Simultan gezeigte Szenen, Bildebenen, Logiken

     
 

Dies ist ein Unterkapitel zum Kapitel über Bildvielheit

••• Vor allem im 16. Jahrhundert werden bei der Visualisierung von narrativen Texten aufeinanderfolgende Szenen simultan in einem einzigen Bild dargestellt.

So werden Handlungszusammenhänge nicht zerrissen, sondern als zwingende Folge dargestellt.

Interessant ist, welche narrativen Texte so illustriert werden und welche nicht (z.B. historische Texte wie Chroniken, die in früherer Zeit annalistisch angelegt waren und weniger Geschehenszusammenhänge schilderten). Auch in wissenschaftlichen Illustrationen kommen solche Bilder vor; vgl. hier unten.

••• Es gibt auch den Fall, wo nebeneinander präsentierte Bild-Elemente aus verschiedenen Sphären / Welten stammen.

••• Ein Spezialfall sind Bilder, die auf derselben optischen Ebene Dinge visualisieren, die im Text auf zwei verschiedenen ("heterodiegetischen") Ebenen angeordnet sind: die Geschichte, in der ein Erzähler vorkommt – eine "metadiegetische" Geschichte, die er erzählt.

••• Die Verfahren kommen auch in Kombination vor.

••• Weitere verwandte Beispiele im Kapitel Prozessdiagramme.

••• Im ›Comic strip‹ / in der ›Bande dessinée‹ sind die Szenen durch Bilderrahmen voneinander getrennt, also nicht simultan dargestellt.

Literaturhinweis: Jörg Jochen Berns, Film vor dem Film. Bewegende und bewegliche Bilder als Mittel der Imaginationssteuerung in Mittelalter und Früher Neuzeit. Marburg: Jonas Verlag 2000.

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Hier zur Unterscheidung die Technik des Comic Strip (Bande dessinée): Die Phasen des Geschehens sind Szene-für-Szene hintereinander dargestellt:

Aus »Vater und Sohn« des genialen Erich Ohser (1903–1944; Künstlername e.o.plauen); hier aus einer Ausgabe München: Südverlag 1952.

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Fabel von der Königswahl der Frösche

Der Staat der Frösche, die gleichberechtigt nebeneinander leben, verwildert ob ihrer Zügellosigkeit. Sie bitten Zeus um einen König. Dieser wirft einen Balken in den Teich. Nach dem ersten Schrecken herrscht Ruhe. Dann werden die Frösche aber wieder aufmüpfig und bitten Zeus um einen besseren König. Er schickt ihnen die Wasserschlange bzw. den Storch, die/der ihnen den Garaus macht.

Heinrich Steinhöwel, Das buch des hochberemten fabeltichters Esopi mit seinen figuren, Augsburg 1491.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00024871/image_89

Die beiden aufeinanderfolgenden Szenen werden im Bild nebeneinander gezeigt.

Die Handschrift von Ulrich Boners »Edelstein« (um 1350), Cod. Pal. germ. 794 (um 1410/1420) zeigt zwei einzelne Bilder zu dieser Fabel (Fol. 8v / 9r)
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg794

Fabel von der Königswahl der Frösche (AaTh 277; Perry Aesopica 44) Phaedrus, Liber Fabularum, lat. und dt., hg. und erläutert von Otto Schönberger, Stuttgart 1975 (Reclams UB 1144-46), Nr. I,2.

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Romulus und Remus

Livius berichtet in seiner Chronik »Ab urbe condita« von den Zwillingen Romulus und Remus, dass sie eine Stadt gründeten und erbauten. Weil Remus seinen Bruder wegen eines Befestigungsgrabens, den er überspringen kann, verspottete, wurde er vom erzürnten Romulus erschlagen.

Der Verleger der deutschen Livius-Ausgabe 1557 stellt verschiedene Holzschnitte zu einem zusammen: oben einen zum Thema Städtebau; unten rechts die Szene eines Totschlags.

Unten links: Im lat. Text sagt Romulus nach dem Totschlag: So geschehe es in Zukunft jedem, der meine Mauern überspringt! (ab urbe condita I, vii, 2: Sic deinde, quicumque alius transiliet moenia mea.) — In der deutschen Bearbeitung wird daraus ein Weiser, der eine andere Moral von der Geschicht verkündigt: Dabey uns am ersten zuverstehen geben würt/ das ein yegklich Reich nit wol ein ebengenossen erleiden mag.

Titi Liuij deß aller Redsprechsten vnd Hochberhümptesten Geschichtschreibers/ Rhömische Historien/ jetzund mit gantzem fleiß besichtigt/ gebessert vnd gemehret […]. Getruckt in der Churfürstlichen Statt Meyntz/ druch Junis Schöffers seligen Ereben im Jare M.D.L.VII.

Mehr zu den deutschen Livius-Ausgaben hier

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Kain und Abel

Genesis 4,1–24: (hinten links im Bild:) Der Ackerbauer Kain (angeschrieben mit CAIM) opfert Gott Früchte, sein Bruder Abel, der Hirt, opfert Schafe. Darauf (mitte-rechts im Bild) erschlägt Kain Abel. (Oben:) Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist Abel, dein Bruder? (ganz rechts): Kain zieht fort.

Schönsperger-Bibel 1490
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00026206/image_27

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Abraham und Isaak

Genesis 22 berichtet von der Erprobung Abrahams, der auf Geheiß Gottes seinen einzigen Sohn Isaak opfern soll.

(rechts zu Vers 6) Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf.

(links) Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. … 11 Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel her zu und sagte: […] 12 Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide!

Aus der Schedelschen Weltchronik, Nürnberg 1493, Fol. XXII verso
> https://de.wikisource.org/wiki/Die_Schedelsche_Weltchronik_%28deutsch%29:023

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Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies

Genesis 3, Vers 6 und 23/24 (hier in der Luther-Übersetzung 1545)

VND das Weib schawet an / das von dem Bawm gut zu essen were / vnd lieblich anzusehen / das ein lüstiger Bawm were / weil er klug mechte / Vnd nam von der Frucht / vnd ass / vnd gab jrem Man auch da von / Vnd er ass.

DA lies jn Gott der HERR aus dem garten Eden / das er das Feld bawet / da von er genomen ist / Vnd treib Adam aus / vnd lagert fur den garten Eden den Cherubim mit einem blossen hawenden Schwert / zu bewaren den weg zu dem Bawm des Lebens.

aus der Bibel Cöln: Heinrich Quentell oder Bartholomäus von Unkel, ca. 1478.

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Isebel

Hier handelt es sich nicht nur um zwei narrativ aufeinander folgende Szenen, sondern sogar um zwei Geschichten in unterschiedlichen Quellen:

Isebel war die Ehefrau Ahabs, des Königs von Israel, eine Götzendienerin, die ihren Mann dazu aufstachelte, Böses gegen den Herrn zu tun. ... Als Ahab den Weinberg verlangte, den Nabot ihm zu verkaufen verweigerte, sorgte Isebel dafür, dass Nabot fälschlicherweise angeklagt und zu Tod gesteinigt wurde. Danach sagte sie ihrem Mann, er solle hingehen und sich den Weinberg aneignen. Der Prophet Elia sagt über Isebel voraus: ›Die Hunde sollen Isebel an der Vormauer von Jisreel fressen‹. (1. Kön 21,5–29).

Als Jehu in die Stadt Jisreel kam, schaute Isebel – mit geschminktem Gesicht und geschmücktem Kopf – aus einem Fenster und verhöhnte ihn. Auf Jehus Frage hin, wer zu ihm halte, schauten drei Hofbeamte heraus. Er befahl, sie herunterzuwerfen. [oben im Bild] Sie warfen sie herunter, und ihr Blut spritzte an die Wand, und die Pferde zertraten sie. Als Jehu ihnen befahl, sie zu begraben, fanden sie nur noch ihren Schädel, ihre Füße und Hände [unten im Bild samt den sie auffressenden Hunden – aus der andren Bibelstelle!]. (2. Kön 9,7–37).

Holzschnitt von Virgil Solis (1514–1562), Biblische Figuren deß Alten Testaments, Franckfurt am Mayn, 1562. (zu II. Reg. IX) hier aus der Luther-Bibel, Ulm: Balthasar Kühn 1659.

1562 > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00086375/image_78

1560 > https://digital.blb-karlsruhe.de/blbihd/Reformationsdrucke/content/pageview/3378745

1580 > https://www.dilibri.de/rlbdfg/content/pageview/622893

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Tobias

Im (apokryphen) Buch Tobit (Vg. Liber Tobiae) wird erzählt: Tobit ist vom Kot von Vögeln, der ihm in die Augen gefallen ist, erblindet. (Tob 2,10f.) – Sein Sohn Tobias wird auf einer Reise vom Engel Rafaël begleitet. Auf dem Weg fängt Tobias einen Fisch, den er auf Anraten des Engels ausnimmt (Szene rechts in der Landschaft). Tobias heilt zuhause dann mit der Fischgalle die Blindheit des Vaters (Szene rechts im Haus).

Neuwe biblische Figuren des Alten und Neuwen Testaments/ Geordnet und gestellt durch den fürtrefflichen vnd Kunstreichen Johann Bockspergern [† 1561] von Saltzburg/ den jüngern/ vnd nachgerissen mit sonderm fleiß durch den Kunstverstendigen vnd wolerfahrnen Joß Ammann [1539–1591] von Zürych. Allen Künstlern/ als Malern/ Goltschmiden/ Bildhauern/ Steinmetzen/ Schreinern/ &c. fast dienstlich vnd nützlich. – Getruckt zu Franvkfurt am Mayn durch Georg Raben/ Sigmund Feyerabend vnd Weygand Hanen Erben M.D.L.XV.
Digitalisat bei der BNF > https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b105511026.item

Hinweise zum Text:
https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/Tobitbuch
http://www.joerg-sieger.de/einleit/spez/06lehr/spez80.htm

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Jonas im großen Fisch

Jona(s) wird auf der Schiffsreise von den Seeleuten angeklagt, einen Sturm entfacht zu haben. Er schlägt vor, sich ins Meer werfen zu lassen. Das geschieht, und der Sturm hört auf. Jonas wird von einem großen Fisch verschlungen und nach drei Tagen ans Land ausgespien.

Matthäus Merian (1593–1650) zeigt beide Szenen simultan:

Icones biblicæ præcipuas sacræ scripturæ historias eleganter & graphice repræsentantes. Biblische Figuren/ darinnen die Fürnembsten Historien/ in Heiliger und Göttlicher Schrifft begriffen/ Gründtlich und Geschichtsmessig entworffen/ zu Nutz und Belustigung Gottsförchtiger und Kunstverständiger Personen artig vorgebilget [sic] / an Tag gegeben durch Matthaeum Merian von Basel — Band 3 : Franckfurt am Mayn/ bey Erasmo Kempffern MDCXXVII.

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Arion

Gesta Romanorum, Hundertundachtundvierzigstes Capitel:

Aulus Gellius erzählt vom Arion, daß dieser Mann, welcher sehr reich war und aus seinem Lande in ein anderes übersetzen wollte, ein Schiff mietete. Allein die Schiffer wollten ihn seines Geldes wegen umbringen , er erlangte jedoch von ihnen, daß er den Delphinen zu Ehren, welche sich am Gesange des Menschen ergötzen, ein Lied anstimmen durfte. Als man ihn aber nachher in's Meer warf, da fing ihn ein Delphin auf und trug ihn an's Land, und während ihn die Schiffer für todt hielten, verklagte er sie zu Lande bei ihrem Könige, worauf sie vor denselben gebracht, überführt und verurtheilt wurden.

Gesta Romanorum, übers. Johann Georg Theodor Gräße, Leipzig 1905.
> http://www.zeno.org/nid/2000780993X

Weitere, antike Stellen (ausführlicher) : Herodot, Historien I,23f. — Aulus Gellius, Noctes Atticae XVI,19. — Hygin, Fabulae 149.

• Beispiel einer Illustration mit beiden Szenen simultan:

Mikrokosmos = Parvus Mundus. Frankfurt a.M.: Lucas Jennis, 1618. Emblem Nr. 64
Vgl. die Ausgabe 1579 > https://www2.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/mikro/seite69.html

• Im Emblembuch von Alciato sind die Geizigen Thema; deshalb ist die Szene, wo Arion vom Schiff geworfen wird, im Vordergrund, während die Rettung durch den Delphin zurücktritt:

Clarissimi viri D. Andreae Alciati Emblematum libellus Parisiis: Wechel 1542. [mit der deutschen Übersetzung von Wolfgang Hunger]
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10206910-6

• Das Motiv ohne Doppelung der beiden Szenen in: Esopi appologi sive mythologi: cum quibusdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant, Basel: Jacob <Wolff> von Pfortzheim, 1501.
> https://www2.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/esop/seite367.html

• Beim Petrarcameister hat Arion verschiedene Kopfbedeckungen und spielt auf verschiedenen Instrumenten: Von der Arzney bayder Glück, des guten und widerwertigen, Augsburg, 1532. 1.Buch, Kap.23 = Fol. XXVII verso
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084729/image_84

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St. Gallus in der Legende

Walahfrid Strabo († 849) schreibt in der Vita des heiligen Gallus (Kap. 11): Gallus und ein Gefährte [Hiltibold] kamen zur Steinach, einem kleinen Fluss, wo Gallus sich niederlassen will. Sie fangen dort Fische, braten sie am Feuer und essen sie. Nachts – Gallus betet, während Hiltibold schläft – kommt ein Bär vom Berg herab und frisst die Essensreste auf. Gallus sagt zu dem wilden Tier: »Bestie, ich befehle dir im Namen des Herrn: Hole ein Stück Holz und lege es ins Feuer.« Der Bär gehorcht. Gallus gibt ihm daraufhin aus seiner Tasche einen Laib Brot und heisst ihn, das Tal zu verlassen und auf den umliegenden Hügeln zu leben, ohne Vieh und Menschen zu schaden.

Elfenbeintafel des Tuotilo; Rückendeckel des Codex Sangallensis 53 (um 895).
> http://www.e-codices.unifr.ch/en/csg/0053/bindingC

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Metamorphosen

Ovid beschreibt in den Metamorphosen I, Verse 438ff. dies:

Nach der großen Flut säen Deucalion und Pyrrha Steine, aus denen ein neues Menschengeschlecht wird. Aus Feuchte und Wärme der Erde entstehen unzählige Arten von Lebewesen, darunter auch die Schlange Python, die von Apollon getötet wird.

Wie Apollo den Cupido einen Bogen spannen sieht, prahlt er mit dieser Tat. Cupido wettet, dass sein Pfeil sogar den Apollo besiege. Er erörtert die Wirkung der beiden Pfeile mit der goldenen (die Liebe entzündenden) und der bleiernen (die Liebe verscheuchenden) Spitze und verschießt sie auf Apollo und Daphne.

Apollo sieht Daphne und ist sofort von der Liebe zu ihr ergriffen.

Daphne enteilt, in der Flucht erscheint sie noch anmutiger, Apoll wird dadurch noch mehr angetrieben, sie zu verfolgen. Die Nymphe bittet ihren Vater, den Flussgott Penëus, sie zu verwandeln. Sofort findet die Metamorphose zum Lorbeerbaum statt. Apoll umschmiegt den Baum und gelobt, dass er ihm geweiht sein soll als Ehrenzeichen der Helden und Dichter.

P. Ouidij Nasonis deß aller sinnreichsten Poeten Metamorphosis/ Das ist von der wunderbarlichen Verenderung der Gestalten der Menschen/ Thier vnd anderer Creaturen [Übersetzung von Jörg Wickram] Meintz: Ivo Schöffer 1545 [EA 1541]
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10139926-7

Unten der erlegte Drache Python — in der Mitte Apoll, der ihn erlegt hat — links außen der die Wette vorschlagende Cupido — oben am Himmel Cupido, der den goldenen Pfeil auf Apoll schießt — rechts die sich in den Lorbeerbaum verwandelnde Nymphe Daphne, nach der/dem Apoll greift.

Ovid, Geschichte von Philemon und Baucis, »Metamorphosen« VIII, Verse 618 – 725.

Jupiter und Hermes besuchen eine Stadt; niemand gewährt ihnen Obdach. Einzig ein altes Ehepaar – Philemon (›der Liebende‹) und Baucis (›die Zärtliche‹) – bewirtet die Wanderer freundlich in ihrer ärmlichen Hütte. Die beiden erahnen am sich stets neu füllenden Weinkrug, dass ihre Gäste Götter sind und wollen ihnen ein Opfer darbringen; ihre einzige Gans. Das wehren die Götter aber ab.

Die Götter wollen die üblen Nachbarn strafen und das gastfreundliche Paar belohnen. Sie begleiten die beiden auf eine Anhöhe zu einem Tempel, während die ganze sonstige Gegend im Sumpf versinkt.

Philemon und Baucis wünschen sich, dort Priester zu werden. Die Götter verwandeln sie am Ende des Lebens in Bäume.

Ovidius Naso, Publius: Metamorphoses D'Ovide : Traduites en Prose Françoise, et de nouueau soigneusement reueuës, corrigees en infinis endroits, et enrichies de figures à chacune fable. … Paris: Langelier Veuve 1619.
> http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=drucke/lh-2f-16-1&distype=start&pvID=start

Metamorphoseon Ovidianarum typi aliquot artificiosissimè delineati, ac... editi per Crispianum Passaeum, [o. O.] 1602
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k15218623/f171.item

Mit abgeschnittenem Text wieder abgedruckt in: Les Metamorphoses d’Ovide. De nouueau traduites en françois, Et enrichies de figures chacune seolon son subiect. Avec XV. Discours, Conenans l’Explication morale des fables. A Paris Chez la veufe M. Guillemot... 1622.

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Sammeldarstellungen zu antiken Texten

In der antiken Literatur gibt es verschiedene Aufstellungen der heroischen Taten von Herakles/Hercules – Gustav Schwab und die Wikipedia vereinfachen dies sträflich. (Präziser bei: https://de.wikisource.org/wiki/RE:Herakles)

Boethius († 524) erwähnt in der »Consolatio Philosophiae« (Lib. IV, metr. 7) die Arbeiten des Hercules in folgendem Zusammenhang: Die personifizierte Philosophie erklärt dem im Gefängnis seine Hinrichtung erwartenden Boethius, dass das Wort Tugend (virtus) von Kraft (vires) herkomme, weil sie von Widerwärtigem nicht besiegt werden könne. Sowohl für den Weisen wie für den Helden bedeuten Schwierigkeiten Anregungen.

Boetius de Philosophico consolatu siue de consolatione philosophiae: cum figuris ornatissimis nouiter expolitus, Argentinae: Grüninger 1501.

Die Stelle im Gedicht beginnt mit Herculem duri celebrant labores (Lat. Text hier; deutsche Übersetzung hier bei Wer nicht kennt des Herkules Heldenthaten?)

Boethius kennt 12 Arbeiten; es wäre reizvoll herauszufinden, welche der Illustrator herausgegriffen und auf der Bildfläche verteilt hat …

In vielen illustrierten Ausgaben von Ovids »Metamorphosen« ist jedem ›Buch‹ ein einziges ›Wimmelbild‹ beigegeben, hier als Beispiel nochmals die Taten des Hercules, die Ovid im 9.Buch, Verse 182ff. einstreut:

Ovid's Metamorphosis, Englished, Mythologiz'd, And Represented in Figures. Imprinted at Oxford By Iohn Lichfield., An Dom. 1632.
Franz Klein (Zeichner); Salomon Savrij (Radierer)
> https://archive.org/details/ovidsmetamorphos00ovid_0/page/n17

Auswahl von Szenen:
rot: H. fängt den kretischen Stier für Eurystheus
grün: H. im Kampf mit Achelous
blau: H. hebt den Riesen Antaeus in die Höhe, so dass dieser keine Kraft mehr von seiner Mutter Gaia (Erde) bekommt
gelb: der Kentaur Nessus versucht, Deïaneira zu entführen, wird aber von H. mit einem Pfeil getroffen*
orange: H. wirft Lichas, den Überbringer des tödlichen Nessus-Hemds, von einem Felsen*
hellblau: H. fährt auf einer Quadriga zum Himmel auf*

*) Diese Szenen hat Ovid zu den "12 Taten des Hercules" (im engeren Sinne) hinzugefügt.

Ausführliche Bildbeschreibung bei: Gerlinde Huber-Rebenich / Sabine Lütkemeyer/ Hermann Walter, Ikonographisches Repertorium zu den Metamorphosen des Ovid, Berlin: Mann; Band 2: Sammeldarstellungen 2004; S. 122.

Auch die Gesänge von Vergils »Aeneis« werden mit solchen Bildern eingeleitet. Hier dasjenige zum 6. Buch (Unterweltsfahrt des Aeneas):

Virgilii Maronis zwölff Bücher. item das Buch Maphei, von dem Thewren Helden Aenea, ... ; mit Fleis corrigiret und schönen Figuren gezieret. Jetzund von neuem widerumb ubersehen. Leipzig / Jena 1606.

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Exodus

Solche Bilder gibt es selten auch in Bibeln. Hier ein ›Sammelbild‹ zum 2. Buch Moses aus einer Bibel Frankfurt: Balthasar Weydt 1702.

Die Szenen sind geschickt in die Landschaft komponiert, beispielsweise:

vorne links: die Auffindung des Moses am Ufer des Nils (Kap. 2)
vorne rechts: Moses vor dem brennenden Dornbusch (Kap. 3)
links, oberes Drittel: Moses streckt die Arme auf dem Hügel aus (Kap. 17)
rechts, oberes Viertel: Tanz um das goldene Kalb (Kap. 32)
zuoberst: Durchzug durchs Rote Meer (Kap. 14)

aus: Philipp Schmidt, Die Illustration der Lutherbibel, 1522–1700, ein Stück abendländische Kultur- und Kirchengeschichte. Mit Verzeichnissen der Bibeln, Bilder und Künstler, Basel: Reinhardt 1962. (2019 noch kein Original oder Digitalisat gefunden)

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Novelle

Boccaccio (1313–1375) erzählt in »De claris mulieribus« (1361/1362) im 72. Kapitel: Nach dem Sieg des römischen Heers über die Gallograeci wurde auch die Gattin des Königs Drigiagon gefangengenommen. Als aber der gefangenen haubtmann die schöne vnd plüende jugent der Künigin vermerckt/ ward er in vnordenlich liebe entzündet, so dass er sie notzüchtigt. Die Frau sinnt auf Rache, und wie der Freikauf der Gefangenen geschieht, ordnet sie an, dass der Täter geköpft werden soll. Das geschieht, und wie sie ihrem Mann wieder begegnet, erzählt sie von ihrer Schmach und wirft ihm das abgeschlagene Haupt vor die Füße.

De mulieribus claris, Ulm: Zainer 1473.
Das kolorierte Bild auf > www.kultur-pool.at
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ib00716000

Ein Schöne Cronica oder Hystori bůch / von den fürnämlichsten Weybern so von Adams Zeyten an geweszt […] Erstlich Durch Joannem Boccatium in Latein beschriben / Nachmaln durch Doctorem Henricum Steinhöwel in das Teütsch gebracht […] Mit schönen Figuren durch auß geziert / Gantz nutzlich / lustig vnd kurtweilig zů lesen. Gedruckt zu Augspurg / durch Hainrich Stayner / anno M.D.XXXXIII; Fol. LXI verso; im Gegensatz zum Zainer-Druck von rechts nach links zu lesen.

Literaturhinweise:

Kristina Domanski, Lesarten des Ruhms. Johann Zainers Holzschnittillustrationen zu Giovanni Boccaccios "De mulieribus claris", Köln/Weimar: Böhlau 2007 (ATLAS. Bonner Beiträge Zur Kunstgeschichte, Bd. 2).

Irena Dubois-Reymond / Wolfgang Augustyn, "Frauen, berühmte (Giovanni Boccaccio"), in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. X (2010), Sp. 641–656; > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=81621

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Henry VIII.

Eine üble Illustration enthält das Geschichtswerk von Johann Ludwig Gottfried (1584–1633). Im Vordergrund wird am 19. Mai 1536 Anne Boleyn enthauptet; im Hintergrund heiratet König Heinrich VIII. einen Tag später Jane Seymour.

Johann Ludwig Gottfried, Historische Chronica oder Beschreibung der führnembsten Geschichten […], Franckfurt: Merian 1657, S. 759.

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Dante zu Beginn des Weges

Dante (angeschrieben mit Banderolen, Tituli) erscheint drei Mal im selben Bild. Die Szenen beziehen sich auf Textteile des Canto primo des Inferno.

  • Hinten links befindet sich Dante im dunklen Wald (mi ritrovai per una selva oscura);
  • vorne links sitzt er hoffnungslos (io perdei la speranza) in der Haltung des Melancholikers auf einen Stein gelehnt;
  • rechts wird er von drei Tieren (una lonza, un leone, una lupa) angegriffen und begegnet Vergil (Virgilio), der ihn dann emporführen wird.

Opere del divino poeta Danthe, con suoi comento recorrecti et con ogne diligentia novamente in littera cursiva impressa [Kommentator Christophorus Landinus], Venetia: Bernardino Stagnino 1512.
> http://www.ub.uni-koeln.de/cdm/ref/collection/dante/id/273536

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Phasen mit Bewertungen

Die Lebensphasen von Napoleon sind in prägnanten Phasen gezeichnet: Corsischer Knabe – Militair Schüler – Lieutenant – General – Consul – Kaiser – Abschied aus Spanien – Schlittenfahrt aus Moskau – Lebewohl aus Deutschland – Ende. Das jeweilige "soziale Kapital" ist für jede Phase durch die Höhe der Treppe visualisiert.

Napoleons Stuffenjahre. Anonyme, handkolorierte Radierung (Privatbesitz); insofern Napoelon unten in Elba melancholisch gezeigt wird, lässt sich das Bild datieren: dort weilte er vom April 1814 bis 1. März 1815. — Es gibt viele solche Darstellungen.

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Tun-Ergehn-Zusammenhang

Der Begriff stammt aus der Bibelwissenschaft, vgl. den Artikel hier.

Erstes Beispiel

Die Bestrafungs- bzw. Hinrichtungsinstrumente, die den Übeltätern bevorstehen, sind über ihren Häuptern gezeichnet, ähnlich wie die Helmzimier bei turnierenden Rittern. Die eine Sphäre: in der Gegenwart, wüstes Tun an der Tafel – die andere Sphäre: in der Zukunft, üble Folgen.

Johann von Schwarzenberg, Bambergische Peinliche Halsgerichtsordnung, Bamberg: Hans Pfeil 1507.
> http://www.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/bambi/seite32.html

Von links nach rechts: Der Säufer wird [einen Mord begehen und dann] gerädert werden – die beiden Kartenspieler werden [in Streit geraten und dann] am Galgen / an einem Baum gehenkt werden – dem Dritten droht [weswegen? Schwurgeste?] das Richtschwert – dem mit der Dame Schäkernden droht das Einschließen in den Block (eine Ehrenstrafe).

Zur Inscriptio: vertan < vertun = verschwenden; argkwenig = suspekt, verdächtig; streflich = poena dignus; streflich sein = straffällig werden; zw vbel = Übel hier als Schlechtigkeit, Bosheit.

Auf dem Kopf der flirtenden Dame rechts sitzt ein einflüsterndes Teufelchen; das ist eine andere Darstellungsform; vgl. das Bild im »Großen Seelentrost« 1483; Das Cxxvi. blat hier.

Literaturhinweis: Wolfgang Schild, Die Geschichte der Gerichtsbarkeit. Vom Gottesurteil bis zum Beginn der modernen Rechtsprechung, Hamburg 1997.

Zweites Beispiel

Drei Männer spielen 1553 in Willisau bei Luzern Karten. Der erste schwört fräfentlich unverholen: »Verlür ich das spyl, so wolt ich Gott erstechen.« Er verliert, zückt seinen Dolch und wirft ihn nach oben; der verschwindet, und es fallen fünf Blutstropfen auf den Tisch; dann wird er vor den Augen der Mitspieler vom Teufel geholt. Die beiden andern können das Blut in einem Bach nicht vom Tisch abwaschen. Die durch das teuflische Getöse aufmerksam gewordenen Stadtbewohner wollen sie ins Gefängnis abführen. Auf dem Weg wird der eine der Spieler von Läusen angefallen, die ihn auffressen. Der dritte wird geköpft.

Der in den Wickiana (Signatur: PAS II 2/27) überlieferte Holzschnitt zeigt die Todesarten der drei Spieler:

Ein Wunderbarlich gantz Warhafft Geschicht/ so geschehen ist in dem Schwytzerland/ bey der Statt Willisow … von dryn gesellen de miteinanderen gespylt haben … , Strassburg [s.n.], im Jar 1553.
> gemeinfrei hier

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Simultanbild in wissenschaftlichen Illustrationen

Die simultan dargestellten, aufeinander folgenden Phasen gehören hier nicht einer (mehr oder weniger poetischen) Erzählung an.

Erstes Beispiel

Die aufeinander folgenden Stellungen der Fechter werden simultan dargestellt:

[Tafelband zum] Universal-Lexicon der Gegenwart und Vergangenheit oder neuestes encyclopädisches Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe. Bearbeitet von mehr als 220 Gelehrten. Hrsg. von Heinrich A. Pierer. Altenburg: Pierer [= sog. 3. Ausgabe]; 1840–46; 1848.

Solche Darstellungen sind schon im 17.Jahrhundert für Unterrichtszwecke gängig, vgl. etwa:

Hans Conrad Lavater [1609–1703], Kriegs-Büchlein: das ist Grundtliche Anleitung zum Kriegswesen […] Getruckt zu Zürich bey Johann Jacob Bodmern, in Verlegung des Authors 1644.
Dritter Theil/ Von übung allerley Wehr und Waffen. Das exercitium mit der Musqueten vnd Gablen zugleich.
> https://www.e-rara.ch/zuz/ch17/content/pageview/2891198

Zweites Beispiel

Étienne-Jules Marey (1830–1904) hatte eine Camera entwickelt, mit der er durch ein Uhrwerk im Verschlussmechanismus 12 Bilder pro Sekunde knipsen konnte. Einige dieser Studien stellte er in Einzelbildern nebeneinander zusammen, bei anderen überlagerte er die Phasen und stellte sie in einem einzigen Bild dar.

Hier die Darstellung eines laufenden Menschen, der schwarz gekleidet und dessen Arme und Beine mit weißen Streifen markiert wurden:

Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1906, S. 131–132.
> http://www.zeno.org/nid/20006426689

Hier der Flug einer Möwe in einer Umzeichnung:

Pestalozzikalender 1946, S. 246

Ein anderer Photograph, der dieselbe Technik entwickelte, war der Engländer Eadweard Muybridge (1830–1904), von dem viele Aufnahmen im WWWeb zu finden sind (nicht nur sich bewegende Pferde und Elefanten …).

Marcel Duchamp hat sich für sein Bild »Nu descendant un Escalier« (1912) sicherlich von solchen Photographien anregen lassen.

Drittes Beispiel: Durchzug eines Kometen 1556

Der Comet im Mertzen des Lvj. Jars zů Wienn in Osterreich erschinen

Zentralbibliothek Zürich, Wickiana PAS II 2/16
> https://www.e-manuscripta.ch/zuzneb/content/titleinfo/2725253

 

Viertes Beispiel: Gegenwart und Zukunft überlagert

10./11. Mai 1861 brannte ein großer Teil von Glarus ab. Die beiden Architekten Johann Kaspar Wolff und Bernhard Simon legten bereits nach wenigen Wochen ihre Planung vor, deren Basis ein Schachbrettmuster nach dem Vorbild von New York oder La Chaux-de-Fonds (1794) war. Auf dem Plan sind die neuen Häuserblocks in anderer Farbe dem alten Grundriss überlagert.

Plan des alten und neuen Glarus, gedruckt in der Topographischen Anstalt von J. Wurster und Comp. in Winterthur 1861.
> http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-34597

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Vgl. auch das Unterkapitel zu den Bildern in Sprechblasen

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Erzähler und Erzähltes simultan

Erstes Beispiel

Die als Kapitel-Anfänge dienenden Bilder im »{H}ortus Sanitatis« (Mainz: Jacob Meydenbach 1491) sind so organisiert: Gelehrte disputieren miteinander über den Gegenstand, der jetzt dann behandelt wird. (Streng genommen sind es nicht Erzähler und Erzähltes, aber die Zusammen-Schau von zwei Ebenen ist logisch ebenso geartet.)

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00027846/image_501

Zweites Beispiel

Das Titelbild der Aesop-Ausgabe Esopi appologi sive mythologi cum quibusdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant, [Basel: Phortzheim 1501] zeigt den Fabelerzähler (Aesop wird in seiner fiktiven Vita als missgestaltig geschildert) sowie Pictogramme, die auf die von ihm erzählten Fabeln verweisen:

> https://www.e-rara.ch/bau_1/content/pageview/1722250

Diese Technik ist in Aesop-Ausgaben beliebt. Während der Holzschnitt des frühen 16. Jh. die Ebenen darstellerisch trennt, befindet sich im 17.Jh. der Dichter gleichsam mitten unter den Tieren seiner Texte:

Frontispiz von Sir Roger L'Estrange [1616–1704], Fables, of Aesop and other eminent mythologists; with morals and reflections, London: John Gray and Co. 1669.
> https://archive.org/details/fablesofaesopoth00lest

(Auf dem Papier steht Utile dulci, das ist das Rezept von Horaz (Ars poetica 343): Der Dichter möge das Angenehme mit dem Nützlichen mischen.)

Die Ausdrücke ›Superimago‹ und ›Subimago‹ verwendet Jörg Jochen Berns bei der Besprechung des Titelbilds der Aesopausgabe von Zainer in Ulm um 1476/1477 in seinem Buch Film vor dem Film. Bewegende und bewegliche Bilder als Mittel der Imaginationssteuerung in Mittelalter und Früher Neuzeit. Marburg: Jonas Verlag 2000. S.48–55.

Drittes Beispiel

Matthäus 13,24ff.: Jesus legte ihnen ein anderes Gleichnis vor: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. (Der Text unter dem Bild sagt: des menschen feind – gemeint ist der Teufel, vgl. die Füße des Unkraut Säenden!)

Hie würt vfgelesen die brösamlin von des hochgelerten doctor Keiserspergs tisch, so er in vil malen gepredigt, hatt der eerwirdig bruder Johannes Pauli vffgesamlet ... Straßburg: Grüninger, 1517. [Zuschreibung gemäss BrMus]
British Museum > http://tinyurl.com/oh3oarb

Viertes Beispiel

Im Matthäus-Evangelium 3,1ff. steht die Geschichte von Johannes dem Täufer.
• 1ff.: Er trägt ein Gewand aus Kamelhaar und predigt
• 10ff.: Ein Satz aus der Predigt: Es ist schon die axt den böumen an die wurtzel gelegt. Darumm welcher baum nit guote frucht bringt/ wirt abgehauwen/ vnd ins fheür geworffen.
• 13ff.: Jesus lässt sich am Jordan von Johannes taufen

Das Bild zeigt links vorne den predigenden Johannes, rechts die Predigthörer*innen — rechts im Hintergrund aus dem Inhalt der Predigt: das Fällen und Verbrennen von Bäumen — links im Hintergrund unter der Taube des hl. Geists die Taufe im Jordan. (Insofern gehört dieses Bild auch in die erste Rubrik = simultane Darstellung historischer Szenen).

Die gantze Bibel, das ist, Alle Bücher allts unnd neüws Testaments / den ursprünglichen Spraachen nach auffs aller treüwlichest verteütschet. Darzuo sind yetzund kommen ein schön und volkommen Register oder Zeyger […] Getruckt zuo Zürich bey Christoffel Froschouer, im Jar als man zalt 1545.
(Zentralbibliothek Zürich Signatur RRg 34; Größe ohne Randleisten 6,8 x 7,6 cm)

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Realität und Vision

Erstes Beispiel

Im zweiten Makkabäer-Buch wird berichtet, dass den Truppen eine englische Lichtgestalt vorausreitet, um sie zu ermutigen.

DA aber Maccabeus vnd die seinen höreten/ das er den Flecken stürmet/ baten sie vnd der gantze Hauff mit süfftzen vnd threnen/ den HERRN/ Das er einen guten Engel senden wolte/ der Jsrael hülffe. Vnd Maccabeus war der erste der sich rüstet/ vnd vermanet die andern/ Das sie sich mit jm wogen vnd jren Brüdern helffen wolten/ Vnd zogen also mit einander aus. Als bald sie aber fur die stad Jerusalem hin aus kamen/ Erschiene jnen Einer zu Ross in einem weissen kleide/ vnd güldenem Harnisch/ vnd zoch fur jnen her. Da lobten sie alle den barmhertzigen Gott/ vnd wurden keck/ das sie jre Feinde schlagen wolten/ wenn sie gleich die wildesten Thier were / vnd hetten eiserne mauren fur sich. Mit einem solchen mut reisete der gantze Zeug fort/sampt jrem Gehülffen/ den jnen der barmhertzige Gott von Himel gesand hatte/ Vnd grieffen jre Feinde an / wie die Lewen / vnd erschlugen jr eilff tausent zu fuss / vnd sechzehen hundert zu Ross.
(2.Makkabäer 11,6ff. in der Luther-Übersetzung 1545 > http://www.zeno.org/nid/20005331137)

Das Bild zeigt miteinander die Krieger als auch den Engel, der ihnen (ihnen!) erscheint.

Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil. in welchen Alle Geschichten u: Erscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. ... hervorgebracht von Christoph Weigel in Regensburg. Anno M.D.C.XCVII.

Zweites Beispiel

Eine um das Jahr 1000 entstandene Handschrift der Staatsbibliothek Bamberg (Msc. Bibl. 22) zeigt die Szene der Vision des Nebukadnezar (Buch Daniel 2,31–35) von den vier Weltreichen, die Daniel dann auslegt. (Mehr dazu auch hier.)

> https://de.wikipedia.org/wiki/Bamberg,_Staatsbibliothek,_Msc._Bibl._22

Drittes Beispiel

Genesis 28,11 steht: Jakob kam an einen bestimmten Ort und übernachtete dort, denn die Sonne war untergegangen. Er nahm einen von den Steinen dieses Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein.  Da hatte er einen Traum: Siehe, eine Leiter stand auf der Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe: Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.

Die Visualisierung muss mit zwei Ebenen rechnen: (a) die Geschichte von Jakob und (b) das, was Jakob in seiner Vision sieht: die Himmelsleiter.

In der Darstellung der Lübecker Bibel 1494 sind (a) und (b) visuell nicht auseinandergehalten; es sieht beinahe so aus, als sei die Leiter in Jakobs Brustkorb gerammt:

Walter Eichenberger / Henning Wendland, Deutsche Bibeln vor Luther. Die Buchkunst der 18 deutschen Bibeln zwischen 1466 und 1522, Hamburg: Wittig 1977; Abb. 87.

Dieser Illustrator macht dadurch, dass er die Leiter wolken-umhüllt zeigt, deutlich, dass es sich um eine Vision handelt:

Ignaz Schuster, Die Biblische Geschichte des Alten und Neuen Testaments. Für katholische Volksschulen, (Ausgabe Freiburg/Br.: Herder 1882)

Viertes Beispiel

In Saadis »Golestan« (13. Jh. u.Z.) wird erzählt, dass ein Derwisch im Traum sieht, daß ein König im Paradieß/ und ein Derwisch in der Höllen saß/ über welches er sich nicht wenig verwunderte. Man gibt ihm zu verstehen: Der König ist wegen seiner Liebe zu den Derwischen im Paradiese, und der Derwisch ist wegen seines Umgangs mit den Königen in der Hölle.

Persianischer Rosenthal. In welchem viel lustige Historien/ scharffsinnige Reden und nützliche Regeln. Vor 400. Jahren von einem Sinnreichen Poeten Schich Saadi in Persischer Sprache beschrieben. Jetzo aber von Adamo Oleario […] übersetzet, in Hochdeutscher Sprache heraus gegeben/ und mit vielen Kupfferstücken gezieret. Schleßwig, In der Fürstl. Druckerey gedruckt durch Johann Holwein […]. Im Jahr 1654. – Das ander Buch, Die 12. Historia, S. 49.
> http://diglib.hab.de/drucke/17-6-eth-2f/start.htm?image=00113

Fünftes Beispiel

Johann Michael Moscherosch, Les Visions De Don De Quevedo. Das ist: Wunderliche Satyrische unnd Warhaftige Gesichte Philanders von Sittewaldt/ In welchen Aller Welt wesen, aller Menschen Händel ... offentlich auff die Schaw geführet, alß in einem Spiegel dargestellet, und von männiglichen gesehen werden. In fünff Theilen begriffen, Und jedem Theil sein Register beygefügt Leyden Wyngarten 1646. Der 5. Theil.
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10114905-8

Sechstes Beispiel

Die Gregorsmesse. Papst Gregor I. zelebriert die Messe. Das Mysterium der Transsubstantiation von Brot und Wein in Leib und Blut Christi wird so dargestellt, dass der aus dem Sarg Auferstehende sowie einige der Leidenswerkzeuge realistisch abgebildet sind bzw. bei diesem Wunder wirklich zu sehen waren (ein Jesus Verspottender, die Dornenkrone, der Hammer zur Annagelung, Würfel der um Jesu Kleider würfeldden Grabwächter, der Hahn u.a.m.)

Quelle > http://www-classic.uni-graz.at/ubwww/sosa/katalog/katalogisate/1703/druckfrag/EinblattdruckeLegenden.htm

Fresko in der Kirche Sogn Gieri in Rhäzüns (um 1330/40) – Foto: P.Michel

Vgl. den Einblattdruck von Israhel van Meckenem (1495) > http://www.zeno.org/nid/20004163710

Und den Kupferstich von Dürer (1511) > http://www.zeno.org/nid/20004001494

Literatur: A. Thomas, Artikel »Gregoriusmesse« in LCI = E. Kirschbaum / W. Braunfels u.a. (Hgg.), Lexikon der christlichen Ikonographie, Band I, Sp. 199–202, Freiburg 1970.

(Der Artikel http://www.rdklabor.de/wiki/Gregorsmesse ist im Februar 2020 noch in Bearbeitung.)

Siebentes Beispiel

Sigmund Freud zitiert in der »Traumdeutung« einen Comic strip: Der Traum eines Knaben, der urinieren muss; er träumt von einem Spaziergang entlang eines Flusses, wobei er den Reiz in einen immer mächtiger werdenden Wasserstrom übersetzt. Erst das letzte Bild, welches das Erwachen der Bonne infolge des Geschreis des Kindes enthält, zeigt uns, daß die früheren sieben die Phasen eines Traumes darstellen.

Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Reihe von Bildern, die Ferenczi in einem ungarischen Witzblatt (Fidibusz) aufgefunden und in ihrer Brauchbarkeit zur Illustration der Traumtheorie erkannt hat.

Sigmund Freud, Die Traumdeutung, Leipzig/Wien 1900; VI. Die Traumarbeit – E. Die Darstellung durch Symbole im Traume – 6. Zur Harnsymbolik

> https://archive.org/details/GesammelteSchriftenIiiErgnzungenZurTraumlehre/page/n91/mode/2up
> https://genius.com/Sigmund-freud-die-traumdeutung-kapitel-6-annotated (OCR-erkannt)

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Diesseits und Jenseits

Erstes Beispiel

In Genesis 4,1–24 wird die Geschichte von Kain und Abel erzählt:

ES begab sich aber nach etlichen tagen / das Kain dem HERRN Opffer bracht von den Früchten des feldes/ Vnd Abel bracht auch von den Erstlingen seiner Herde vnd von jrem fetten. Vnd der HERR sahe gnediglich an Abel vnd sein Opffer/ Aber Kain vnd sein Opffer sahe er nicht gnediglich an. (Luther-Übersetzung 1545 > http://www.zeno.org/nid/2000531979X)

Der Illustrator Johann Teufel zeigt unten im Vordergrund die Szenen mit den beiden Opfernden Kain und Abel – oben – die Sphäre wird durch ein Wolkenband optisch abgegrenzt – GOtt, der sich zu Abel wendet und einen Lichtstrahl zu ihm sendet.

Biblia. Das ist/ Die gantze Heilige Schrifft/ Deudsch [von] D. Mart. Luther, Wittenberg: Johann d.J., 1589/1590.
> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00015D4400000000

Zweites Beispiel

Das Lukasevangelium 16,19ff. erzählt die Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus:

Es war aber ein reicher man/ der kleidet sich mit Purpur vnd köstlichem Linwand/ vnd lebet alle tage herrlich vnd in freuden. Es war aber ein Armer/ mit namen Lazarus/ der lag fur seiner Thür voller Schweren/ vnd begeret sich zusettigen von den Brosamen / die von des Reichen tische fielen. Doch kamen die Hunde / vnd lecketen jm seine Schweren.
Es begab sich aber/ das der Arme starb/ vnd ward getragen von den Engeln in Abrahams schos. Der Reiche aber starb auch/ vnd ward begraben. Als er nu in der Helle vnd in der qual war/ hub er seine Augen auff/ vnd sahe Abraham von fernen /vnd Lazarum in seinem Schos
[usw.; hier in Luthers Übersetzung 1545]

In der Illustration von Hans Schäuffelein (um 1480– 1540) ist der Reiche gleichzeitig am Tisch schmausend und in der Hölle dargestellt – Lazarus, wie an der Tür abgewiesen wird, und im Himmel:

Das Büchle Memorial, das ist ein angedänckung der Tugend/ von herren Johannsen vonn Schwartzenberg/ yetz säliger gedächtnuß, etwo mit Figuren und reümen gemacht [Augsburg: Heinrich Steiner 1534].
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00029340/image_224

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Kombinationen — 1: metadiegetisch und mehrere Phasen

Erstes Beispiel

Hecuba war die Gemahlin des Priamus, des Königs von Troja. Bei ihrer zweiten Schwangerschaft (1) träumte ihr, sie brächte eine Fackel zur Welt, die ganz Troja verzehrte. Das Kind war Paris, der vorne schon als (2) Wickelkind getragen wird. Im Hintergrund bereits (3) das brennende Troja.

[Guido de Columna, Historia destructionis Troiae] / Hans Mair von Nördlingen, Ein hübsche histori von der künngclichenn stat troy wie si zerstörett wartt, Straßburg: M. Schott 1489.
> http://diglib.hab.de/inkunabeln/277-hist-2f-2/start.htm

Zweites Beispiel

Abgebildet ist (rechts) die vielgestaltige Sphinx sowie – ohne dass es durch einen Rahmen oder sonst ein Gestaltungsmittel abgegrenzt ist – das von ihr gestellte Rätsel, welches Lebewesen zugleich zwei-, drei- und vierfüßig sei, und zwar – weil dieser abstrakte Satz graphisch nicht realisierbar ist – in Form der Lösung: Kind, Erwachsener und Greis.

Esopi appologi sive mythologi cum quibusdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant, [Basel 1501]
> http://www.e-rara.ch/bau_1/content/pageview/1722608
> http://www.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/esop/seite360.html

Vgl. Sebastian Brant, Fabeln. Carminum et fabularum additiones Sebastiani Brant; Sebastian Brants Ergänzungen zur Aesop-Ausgabe von 1501. Mit den Holzschnitten der Ausgabe von 1501 hrsg., übers. und mit einem Nachw. vers. von Bernd Schneider, Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog 1999 (Arbeiten und Editionen zur mittleren deutschen Literatur N.F. 4).

Drittes Beispiel

Vergil erzählt in »Georgica« (IV.Buch) die Geschichte des mythischen Imkers Aristaeus, der wissen will, weshalb seine Bienenvölker gestorben sind. Auf Rat seiner Mutter Cyrene befragt Aristaeus den Seher Proteus und erfährt von ihm den Grund des Bienensterbens. — Proteus erzählt ihm dazu die Geschichte von Orpheus und Eurydike: Aristaeus hatte sich sich in Eurydike verliebt, die Frau des Sängers Orpheus, und sie verfolgt. Diese trat bei der Flucht vor ihm auf eine Schlange, an deren Biss sie starb und in die Unterwelt kam, von wo sie Orpheus beinahe wieder erretten konnte (vgl. auch Ovid, Metamorphosen 10,1-85). – Die Schwestern von Eurydike ließen darauf aus Rache die Bienen von Aristaeus sterben.

Vergil, Georgica / Vom Landbau, Lat./Dt, übersetzt [und kommentiert] von Otto Schönberger, 2.Aufl. Stuttgart 2010 (Reclams UB 638); IV, 281ff.

Publij Virgilij maronis opera cum quinque vulgatis commentariis […] expolitissimisque figuris atque imaginibus nuper per Sebastianum Brant superadditis […], Straßburg: Grüninger 1502.
> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502

Das Bild hat zwei Ebenen: (1) Die Geschichte von Aristaeus und Proteus. — (2) Die von Proteus erzählte Geschichte von Orpheus und Eurydike, die des Proteus Antwort auf Aristaeus’ Frage ist. Hierbei werden die beiden Phasen Anfang (Schlangenbiss) und der Tod des Orpheus (zerfetzer Leib) simultan dargestellt.

Aristaeus zwingt Proteus zu erzählen, woran die Bienen gestorben sind:
Die Schlange beißt Eurydike Tod des Orpheus (zerfetzer Leib)

Proteus wird mit vier Tierköpfen dargestellt, die für die Wandlungsfähigkeit (Verse 405ff.) stehen. Ferner Flammen, die aus seinem Mund kommen (409: aut acrem flammae sonitum dabit)

Unter Eurydike sichtbar die Schlange, die sie gebissen hat (hydrum non vidit 458).

Unter Orpheus und Eurydike allenfalls der brüllende Avernus (493), der Eurydike zur Unterwelt zurückruft, nachdem sich Orpheus gegen die Abmachung zu ihr umgedreht hat.

Links mit dem Seil in der Hand Aristaeus, der von seiner Mutter Cyrene an Proteus verwiesen wurde, den er fesseln soll (395ff.), was er tut (439), um ihn zur Weissagung zu zwingen.

Die verstreuten Körperteile links aussen – auf die Proteus mit den Händen zeigt – sind jene von Orpheus, der von kikonischen Weibern zerfetzt wurde (deshalb liegt vorne links auch die Harfe im Wasser (520ff: spretae Ciconum quo munere matres / inter sacra deum nocturnique orgia Bacchi / discerptum latos iuvenem sparsere per agros).

Literaturhinweis: Christoff Neumeister, Aristaeus und Orpheus im 4. Buch der Georgica, in: Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft, Neue Folge, Band 8 (1982), S. 47–56.
> https://doi.org/10.11588/wja.1982.0.25788

Für dieses Beispiel mit wertvollen Hinweisen von Kathia Müller (UZH) 30.10.2019

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Kombinationen — 2: metadiegetisch und verschiedene Sphären

Erstes Beispiel:

Der Einsiedler Barlaam erzählt dem ihm zur Erziehung anvertrauten Prinzen Josaphat eine Geschichte (hier verkürzt, ausführlicher hier):

Barlaam erzählt, dass der Sünder einem Menschen gleiche, der – als er vor einem Einhorn floh – in einen Abgrund stürzte. Bei seinem Fall packte er mit den Händen einen kleinen Baum, der aus der Tiefe emporragte; und als er hinunterschaute, erblickte er am Fuße des Baumes einen scheusslichen Pfuhl und einen schrecklichen Drachen, der den Baum umschlängelte und mit offenem Rachen auf sein Herabfallen lauerte. […] Er erblickte einen Honigquell, der von den Ästen des Baumes herabtröpfelte, […] und überließ sich dem süßen Genuss.

Dann folgt eine allegorische Moralisation: Dise gruob aber ist dise welt die ist vol alles úbels vnd tötlicher strick. […] Der grausamist drack in der gruoben der bedeútet den erschrockenlichen bauch der helle der do begeret die zeenpfahen vnd ze verschlinden die das honig daz ist die süessigkeyt dieser welt setzen in irem willen vnd gemüet fúr die ewigen guotheyt vnd süessigkeyt.

Hie vahet an eyn gar loblich vnnd heylsam allen christglaubigen cronica. Sagend von eynem heyligen kúnig mit namen Josaphat [Augsburg] [ca. 1476]
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00025330/image_48

Der Holzschnitt zeigt rechts den Ort, wo Barlaam Josaphat unterweist – in der Mitte ist die Szene mit dem Sturz in den Abgrund gezeichnet, die ihm als Gleichnis dient – links ist die allegorische Auslegung dargestellt: der Höllenrachen packt ein dem süßen Leben hingegebenes Liebespaar.

Zweites Beispiel:

Das Titelbild zum Markus-Evangelium in einer Bibel zeigt (1) den schreibenden Evangelisten Markus — (2) mit seinem Attribut, dem (geflügelten) Löwen — (3) rechts das, was er im Evangelium erzählt: den auferstehenden Christus (mit einem schlafenden Wächter am Grab, was Matth. 28,13 erwähnt wird) — (4) im Hintergrund Samson, der die ausgehängten Torflügel von Gaza trägt (Richter 16,1–3), d.h. die (typologische) Präfiguration im Alten Testament: So überwindet Christus die Pforten der Vorhölle. — Der Schwan im Fluss ist wohl nur Dekoration.

Biblia germanica. Das ander teyl der Bibel, Augsburg: Johann Schönsperger, 9. November 1490.

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Mehr zu diesem Thema im Kapitel Bildvielheit.

Auch einfache Strukturen von Prozessdiagrammen arbeiten mit Simultanbildern.

Zusammengestellt von P.M., November 2019; ergänzt April 2020.

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