikipedia.org/wiki/Weimarer_Klassik#/media/File:Oer-Weimarer_Musenhof.jpg

Nadar (1820–1910) – meist als Photographie-Pionier und Luftschiffer bekannt – war auch Karikaturist. Seit 1851 arbeitete er an einem Museum berühmter Persönlichkeiten, die er zu einem »Panthéon« zusammenstellte; eine der vier Tafeln erschien als Lithographie. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nadar%27s_Pantheon,_1854.jpg

••• Ähnlichkeit wird erkennbar

Quellenangabe: Wolfgang Wickler: Mimikry. Nachahmung und Täuschung in der Natur, Kindler, München 1971, Taschenbuchausgabe S. 24/25.

Mimikry-Typ von Henry Bates. Die links abgebildete Hälfte des Schmetterlings zeigt jeweils die ungenießbare Art (Atrophanura) – die rechts abgebildete Hälfte die Gestalt der nachahmenden und sich so vor Fraßfeinden schützenden Art (Papilio memnon). Die beiden Bilder vergleichen zwei verschiedene Atrophanura-Arten mit zwei entsprechenden unterschiedlichen Nachahmungen bei Weibchen der Art Papilio memnon.

Die Visualisierung zeigt, was man in der Natur so nicht sehen kann, nämlich die morphologische Ähnlichkeit der beiden Arten, auf einen Blick. – Der nichtmimetische rote Strich verdeutlicht einerseits die bei der Betrachtung anzuwendende Zuordnung (Achsensymmetrie), anderseits die Konstruktivität des Bildes.

••• Feine Unterschiede werden erkennbar.

Zwecks besserer Vergleichbarkeit werden 4 Arten von Kartenprojektion in den vier Quadranten derselben projizierten Erdkugel dargestellt. Man erkennt am Äquator, wo die Verschiedenheiten bezüglich Längenkreisen liegen; am Nullmeridian erkennt man die Verschiedenheiten bezüglich Breitenkreis. (Bsp.: Der 45-Grad-Breitenkreis liegt bei der flächentreuen Projektion II höher, deshalb erscheint dort Grönland nicht so groß wie Afrika.)

Quellenangabe: Lueger, Lexikon der gesamten Technik, Band 5 s.v. Kartenprojektion, Fig. 7

Im Vergleich mit einer Darstellung, wo die verschiedenen Kartennetze nur nebeneinander gelegt sind (Diercke), macht die Visualisierung bei Lueger die Unterschiede besser erkennbar:

Quellenangabe: Diercke Weltatlas, Neubearbeitung 1974, Braunschweig: Westermann 1983; Kartennetzentwürfe (Fotografie PM)

••• Unterschiedliche Formationen eines Komplexes werden erkennbar.

Pierre Belon (1517–1564) beobachtete als erster Ähnlichkeiten im Grundbauplan (Homologie) des Skeletts der Wirbeltiere. In seinem Werk L’histoire de la nature des oyseaux, avec leurs descriptions, & naïfs portraicts retirez du naturel: escrite en sept livres, 1555 stellt er das Skelett eines Menschen demjenigen eines Vogels gegenüber : L’anatomie des ossements des oyseaux, conferee auec celle des animaux terrestres, & de l’homme. (Livre I, Chap. XII) Digitalisat: http://www.e-rara.ch/nev_r/content/pageview/1893505 (und die nächste Seite)

Meyers Großes Konversations-Lexikon, Sechste Auflage, Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut; Band 8 (1908), S.714 — http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Hand+%5B1%5D?hl=handskelette

Legende: Handskelette von Säugetieren. R Radius (Speiche), U Ulna (Elle), A-G, Cc, P Knochen des Carpus (Handwurzel); A Seaphoideum (Kahnbein), B Lunare (Mondbein), C Triquetrum (dreieckiges Bein), D Trapezium (großes vieleckiges Bein), E Trapezoides (kleines vieleckiges Bein), F Capitatum (Kopfbein), G Hamatum (Hakenbein), P Pisisorne (Erbsenbein), Cc Centrale carpi, M Metacarpus (Mittelhand). Die Zahlen 1–5 bezeichnen die Finger (1 Daumen, 5 kleiner Finger.)

••• Größenordnungen werden erkennbar. Eisenproduktion in einem Jahre: 48 Millionen Tonnen.

Quellenangabe: Pestalozzikalender 1914, S. 176

••• Der funktionale Zusammenhang kann ausgeblendet oder erkennbar gemacht werden. Im Bild aus dem Bilderduden sind die Instrumente freigestellt und als Bildhaufen präsentiert; die Streichinstrumente sind perspektivisch dargestellt und einige Detailansichten sind beigegeben. In Knaurs Lexikon sind sie so angeordnet, wie sie im Konzertsaal placiert sind; das bedingt, dass die Streichinstrumente nur in Frontalansicht gezeigt werden können.

Quellenangabe: Der Große Duden. Bildwörterbuch der deutschen Sprache … hg. Otto Basler, Leipzig: Bibliographisches Institut 1935; Tafel 174.

Quellenangabe: Knaurs Konversationslexikon A–Z, hg. Richard Friedenthal, Berlin 1932. [in 1 Bd., © 1931]

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Online seit Februar 2016; Update: 2. Juli 2016 P.M.

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