Wandernde Bilder

     
 

Von Buch zu Buch wandernde Bilder

Vom Ende des 15. Jahrhunderts an kamen viele bebilderte Bücher auf den Markt. Nur sehr renommierte Verleger schafften es, sie einheitlich und in hoher künstlerischer Qualität auszustatten. Als herausragende Beispiele wären etwa zu nennen: Schedels Weltchronik (1493); Marquard vom Stein, Ritter vom Turn (1493); das Narrenschiff (1494); Sebastian Brants Straßburger Vergil-Ausgabe (1502); die Mainzer Livius-Ausgabe (1505); Dürers Marienleben (1511); der Theuwerdanck (1517); das Septembertestament mit den Bildern von Lucas Cranach (1522); Petrarcas Glücksbuch (1532); Agricolas Bergwerk-Buch (1556); die Livius-Ausgabe mit den Bildern von Tobias Stimmer (1570); die Icones Biblicae mit den Stichen von Matthäus Merian (1625); der von Virgil Solis illustrierte Aesop (1566).

Die Nachfrage an Bildmaterial überstieg das Angebot offensichtlich bald. Die Verleger mussten gelegentlich auf Bilder zurückgreifen, die aus einem bereits bestehenden Werk stammten. Manchmal gelang dies unanstößig, wenn das Bild eine so allgemeine Aussage machte, dass es auch in einem anderen Kontext verwendet werden konnte. Oft aber gingen sie (nach unserem Empfinden) recht unzimperlich vor und montierten Bilder in Kontexte, wo sie keine rechte Aussage mehr leisteten, sondern nur noch eye catcher waren. (Wir kennen den Trick aus unserer Tagespresse.)

Anmerkung: Aby Warburg soll den Begriff »Bilderwanderung« geprägt haben. Auf dieser Webseite hier geht es nicht um die Übernahme mentaler Konzepte wie in dessen »Mnemosyne«-Atlas (wie die »Erbmasse phobischer Engramme einzuverseelen« ist), auch nicht um ikonographische Traditionen, sondern vor allem um Kopien und sogar materielle Übernahmen von Buch zu Buch.

Hinsichtlich der Präzision der Übernahme lässt sich etwa so eine Skala ansetzen:

• Übernahme des Druckstocks bzw. der Kupferplatte

• Übernahme des Bilds mit ischer Adaptation

• präzise Verwendung einer Bildkomposition (am Beispiel der Gerichtsszene )

• Ausgeklammert wird hier die Tradition eines ikonographischen Typs (z.Bs. die Darstellung der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies oder das Pferd vor Troja oder die Darstellung des Tellenschusses u.ä.)

Einige Typen von Übernahmen:

• Mehrfache Verwendung eines stilisierten (und so auf vieles passenden) Bildes innerhalb desselben Buchs

• Bild-Teile in verschiedenen Kombinationen

• Ein Bild-Fundus speist mehrere ähnliche Bücher

• Stilistische Änderung bei der Übernahme

• Schlechte Kopie

• Missverständnis (Bsp.: Ausgabe des Narrenschiffs 1574)

• Verbesserung in einer Neuauflage

• Bild in ein inhaltlich anderes Buch übernommen, wo es hinsichtlich der Aussage einigermaßen hinpasst

• Bild verpflanzt in ein inhaltlich anderes Buch, wo es nicht in den Kontext passt

• Zitat (vgl. C. Gessner, J.J.Scheuchzer, allenfalls Sebastian Brant )

• Bild-im-Bild

• Reprint – – – Raubdruck

• Exkurs: Kunst-Kopie

 

Funktionale Betrachtung:

Es gäbe noch weitere Typen (die hier ausgeklammert werden), z.B. Parodie, Karikatur usw.

Die literarische Intertextualitätsforschung hat hier Differenzierungen vorgenommen; vgl. auch > https://de.wikipedia.org/wiki/Intertextualität.

Probleme bei der Erforschung:

• Rein technisch: Um Bild-Migrationen zu verfolgen, braucht man (a) Kenntnisse vieler Bücher und (b) ein gutes Bildgedächtnis. Es wird aber (c) eine Zeit kommen, die dem Forscher das Handwerk vereinfacht, wenn nämlich die Bild-Erkennungs-Software* auch auf Digitalisate von Bibliotheken zugreifen kann, die heutzutage noch im ›deep web‹ schlummern. Derzeit (2019) sind damit nur Zufallsfunde möglich.

*Bildersuche mit http://images.google.com

*Reverse image search engine von http://www.tineye.com

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Vorgehensweise von Verlegern im 16. Jahrhundert

••• Heinrich Steiner (auch Steyner, Stainer, Stayner; gest. 1548) verlegte 82 bebilderte Drucke, bis er 1547 bankrott ging. Zielpublikum war offensichtlich die humanistisch angehauchte Oberschicht von Bürgern, die auf Übersetzungen angewiesen war und dem gediegenen Buchschmuck zugeneigt.

Irgendwann übernahm er die Drucktypen und Druckstöcke aus der Konkursmasse der Druckerei Grimm und Wirsung, die 1527 konkurs ging, und damit die seit 1521 bereitliegenden, aber nie gedruckten Holzschnitte eines (bis heute unbekannten) Meisters, die für die Übersetzungen von Ciceros »de officiis« (1531 erschienen) und von Petrarcas Trostbuch (1532 erschienen) bestimmt waren. Diese Bilder hat Steiner dann für weitere Bücher wiederverwendet. Ausserdem hat er Druckstöcke weiterer Bücher benutzt.

Nach seinem Konkurs erwarb der Frankfurter Drucker Christian Egenolff (1502–1555) das Material und verwendete es weiter.

Literaturhinweise:
Hans-Jörg Künast, ›Getruckt zu Augspurg‹. Buchdruck und Buchhandel in Augsburg zwischen 1468 und 1555, Tübingen: Niemeyer 1997.
Helmut Gier / Johannes Janota (Hgg.) Augsburger Buchdruck und Verlagswesen von den Anfängen bis zur Gegenwart, Wiesbaden: Harrassowitz 1997.

••• Der Frankfurter Verleger Sigmund Feyerabend (1528–1590), ein ausgebildeter Formschneider, war ein Ikonomane. Er konnte wohl auf einen Fundus von Druckstöcken zurückgreifen, die er aus in Konkurs gegangenen Druckereien erworben hatte, und illustrierte damit ziemlich wahllos seine Erzeugnisse. > https://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Feyerabend (enthält eine Liste von Drucken aus seinem Verlag 1556 bis 1577); Portrait von Feyerabend (digitaler Portraitindex).

••• Zu nennen wäre auch die Basler Verleger- / Drucker-Dynastie Petri (vgl. http://www.altbasel.ch/dossier/henric_petri.html):
Adam Petri (1454–1527)
Heinrich Petri (1508–1579; Sohn von Adam Petri)
Sebastian Henricpetri (1546–1627)
mit Bildmontagen auch aus verlagsfremden Werken in folgenden illustrierten Büchern:
• Cosmographia des Sebastian Münster (Stiefvater von Heinrich Petri) in mehreren Auflagen seit 1544
• Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung, übers. J.Herold 1554
• Lycosthenes, Prodigiorum chronicon = Wunderwerck 1557

Praxis von naturwiss. Forschern im 16. / 17. / frühen 18. Jahrhundert

• Conrad Gessner (1516–1565) hat für seine zoologischen und (infolge seines frühen Todes nicht erschienenen) botanischen Werke viele Zeichnungen selbst angefertigt; das haben die Funde und Forschungen von Florike Egmond und Sachiko Kusukawa neuerdings bestätigt. Dennoch musste er – obwohl er das bestimmt nicht mochte – viele Bilder aus fremden Quellen beiziehen. Walfische entnimmt er Olaus Magnus; das Nashorn stammt von Dürer; der Octopus kommt aus G.Rondelets Fischbuch. und

• Die 750 je aus verschiedenen Motiven zusammengesetzten Bilder seiner Enzyklopädie »Physica Sacra« konnte Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733) unmöglich alle aus eigener Anschauung beibringen; er zitiert laufend Bilder aus einem riesigen Fundus von Quellen.

Buntschriftstellerei im 17. Jahrhundert

• Eberhard Werner Happel (1647–1690) beschloss 1680, sich als hauptberuflicher Literat durchzubringen – etwas für die damalige Zeit völlig Ungewöhnliches. Er ist mithin einer der frühesten Journalisten. Unter anderem gibt er die »Grösten Denckwürdigkeiten der Welt (Relationes Curiosae)« heraus, das ist ein der Unterhaltung dienendes buntes Wochenblatt, das er seit 1683 in dem dafür spezialisierten Verlag Wiering publiziert. Darin rezykliert er Reiseberichte, wissenschaftliche Werke, historische Quellen usw., die er in der ›Gemeinen Bibliothek‹ in Hamburg zusammentrug. Stark vereinfachtes Wissen second hand.

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Bemerkungen zum Technischen

Im selben Buch mehrfach verwendete Holzschnitte

Man muss ich vergegenwärtigen, wie Drucker in der Frühzeit vorgegangen sind: Man konnte nicht ein z.Bsp. hundertseitiges Buch auf éin Mal setzen und dann ausdrucken. Dazu reichte der Typenvorrat nicht. (Das Metall war mitunter das Wertvollste in einer Offizin.) Vgl. den Artikel > https://de.wikipedia.org/wiki/Bleisatz

Man setzt beispielsweise einen Bogen (je nach Format z.Bsp. 16 Seiten), zieht dann einen Probedruck (›Bürstenabzug‹) davon ab, dann wird Korrektur gelesen und korrigiert (mit der Pinzette falsche Typen, z.Bsp. ein ›Fliegenkopf‹ oder ›Zwiebelfisch‹ ausgetauscht), sodann wird der ganze Bogen in der verlangten Auflagenhöhe ausgedruckt. — Dann wird der Satz aufgelöst und die Typen werden wieder in den Setzkasten abgelegt. Jetzt kann der nächste Bogen gesetzt werden. So werden auch die Druckstöcke jedes Mal wieder frei für eine Weiterverwendung.

• links der Setzer mit dem Winkelhaken vor einem Manuscript – man sieht: die Menge der Typen ist begrenzt!
• vorne rechts ein ausgebundener Satz "in Quarto", darauf liegt evtl. ein "Bürstenabzug"
• hinten an der Presse ein Arbeiter, der den Satz einfärbt
• ein weiterer Geselle (links) legt das angefeuchtete Papier in die "Punktur" (dient dazu, dass der Schöndruck und der Widerdruck genau aufeinander passen).

Bild aus: Johann Arndts Sechs Bücher vom wahren Christenthum nebst desselben Paradisgärtlein. Mit neuinventirten Kupfern und Erklärungen derselben,[…] herausgegeben von D. Adam Struensee, […], Halle: Gebauer 1760; Emblem Nr. 15.

Hier ein tyisches Beispiel für die Wiederholung einer Schlachtendarstellung in verschiedenen Kontexten:

Historia destructionis Troiae [deutsche Übersetzung], Augsburg: Johann Schönsperger 1488.
> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ic00778000

Zur Technik des ›Abkupferns‹

Der Kopist legte das originale Bild auf die entsprechend präparierte Kupferplatte und rieb die Vorlage strichweise durch (frz. [dé-]calquer). So entstand auf der Kupferplatte eine Reproduktion, die man dann weiterverarbeitete, d.h. ätzte und stach. Der Abdruck davon auf Papier ergab dann natürlich ein seitenverkehrtes Bild des Originals. Das stört nicht zwingend.

Freilich kann es vorkommen, dass dann ein Held oder eine Heldin das Schwert mit der linken Hand führt oder hier die beiden befreundeten Männer einander die linke Hand geben:

Das Emblem von Otto van Veen (1556–1629) beruht auf einem Text von Horaz (Satire I, 3, Vers 68ff.): Alle Menschen haben Vorzüge und Fehler; die Freundschaft besteht darin, dass der Tugendhaftere dem Schwächeren hilft und die ungleich-gewichtige Waage ausgleicht. (Was genau in den beiden Waagschalen liegt, ist nicht klar.)

Hier das Original:

Q. Horati[i] Flacci Emblemata. Imaginibus in æs incisis, notisque illustrata, studio Othonis Væni[i] Batauolugdunensis, Antuerpiae: Ex officina Hieronymi Verdussen, auctoris aere & cura, 1607.
> https://archive.org/stream/qhoratiflacciemb00veen#page/138/mode/2up

Hier die Kopie:

Moralia Horatiana: Das ist die Horatzische Sitten-Lehre […] in reiner Hochdeutscher sprache zu lichte gebracht durch Filip von Zesen, Amsterdam: Kornelis de Bruyn 1656; Nr. I, 22: Amicitiæ Trutina.

›Bestandserhaltung‹

Gelegentlich sind die Verleger auch sehr ruppig mit den Bildern umgegangen. ein Beispiel unten

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Mehrfache Verwendung eines Bildes innerhalb desselben Buchs

Erstes Beispiel:

Für unser modernes Empfinden ist es seltsam, dass auch ›Portraits‹ von verschiedenen Persönlichkeiten mit denselben Bildern visualisiert werden. Es geht wohl um etwas anderes als die Wiedergabe des Bilds einer indivduellen Person.

Verschiedene Kaiser in der Schedelschen Weltchronik 1493 (am bequemsten digital erreichbar hier > https://de.wikisource.org/wiki/Schedel'sche_Weltchronik). Die 596 Bildnisse der Schedelschen Weltchronik sind von nur 72 Druckstöcken gedruckt.

Justinian — Karl der Große — Lothar II. — Heinrich VI. — Karl IV.

       

Die Individualität einer Person ist offensichtlich nicht gebunden an ihre bildliche Repräsentation – wie auch damals? Das Bild steht als Chiffre für ›Kaiser‹. Wenn Individuelles visualisiert werden soll, dann zeigt man das Monogramm des Regenten. Noch in Sebastian Münsters »Cosmographey« Basel 1588 (Seite ccccxiiij) wird Karl der Große mit seiner ›Unterschrift‹ charakterisiert:

Zweites Beispiel:

Komplizierte Holzschnitte von Schlachten mit ineinander verkeilten Lanzen werden innerhalb desselben Buches rezykliert (Beispiel Stumpf-Chronik Zürich 1547). Hier geht es einfach darum, zu zeigen: Damals fand eine Schlacht statt.. Vgl. hierzu besonders den Aufsatz von Matthias Oberli, Schlachtenbilder und Bilderschlachten. Kriegsillustrationen in den ersten gedruckten Chroniken der Schweiz, in: Anfänge der Buchillustration = Kunst + Architektur in der Schweiz […], Jahrgang 57 (2006), 45–53.

Der Illustrator der ersten deutschen Livius-Übersetzung (1505) kennt immerhin ein Mittel, verschiedene Schlachten zu unterscheiden: Er hat im Druckstock die Fahnen so ausgeschnitten, dass er verschiedene vexillologische Motive einfügen konnte. Man beachte die Fahne in der oberen linken Ecke.

Romische Historie / Uß Tito Livio gezogen. Mentz: Schoffer, 6. März 1505. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00004902/image_1

Oben Fol. CXXXXVI verso (Pferd als gemeine Figur im Wappen von Karthago)

Unten Fol. CLXXXI verso (der Adler – Aquila ist das Feldzeichen der Römer)

Drittes Beispiel:

Es stört scheints nicht, wenn in einem aufgeschlagenen Buch auf der linken und auf der rechten Seite dasselbe Bild steht, das zwei unterschiedliche Ereignisse (links Hannibals Belagerung der Stadt Casilinum / rechts die Belagerung von Syracus) darstellt:

Romische Historie / Uß Tito Livio gezogen. Mentz: Schoffer 1505; fol. CXXVII verso / CXXVIII recto.

Die Signatur der rechten Folio-Seite unten: G ij zeigt, dass hier ein neuer Druckbogen beginnt. Der Vorhergehende war also in der nötigen Auflagenzahl ausgedruckt, die Typen waren wieder abgelegt und der Druckstock stand auch wieder zur Verfügung.

Viertes Beispiel:

Derselbe Holzschnitt dient als Illustration des Erdbebens von Basel anno 1356 — des antiken Philadelphia in Kleinasien — desjenigen von Syracus anno 1070.

Es handelt sich offensichtlich nicht um eine mimetische Abbildung dieser Städte, sondern um eine Art Pictogramm für ›Erdbeben‹:

Basel

Philadelphia

Syracus

Cosmographia. Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum in wölcher begriffen. Aller völcker Herrschafften, Stetten vnnd namhafftiger flecken / härkom(m)en…. Allenthalben fast seer gemeret und gebessert / auch mit einem zuogelegten Register vil breüchlicher gemacht. Basel: Heinrich Petri 1546. Pag. CLXXX und CCCXLI.

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Bild-Teile in verschiedenen Kombinationen

Erstes Beispiel:

Das Buch von Boethius (* um 480/485; † zwischen 524 und 526) ist konzipiert als Dialog zwischen dem Autor und der personifizierten Philosophie, die ihn tröstet und belehrt.

Die beiden Gestalten werden in verschiedenen Holzschnitten repräsentiert, die ein unbekannt gebliebener Straßburger Meister schuf. Einige davon kommen in der illustrierten Ausgabe 1501 immer wieder in verschiedenen Kontexten vor.

Boetius de Philosophico consolatu siue de consolatione philosophiae cum figuris ornatissimis nouiter expolitus, Argentinae: Grüninger 1501.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00005001/image_43
> http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/boethius1501/0031

Um dort, wo der Kommentar den Raum nicht einnimmt, die Bildfläche in den Satzspiegel (bzw. das Raster von Primärtext und Kommentarspalten) einzubinden, fügte der Layouter auf derselben Höhe kleinere Bilder hinzu, damit kein Weißraum entsteht. Dabei verwendet er dieselben Druckstöcke wiederholt.

Vom Bild von Boethius und Philosophia gibt es mehrere Varianten. Es werden aber auch einige Holzschnitte mit diesen beiden Figuren wiederholt. Zum Beispiel: Fol. Xr – Fol. XXVIIr – XLr – LVr – LVIIr – LXIIIv – LXXXIIv – CVIIr.

XXVII r

XL recto

X recto

Der Text dazu (Liber I, metrum 4) lautet:

Quisquis composito serenus aeuo
fatum sub pedibus egit superbum
fortunamque tuens utramque rectus
inuictum potuit tenere uultum,
non illum miniaeque ponti
uersum funditus exagitantis aestum
nec ruptis quotiens uagus caminis
torquet fumificos Vesaeuus ignes
aut celsas soliti ferire turres
ardentis uia fulminis mouebit.

Wer das wechselnde Glück mit festem Blick betrachtet, den wird nicht Raserei und Drohen des Meeres, wenn es bis auf den Grund die Wasser aufrührt, nicht der unstete Berg Vesuv, wenn er rauchend aus dem klaffenden Schlund Gluten ausstößt […] schrecken. Darauf fragt die Philosophie: »Sentisne haec atque animo illabuntur tuo?« — »Empfindest du das und dringt es in deinen Geist?« (Übersetzung Ernst Neitzke)

Das zum Text passende Hauptbild (links der Mitte) zeigt das tobende Meer und den Flammen speienden Vulkan. Rechts daneben Boethius und die Philosophie, die diese Naturerscheinungen betrachten; die Schraffierung des landschaftlichen Hintergrunds ist so geschnitten, dass der Übergang zwischen den Bildern einigermaßen stimmt.

Zweites Beispiel:

Die Ausgabe der Komödien des Terenz von Johann Grüninger in Straßburg (1496) enthält 162 Holzschnittillustrationen. Um den Arbeitsaufwand für die Herstellung der Druckstöcke zu reduzieren, schuf man ein Set kombinierbarer Holzschnitte mit den wiederkehrenden Personen und Kulissen. So reduzierte sich die Anzahl der zu schneidenden Druckstöcke auf 88. (nach https://www.ub.uni-heidelberg.de/ausstellungen/buchkunst2014/sektion2/II_04.html)

Terencius: cum directorio vocabulorum, sententiarum, glosa interlineali artis comice, comentariis Donato, Gvidone Ascensio, Straßburg: J.Grüninger 1496. > https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/it00094000

Drittes Beispiel:

Dasselbe Verfahren verwendet Schöffer für seine Livius-Ausgabe 1505 – und nach ihm findet es Verwendung in den Ausgaben von Grüninger 1507 und Schöffer 1533; mehr dazu hier.

Romische Historie / Uß Tito Livio gezogen. Mentz: Schoffer, 6. März 1505. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00004902/image_1

Ein im Text oft wiederkehrendes Motiv ist die Gerichts- / Verhandlungs- / Beratungsszene. Erzählmuster: Jemand begeht eine Übeltat – er wird vor einem Gremium verhört – dann ins Gefängnis geführt oder hingerichtet, oder auch freigesprochen. Für diese Szene verwendet der Drucker Bilder, die er mit den anderen Szenen kombiniert. Die Holzschnitte sind so eingerichtet, dass an der Seite, wo die beiden kombiniert werden, sich eine Säule befindet. Auf diese Weise wird der Trick kaschiert. (Für die Verhandlungs-Szene gibt es verschiedene Bilder; wir konzentrieren uns auf eines.)

Wir zeigen hier drei Fälle mit derselben Verhandlungs-Szene. Dieser Druckstock wird elfmal verwendet und mit verschiedenen (z.T. auch denselben) Szenen kombiniert: Fol. VIII verso – XXII recto – XLIII v – XXXVII v – XLV v – LXXI r – LXXVI r – CLX Ir – CLIX r – CCLVII r – CCCLXVI r.

Fol. VIII verso: Wie Horatius der dryt syn swester zu todt schluge in grossem tzorn/ vnnd dar umb für gericht gestalt vnnd doch absoluiert ward. – Die Geschichte schildert Livius, »ab urbe condita« I, xxvi, 2ff. (Hintergrund: Kämpfe der Curatier gegen die Horatier): Horatius ersticht seine mit einem Curatier verlobte Schwester, die den Tod ihres Bräutigams beklagt (rechte Bildhälfte). Der schrecklichen Tat steht das Verdienst des Horatius im Kampf gegen die Curatier gegenüber. Im Dilemma über eine Strafe ernennt der König einen Rat, vor dem der Vater um Gnade für seinen Sohn bittet (linke Bildhälfte). – Die Fortsetzung der Geschichte – der Freispruch – wird nicht visualisiert.

Fol XXXVII verso: Wie Spurius cassius zum drytten mal burgermeister erwelt vmb das er die gmeynd zuo Rome an sich zohe mit liebnuß vnnd teylung der ecker in gemeyn/ vnnd dadurch gedacht ein einiger her vnd obrister zuo werden/ vor eynem Ratt beclagt verurteilt zum tode/ vnd zuo letst von eynem felßhen geworffen ward. – Livius berichtet »ab urbe condita« II, xli, 10, dass man Spurius Cassius vorwarf, er habe mittels neuer Ackergesetze die Alleinherrschaft an sich ziehen wollen; auf Hochverrat angeklagt, verteidigt er sich (linkes Bild). Dass er vom Tarpejischen Felsen gestürzt wurde (rechtes Bild), steht beim Geschichtsschreiber Dionysios von Halikarnassos, »Antiquitates Romanae« VIII 69–80. (Der Übersetzer Bernhard Schöfferlin hat für seinen ›Livius‹ verschiedene Quellen kompiliert, vgl. hier.)

Fol. LXXII recto: Wie Titus Manlius der houptman vnnd Burgermeister zuo Rome synen eygen sone/ vmb das er wider syn gebott vnd on erloubung synen fynd überwandt verurteilt vnnd enthoupt ward. – Die Geschichte erzählt Livius, »ab urbe condita« VIII, vii, bes. 16ff.: Der Kriegsrat hat im Krieg gegen die Latiner entschieden, dass das römische Heer die Feinde schonen soll. Manlius jun. soll ein Lager erkunden und wird in einen Kampf verstrickt, in dem er Latiner erschlägt. Er prahlt damit vor seinem Vater Manlius Torquatus (linkes Bild?); aber der Vater lässt – weil er gegen die Verordnung verstoßen hat– seinen Sohn enthaupten (rechtes Bild, das nicht genau passt; die Geisselung und Enthauptung mehrerer Personen passt besser zur Geschichte von Indibilis und Mandonius – Fol. CLXIr).

Viertes Beispiel:

Ausgaben mit der deutschen Übersetzung von Boccaccios Decamerone gehen seit Grüninger 1509 [noch nicht überprüft] so vor. Hier aus einer späteren Ausgabe:

Cento Novella Johannis Boccatii. Hundert Newer Historien welche in Erbare Geselschafft von dreien Männern unnd siben Weibern fliehent, Straßburg: Johann Knobloch d.J. 1557.
> http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd16/content/titleinfo/997341

Fünftes Beispiel:

In der in Mainz bei Ivo Schöffers Erben 1551 und 1557 erschienen Livius-Ausgabe wird von dem Kombinations-Verfahren ausgiebig Gebrauch gemacht. Man fragt sich, woher diese zugesägten Bildteile stammen.

Es geht offensichtlich darum, ein Bild räumlich zu situieren (der Kriegselefant Fol. xcij recto tritt gegen ein Heer an und dies unter dem meteorologischen Himmel); gelegentlich artet diese Technik aber auch in Pfusch aus, weil die Bildstöcke nicht zusammenpassen (Fol. xlviii recto):

Titi Liuij deß aller Redsprechsten vnd Hochberhümptesten Geschichtschreibers/ Rhömische Historien/ jetzund mit gantzem fleiß besichtigt/ gebessert vnd gemehret […]. Getruckt in der Churfürstlichen Statt Meyntz/ durch Junis Schöffers seligen Erben im Jare M.D.L.VII.
> http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10140769_00005.html

Sechstes Beispiel:

Auch die Stumpf-Chronik macht von diesem Mittel Gebrauch und kombiniert Schlachtendarstellungs-Teilbilder:

Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […] Zürich bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII; Band I, fol. 12 verso – 25recto – 230 verso – Band II, fol. 183 recto (und öfters). – Diese Bilder hat Heinrich Vogtherr der Ältere (1490–1556) gezeichnet/geschnitten.

Literaturhinweis:

Paul Leemann-Van Elck, Der Buchschmuck der Stumpfschen Chronik, Bern: Haupt 1935 (Bibliothek des Schweizer Bibliophilen. Serie 2; Heft 5) – Der Verfasser zählt 440 Kriegsszenen.

Siebentes Beispiel:

History von dem teuren, gehertzten vnd mannhafftigen Hugen Schappler, welcher ... zuletst in Franckreich zu einem Künig erwölet vnnd gekrönt ward. Von newem getruckt, seer kurtzweilig vnnd lieblich zulesen. Straßburg, Grüninger 1537.
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/history1537/0058

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Ein ständig ergänzter Bild-Fundus speist mehrere ähnliche Bücher

Christoph Weigel d.Ä. (1654–1725) publiziert 1698 eine (hierarchisch) geordnete Darstellung der Ämter, Künste und Handwerke, in der die Texte von Bildern begleitet sind. Die Kupfertafeln enthalten – ähnlich wie Embleme – einen Titel und ein Motto; unter dem Bild sechs ins Allegorische changierende Verse.

Weigel steht in einer Tradition:

  • 1568 war die »Eygentliche beschreibung aller Stände…« mit 133 Holzschnitten von Jost Amman erschienen.
  • Diese Bilder von Amman übernimmt die deutsche Ausgabe von Garzonis »Piazza universale« (1641, 1659) .
  • 1694 erschein das von Jan (1649–1712) und Caspar (1672–1708) Luyken bebilderte Buch »Het Menselyk Bedryf«, aus dem Weigel dann 87 Bilder übernimmt.

Het Menselyk Bedryf. Vertoond in 100 Verbeeldingen van Ambachten, Konsten, Hanteeringen en Bedryven; met Versen, Amsterdam, gedaan door Johannes en Caspaares Luiken 1694
> https://books.google.ch/books?id=nYmzYGGErYYC&hl=de&source=gbs_navlinks_s
> Reprint der Skizzen zu den Kupfern: Haarlem: Becht 1987.
(***Die niederländischen Texte sind direkt ins Kupfer gestochen.)

••• Christoph Weigel lässt sehr exakte Kopien anfertigen. Georg Christoph Eimmart d.J. (1638–1705) trägt weitere bei, mit präzisen Darstelllungen der Werkzeuge; die Vorzeichnungen sind erhalten. Mehrere Kupfer stammen wiederum von C. Luyken. Weitere Stiche hat Weigel selbst verfertigt (einer mit CW signiert S. 170); Die Bilder unterscheiden denn auch stilistisch, vgl. im Detail die hervorragende Arbeit von Bauer 1982.
(***Die deutschen Texte sind ins Kupfer gestochen; das wäre mit übernommenen Kupferplatten der Brüder Luyken nicht möglich.)

Abbildung Der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände Von denen Regenten Und ihren So in Friedens- als Kriegs-Zeiten zugeordneten Bedienten an/ biß auf alle Künstler Und Handwercker/ Nach Jedes Ambts- und Beruffs-Verrichtungen/ meist nach dem Leben gezeichnet und in Kupfer gebracht/ auch nach Dero Ursprung/ Nutzbar- und Denkwürdigkeiten/ kurtz/ doch gründlich beschrieben/ und ganz neu an den Tag geleget von Christoff Weigel / in Regenspurg 1698. (212 Kupfertafeln)
> https://books.google.ch/books?id=pDpXAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s
> https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/88/1/cache.off

(*** In der Ausgabe Luyken, 1704 > http://diglib.hab.de/drucke/lp-92/start.htm sind die nld. Texte dann um das Bild herum typographisch gesetzt.)

••• Kurz nach dem Druck von Weigels Ständebuch, 1699, erscheint der erste – von Abraham a Santa Clara (1644–1709) verfasste – Band von »Etwas für alle« im Verlag Christoph Weigel in Würzburg:

Etwas für Alle/ Das ist: Eine kurtze Beschreibung allerley Stands- Ambts- und Bewerbs-Persohnen / Mit beygedruckter Sittlichen Lehre und Biblischen Concepten... Würtzburg 1699.
> https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11347769_00013.html

Der Text von Abraham geht jeweils aus von den Berufen, kippt dann aber regelmäßig ins Erbauliche, wenn sich eine mehr oder weniger passende Gelegenheit ergibt.

»Etwas für alle« enthält Kupferstiche (inklusive den in die Platte gestochenen Text) aus dem eben erschienenen Ständebuch von Weigel. Es scheint, dass die Bilder von Anfang an für das Ständebuch von und dasjenige von Abraham aSC geplant waren, denn es existieren 74 Kupfer, die nicht in das Ständebuch aufgenommen wurden, dann aber in »Etwas für Alle« (I bis III) eingegangen sind. (Abbildungen im Anhang der Faksimile-Ausgabe, hg. Michael Bauer, Nördlingen: A.Uhl 1987; vgl. dort auch S.15ff.)

••• Nach dem Hinschied von Abraham a Santa Clara wurde »Etwas für alle« von einem (recht stümperhaften; vgl. Horber 1929) Autor in zwei Bänden – ebenfalls mit Bildern, die bei Weigel offenbar bereit lagen – weitergeführt. Es sind darunter mehrere, die nicht Berufe im engeren Sinne darstellen (z.Bsp. Das Coffee-Haus, Der Beutelschneider, Der Comœdiant) und deshalb in Weigels Ständebuch nicht verwendet wurden.

Hier ein Bild aus dem 2.Band (S.135ff.) , das auch im Ständebuch (S. 113ff). vorkommt (Bildgröße 8 x 9 cm):

Der Cantor
Schwingt offt das Hertzens-Ohr zum Lied im höhern Chor.

Der Stecken muß die Stimmen führen
und ein gerader Wandel zieren
   das Leben in verwireter Zeit
worauff so vieler Augen sehen,
sonst wird durch Aergernis entstehen
   höchst-schädliche Unrichtigkeit

Etwas für Alle/ Das ist: Eine kurtze Beschreibung allerley Stands- Ambts- Gewerbs-Persohnen/ Mit beygedruckter Sittlichen Lehre und Biblischen CONCEPTEN, Durch welche der Fromme mit gebührendem Lob hervor gestrichen/ der Tadelhaffte aber mit einer maässigen Ermahnung nicht verschonet wird; Anderer Theil/ Allen und Jeden heilsamb und leitsamb/ auch so gar nicht ohndienlich denen Predigern/ Definitiorem und Provincialem. Verlegt und mit Kupffern vermengt Durch ChristophWeigeln/ Kupfferstechern und Kunsthändlern in Nürnberg/ gegen der Kayserl. Reichs-Post über zu finden. Würzburg, Martin Frantz Hertz für Christoph Weigel 1711.
> https://archive.org/details/bub_gb_us-U-DNTXUcC/page/n5

Literaturhinweise:

Ambros Horber, Echtheitsfragen bei Abraham a Sancta Clara, Weimar: Duncker, 1929 (Forschungen zur neueren Literaturgeschichte 60); hier bes. S. 35–41 zur Kompilation des Kapitels E.f.A. II Der Cantor.

Michael Bauer, Christoph Weigel (1654–1725), Kupferstecher und Kunsthändler in Augsburg und Nürnberg, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Band 23 (1982), Sp. 693–1186. Spalten 831–862 zum Ständebuch; Spalten 1142–1158: Liste der Berufsdarstellungen des Ständebuchs und »Etwas für Alle« I–III.

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Inhaltliche Veränderung bei der Übernahme

Für Veränderungen in Neuauflagen gibt es den trivialen Grund, dass der Druckstock / die Kupferplatte nicht mehr erreichbar war. Unterschiede in der graphischen Neufassung können verschiedene Gründe haben: mangelndes Können – Korrektur – Missverständnis – modischer Einfluss – …

Erstes Beispiel:

Eine frühe Schrift von Sebastian Franck (1499–1542) trägt den Titel

Von dem greüwlichen laster der trunckenhayt/ so inn disen letsten zeytten erst schier mit den Frantzosen aufkommen/ Was füllerey/ sauffen vnd zůtrincken/ für jammer vnd vnrath/ schade der seel vnd deß leibs/ auch armůt vnd schedlich not anricht / vnd mit sich bringt. Vnd wie dem vbel zůraten wer/ gründtlicher bericht vnd rathschlag/ auß götlicher geschrifft. [ohne Ort, Verleger, Jahr]
Digitalisat > https://books.google.ch/books?id=uCg8AAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Schrifttype und Aufmachung mit dem Titelbild verweisen deutlich auf einen Druck von Heinrich Steiner in Augsburg. Die Widmung an Wolff von Heßberg ist datiert auf 1528. — Der Titel-Holzschnitt der Tafelgesellschaft und des sich Erbrechenden ist aus zwei Teilen zusammengesetzt, wie das damals oft gemacht wurde. Der Stil ist eindeutig derjenige des Petrarkameisters.

In einem zweiten Druck, neugesetzt, erkennbar am Titel grewlichen … trunckenheyt, ist das Vorwort datiert auf 1531.
Digitalisat > https://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN784968152

In Von der Artzney bayder Glück, Augspurg: H. Steyner 1532 (1. Buch, Kapitel xix; fol. XXIr) sagt die Freude Ich frewe mich inn Wirtschafften.

Hier ist das Bild anders gestaltet: Holzschnitt in éinem Stück und mit dem herausgerückten Motiv der Speisen hereintragenden Frau breiter (15,5cm), so dass er in den Satzspiegel passt; interessanterweise seitenverkehrt (= Musper Nr. 81).
Digitalisat > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084729/image_71

So übernommen wird das Bild dann in: Johannes Pauli, Schimpff und Ernst, Augspurg: Heynrich Steiner 1534. Digitalisat > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084286/image_94

In einigen Exemplaren des Drucks mit dem Text im Kolophon: … im jar nach der geburt Christi, Tausendt Fünfhundert unnd im sechs und dreyssigsten steht auf dem Titelblatt: Gedruckt und vollendet in der Keyserlichen Statt Augspurg: durch Heinrich Steyner, M.D.XXVI. — 1526 ist ein Druckfehler. (Freundlichen Dank für Auskunft der Bibliothek der Humboldt-Universität Berlin, 2.8.2018)

Vermutungen: Das zentrale Bild auf dem Titel von S.Franck zeigt an sich eine fröhlichen Tischgesellschaft. Vielleicht ist der sich Erbrechende auf dem ergänzenden Druckstock eine Zugabe, womit das ›Laster der Trunkenheit‹ inszeniert wird. (Aber wofür hätte der Meister das zentrale Bild allein verwenden sollen? In der Plautus-Ausgabe 1518 gibt es ein ähnliches Bild; in der Celestina-Übersetzung 1520 kommt kein solches vor; ebensowenig im Exhortatorium Urichs von Hutten 1519.) Der Meister fertigte für das Glücksbuch eine einheitliche Fassung an, die in den Satzspiegel passte; hier – wo Freude und und Vernunft immer im Dialog stehen – passt die Kombination von fröhlicher Tischgesellschaft und sich Erbrechendem. Der Verleger Steiner besaß diese Druckstöcke, die er je nach Satzspiegel montierte.

Zu den Datierungen: Die Lebensdaten des Petrarkameisters sind unbekannt; er ist wohl bald nach 1520 gestorben. Der Verleger Heinrich Steiner muss ein ganzes Arsenal von Druckstöcken besessen haben, aus dem er sich für die verschiedenne Bücher bediente.

Im auf den auf 1. August 1530 datierten Vorwort zu dem vom Petrarkameister illustrierten Buch Officia M. T. C. […] auff begeren Herren Johansen von Schwartzenbergs etc. verteütschet Vnd volgens Durch jne in zyerlicher Hochteütsch gebracht. Mit vil Figuren vnnd Teütschen Reymen gemeynem nutz zu gut in Druck gegeben worden, Augspurg: Steyner 1531 heisst es: Der gestalt das Buoch mit sampt den Fyguren/ vnd teütschen reymen (welche er selbst angeben vnd gedicht) vor zehen jaren zuo trucken geben. Dann habe sich die Drucklegung über den Tod des Übersetzers J. von Schwartzenberg (1502–1528) hinaus verzögert (Konkurs des Verlags von Grimm und Wirsung).

Sebastian Brant, nach dessen visierlicher angebung die Bilder in Petrarcas Glücksbuch konzipiert sind, ist 1521 gestorben.

Das letzte Bild im 2. Teil des Glücksbuchs – zum Thema Von dem/ der in seinem sterben fürcht/ er werde unbegraben weg geworffen werden – (fol. CLXXVI r) trägt auf dem dort abgebildeten Sarg die Jahreszahl 1520.

Zweites Beispiel:

In Ciceros »De officiis« II, 88–90 geht es um ein Abwägen zwischen äußeren Gütern (z.B. Reichtum) und inneren (z.B. Gesundheit). Der Übersetzer Johannes von Schwarzenberg formuliert in der Randglosse: Wie zwischen zwaien nutzen dingenn das nützer zuo erwölen. Der Illustrator visualisiert das als eine Frau, die eine Balkenwaage hält, auf deren Waagschalen die Güter liegen. Diese sind angeschrieben mit Innerliche güeter / Eüsserliche güeter (als in Lücken des Druckstocks eingefügte Typen.)

Officia M. T. C. Ein Buch So Marcus Tullius Cicero der Römer zu seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zugehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen […], Augspurg: Steyner 1531; fol. LXII verso.

Der Verleger Heinrich Steiner verwendet den Holzschnitt 1537 wieder, wo der Autor Polydorus Vergilius darüber spricht, Wer erstlichen die Gewichten/ die Gemäß/ vnd Zal erdacht hab (1. Teil, Kapitel 19). Eine Waage als Bild kann er gut gebrauchen; die in diesem Kontext störenden Texte werden einfach weggelassen.

Polydorus Vergilius Urbinas, Von den erfyndern der dingen. […] mit schönen figuren durchauß gezyeret/ jedem Menschen nutzlich und kurtzweylig zuo lesen. Augspurg: Heynrich Steyner MDXXXVII; fol. XXVI recto.

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Stilistische Änderungen bei der Übernahme

Erstes Beispiel:

Conrad Gessner (1516–1565) zitiert als Gewährsmann gelegentlich Olaus Magnus (1490–1557), »Historia de gentibus septentrionalibus« (1555). Von den übernommenen Bildern lässt er neue Holzschnitte anfertigen.

Historia de gentibus septentrionalibus, earumque diversis statibus, conditionibus, moribus, ritibus ... necnon universis pene animalibus in Septentrione degentibus, eorumque natura … Autore Olao Magno, Romae apud Ioannem Mariam M.D.LV., p. 771 (Von der Größe der Norwegischen Schlange)
> http://runeberg.org/olmagnus/0857.html

Dieses Bild steht noch nicht in der lat. Ausgabe: Historiae animalium liber IIII. qui est de piscium & aquatilium animantium natura, cum iconibus singulorum ad vivum expressis Tiguri: apud Christoph. Froschoverum, anno 1558, sondern erst in der deutschen Ausgabe 1563. (Gessner hat seine Werke immer wieder üebrarbeitet.)

Solche gestalt hat der groß Olaus in seinen Taflen gesetzt. (Die Meerschlange ist in den acht Jahren auch etwas gewachsen: bei Olaus Serpens Norvagicus 200 pedum longitudine > bei Gessner 300 Schuch lang.)

Fischbuoch: das ist ein kurtze, doch vollkommne Beschreybung aller Fischen so in dem Meer und süssen Wasseren, Seen, Flüssen oder anderen Bächen jr Wonung habend, sampt jrer waren Conterfactur, […] yetz neüwlich durch D. Cuonradt Forer […] in das Teütsch gebracht. Getruckt zuo Zürych bey Christoffel Froschower im Jar als man zalt M.D.LXIII.

Zweites Beispiel:

Die »Vier Bücher vom Wahren Christentumb« von Johann Arndt (1605/09, 1612 zu 6 Büchern erweitert; die Embleme zuerst in der Ausgabe Riga 1678/79) haben viele Neuauflagen erfahren. – Vgl. hierzu: Dietmar Peil, Zur Illustrationsgeschichte von Johann Arndts ›Vom wahren Christentum‹. Mit einer Bibliographie. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Vol. 18 (1977), S. 963–1066 > https://epub.ub.uni-muenchen.de/5112/index.html besser > https://core.ac.uk/download/pdf/12165971.pdf

Hier als Beispiel die Mondfinsternis (2. Buch, 52, Kapitel; Emblem Nr. 35). Zugehöriger Text: Hier ist uns abgebildet eine Monden-Finsterniß, welche allein im vollen Licht geschicht. Denn nicht ehe kan natürlicher Weise eine Monden-Finsterniß werden, es habe denn der Mond sein volles Licht. Damit wird uns angedeutet, daß öfters, wenn ein Christ sehr hoch erleuchtet ist, durch schwere Anfechtung, da ihm Gott seine Gnade und Trost entzeucht, eine sehr grosse Finsterniß in seiner Seele leiden müsse […].

Des hoch-erleuchteten Theologi, Herrn Johann Arndts, ... Samtliche Sechs Geistreiche Bücher Vom Wahren Christenthum […] Neue Auflag mit Kupferen, Samt Richtigen Anmerckungen, kräfftigen Gebätteren über alle Capitel, und einem sechsfachen Register, Zürich, in Bürcklischer Truckerey getruckt 1746. (Repräsentiert die ältere Tradition.)

Im Druck des 19.Jhs. (der nur noch die Embleme und Erklärungen enthält) sind die emblematisch gedeuteten Gegenstände, die in den älteren Auflagen graphisch freigestellt waren, naturalistisch kontextualisiert, was der damaligen Mode entsprach: Das Fernrohr wird mit einem durch es schauenden Betrachter abgebildet; das Sieb mit einem Korn siebenden Bauern usw. Die Mondfinsternis findet in einer Landschaft statt (die von der eigentlichen Aussage eher ablenkt):

Erbauliche Sinnbilder. 56 Bilder mit Reimdeutungen und Bibelsprüchen entnommen den alten Ausgaben von Johann Arndt’s wahrem Christenthum. Neu gezeichnet von J. Schnorr, Stuttgart: Steinkopf 1855 > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10269352_00007.html

Drittes Beispiel:

Conrad Lycosthenes (1518–1561) berichtet zum Jahr 823, dass der verruchte polnische König Popielus dann und wann – auch wenn im Unrecht war – schwor, wenn es nicht wahr sei, so sollten ihn die Mäuse fressen. Das geschieht dann einmal tatsächlich. (Warum das in einem Boot geschieht, geht aus dem Text nicht hervor. Quelle wird eine Geschichte Polens sein, wonach Popielus versuchte, die Mäuse so anzuwehren. Das Bild fehlt in der deutschen Übersetzung.)

Prodigiorum ac ostentorum chronicon, Quae praeter naturae ordinem, motum, et operationem, et in superioribus et his inferioribus mundi regionibus, ab exordio mundi usque ad haec nostra tempora, acciderunt ..., conscriptum per Conradum Lycosthenem; Basileae, per Henricum Petri [1557] pag. 346.

Das Magasin Pittoresque, das viele Ereignisse der Kulturgeschichte der Vergangenheit populärwissenschaftllich aufarbeitet, bringt das Bild in einer stilistisch modernisierten Version. (Auch der erklärende Text ist modernisiert, worauf hier nicht eingegangen wird.)

Le Magasin Pittoresque, rédigé par Èdouard Charton. Vingt-deuxième année 1854, p.184.

Viertes Beispiel:

Der Zorn als Narrheit wird (von wem? Chr. Weigel? Jan Luyken?) so imaginiert:

Ein Schock Phantastn in einem Kasten mit Ihrem Pourtrait gar net in Kupffer gebracht und ausgelacht samt einer Vorred. Zuo finden bey Johann Christoph Weigel in Nürnberg [vor 1705]; Nr. 65
> http://diglib.hab.de/drucke/xb-4f-563/start.htm

Der sich aufplusternde Truthahn gilt als Allegorie des Jähzorns, vgl. Joachim Camerarius, Symbola et emblemata, III (1596), Nr.47.

Dasselbe Kupfer erscheint dann auch in dem (Abraham a Sancta Clara fälschlich zugeschriebenen) Buch Centi-Folium stultorum in Quarto. Oder Hundert Ausbündige Narren in Folio, neu aufgewärmet und in einer Alapatrit-Pasteten zum Schau-Essen, mit hundert schönen Kupffer-Stichen, zur ehrlichen Ergötzung, und nutzlichen Zeit-Vertreibung, sowohl frölich- als melancholischen Gemüthern aufgesezt/ auch mit einer delicaten Brühe vieler artigen Historien, lustiger Fablen, kurtzweiliger Discursen, und erbaulicher Sitten-Lehren angerichtet, Nürnberg: Weigel / Wienn: Megerle 1709; Nr. 97
> http://diglib.hab.de/drucke/hm-29/start.htm
> https://archive.org/details/centifoliumstult00abra/page/n6

In Amsterdam erscheint sodann ein thematisch sehr ähnliches Buch, für das aber neue Kupfer angefertigt wurden.

Beim zornigen Narren wird die Haltung, der Hintergrund mit den Kämpfenden und der Truthahn übernommen; weggelassen ist die Szene rechts hinten mit demjenigen, der einem auf den Hintern schlägt; neu hinzu kommt die Gewitterstimmung mit den Blitzen; außerdem hält der Zornige jetzt einen Degen in der Hand. Das Bild soll von von Casper Luyken (1672–1708) stammen:

De gekheydt der wereldt, wysselyk beschreven en kluchtig vertoont, in hondert narren en derselver narrenpoetzen ... t’Amsterdam de Janssoons van Waesberge, Tweede Deel 1721; Nr. XLIII
> https://books.google.ch/books?id=hXxjAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Fünftes Beispiel:

Circe verzaubert die Gefährten von Odysseus in Schweine (Ovid, Metamorphosen XIV, 278ff.).

Während die Radierung von Antonio Tempesta (*ca. 1555 – 1630) ein Frische, Dynamik der Linienführung zeigt,

Metamorphoseon sive transformationum Ovidianarum libri quindecim, aeneis formis ab Antonio Tempesta florentini incisi et in pictorum antiquistatisque studiosorum gratiam nunc primum exquisitissimis sumptibus a Petro de Iode Antverpiano in lucem editi Aº 1606.

ist die Nachahmung (vgl. unten bei Raubdruck) feiner ausgeführt (malerisch – homogen), aber damit auch fade:

Les Métamorphoses d’Ovide, traduites en François, avec des remarques et des explications historiques par M. l’Abbé Banier. Nouvelle édition revûe, corrigée, augmentée Paris 1738. (EA 1732) Band II, p. 351 (Matheus f.).

Sechstes Beispiel:

Der vielseitige Graphiker Hans Witzig (1889–1973) illustrierte in Holzschnitttechnik ein Lesebuch für Primarschüler. Dabei griff er immer wieder auf Bilder zurück.

Bilder zur Charakteristik des alten Zürich 1867 – Dieses Bild seinerseits scheint zurückzugehen auf eine Aquatinta von Paul Julius Arter (1797-1839), Das Rathaus von der Ostseite, [Zürich: Heinr. Füssli & Comp. 1837] > https://www.e-rara.ch/zuz/periodical/pageview/16669482

aus: Fritz Gaßmann, Lesebuch zur Heimatkunde der Stadt Zürich, Verlag der Schul- und Bureaumaterialverwaltung Zürich, 3. Aufl 1926.

Kalender der Firma Zürcher und Furrer 1913
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Grendel_Schiffl%C3%A4nde.jpg


aus: Fritz Gaßmann, Lesebuch zur Heimatkunde der Stadt Zürich, Verlag der Schul- und Bureaumaterialverwaltung Zürich, 3. Aufl 1926.

H. Witzig hat das Motiv auch verwendet in seinem Jugend-Roman »Fortunatus«. Bei diesem Holzstich muss man schon von einer künstlerischen Adaptation reden:

Fortunatus, Seine wunderlichen Abenteuer in Wort und Bild von Hans Witzig, Bern: Francke 1945.

Literaturhinweis: Anna Lehninger: Punkt, Punkt, Komma, Strich. Hans Witzig als Autor, Illustrator und Zeichner, in: LIBRARIVM, 2018/II, S.104–117.

Siebentes Beispiel:

Die Bilder zur Geschichte des Kampfs von Atilius Regulus mit dem Drachen in ›Livius‹-Drucken von 1505 bis 1637 > hier

Weitere Beispiele

Sebastian Brant-Nachdrucke auf dieser Seite hier

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Graphisch schlechte Kopie

Erstes Beispiel:

In den Ausgaben von Johannes Pauli »Schimpf und Ernst« verwendet der Verleger Steiner viele Holzschnitte des Petrarcameisters. In einer der Anekdoten (von Schimpff das xc.) geht es um einen Papstbesuch. Ein Pelzverbrämter kniet in der Audienz vor dem Papst:

Das Buch Schimpff vnnd Ernst genannt, Wölches durchlaufft der welt hendel / Mit vil schönen vnd kurtzweyligen Exemplen vnd gleichnussen/ Parabolen vnnd Historien. Auch darneben etliche ernstliche Geschichten/ ab wölchen der Mensch/ so er die lesen ist/ sich billich besseren wirt. Jetzund von newem wider Getruckt/ vnnd mit schönenn Fyguren durchausz gezieret, derenn vormals keyne darinn gewesen. Auch fleissig vbersehenn/ gemeret vnd gebessert/ Mit vil newenn Exemplen/ jetzt hinzuo gethan/ vast kurtzweylig zuo lesen &c. [Augspurg: Steyner] 1536. Fol XVIII verso.

Die Darstellung des Papsts mit Tiara auf dem mit einer Sphinx verzierten Thron ist "inspiriert" von derjenigen des Petrarcameisters, ist aber übel geraten. (Der Betende ist besser; woher stammt dieses Bild?)

Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück/ des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII; Erstes Buch, Kap. 92 = Fol. CVIII recto.
> https://books.google.ch/books?id=DB14e6OOOIIC

Zweites Beispiel:

Ein aus vielen verschiedenen Holzschnitten zusammengestoppeltes Werk ist »Das Büchle Memorial« des Johann von Schwarzenberg (1463–1528). Das Buch verdiente eine genauere Untersuchung. Nur ein Beispiel: Auch hier verwendet Steiner Bilder des Petrarcameisters. Und wo sie nicht genau passen, werden sie (schlecht) neu gefasst.

Das Büchle Memorial, das ist ein angedänckung der Tugend/ von herren Johannsen vonn Schwartzenberg/ yetz säliger gedächtnuß, etwo mit Figuren und reümen gemacht [Augsburg: Heinrich Steiner, [Erstausgabe 1534]
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00029340/image_265
Hier aus der Ausgabe 1540, Fol. CXXXII recto

Das Bild stammt aus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück (1532), Erstes Buch, Kap. 76 Fol. XCIII verso, wo es um die Wiederverheiratung eines Witwers geht. (Dass die beiden Szenen simultan dargestellt sind, meint nicht satirisch: der Mann verheiratet sich sofort wieder noch während seine erste Frau beerdigt wird; Simultandarstellungen von zeitlich auseinanderliegenden Handlungen sind in Bildern häufig.)

Die Szene rechts, wo die erste Frau zu Grabe getragen wird, passte nicht zum Thema im »Memorial«, wo es um das Lob des ehelichen Stands geht.

Ob Steiner den Druckstock nicht gerade bei der Hand hatte oder das Original des Petrarcameisters nicht zersägen und für eine spätere Verwendung schonen wollte?

Tatsächlich bleibt der originale Druckstock erhalten und wird später wieder verwendet. Juan Luis Vives (1492–1540), »De institutione feminae christianae« (lat. Erstausgabe Oxford 1523), eine Erziehungslehre für Mädchen und Frauen, wurde ins Deutsche übersetzt und 1544 von Heinrich Steiner mit Bildern des Petrarcameisters herausgegeben.

Hier passt das Bild inhaltlich perfekt, den das Thema (2.Buch, Kapitel 11) ist: Von denen die zum andern mal vermähelt/ vnd Stieffmüter seind.

Hier aus der späteren Ausgabe, die in der Offizin von Egenolff 1566 erschien. Christian Egenolff hatte die Druckstöcke aus der Konkursmasse von Steiner 1548 übernommen. (Noch eine Wanderung!)

Anderer Theyl Ioannis Lodouici Viuis ... Von vnderweisung vnd Gottseliger anfürung einer Christlichen Frawen, im Latein, De Institutione Christianae Foeminae genant : Darinn alle Tugentsame Jungkfrawen vnnd Frawen, wes Stands die sein, ein Lehr ... wie sich sich von erster jugendt an ... christlich halten vnd leben sollen, finden werden ... / durch Herrn Christophorum Brunonem ... gründtlich verteutschet, vnnd mit lüstigen Figuren darzu dienend gezieret [Franckfort am Meyn Bey Christian Egenolffs seligen Erben/ Im jar M.D.LXVI.]

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Inhaltlicher Fehler

Das »Narrenschiff« von Sebastian Brant (Erstausgabe Basel: Bergmann von Olpe 1494) erfuhr bald Neuausgaben und Raubdrucke, vgl. hier unten.

Interessant ist die revidierte Neuausgabe Basel 1574. Die Holzschnitte in kleinerem Format stammen von Tobias Stimmer (1539–1584), der Text wurde sprachlich dem neuen Stand angepasst und jedem Kapitel wurden aus Geiler von Kaysersberg übernommene moralische Ausführungen angehängt.

Herausgegriffen sei das Kapitel »Nit volgen gutem ratt.« / »Der VIII Narr.« Das Bild basiert auf den Versen:

Vil sint von worten wyse vnd kluog
Die ziehen doch den narren pfluog.

Das Wort pfluog ist doppeldeutig: (a) das Ackerwerkzeug; (b) ›Lebensweise‹ (etymologisch zu pflegen = etwas besorgen, umgehen mit; vgl. den Kommentar von Zarncke zur Stelle). Bildlich kann natürlich nur (a) realisiert werden.

Beachtenswert ist, dass in der ursprüglichen Ausgabe (Basel 1494) sowie in beiden Nachschnitten 1497 der den Pflug ziehende Narr sich nach hinten umwendet. Hier schwingt die Stelle aus dem Lukas-Evangelium 9,61f. mit. — Diese Stelle wird im Kap. 82 (mit demselben Bild) explizit erwähnt.:

VND ein ander sprach / HErr / Jch wil dir nachfolgen / Aber erleube mir zu vor / das ich einen Abscheid mache mit denen / die in meinem Hause sind. Jhesus sprach zu jm / Wer seine hand an den Pflug leget / vnd sihet zurück / der ist nicht geschickt zum reich Gottes. (Luther-Bibel 1545)

Ausgabe Basel: Olpe 1494; Digitalisat der BSB > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00036978/image_28

Der Holzschnitt von Tobias Stimmer 1574 zeigt diese Gebärde nicht: Der Narr zieht munter den Pflug vorwärts. S.Brant (1457–1521) stand damals nicht mehr mit einem Ratschlag neben dem Zeichner.

Welt Spiegel/ oder Narren Schiff darinn aller Ständt schandt vnd laster/ vppiges leben/ grobe Narrechte sitten/ vnd der Weltlauff/ gleich als in einem Spiegel gesehen vnd gestrafft werden: alles auff Sebastian Brands Reimen gerichtet; […] erstmals im Truck außgangen/ Durch/ Nicolaum Höniger von Tauber Königshoffen, Basel: Heinricpetri 1574.

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Verbesserung in Neuauflage

Erstes Beispiel: Narrenkappe

In seinem Buch »De remediis utriusque Fortunae« (Von den Heilmitteln der beiden Arten von Glück) lässt Petrarca (1304–1374) im ersten Teil die Personifikationen Fortuna, Gaudium und Spes auftreten, die allerlei Arten des Glücks preisen, wonach Ratio jeweils mahnt, diese Glücksgüter seien letzten Endes eitel; im zweiten Teil grämen sich Dolor und Metus über allerhand Arten von Drangsalen und werden von Ratio getröstet. Was den Menschen erfreut, erweist sich als nichtig, und wovor er sich fürchtet, erweist sich bei genauerem Zusehen als Segnung. – Zur Organisation des Buchs vgl. hier den Artikel von R.Stutz.

Nach langen Vorarbeiten und Verzögerungen wird 1532 die deutsche Übersetzung gedruckt: Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII. [Faksimile, hg. und kommentiert von Manfred Lemmer, Leipzig 1984]

Im ersten Teil, Kapitel 100 jubelt die Freude: Jch hab einen schatz gesamlet zum kriegen. Dagegen wendet die Vernunft ein: Ein böses ding zuo noch bösserm gepraucht/ wye vil besser were es/ dir vnd andern nutzlicher/ denselben zuo geprauch deyner freünd vnd vatterland gesammelt haben/ vnd am maisten der notturftigen/ das were als dann ein warer schatz/ vnd ein belonung hymlischen schatzs/ yetzt ist es ein lon der helle. Aber die Freude bleibt unbelehrbar. (Übersetzung der Ausgabe 1532)

Das Bild der Erstausgabe (1532) zeigt einen Mann, mit einer Narrenkappe, der an einem Tisch vor einem Haufen Geld sitzt und mit der rechten Hand in einem Sack voll Münzen wühlt; neben ihm stehend ein Mann mit einer Schreibfeder und ein weiterer mit einer Liste; vor dem Tisch stehen zahlreiche Landsknechte, die von dem Reichen ausbezahlt werden.

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084729/image_1

Das Bild ist wohl inspiriert von Sebastian Brant, »Narrenschiff« (1494), Kapitel 3 Von gytikeit [Habsucht]

Der ist eyn narr der samlet guot
Vnd hat dar by keyn fryd noch muot

und Kapitel 83: von verachtung armut

Gelt narren sint ouch über al
So vil das man nit findt jr zal
Die lieber haben geltt dann ere

In beiden Kapiteln dasselbe Bild:

> http://www.zeno.org/Literatur/M/Brant,+Sebastian/Satire/Das+Narrenschiff

Ein Narr mit der typischen Kappe sitzt an einem mit Geld und Wertgegenständen bedeckten Tisch, zwei Männer treten in den Raum, der eine lüpft den Hut und sagt (Schriftzug über der Figur wie später in den Sprechblasen): gnad her (›Mit Verlaub, Herr!‹; gemeint ist eine Bitte um Unterstützung). – Habsucht und Verachtung der Armut werden als Narrheit beurteilt. Narrheit ist indessen bei Brant keineswegs ein harmloser Defekt, sondern eine Ausprägung von Gottlosigkeit; vgl. Barbara Könneker (1966).

Bereits 1533 verwendet der Verleger Steiner den Holzschnitt zur Illustration der deutschen Übersetzung des Buchs von Marinus Barletius über die Taten von Georg Kastriota genannt Skanderbeg (1405–1468):

Des allerstreytparsten vnd theüresten Fürsten vnd Herrn Georgen Castrioten/ genannt Scanderbeg/ Hertzogen zu Epiro vnd Albanien etc. Ritterliche thaten/ so er zu erhalten seiner Erbland/ mit den Türckischen Kaysern in seinem leben/ glücklich begangen / Jn Latein beschriben/ Vnd yetz durch Joannem Pinicianum Newlich verteütscht, Augspurg: Steiner 1533.

Zum Kapitel Wie sich Scanderberg rüstet/ wyder belgrad zuo ziehen/ vnd schickt zum Künig Alphonso vnb hilff, in dem erzählt wird, wie er Kriegsvolk mustert (fol. CXLVII verso) passt die Szene mit der Anheuerung von Landsknechten, die Narrenkappe indessen nicht; sie wird entfernt. Das ist technisch sehr geschickt ausgeführt; es ist nicht erkennbar, dass der Mann einmal eine Narrenkappe trug. (Bloß die Schelle auf der rechten Schulter ist stehengeblieben.)

>http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084766/image_318

(Hier wiedergegeben dasselbe Bild aus: Trostspiegel in Glück vnd Vnglück. Francisci Petrarche, des Hochberümpten, Fürtrefflichen, vn[d] hochweisen Poeten vnd Oratorn, zwey Trostbücher, Von Artznei vnd Rath, beydes in gutem vnd widerwertigem Glück ... ; Allen Haußuättern, vnd Regimentspersonen ... sehr nützlich vnd tröstlich zuwissen. Jetzund von newem widerumb zugericht vnd in Truck verfertiget, Franckfort am Meyn: Egenolff 1572.)

In der Neu-Ausgabe des Glücksbuchs Augsburg: Heynrich Steyner 1539 fehlt dann natürlich die Narrenkappe auch. Das ist gar nicht so übel, denn Patrarca sagt nicht, Reichtümer anzuhäufen und damit Kriege zu finanzieren, sei bloß närrisch. Sondern es werden harte Ausdrücke verwendet: Rem malam in usus pessimos! – pretium est inferni – pestiferum (Petrarca im Original) Ein böses ding – ist böß (Übersetzung 1532) zu bösem brauch – Gelt gibt zum bösen vrsach vil – so ists böse (Übersetzung 1539).

Zweites Beispiel: Die Sphinx

1579 erscheint die erste Auflage von Laurentius van Goidtsenhoven (Laurentius Haechtanus, 1527–1603), »Mikrokosmos. Parvus Mundus« mit Kupferstichen von Gerard de Jode (1509–1591) in seinem Verlag in Antwerpen. Das Buch wurde mehrmals neu aufgelegt; für die Ausgaben 1618 und später wurden die Kupfer von Jacob de Zetter (wie üblich seitenverkehrt) nachgestochen. Diese sind etwas gröber herausgekommen, was hier nicht interessiert. Betrachten wir Nr. 41: Sphinx.

Die Sphinx gibt den Thebanern bekanntlich folgendes Rätsel auf: »Welches Wesen, das eine einzige Stimme hat, geht morgens auf vier Füßen, mittags auf zweien und abends auf dreien?« Oedipus vermag es zu lösen: Es ist der Mensch, der als Kleinkind auf allen Vieren krabbelt, als Mann zweibeinig marschiert und als Greis am Stock geht.

Die antiken Quellen zu Sphinx sind hier zusammengestellt: https://www.theoi.com/Ther/Sphinx.html

Die hinsichtlich Aussehen genauerste antike Quelle der Geschichte ist APOLLODOR, »Bibliothek«, III,v,8. Er beschreibt die Sphinx so: Sie hatte das Gesicht einer Frau, die Brust, die Füße und den Schwanz eines Löwen und die Flügel eines Vogels, …

1579

Sphinx und der sinnierende Ödipus bilden die zentrale Szene; die drei Gestalten des aufgelösten Rätsels sind konkretisiert im Hintergrund sichtbar. Sphinx ist als männliches Wesen dargestellt.
> https://www.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/mikro/seite46.html

1618

Der Kopist hat offensichtlich den lateinischen Text genau gelesen, wo die Sphinx weiblich ist:

Callida Sphinx cuius longus pars vltima serpens
    Ætheream facies indicat esse deam
Proponit multis latebrosum ænigma, ...

Die schlaue Sphinx, deren Hinterteil eine lange Schlange ist – das Gesicht verrät, dass es eine zur Oberwelt gehörige Göttin ist – gibt vielen ein schwieriges Rätsel auf ...

Vgl. die deutsche Fassung: Jacob Zetter, Speculum virtutum & vitiorum. Darinnen nicht allein Tugend und Erbarkeit/ Zucht und gute Sitten/ Wie auch Laster/ und Untugend/ sondern auch der Welt mores, artig und anmühtig/ Beydes durch Kunstreiche Kupffer/ als auch artige Teutsche Historische und Moralische Reimen werden abgemahlet und fürgebildet. Francofurti: Zetter 1644 > http://diglib.hab.de/drucke/lo-8314/start.htm?image=00094

Hier wird die Sphinx – nicht zum Bild passend – so beschrieben: Das Wunderthier […] war formiret wünderlich: Das Antlitz einem Mägdlein gleich: Der Leib eim Hund: die Nägl eim Löwn; Die Stirn die war eim Menschen ebn: Der Schwantz wie ein Fisch oder Drach. Zitiert wird dazu PLINIUS; als Vorbild gedient haben könnte allenfalls die Stelle in der »Naturalis historia« VIII,xxx,72, wo Plinius monströse Affen aus Äthiopien unter den Begriff sphingae beschreibt.

Bei Heliodor, Historien II,175 ist Sphinx auch maskulin, er meint aber die ägyptische Skulptur der Sphinx. In der mittelalterlichen Ikonographie gibt es durchaus auch männliche Sphingen.

Spätestens ab der Auflage von 1608 war Sfinge Thebana superata da Edipo bei Vincenzo Cartari, Le imagini dei degli antichi (p. 274) als weibliches Wesen abgebildet:

Auch Claude Paradin, Devises heroïques, 1614 kennt das monstre Sfinx (ebenfalls geflügelt) als weiblich:

Drittes Beispiel: Von ›West-Indien‹ nach Japan

Theodor de Bry (1528–1598) und sein Sohn Johann Theodor de Bry (1561–1623) edierten bedeutende Reiseberichtsammlungen: die West-Indischen Reisen und die Ost–Indischen Reisen. Hier interessiert die deutsche Fassung der americanischen Historien von Johann Ludwig Gottfried (1584–1633).

Johann Ludwig Gottfriedt, Newe Welt vnd Americanische Historien. Inhaltend warhafftige und vollkommene Beschreibungen aller West-Indianischen Landschafften, Insulen, Königreichen und Provintzien, Seecusten, fliessenden und stehenden Wassern, Port und Anländungen, Gebürgen, Thälern, Städt, Flecken Wohnplatzen, zusampt der Natur und Eygenschafft dess Erderichs, […] Item, historische und aussführliche Relation 38. Fürnembster Schiffarten underschiedlicher Völcker in West-Indien, von der ersten Entdeckung durch Christophorum Columbum, in 150. Jahren, vollbracht. Franckfort: Bey denen Merianschen Erben 1631.
> https://archive.org/details/neweweltvndameri00gott
> http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/gottfried_historia_1631 (hier auch OCR-erfasst)

Seite 41 ist die Rede von Beichtpraktiken der Americaner. Und da holt J. L. Gottfried aus zu einem Exkurs:

Wir wöllen allhier auch ein Art von der Japanier Beicht einführen/ ob sie wol eygentlich zu den Orientalischen Historien gehörig.

In Japan gebe es eine sonderliche Art zu beichten. Auf einem hohen, überhängenden Felsen ist ein Mechanismus angebracht, mit dem eine Waage mit zwei Schüsseln über die grausame schwindelhaffte Tiefe getrieben werden kann. Jeder Pilger, der den Ort besuchen möchte, muss sich einer Beicht unterwerfen: Er muss sich in eine der Schüsseln setzen und seine Sünden bekennen; bei jeder bekannten Sünde erhebt sich die Schale, in der er sitzt, nach und nach in die Höhe; wenn er alle gebeichtet hat, herrscht Gleichgewicht. Dieser ganzen Handlung steht ein Teufel in menschlicher Gestalt namens Goquis vor. Bekennt der Pilger alles, so nimmt ihn dieser aus der Schüssel und lässt ihn ziehen. Bleibt der Beichtende verstockt, so wird die Waagschüssel umgedreht, und der arme Tropf über den Felsen hinabgestürzt, so dass er ums Leben kommt.

Dazu dieses Bild:

Es fällt auf, dass die die Beichtenden wägenden Männer einen indianischen Federschmuck als Kopfbedeckung tragen. Dies, obwohl die Handlung sich in Japan abspielt.

Diese Kopfbedeckung erscheint auch in anderen Bildern, hier z.B. Seite 120:

Der Vielschreiber (Buntschriftsteller) Erasmus Francisci (1627–1694) hat 1668 eine umfangreiche Enzyklopädie exotischer Erdteile kompiliert. Sein Werk umfasst aber mehr als nur ›Westindien‹, sondern auch ›Ostindien‹, d.h. China und Japan:

Erasmi Francisci Ost- und West-Indischer, wie auch Sinesischer Lust- und Stats-Garten: […] In Drey Haupt-Theile unterschieden. Der Erste Theil Begreifft in sich die edelsten Blumen/ Kräuter/ Bäume/ Heel- Wasser- Wein- Artzney- und Gifft-gebende Wurtzeln/ Früchte/ Gewürtze/ und Specereyen/ in Ost-Indien/ Sina und America: Der Ander Theil Das Temperament der Lufft und Landschafften daselbst; die Beschaffenheit der Felder/ Wälder/ Wüsteneyen; die berühmten natür- und künstliche Berge/ Thäler/ Hölen; imgleichen die innerlichen Schätze der Erden und Gewässer ... folgends unterschiedliche wundersame Brunnen/ Flüsse/ Bäche/ ... abentheurliche Meer-Wunder; Lust- Spatzier- Zier- Kauff- und Kriegs-Schiffe: Der Dritte Theil Das Stats-Wesen/ Policey-Ordnungen/ Hofstäte/ Paläste/ denckwürdige Kriege/ Belägerungen/ Feldschlachten/ fröliche und klägliche Fälle/ Geist- und Weltliche Ceremonien/ merckwürdige Thaten und Reden der Könige und Republicken daselbst. Wobey auch sonst viel leswürdige Geschichte/ sinnreiche Erfindungen/ verwunderliche Thiere/ Vögel und Fische/ hin und wieder mit eingeführet werden ..., Nürnberg/ In Verlegung Johann Andreæ Endters / und Wolfgang deß Jüngeren Sel. Erben. Anno M.DC.LXVIII.

Er ›zitiert‹, was ihm unterkommt, und er bedient sich auch des Kupfers aus de Bry / Gottfriedt (wie üblich: seitenverkehrt). Dabei besinnt er sich, dass der Text ja von einem Brauch in Japan handelt. Und so legt er seinem Graphiker nahe, die Handelnden nicht mit indianischem Kopfschmuck, sondern mit einem japanischem Chignon auszustatten, vgl. dazu wikipedia.org/wiki/Chonmage (S. 1042, Ausschnitt):

Solche Frisuren zeigt beispielsweise das Werk des Japanreisenden François Caron (ca. 1600–1673) auf dem Titelblatt der deutschen Übersetzung; ein Werk, das Ersamus Francisci kannte:

Fr. Carons, und Jod. Schouten Wahrhaftige Beschreibungen zweyer mächtigen Königreiche, Jappan und Siam: benebenst noch vielen andern, zu beeden Königreichen gehörigen, Sachen [...], In Verlegung Michael und Joh. Friederich Endters 1663.

Literaturhinweise:
Friedrich Wilhelm Sixel
, Die deutsche Vorstellung vom Indianer in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Diss. Bonn 1963.
Anna Greve
, Die Konstruktion Amerikas. Bilderpolitik in den Grands Voyages aus der Werkstatt de Bry, Böhlau-Verlag 2004. (Hier eine Diskussion der Vorlagen dieser Bücher sowie eine Bibliographie der Drucke von de Bry ab der 1.Auflage 1590.)

Viertes Beispiel:

Cesare Ripa (* um 1555 bis 1622) ärgerte sich nach dem Erscheinen der ersten bebilderten Ausgabe (1603) seiner »Iconologia« über Fehler, welche die Illustratoren gemacht hatten.

Ein Beispiel: Der Graphiker hatte nicht beachtet, dass der Text zur Personifikation der SAPIENZA sagt: Giovane in vna notte oscura …

Iconologia, overo descrittione dell'imagini universali cavate dall'antichità et da altri luoghi da Cesare Ripa Perugino, opera non meno utile, che necessaria à Poeti, Pittori, Scultori, per rappresentare le virtù, vitij, affetti, et passioni humane. In Roma. Per gli Heredi di Gio. Gigliotti, M.D.XCIII.
> https://archive.org/details/iconologiaouerod00ripa/page/440

In der Ausgabe 1618 wurde das berichtigt. Das Licht der Sapienza erhellt jetzt einen dunkeln Raum:

Nova iconologia, Paduva: Paolo Tozzi 1618.
> https://archive.org/details/novaiconologia00ripa

Literaturhinweise zu Cesare Ripa:

Website der UZH

Alice Thaler, Die Signatur der Iconologia des Cesare Ripa: Fragmentierung, Sampling und Ambivalenz. Eine hermeneutische Studie, Basel: Schwabe-Verlag 2018.

 

Fünftes Beispiel: ›Verbesserung‹ infolge Zensur

1522 erscheint die deutsche Übersetzung des neuen Testaments von Martin Luther (das sog. ›Septembertestament‹). Während die Evangelien und die bedeutenden Paulusbriefe mit Kommentaren am Rand versehen sind, enthält die Apokalypse keine Kommentare. Luther zweifelte nach der Begegnung mit den religiösen Schwärmern (den sog. ›Zwickauer Propheten‹) am Wert dieses biblischen Buches, das ihm zu visionär war und die evangelische Botschaft zu wenig klar ausdrückte. In der Vorrede zur »Offinbarung« formulierte er dieses Misstrauen deutlich, und der Text ist 1522 wohl deshalb nicht paginiert. Ganz im Gegensatz dazu steht, dass die Apokalypse und einzig sie bebildert ist.

Die 21 ganzzseitigen Bilder (im Kleinfolio-Format) stammen teils von Lukas Cranach d.Ä. (1472–1553), teils aus seiner Werkstatt. Luther mögen verschiedene Gründe bewogen haben, hier Bilder zuzulassen; es mag sein, dass ihm die polemischen Spitzen gegen das Papsttum zupass kamen, die man so nicht expressis verbis zu formulieren brauchte.

Das Tier aus dem Abgrund (Apk 11,7), der Drache (Apk 16,7) und die Babylonische Hure (Apk 17,1) tragen die an den drei Reifen erkennbare päpstliche Krone, die Tiara.

Apokalypse 17,1ff in Luthers Übersetzung 1522:

Und es kam einer von den sieben Engeln die die sieben schalen hatten/ redet mit mir und sprach zu mir/ kum/ ich will dir zeigen das Urteil der großen huren/ die da auf vielen wassern sitzt/ mit welcher gehurt haben die Könige auf Erden/ und trunken worden sind von dem Wein ihrer Hurerei/ die da wohnen auf Erden/ Und er bracht mich im Geist ynn die wussten/
Und ich sah das Weib sitzen auf einem rosinfarben Tier/ das war voll Namen der Lästerung/ und hatte zehn Horne/ und das Weib war bekleidet mit Scharlacken und rosynfarb/ und übergoldet mit Gold und edlen Steinen und perlen/ und hatte ein Gulden Kelch in der Hand voll Greuels und Unsauberkeit ihrer Hurerei/
und an ihrer Stirn geschrieben den Namen/ das Geheimnis/ die große Babilon/ die Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden/

Holzschnitt von Lucas Cranach d.Ä. (und seiner Werkstatt) zur Apokalypse in Luthers Septembertestament (1522). Die Hure Babylon trägt eine Tiara – so ist nahegelegt, wer damit gemeint ist.
> http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/luther_septembertestament_1522?p=433

Am 7. November 1522 erließ Herzog Georg von Sachsen (›der Bärtige‹), ein vehementer Luther-Gegner, ein Verbotsmandat gegen das Septembertestament, das mit etlichen schmehlichen figuren bebstlicher heiligkeit zu schmehen versehen sei. — Kurfürst Friedrich der Weise, um gute Beziehungen zu Rom und den Kaiser bemüht, erwirkte eine Abmilderung: In der im Dezember 1522 erscheinende Neuauflage wurden die drei Holzstöcke mit den Bildern des Tiara tragenden Monsters bearbeitet; die oberen beiden Kronringe der Tiara wurden weggeschnitten, so dass sie wie eine weltliche Krone aussieht. Das sieht dann so aus:

Literaturhinweise:

Peter Martin: Martin Luther und die Bilder zur Apokalypse. Eine Untersuchung zur Ikonographie der Illustrationen zur Offenbarung des Johannes in der Lutherbibel 1522 bis 1546. Hamburg: 1983 (Vestigia Bibliae Band 5).

Vgl. Heimo Reinitzer, Biblia deutsch. Luthers Bibelübersetzung und ihre Tradition (Ausstellungskatalog der Herzog August Bibliothek 40), Wolfenbüttel: HAB 1983; Nr. 109 und Abb. 115 und Nr. 100, Abb. 103a: Eine (katholische) polnische Bibel 1561; der Künstler übernimmt Cranachs Bild und lässt die oberen beiden Kronreifen weg.

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Verschiebung in eine Publikation, wo das Bild passt

Erstes Beispiel

In der Chronik von P. Etterlin (1507) werden dieselben Schlachtenbilder ebenfalls mehrfach verwendet. Beispiel: Fol. XCI verso, CVII verso und CIX verso.

Das Bild passt am ehesten zur Kanonade des Städtleins Tiengen (Thiingen) im Sundgauerzug 1468 (fol. CIX verso), bei dem der Chronist Petermann Etterlin sich unter den Luzerner Truppen befand.

Hier CVII verso: Von dem stritt und der schlacht so die uß dem Schwaderloch zuo Ermentingen vor Costentz manlich tatent […] (1499, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_im_Schwaderloh )

Petermann Etterlin, Kronica von der loblichen Eydtgnoschaft Jr harkõmen vnd sust seltzam strittenn vnd geschichten, Basel: Michael Furter 1507. Reprint: Olms-Verlag 2011 (Helvetica Rara).

Der Verleger Heinrich Petri ist offenbar an diesen Holzschnitt seines Basler Kollegen Michael Furter († 1517) gelangt und hat ihn wieder-verwendet für diese Schlacht:

Von den Siben Königen/ die die statt Theben belegeret haben – das ist eine rein literarisch überlieferte Schlacht; die Kanonen stören scheints nicht …

H. Petri hätte eventuell auch ein anderes Schlachtenbild aus der Etterlin-Chronik entnehmen können, z.B. dieses ebenfalls neun Mal (!) verwendete: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00005062/image_165

Das effektiv verwendete Bild passt aber nicht schlecht. Der Verfasser des Texts, Johann Herold hatte möglicherweise Kenntnisse über das Thema ›Sieben gegen Theben‹, die im gedruckten Kontext des Bildes nicht vorkommen:

Hygin, Fabulae, 243 unter "Polynices": Ibi Capaneus, quod contra Iovis voluntatem Thebas se capturum diceret, cum murum ascenderet, fulmine est percussus.

Apollodor, Bibliotheca (deutsche Übers. von Kai Brodersen, III, ¶ 73): Kapaneus hatte bereits eine Leiter ergriffen und stieg an der Mauer auf ihr hinauf, doch traf ihn Zeus mit dem Wetterstrahl.

(Wobei anzumerken ist: Die Erstausgabe von Hygins »Fabulae« durch Jacob Mycellus erschien 1535 bei Hervgius in Basel; J. Herold zitiert Hygin als Quelle zu Beginn des Buchs. – Die Editio princeps von Apollodor datiert erst aus dem Jahr 1555.)

Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung, durch was verwähnungen denselben etwas vermeynder macht zugemessen, vmb dero willen sie von den alten verehret worden, pp. pp. […] Diodori des Siciliers vnder den Griechen berhümptesten Geschichtschreibers sechs Bücher, pp. pp. […] Durch Johann Herold beschriben vnd ins teütsch zuosammen gepracht, Basel: Henrich Petri 1554. pag. ccxvi

Auch in der Ausgabe von Sebastian Münsters Cosmographie verwendet H.Petri diese Schlachtbilder aus der Etterlin-Chronik mehrmals:

Cosmographia. Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum in wölcher begriffen. Aller völcker Herrschafften, Stetten vnnd namhafftiger flecken / härkommen…. Allenthalben fast seer gemeret und gebessert / auch mit einem zuogelegten Register vil breüchlicher gemacht. Basel, Heinrich Petri, 1546.

Zweites Beispiel

(Hier geht es nicht um die Übernahme eines Druckstocks, sondern um die präzise Verwendung der Bildkomposition.)

Die Übersetzung von Ciceros »De officiis« (zuerst 1531) und Petrarcas Glücksbuch (zuerst 1532) mit denselben Holzschnitten des Petrarcameisters wurden mehrfach aufgelegt; das letztere in 10 Auflagen bis 1620.

Das Bild (Musper Nr. 309) steht sowohl in Officia M. T. C. Ein Buch So Marcus Tullius Cicero der Römer zu seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zugehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen […], Augspurg: Steyner 1531 (fol. XXI verso: Wer strafft auß zoren/ vnuerschuldt / Wirt selten lang/ on rach gedult.) als auch in Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück/ des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII (2. Buch, Kap. 131 = fol. CLXII recto: Von einem schendtlichen vnd vnehrlichen Tod). — Die Tatsache, dass über ein Dutzend Bilder in beiden thematisch verschiedenen Büchern innerhalb eines Jahres erscheinen, wäre eine eigene Studie wert.

Es wundert nicht, dass so ein Bild in einem einschlägigen Kontext abgekupfert (oder besser: ›abgeholzt‹) wurde; seitenverkehrt wie bei Kopien üblich, und mit kleineren Änderungen.

Johannes Stumpff bringt ein daran inspiriertes Bild in seiner Chronik I,94recto zum Bauernkrieg 1525 und I,141recto zur Christenverfolgung unter Nero (!):

Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […] Zürich bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII.

In der Carolina darf das Bild nicht fehlen:

Peinlich Halßgericht. Des Aller durchleuchtigsten Großmächtig sten/ vnüberwindlichsten Keyser Carols des Fünfften/ vnd des Heyligen Römischen Reichs peinlich Gerichts Ordnung/ auff den Reichßtägen zu Augspurg vnd Regenspurg/ in jaren dreissig/ vnd zwey vnd dreissig gehalten/ auffgericht vnd beschlossen. Frankfurt/Main: Nikolaus Basse 1575. > http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001646E00000041 (Es gibt auch weitere Auflagen bis 1609)

Eine neuerliche Kopie (wie üblich vereinfacht und seitenverkehrt) erscheint dann noch 1589:

Abraham Saur, Fasciculus constitutionum de poenis vulgo Straffbuch […] Franckfort am Mayn durch Nicolaum Bassæum 1598. > http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10196568-8

Beim Vergleich erkennt man auch Qualitäten des Petrarkameisters. (Danke, Romy, für die Hinweise!)

Drittes Beispiel

In zweiten Teil von Petrarcas »Von der Artzney bayder Glück« (Erstauflage 1532) beklagt sich die Personifikation des Schmerzes, dass sie unrechtmäßig gepeinigt werde.

Der Meister zeichnet zwei Szenen: auf der einen Seite Torturen, wie sie in den Halsgerichtsordnungen beschrieben werden; auf der anderen Seite die Szene mit der Geschichte des Perillus, die der Text im ersten Buch, Kap.95 behandelt und der Meister dort illustriert.

Perillus (Πέριλλος), ein Künstler in Metallarbeit in Athen, der für den Tyrannen Phalaris in Agrigent einen ehernen Stier mit hohlem Leibe verfertigte, in den Verbrecher gesteckt und durch untergelegtes Feuer gebraten werden sollten. Der Künstler wurde vom Tyrannen genötigt, zur Probe selbst in den Stier zu kriechen, und kam so ums Leben. (Plinius, nat. hist. XXXIV, xix, 89 und andere Autoren)

Hier wiedergegeben das Bild aus: Trostspiegel in Glück vnd Vnglück. Francisci Petrarche, des Hochberümpten, Fürtrefflichen, vn[d] hochweisen Poeten vnd Oratorn, zwey Trostbücher, Von Artznei vnd Rath, beydes in gutem vnd widerwertigem Glück ... ; Allen Haußuättern, vnd Regimentspersonen ... sehr nützlich vnd tröstlich zuwissen. Jetzund von newem widerumb zugericht vnd in Truck verfertiget, Franckfort am Meyn: Egenolff 1572. II, 65

Das Bild wurde kopiert (so erklärt sich, dass es seitenverkehrt ist) für die Exempelsammlung von Andreas Hondorff (ca. 1530–1572), das »Promptuarium Exemplorum« (1.Ausgabe Leipzig 1568; weitere Drucke 1570 bis 1598 fast jährlich; zuletzt 1687). Hier ist das Thema das Leiden der frühchristlichen Märtyrer.

PROMPTVARIVM EXEMPLORVM. Das ist: Historien vnd Exempelbuch/ nach ordnung vnd Disposition der heiligen zehen Gebott Gottes/ auß heiliger Göttlicher Schrifft/vnd andern bewerten vnd glaubwirdigen/ Geistli chen vnd Weltlichen/ alten vnd newen Scribenten/ mit allem fleiß zusammen getragen. ... Jetzt zum dritten mal im Truck außgangen/ vnd ... vermehrt/ Durch den Ehrwirdigen in H. Schrifft Hochgelehrten Herren Andream Hondorff/ Pfarrherr zu Droissig. Franckfurt am Mayn im Jar MDLXXXIIII. Fol 14 verso (Der Holzschnitt ist datiert: 1558).

Viertes Beispiel

1585 erschien von Tommaso Garzoni (1549 – 1589) »La piazza vniversale di tvtte le professioni del mondo«.

Es handelt um eine Zusammenstellung von Regenten und Tyrannen, Schulmeistern und Schulfüchsen, von Alchimisten, Metzgern und Fleischhauern, Wahrsagern, Hexenmeistern, Hofleuten, Bettlern, Huren, Gerbern, Scharfrichtern, Buchdruckern usw. in kunterbunter Reihe. Das Werk ist nicht einfach eine Präsentation von Faktenwissen, sondern spielt mit der enzyklopädischen Tradition.

Das Werk wurde 1619 von genial ins Deutsche übersetzt; dieser Text wurde noch drei Mal neu aufgelegt.

In der Ausgabe 1641 (in Quart; zweispaltig) sind Holzschnitte (6 x 8 cm) eingefügt, die Jost Amman (1539–1591) für das »Ständebuch« geschaffen hatte.

  

Piazza Universale: Das ist: Allgemeiner Schauplatz, Marckt und Zusammenkunfft aller Professionen, Künsten, Geschäfften, Händeln und Handwercken, &c. Wann und von wem dieselbe erfunden: Wie sie von Tag zu Tag zugenommen: Sampt außführlicher Beschreibung alles dessen, so darzu gehörig ... / Erstmahln durch Thomam Garzonum, Italiänisch zusammen getragen: Anjetzo aber auffs treulichste verdeutscht, mit zugehörigen Figuren, und unterschiedlichen Registern gezieret, und in Druck gegeben. Zu Franckfurt am Mayn, In Wolffgang Hoffmanns Buchtruckerey, In Verlag Matthæi Meriani 1641.
> https://www.e-rara.ch/zuz/doi/10.3931/e-rara-23945
(Bilder hier aus der Titelauflage: Franckfurt am Mäyn, In Verlag Matthaei Merians Sel. Erben, Druckts Hieronymus Polich und Nicolaus Kuchenbecker 1659)

Herkunft:

  

Eygentliche Beschreibung aller Stände auff Erden, hoher vnd nidriger, geistlicher vnd weltlicher, aller Künsten, Handwercken vnd Händeln &c. vom grösten biss zum kleinsten, auch von jrem Vrsprung, Erfindung vnd gebreuchen / von dem weitberümpten Hans Sachsen ganz fleissig beschrieben vnd in Teutsche Reimen gefasset, sehr nutzbarlich vnd lustig zu lesen, vnd auch mit kunstreichen figuren, deren gleichen zuvor niemands gesehen ... allen Künstlern ... zu sonderlichem Dienst in Druck verfertigt, Gedruckt zu Franckfurt am Mayn bey Georg Raben, in Verlegung Sigmund Feyerabents 1568.
> http://books.google.com/books?vid=BL:A0021552776

Das Bild des ›Intellektuellen‹ mit melancholischer Gebärde hat der Verleger der greichisch/lateinischen Fassung des Ständebuchs (ebenfalls 1568 erschienen) entnommen, in der deutschen Fassung kommt es nicht vor.

In Garzonis »Schauplatz« erscheint es vier Mal: 14.Discurs. Von den Academicis, oder Schul-Lehrern — 26.Discurs: Von Philosophis ins gemein/ und hernach von […] — 27.Discurs: Von den Oratoribus oder Rednern — 38.Discurs: Von den Historicis oder Geschichtschreibern.

    

(linkes Bild aus:) ΠΑΝΟΠΛΙΑ omnium illiberalium mechanicarum aut sedentariarum artium genera continens quotquot vnquam vel à veteribus aut nostri etiam seculi celebritate excogitari potuerunt breuiter & dilucidè confecta carminum liber primus ... Accesserunt etiam venustissimae imagines omnes omnium artificum negociationes ad vivum lectori presentantes, antehac nec visae, nec unquam aeditae / per Hartman. Schopperum, Sigismundus Feyrabend ciuis & typographus Francfurdianus Calend. Ianuarij anno MDLXVIII
> https://archive.org/details/hin-wel-all-00000989-001/page/n26 (rechtes Bild Garzoni)

Fünftes Beispiel:

1580 erscheinen die Siben Bücher Von dem Feldbau/ vnd vollkommener bestellung eynes ordenlichen Mayerhofs oder Landguts. Etwann von Carolo Stephano und Johanne Liebhalto/ der Artzeney Doctorn/ Frantzösisch beschrieben. Nun aber seines hohen nutzes halben, gemeynem Vatterland zulieb/ von dem Hochgelehrten Herren Melchiore Sebizio Silesio, der Artznei Doctore, inn Teutsch gebracht. […]. Getruckt zu Straßburg/ bei Bernhard Jobin 1580.

Darin stehen jeweils zu Beginn der ersten sechs Bücher Holzschnitte wie dieser:

(Bildgröße 11,8 x 15 cm) Das Monogramm MF mit dem daneben liegenden Messer in der Ecke links unten ist dasjenige eines unbekannten Formschneiders, der für Virgil Solis und Tobias Stimmer gearbeitet hat (Nagler Monogrammisten IV, #1197, #1775, #1777). — Die Frau bringt Apoll (Lyra und Pfeile als Attribut) ein Opfer dar – ob er auch für den Gartenbau zuständig ist?

Die Bilder erscheinen 1605 wieder in Künstliche Wolgerissene Figuren und Abbildungen Etlicher Jagdbahren Thieren/ vnd andern zu Lustigem Weydwerck gehörenden Stücken. Weiland von den beyden Berühmten vnd Fürnemen Malern/ Tobia Stimmern und Christoff Maurern zu Zürich/ gerissen: Ytzt aber/ zu mehrerer Belustigung/ mit Teutschen Reimen geziehret vnd erklehret. Getruckt zu Straßburg/ bey Johann Carolo. Anno 1605:

> http://diglib.hab.de/drucke/30-9-geom/start.htm?image=00016

Seltsamerweise enthält das Buch 1605 – abgesehen von fünf Bildern aus demjenigen von 1580 – zu Beginn weitere sechs Bilder im gleichen Stil; eines davon (zum Thema Ackerbau) mit dem Kombinationsmonogramm von Tobias Stimmer und Christoph Murer. Die weiteren Bilder unterscheiden sich isch davon, sind weniger komplex; zwei ebenfalls signiert mit dem Monogramm TS CM.

Verdacht: Wenn es im Titel heißt Weiland [einst] von den beyden Berühmten vnd Fürnemen Malern/ Tobia Stimmern und Christoff Maurern zu Zürich/ gerissen: Ytzt aber – lagen diese Druckstöcke auf Lager und es wurden 1580 nicht alle verwendet, dann aber 1605? Die Lebensdaten: Tobias Stimmer (1539–1584); Christoph Murer (1558–1614).

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Übernahme von identischen Bildern in einen anderen Kontext

Dabei kann sich sich die Aussage, die Pointe des Bilds ändern; es illustriert im neuen Kontext ggf. etwas anderes.

Erstes Beispiel: Vom Flugblatt in die Kosmographie

In einem 1499 publizierten Flugblatt mahnt Sebastian Brant († 1521) zum Frieden im sog. ›Schwabenkrieg‹. Es ist eine Bild-Text-Kombination; der Text ist in einer lateinischen und einer deutschen Fassung überliefert. Der Text ist einerseits ein Klagegesang des Gottes Janus, der eine Personifikation des Friedens darstellt – der Kriegsgott Mars verteidigt seine Ansicht. (N. Henkel hat die dt. Fassung transkribiert.)

Wir konzentrieren uns auf das Bild auf der linken Seite des Blatts. Janus sagt von sich (Zeile 39f.): Ich Janus was zuo Rom bekannt | den Got des fridens man mich nant | ein krantz von ölboum ich all frist | Truog/ das des fridens zeichen ist …

Der doppelgesichtige Janus mit den Attributen Stab und Schlüssel und seiner Eigenschaft als Sender des Friedens basiert auf Ovid, »Fasti« I, 89–144. Die Bedeutung Janus als eines Friedensbringers wird auch erwähnt bei Macrobius, »Saturnalien« I, ix, 2: Mythici referunt regnante Iano omnium domos religione ac sanctitate fuisse munitas.

Im Bildhintergrund erkennt man pflügende und eggende und Schafe hütende Bauern. Darauf lässt sich die Klage des Janus (Vers 6ff.) beziehen: Min äcker ligen wuest on buw | Min pflueg zerbrochen vnd geschant | Min schüren/ hüser synt verbrant | Dar jnn ich samlet win und korn … Freilich sind die Bauern sehr tüchtig bei der Arbeit dargestellt, ohne zerbrochenen Pflug. Man müsste die Szene dann als ideales Gegen-Bild deuten.

Der neben Janus stehende Mercur mit dem Caduceus in der Hand und Flügelschuhen kommt im Text nicht vor. Er ist ebenfalls ein Friedensstifter: Er sieht einmal zwei kämpfend ineinander verschlungene Schlangen und schlägt mit der Rute, die er von Apoll geschenkt bekommen hatte, zwischen sie, damit sie sich trennen; so ist dieser Stab zum Symbol des Friedens geworden (Hyginus, »De Astronomia«, II, vii, 2). – Die ebenfalls im Text nicht vorkommenden Musikanten könnten allenfalls für ›Harmonie‹ stehen.

Flugblätter des Sebastian Brant, hrsg. von Paul Heitz, Strassburg: Heitz, 1915 (Jahresgaben der Gesellschaft für Elsässische Literatur 3). Vgl. das Digitalisat von MGH > http://www.mgh-bibliothek.de/etc/dokumente/a151512.pdf

Sebastian Münster (1488–1552) verwendet den Holzschnitt in seiner »Cosmographie« (1544), und zwar zu Beginn des Kapitels Wie Italia zum ersten ist besessen worden/ vnd wo jim der nam härkompt. Da heißt es, dass Janus im Goldenen Zeitalter nach Italien gekommen sei. Er leret die menschen/ wie man wyn vnd frucht pflantzen solt/ vnnd daruon opffern solt …

Der hinter Janus wachsende Rebenstock und die auf dem Feld arbeitenden Bauern bekommen hier einen anderen Sinn!

S.Münster gibt als Quelle an Fabius Pictor (ca. 254 bis ca. 201). – Die Vorstellung von Janus als des Kulturbringers in Italien geht zurück auf Plutarch, »Fragen über römische Gebräuche«, Kap. 22, wo damit sein Doppelgesicht erklärt wird: Er war von griechischer Abkunft und setzte nach Italien über, wo er eine andere Sprache annahm und die wild und gesetzlos lebenden Bewohner zum Ackerbau und zur Annahme bürgerlicher Einrichtungen bewog.

Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum in welcher begriffen, Aller völker Herrschafften, Stetten, und namhafftiger flecken, herkommen Sitten, gebreüch, ordnung, glouben, secten, und hantierung, durch die gantze welt, und fürnemlich Teütscher nation Was auch besunders in iedem landt gefunden unnd darin beschehen sey Alles mit figuren und schönen landt taflen erklert, und für augen gestelt, Heinrich Petri, Basel 1544. > http://www.e-rara.ch/bau_1/content/pageview/8522563 (Bild hier aus der Ausgabe 1546, PM)

Anhang: Seltsamerweise erscheint in einer der vielen Ausgaben von Johannes Lichtenbergers »Prognosticatio« eine Kopie des Bilds, ohne ersichtlichen Textzusammenhang:

Johannes Lichtenberger, Prognosticatio, Straßburg [nach 1499] > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00048167/image_6

Literaturhinweis: Nikolaus Henkel, Ein unveröffentlichtes deutsches Flugblatt Sebastian Brants: Die Klage des Friedens gegen den Krieg und die Verteidigung des Krieges gegen den Frieden (1499), in: Rudolf Bentzinger (Hg.), Grundlagen: Forschungen, Editionen und Materialien zur deutschen Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Stuttgart: Hirzel 2013, S. 523–534. > https://freidok.uni-freiburg.de/data/9886

Zweites Beispiel: Von Vergil 1502 zu Livius 1507

In Sizilien veranstaltet Aeneas Totenspiele für seinen Vater Anchises: eine Ruderregatta, einen Laufwettbewerb, einen Faustkampf, Bogenschießen und zuletzt das sog. Trojaspiel der Jugend, einen Scheinkampf mehrerer Reiterformationen, eher eine Aufführung als einen Wettkampf (Vergil, Aeneis, 5. Buch, Verse 545ff.).

Diese Spiele illustriert einer der unbekannten Meister von Sebastian Brants Vergilausgabe 1502; hier das Turnier:

Publij Virgilij Maronis Opera cum quinque vulgatis commentariis ex politissimisque figuris… Straßburg: Grüninger 1502. – Fol. CCXLII verso
> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502/0503
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00001879/image_506

Der hochverdiente Drucker und Verleger Johannes Grüninger (um 1455 bis um 1533) in Straßburg, der die Vergilausgabe herausgebracht hatte, besitzt diese Druckstöcke und verwendet sie in weiteren Büchern; oft ziemlich wahllos.

1507 druckt er eine deutsche Übersetzung der Römischen Geschichte von Livius (nicht zu verwechseln mit der 1505 in Mainz bei Johann Schöffer erschienenen Livius-Übersetzung, aus der Grüninger ebenfalls Bilder entnommen oder kopiert hat).

Livius, ab urbe condita I, 24ff. schildert, wie es im Krieg der Albaner gegen die Römer zu einem stellvertretenden Zweikampf auserwählter Helden kommt: Curatier (Alba) kämpfen gegen Horatier (Rom). Grüninger übernimmt das vollkommen anders intendierte Bild aus dem Vergil, er lässt lediglich bei den Tituli der Helden einige Buchstaben entfernen (z.B. oben rechts stand ENEAS, jetzt: E E S):

Römsche History vß T. Liuio, Straßburg, J. Grüninger 1507, Fol. XVI verso
> http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00001874/images/

Grüninger hat viele Druckstöcke wiederverwendet; dies ist kaum erforscht.

Drittes Beispiel:

Der Verleger Schöffer verwendet Bilder aus der Livius-Ausgabe von 1505 (vgl. oben zur Kombination von Teilbildern) drei Jahre später wieder in der Bambergischen Halsgerichtsordnung, wo sie inhaltlich einigermaßen hinpassen; die Textsorte ist freilich eine andere: Geschichte / Strafprozessordnung.

Die Bildkombination ›Richterspruch / Gang ins Gefängnis‹ erscheint in der Livius-Ausgabe vier Mal: Fol. XLV verso – LXXVI recto – CLIX recto – CCCLXVI recto.

Romische Historie / Uß Tito Livio gezogen. Mentz: Schoffer, 6. März 1505. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00004902/image_116

Dann 1508:

BAmbergische halßgerichts vnd rechtlich Ordenung, in peynlichen sachen zuo volnfarn, allen Stetten, Communen, Regimenten ... fürderlich vnd behilfflich, darnach zuohandeln vnd rechtsprechen, gantz gleichfoermig gemeynen geschriben, Rechten ..., Mainz: Schöffer 1508. zu Abschnitt xvj > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00005371/image_24

Viertes Beispiel: 4 x Hausbau

Petrarcas Buch »de remediis utriusque fortunae« wurde von Peter Stahel und Georg Spalatin ins Deutsche übersetzt, und dabei wurde systematisch jedes Kapitel mit einem Holzschnitt versehen; es sollte 1521/22 erscheinen. Als Initiatoren des Buchprojekts gelten die Verleger Grimm und Wirsung in Augsburg. Dieser Verlag ging 1525 in Konkurs. Die Druckstöcke und das Typenmaterial des Projekts fanden ihren Weg über die Verpfändung ungefähr 1527 in die Druckerei des Gläubigers Heinrich Steiner/Steyner in Augsburg. 1532 wurde es endlich unter dem Titel »Von der Artzney bayder Glück, des guten und widerwertigen« gedruckt; 1539 erneut mit neuer Übersetzung.

Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück/ des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII

1532 > https://books.google.ch/books?id=DB14e6OOOIIC

1539 > https://books.google.ch/books?id=E0lCAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Es scheint offensichtlich, dass die Druckstöcke für das Buch von Petrarca angefertigt wurden (vgl. hierzu das Kapitel auf dieser Website). Das hinderte den geschäftstüchtigen Verleger Steyner nicht, sie bereits vor dessen Drucklegung in anderen Publikationen zu verwenden, und später wieder.

••• Im ersten Teil des Buchs »Von der Artzney bayder Glück«, Kapitel CXVIII geht es um den Ruhm einer üppigen Bautätigkeit.

Die Personifikation der Freude jubelt: Ich hoff ehre von dem gepew [Gebäude]; Ich berayt myr ein Glori mit pawen; und ähnlich.

Die Vernunft wendet dagegen ein: Ich hab nicht gewißt/ das man mit kalck/ sand/ vnd höltzern/ auch staynen ehre suocht/ sonder glaubet das die durch wol gehandelt sachen vnd tugenden ersuocht vnd erlangt wurd. Alle Dinge von Menschenhand sind hinfällig, was von Menschenhand geschaffen worden ist, kann auch von Menschenhand wieder zerstört werden. Das wird mit Beispielen aus der Geschichte verdeutlicht: Troja, Babylon, der goldene Palast von Nero usw. Der moralische Diskurs wird 1539 so zusammengefasst:

Was suochstu ehr inn dem gebew/
Inn heusern/ schlossen/ was das sey.
So es doch als zergengklich ist/
Suoch dir kain lob inn kot vnd mist.

Das Bild zeigt den Bauherrn in Rückenansicht, der mit einer Stange Anweisungen gibt; vor ihm ein Steinblock, der bearbeitet wird; der Steinmetz hat sich abgewendet und schaut ebenfalls zum Haus. Im Hintergrund das halbfertige, eingerüstete Haus mit Arbeitern am Werk.

••• Bereits 1531 publiziert Steyner die deutsche Übersetzung von Ciceros »de officiis«:

Officia M. T. C. Ein Buch So Marcus Tullius Cicero der Römer zu seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zugehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen in Latein geschriben, Welchs auff begere Herren Johansen von Schwartzenbergs etc. verteütschet Vnd volgens Durch jne in zyerlicher Hochteütsch gebracht. Mit vil Figuren vnnd Teütschen Reymen gemeynem nutz zu gut in Druck gegeben worden, Augspurg: Steyner 1531.> http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0001/bsb00010109/images/

Dasselbe Bild illustriert hier (Fol.XXXIIIr) eine andere Moral (Textgrundlage: Cic., de off. I, 138–140): Ein Haus soll dem Gebrauch und der Würde des Besitzers angepasst sein; man soll dafür sorgen, dass das Haus wegen der Würde des Besitzers gelobt wird und nicht umgekehrt der Besitzer wegen der Pracht des Hauses (ornanda enim est dignitas domo, non ex domo tota quaerenda, nec domo dominus, sed domino domus honestanda est); die Größe des Hauses soll angemessen sei ; man soll sich mit dem Hausbau nicht ruinieren; Beispiele von römischen Hausbesitzern. Vor schand vnd schad dem billich grawt/ Der vber sein vermügen bawt. Die zier im hauß ist aller best/ Findt man darinn frum wirt vnd gest.

••• Im selben Jahr 1531 publiziert Steyner die deutsche Übersetzung des spätantiken Geschichtswerks von Marcus Iunianus Iustinus: »Epitoma Historiarum Philippicarum« mit Bildern von Jörg Breu d.J. und des Petrarcameisters (Musper L 118):

Des Hochberümptesten Geschicht schreybers Justini warhafftige Hystorien/ die er auß Trogo Pompeio gezogen: vnd inn Viertzig vier Bücher außgeteylt/ darinn er von vil Künigreychen der welt/ wie die auff vnd abgang genommenn/ beschryben. Die Hieronymus Boner der zeyt Schultheys zuo Colmar/ auß dem Latein inn diß volgend Teütsch vertolmetscht hat/ welche nit allein zuo lesen lustig/ sondern einem yeden menschen zuo wyssen nutzlich vnd not ist. … Gedruckt zuo Augspurg durch Heynrich Steyner M.D.XXXI. > http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10620653.html

Hier ist der Kontext desselben Bildes (Fol. LXII verso) der: Von der statt Carthago/ wann vnd von wem die erpawen ist.Dieweil man yetzund an die stat carthago kommen/ ist billich etwas von jrem vrsprung zusagen/ … Erzählt wird hier auch die Gründungslegende Karthagos. Die phönizische Königin Elissa (später Dido genannt) ist vor ihrem Bruder (der ihren Gatten ermordet hatte) auf einem Schiff geflohen und an der afrikanischen Küste gelandet. Sie erbittet vom dortigen Herrscher so viel Land, wie sie mit einer Ochsenhaut umspannen könne. Das wird ihr bewilligt. Dido lässt die Haut in feine Riemen schneiden, legt sie aneinander und kann so ein großes Stück Land umziehen. Darauf lässt sie dort eine Festung erbauen (phönizisch Carthada ›Neustadt‹): Karthago.

Genau genommen müsste als Erbauerin der Stadt eine weibliche Figur dargestellt sein. Die Szene hat der Illustrator der Livius-Übersetzung 1505 gezeichnet, sogar mit der Szene des Zerschneidens der Ochsenhaut. Romische Historie / Uß Tito Livio gezogen. Mentz: Schoffer, 6. März 1505. fol. XCI verso:

••• 1537 verlegt Steyner eine deutsche Übersetzung von Polydorus Vergilius, »de inventoribus rerum« (darüber mehr unten). Im dritten Buch, Kapitel 7 ist das Thema Vom vrsprung der Bawmayster. Er entwirft einen kleinen kulturgeschichtlichen Abriss; darunter: Etlich habendt jhnen heüser von blettern gemacht/ etlich habend hölern vnden an den bergen hinein gegraben … Dann aber haben die Menschen dank ihres Verstands gelernt, Häuser zu bauen: die wänden mit auffgerichten spreussen/ vnd zwischen gelegten stauden mit laim zu vermachen/ auch laymine knollen zuo dörren/ vnd auff einander zuo setzen. Dann folgt die Architectura, die der abgöttin Pallas und dem alttestamentlichen Jobal [?] zugeschrieben wird. (Details folgen dann im nächsten Kapitel, wiederum mit einem Holzschnitt des Petrarcameisters).

Das Bild mit dem Steinmetzen passt nicht stimmig zum Text des Kapitels:

Polydorus Vergilius Urbinas, Von den erfyndern der dingen. […] mit schönen figuren durchauß gezyeret/ jedem Menschen nutzlich und kurtzweylig zuo lesen. Augspurg: Heynrich Steyner MDXXXVII. > http://diglib.hab.de/drucke/q-49-2f-helmst/start.htm

Literaturhinweis hierzu: Theodor Musper, Die Holzschnitte des Petrarkameisters. Ein kritisches Verzeichnis mit Einleitung und 28 Abbildungen, München: Verlag der Münchner Drucke 1927. (Bild Nr. 180)

Fünftes Beispiel: Von der technischen Illustration zur Illustration einer Geschichte

Zur Bestimmung von Weglängen haben die antiken Bematisten (Schrittzähler) – mechanische Messwagen (Hodometer) verwendet. Vitruv schildert den Mechanismus eines solchen mechanischen Wegmessers sehr genau (»de architectura« X, ix > lat. Text | engl. Übersetzung)

Das Prinzip ist dieses: Mittels eines vom Rad des Wagens getriebenen Untersetzungsgetriebes wird eine Scheibe bewegt, in denen Löcher eingebohrt sind, in denen sich kleine Steine befinden, die nach und nach in einen Kasten fallen. Nach beendigtem Weg zählt man die Steinchen und kann, weil man das Maß der Übersetzung kennt, ganz einfach den zurückgelegten Weg messen.

Walther Ryff zeigt in seiner Vitruv-Übersetzung, eine Rekonstruktions-Zeichnung (Ausgabe Nürnberg: Petreius 1548 > UB Heidelberg)

Hier aus der Ausgabe Basel: Henricpetri 1614, S. 595. – Ryff scheint sich vorzustellen, dass die Überwachung des Apparats und das Steinchenzählen von Frauen geleistet wird.

Spätestens 1575 hat Sebastian Henricpetri diese Vitruvausgabe nachgedruckt und ist so in den Besitz der Holzstöcke gelangt: Vitruvius, Des aller namhafftigisten unnd hocherfarnesten, roemischen Architecti, unnd kunstreichen Werck oder Bawmeysters, Marci Vitruvii Pollionis, zehen Buecher von der Architectur und kuenstlichem Bawen[…] erstmals verteutscht, unnd in Truck verordnet, durch, D. Gualtherum H. Rivium […], Getruckt zu Basel durch Sebastian Henricpetri, im Jar nach der Geburt Christi 1575.

In der Ausgabe 1588 (evtl. schon 1578?) verwendet Sebastian Münster (1544–1628) bzw. sein Verleger dasselbe Bild in einer Auflage der »Cosmographey« für einen ganz anderen Zweck.

Er beschreibt den prachtvollen Feldzug Alexanders des Großen nach Cilicien. Mehrere mit Silber und Gold gezierte Wagen werden geschildert, dann des Königs Wagen. Usw. Darnach kamen zwen Wägen/ vnd saß in einem des Königs Mutter/ im andern sein Gemahel. — Da hatte er Glück, ein Bild mit Frauen in einem Wagen zu finden, das halbwegs passte...


Sebastian Münster, Cosmographey Oder beschreibung Aller Länder herrschafftenn vnd fürnemesten Stetten des gantzen Erdbodens sampt jhren Gelegenheiten, Eygenschafften, Religion, Gebreuchen, Geschichten vnnd Handthierungen, etc.: Basel: Sebastian Henricpetri 1588. 5. Buch, Kapitel 6 = fol. Mxxlxxvl > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00074488/image_1

Sechstes Beispiel: Aus geographischen Beschreibungen in eine Prodigiensammlung

• In der lateinischen Ausgabe der Cosmographie des Sebastian Münster (1488–1552 in Basel) aus dem Jahre 1550 steht ein Wimmel-Bild mit der Fauna im Kapitel über Indien: De animalibus, quæ gignit India, & primum de elephanto. (Die von Viktor Hantzsch, Leipzig 1898, angegebene lateinische Ausgabe aus dem Jahre 1544 war mir nicht zugänglich; möglicherweise war das dort schon so.)

Cosmographiae uniuersalis Lib. VI., in quibus, iuxta certioris fidei scriptorum traditionem describuntur, Omnium habitabilis orbis partium situs ... Omnium gentium mores, leges, religio, res gestae, mutationes: Item regum & principum genealogiae, Basileae: Heinrich Petri 1550; pag. 1068.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00096223/image_1157

• In der deutschen Ausgabe der Kosmographie 1553, illustriert dasselbe Bild die fruchtbarkeit des alten Teütschen erdtrichs, die schon Tacitus schildere:

Cosmographei oder beschreibung aller länder, herrschafften, fürnemsten stetten, geschichten, gebreüchen, hantierungen etc. / zum offteren mal trefflich seer durch Sebastianum Munsterum gebessert in weldtlichen vnd natürlichen historien […] gemeret. Item auff ein neüws mit hübschen figuren vnd landtaflen geziert, Basel: Petri 1553, Pag. cccxviij.

Dass es im alten Teütschen erdtrich Elefanten und Nashörner gegeben hat, glaubte wohl selbst Sebastian Münster nicht (bei einem Einhorn ist das was anderes).

Vielleicht hat dieses Bild seinerseits Vorfahren. Es mag die Tiere in der Schöpfung illustriert haben oder den Tierfrieden (Jesaias 11,6–8 und 65,25). Oder es stammt aus einem ethnographischen Werk wie z.Bsp. Wahrhafftige Historische Beschreibung dess gewaltigen Goltreichen Königreichs Guinea, […] an Tag geben durch Johann Theodor und Johann Israel von Bry, 1603 > hier.

Johannes Herold – (1514–1567; seit 1539 in Basel), ein ausgezeichneter Kenner der Antike, der im selben Verlag publiziert – benutzt das Bild 1554 in seiner Übersetzung von Diodorus Siculus, wo dieser von den Indiern und jren Anstössen den Scythiern berichtet. Hier passt wenigstens der Elefant. (Zum Kampf zwischen Nashorn und Elefant mehr hier.)

Mancherley thier erzeuget sie [India, grammat. fem.] die stärcker unnd grösser seind/ dann an andern ohrten/ so geflügel so andere. Vil Elephanten die grösser seind dann die Lybischen. Sie prauchen sich auch dern inn kriegen/ fahen ihrn ein grosse mänge/ vnnnd erlangen vil siegs darmitt.

Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung, durch was verwähnungen denselben etwas vermeynder macht zugemessen, vmb dero willen sie von den alten verehret worden, pp. pp. […] Diodori des Siciliers vnder den Griechen berhümptesten Geschichtschreibers sechs Bücher, pp. pp. […] Durch Johann Herold beschriben vnd ins teütsch zuosammen gepracht, Basel: Henrich Petri 1554, pag. xcv.

Conrad Lycosthenes (1518–1561) hat eine Sammlung von ›Prodigia‹ zusammengestelt, das sind extraordinaire Ereignisse (Missgeburten bei Tieren und Menschen; Kometen; Schriften auf Naturdingen; sonderbare Regen u.a.m.), die oft als Vorzeichen (für politische Wirren und Kriege; Missernten, Hungersnöte; Pest u.a.m.) gewertet wurden.

Prodigiorum ac ostentorum chronicon: quae praeter naturae ordinem, motum, et operationem, et in superioribus et his inferioribus mundi regionibus, ab exordio mundi usque ad haec nostra tempora, acciderunt ..., conscriptum per Conradum Lycosthenem; Basileae, per Henricum Petri 1557.

Das Buch wird sofort ins Deutsche übersetzt von Johannes Herold.

Vor dem Jahr 87 vor Chr. ist das Thema der Bundßgnossen krieg wider die Römer: do lüeffen alle thier/ so dem mentschen heimblich vnd nutzlich/ als Hund/ Pferd/ Esel/ Rinder / Schaff/ Säw/ vnd ander vieh zusammen/ wurden wild/ rissen sich auß/ lieffen zuowald/ liessen sich weder anrüeren noch handlen …

Nur in der deutschen Übersetzung von Johannes Herold findet sich dazu dieses Bild – er hat den Druckstock offenbar bei der Arbeit in der Offizin entdeckt und sogleich inseriert:

Wunderwerck oder Gottes unergründtliches vorbilden, das er inn seinen gschöpffen allen, so Geystlichen, so leyblichen ... von anbegin der weldt, biß zu unserer diser zeit, erscheynen ... lassen: Alles mit schönen Abbildungen gezierdt ..., durch Johann Herold ... Verteütscht, Basel: Heinrich Petri 1557.

Siebtes Beispiel: Aus der Bibel in die Oenologie und die Baukunst

In der Chronik von Johann Stumpf (1547) wird der Reichtum an Reben und Wein im Veltlin (damals als zugewandter Ort zur Eidgenossenschaft gehörig) gepriesen:

Das Valtellin ist ein gar fruchtbar talgelend/ der Sonnen wol gelegen/ gebirt auß der massen guote vnd Edle weyn/ deren auch Strabo lib.4 gedenckt/ sind mer teils roter farb/ von den Teütschen/ dem land nach/ genennt Veltlyner. Diser weyn wird von Catone hochgelobt/ dargegen von Catullo gescholten. Vergilius aber lib.2. Georg. halt das mittel also: Et quo te carmine dicam Rhetia? nec cellis ideo contende Phalernis. Er lobt den Veltliner vnder den weynen Italie/ [usw.]

Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […] Zürich bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII. Band 2, fol. 302recto.

Irgendwie kommt einem diese Szene doch bekannt vor! Es ist eine Illustration zur Geschichte aus dem 4.Buch Moses (Numeri), Kap. 13, wo die zur Erkundung Kanaans ausgeschickten Botschafter im Traubental eine Rebe abschneiden und zu zweit an einer Stange tragen:

Das Bild stammt aus der ebenfalls bei Froschauer erschienenen Zürcher Bibel 1531, fol. LXXI verso.

Auch bei der Darstellung der Errichtung des Straßburger Münsters – Goethe hat dem Erbauer Erwin von Steinbach ein literarisches Denkmal gesetzt – dient die Zürcher Bibel von 1531 als Bilder-Vorrat. Dort illustriert das Bild den Turmbau von Babel (Genesis 11)l:

Achtes Beispiel: Aus der Bibel aufs Titelblatt eines technologischen Werks

Leonhard Fronsperger († 1575) verfasste ein Buch zur Architektur. Was passt besser (?), als den Bau des Turms zu Babel aufs Titelblatt zu sezten:

Leonhart Frönsberger, BauwOrdnung. Von Burger vnd nachbarlichen Gebeuwen, in Stetten, Merckten, Flecken, Dörffern, vnd auff dem Land, sampt derselbigen anhangenden Handwercker kosten, gebrauch vnd gerechtigkeit … Franckfurt am Mayn: Gerog Rab / Weygand Hanen Erben 1564.

> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11057320-9
> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/drwFronsperger1564

Das Bild stammt aus der im selben Verlag und im selben Jahr gedruckten Bilderbibel. — Es störte offenbar nicht, dass ausgerechnet dieses die Hybris der Menschen aufzeigende und dem HErrn nicht wohlgefällige Bauwerk (vgl. Genesis 11, 1–11) als Titelbild eines Buch zur Baukunst verwendet wird, von dem es heißt, es sei Allen Oberkeiten vnd Underthanen nütz vnd dienstlich zu gebrauchen.

Neuwe biblische Figuren deß Alten und Neuwen Testaments/ geordnet vnd gestellt durch den fürtrefflichen vnd Kunstreichen Johann Bocksbergern … vnd nachgerissen mit sonderm fleiß durch den Kunstverstendigen vnd wohlerfahrenen Joß Amman von Zürich …, Frankfurt/M.: Georg Rab / Sigmund Feyerabend / Weygand Hanen Erben 1564.

> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b105511026/f19.item

Neuntes Beispiel: Vom ›Kriegsrechtsbuch‹ in eine Enzyklopädie

Ein Narrativ, das sich lange hält, besagt, es gebe einen Stifter oder Erfinder von Riten, Techniken, Sitten. Plinius d.Ä. (gest. 79 AD) kommt im siebten Buch seiner Naturkunde (natrualis historia VII, lvii, 191–209) auf die Idee, darzulegen, was einzelne Menschen erfunden haben; es folgt ein Sammelsurium von Techniken und Praktiken, die auf ihre Urheber zurückgeführt werden.

In VII, lvii,192f. geht es um die Erfinder der Schrift. Der Herausgeber von Caij Plinij Secundi / Des furtrefflichen Hochgelehrten Alten Philosophi / Bücher und schrifften / von der Natur / art vnd eigentschafft der Creaturen oder Geschöpffe Gottes […], Frankfurt: Sigmund Feyerabend 1565 (Seite 74) braucht ein Bild, wo das Schreiben irgendwie thematisch ist:

Er ist nicht in Verlegenheit – in seinem Verlag erscheint im selben Jahr ein von Jost Amman bebildertes Buch, in dem eine entsprechende Szene gezeigt wird: Der Gerichtschreiber am Werk. (Das Bild wird hier mehrfach verwendet.)

Leonhardt Fronsberger, Von Kayserlichem Kriegßrechten, Malefitz vnd Schuldhändlen, Ordnung vnd Regiment […]; Mit schönen neuwen Figuren vnd einem ordentlichen Register, Franckfurt am Mayn: Rab / Feyerabend / Hüter 1565. Fol. VI recto.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00093222/image_21

Zehntes Beispiel: Vom Fechtbuch quer in die Enzyklopädie

Hier ist Feyerabend der deutschen Übersetzung aufgesessen. Plinius beschreibt (naturalis historia VII, xlviii, 152) den häufigen Olympiasieger Eythymos, der ein pycta (Faustkämpfer) gewesen ist – dies übersetzt Johannes Heyden mit Fechtmeister.

Und so entnimmt der Herausgeber das Bild einer berühmten Fechtschule:

[Hans Lecküchner, † 1482], Der Altenn Fechter anfengliche Kunst. Mit sampt verborgenen heymlicheytten/ Kämpffens/ Ringens/ Werfens &c. […] Franckfurt am Meyn. Christian Egenolph 1531.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00024296/image_9

(Die Holzschnitte könnten auf Zeichnungen Dürers basieren.)

Elftes Beispiel: Vom Neuen Testament ins Kochbuch

1571 erscheint eine Bilderbibel mit Holzschnitten von Jost Amman (1539–1591). Darin die Illustration der Rede von Jesus über den reichen Mann und den armen Lazarus (Lukas 16,19–31) mit dem Text: Schlemmers Parabel thut vns lehren/ das wir vns zeitlich sölln bekehren.

Icones Novi Testamenti arte et industria singulari exprimentes, tum Evangeliorum Dominicalium argumenta: tùm alia quamplurima, in Evangelistarum & Apostolorum scriptis eximia. Quae, ne muta essent, sua quoquetam Latina, quam Germanica carmina, singulis Iconibus adiuncta, habent. Francofurti ad Moenum, In verlegung Hieronymi Feyerabendts 1571.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00024383/image_110

1581 erscheint beim selben Verleger ein Kochbuch, wo dasselbe Bild – doch ziemlich schräg und unverschämt – verwendet wird für die Illustration der Bankette von Adligen. Nun volgen vier Bancket der Ertzherzogen/ darinn vermeldet/ was für Speiß vnd Trachten [Gerichte] nicht allein auff die Fleisch- / sondern auch auff die Fasttage zuzurichten seyen.

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gründtliche beschreibung wie man recht vnd wol/ nicht allein von vierfüssigen/ heymischen vnd wilden Thieren ... allerley Speiß/ als gesotten/ gebraten/ gebacken ... kochen vnd zubereiten solle ..., Franckfort am Mayn: Rumpolt und Feyerabendt 1581.
> http://diglib.hab.de/drucke/2-3-oec-2f/start.htm?image=00065

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Übernahme in einen neuen Kontext, wo das Bild besser passt

Bis jetzt war imerm die Rede von Translokationen in Kontexte, wo das Bild nur notdürftig hinpasst. Gelegentlich scheint das Umgekehrte der Fall.

Ertes Beispiel:

In der deutschen Übersetzung des antiken Geschichtsschreibers Marcus Iunianus Iustinus erscheint zweimal ein (Jörg Breu d.J. zugeschriebener) Holzschnitt bei der Beschreibung von Städte-Gründungen (Fol. IX recto Athen und CXVII verso Hyspanien). Insofern solche Geschichten meist einen agrarischen Ursprung annehmen, ist das Bild einigermaßen sinnvoll.

Des Hochberümptesten Geschicht schreybers Justini warhafftige Hystorien/ die er auß Trogo Pompeio gezogen: vnd inn Viertzig vier Bücher außgeteylt/ darinn er von vil Künigreychen der welt/ wie die auff vnd abgang genommenn/ beschryben. Die Hieronymus Boner der zeyt Schultheys zuo Colmar/ auß dem Latein inn diß volgend Teütsch vertolmetscht hat/ welche nit allein zuo lesen lustig/ sondern einem yeden menschen zuo wyssen nutzlich vnd not ist. … Gedruckt zuo Augspurg durch Heynrich Steyner M.D.XXXI.

Der Holzschnitt dient dann im Polydor-Vergil-Buch (3.Buch, 2.Kapitel) – besser passend – zur Illustration der Frage

Wer erstlich den menschen die früchte/ vnd die selbigen zuo Malben*/ oder die äcker zuo dungen/ oder den prauch das Trayd zuo zerstossen/ den menschen anzaigt/ Auch die ochsen an pfluog gespannet/ oder die beürische Eysenwerckzeüg erfunden hab/ oder korenreütter/ oder syb auff mancherley gattung.

*) vgl. Idiotikon IV,223 zermelben zu Mehl verarbeiten

Polydorus Vergilius Urbinas, Von den erfyndern der dingen. […] mit schönen figuren durchauß gezyeret/ jedem Menschen nutzlich und kurtzweylig zuo lesen. Augspurg: Heynrich Steyner MDXXXVII.

Zweites Beispiel:

In der mit Holzschnitten des Perarcameisters illustrierten Cicero-Übersetzung von 1531 fragt man sich öfters, ob ein Bild wirklich für genau diesen Textabschnitt eine Illustration darstellt. – Es gibt 36 Holzschnitte, die in Cicero 1531 und in Petrarcas Glücksbuch 1532 erscheinen, in ganz anderen Kontexten. Dies zu untersuchen wäre ein interessantes Forschungsvorhaben.

Hier das Bild zur Textstelle, wo Cicero sagt (de officiis I, xviii, 60) dass weder Ärzte noch Feldherren noch Redner – mögen sie auch die Vorschriften ihres Fachs verstanden haben – etwas Lobenswertes erreichen können (quicquam magna laude dignum … consequi possunt) ohne Erfahrung und Übung (sine usu et exercitatione), denn die Bedeutenheit der Sache erfordere auch Erfahrung und Übung (sed rei magnitudo usum quoque exercitationemque desiderat). Johann von Schwarzenberg (1463_1528) übersetzt: Wann die größ vnd höhe der gebürlichen werck/ würckung/ gebrauchung/ vnd übung erfrodert.

Dass ein Maler – nicht im Text vorkommend ! – gebrauchung/ vnd übung  nötig hat, ist klar. Die Verse über dem Bild zielen auf eine andere Aussage. Schwarzenberg hat den Akzent verschoben von der Notwendigkeit der Übung zur Geringachtung einer Kunst bzw. Philosophie, die ohne Wirkung bleibt.

Ich mal hie gold vnd köstlich stein/
Der zier vnd nutz man achtet klein.
Dem gleich all kunst der wesyen stet/
so sy nit in die wirckung get.

Officia M. T. C. Ein Buch So Marcus Tullius Cicero der Römer zu seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zugehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen […], Augspurg: Steyner 1531.; fol. XIIII
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00010109/image_44
Die Randleisten muss man ignorieren, sie dienen nur dem Ausgleich des Satzspiegels.

Sehr passend verwendet dann der Redaktor der deutschen Plinius-Ausgabe diesen Holschnitt, wo es um die Erfindung der Malerei geht (naturalis historia VII, xxxix, 126):

Caij Plinij Secundi / Des furtrefflichen Hochgelehrten Alten Philosophi / Bücher und schrifften / von der Natur / art vnd eigentschafft der Creaturen oder Geschöpffe Gottes […], Frankfurt: Sigmund Feyerabend 1565. pag.53.

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Ein Fall von bunter Kompilation: Die Bilder in Polydorus Vergilius 1537

Plinius legt im VII. Buch seiner Naturkunde (hist. nat. VII, lvii, 191–209), nachdem er die Natur des Menschen besprochen hat, dar, was einzelne erfunden haben (quae cuiusque inventa sunt); es folgt ein Sammelsurium von Techniken und Praktiken, die auf ihre Urheber zurückgeführt werden.

Polydorus Vergilius (* um 1470; † 1555) hat diese Überlegung (er zitiert Plinius im Vorwort) zum Prinzip des Artikelaufbaus seiner Enzyklopädie »de inventoribus rerum« (1499 / 1521) gemacht. Eine illustrierte deutsche Übersetzung erscheint 1537 bei Heinrich Steiner in Augsburg:

Polydorus Vergilius Urbinas, Von den erfyndern der dingen. WIe und durch wölche alle ding / nämlichen alle Künsten / handtwercker / auch all andere händel / Geystliche und Weltliche sachen [...] von anfang der Wellt her / biß auff dise unsere zeit geübt und gepraucht [...] durch Marcum Tatium Alpinum grüntlich / vnd aufs fleissigst jnns Teutsch transferiret unnd gepracht / mit schönen figuren durchauß gezyeret, / jedem Menschen nutzlich und kurtzweylig zuo lesen. Augspurg: Heynrich Steyner MDXXXVII. Digitalisat > http://diglib.hab.de/drucke/q-49-2f-helmst/start.htm

Wenn man nur schon eine Auswahl von Kapiteltiteln überfliegt und dazu das Bestreben Steiners stellt, jedes Kapitel mit einem Bild zu versehen, ermisst man die Schwierigkeit des Unternehmens 1537:

Vom ersten vrsprung der Abgötern – […] – Von anfang der sprachen – Vom ursprung der Ehe – Von vrsprung des gotsdiensts – Wer erstlich die Buochstaben erfunden – Von vrpsrung der schreibkünst Grammatices – Von vrsprung der dichtkunst Poetices – […] – Wer erstlichen mancherlay Instrumenten der Musices erfunden – Von vrsprung der weißgelerthayt Philosophie – Wer erstlich der gestyrnen kunst Astrologiam … erfunden habe – Wer die kunst das erdtrich auß zuomessen Geometriam / vnd die rechen kunste Arithmeticam erstlich erfunden habe – Wer am ersten die Gewichten / die gemäß / vnd Zal erdacht hab – Wer erstlich die artzney Medicinam erfunden hab.

Das Buch ist voll von Bild-Übernahmen; das lohnte eine längere Untersuchung.

Vgl. die bereits bei Musper (unter L 154) nachgewiesenen Bilder des Petrarcameisters. Theodor Musper, Die Holzschnitte des Petrarkameisters. Ein kritisches Verzeichnis mit Einleitung und 28 Abbildungen, München: Verlag der Münchner Drucke 1927.

Erstes Beispiel A: Ein inhaltlich gut passendes Bild des Petrarcameisters

H.Steiner ist der Herausgeber des 1532 erschienenen Buchs Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084729/image_1

Selbstverständlich bedient er sich für spätere Bücher aus diesem Werk. Wenn Vergilius Polydorus (II,9) das Thema der Erfindung der Mnemotechnik abhandelt (Wer erstlich der Gedächtnuskunst angezeygt/ oder derselbigen ein lob erlangt habe), passt dazu perfekt das Bild aus Petrarca, 1. Buch, Kapitel 8: Von der gedechtnus.

Der Mann links ist umgeben von Medaillons mit Bildern, anhand derer er sich flink an bestimmte Dinge erinnert – die Frau rechts wird von einem Buch bedrückt; offenbar ist die Meinung, dass Bücherwissen im Gegensatz zum auswendig gelernten Wissen beschwerlich ist.

Erstes Beispiel B: Ein mindestens hinsichtlich des gezeigten Gegenstands passendes Bild des Petrarcameisters

Erzwungen ist der Beizug eines Bilds zum Thema , wo Vergilius Polydorus von der Erfindung des Spiegels handelt (II,20): Vonn wem der erst Guldin pfenning erfunden/ oder wer das Sylber/ vnd Ertz zuo Müntz geschlagen/ auch ein Sylberin Spiegel gemachet habe.

Das Bild steht in Petrarcas Glücksbuch(1532) im Kapitel Von fürtrefflicher gestalt des leibs (1. Buch, 2.Kapitel), wo die Personifikation der Freude jubiliert: Meins leibs hübsche ist fürnem usw. Das Bild zeigt eine Dame, die sich stolz in einem Spiegel beschaut, daneben schlägt ein Pfau das Rad – eine alte Allegorie der Superbia.

Zweites Beispiel: Ein völlig unpassendes Bild des Petrarcameisters

In Buch I, Kapitel 15 äußert Freude ihre Genugtuung darüber, dass sie ein treffliches Vaterland hat. Die Vernunft gibt zu bedenken, auch in einem prächtig ausgestatteten Vaterland sei es entscheidend, dass darin tugendhafte Bürger leben. Was soll einem das Licht des Vaterlands leuchten, wenn er selber finster ist? Das Vaterland an sich macht seine Söhne nicht edel; als Beispiel dienen u.a. der Verräter Catilina und Kaiser Caligula. Als positive Figur wird u.a. genannt Marcus Porcius Cato (Uticensis).

Das Bild zeigt vorne links einen gekrönten Mann, der von einem anderen erschlagen wird; es könnte die Ermordung Caligulas durch einen Prätoriangardisten darstellen. Vorne rechts ist ein in einem Soldatengewand gekleideter Mann abgebildet, der sich mit dem Schwert selbst entleibt; es könnte Cato gemeint sein, der sich nach der Schlacht das Leben nahm. (Weitere Elemente im Hintergrund sind schwer zu deuten).

Der Holzschnitt wird in der Polydor-Vergilius-Ausgabe übernommen zur Illustration des Kapitels I,10 Von vrsprung des Künigklichen schawspyls Tragedie/ vnd des gemeinen schawspils Comedie. – Abgesehen von einem einzigen Satz (Traurikayt ist der Tragedie aygen) hat das Bild keinerlei Bezug zum Thema.

Drittes Beispiel: Ein inhaltlich gut passendes Bild aus einem anderen Verlag

Im 2. Buch, 18. Kapitel ist davon die Rede Vom aller ältesten herkommen der gesälben/ vnd wann erstlich die Gesälben zuo Rhom erkennt seyen worden. Das Bild dazu (fol. LVIII verso):

Der Druckstock ist entnommen einem ebenfalls in Augsburg erschienenen, älteren Buch, in dem ebenfalls die Herstellung von Salben thematisch ist: Hieronymus Brunschwig, Dis ist das Buch der Cirurgia. Hantwirckung der Wund Artzney, Augspurg: Schönsperger 1497. Digitalisate > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00026481/image_4 > http://diglib.hab.de/inkunabeln/53-med-2f/start.htm

Den Holzschnitt hat schon der (unbekannte) Herausgeber des Buchs über die Sünden des Munds von Johannes Geiler von Kaysersberg verwendet: Der Prediger fasst die Sünden des Munds (fressen, lügen, Gott lästern, schmeicheln, schelten, sich rühmen, leere Wörter schwatzen usw.) auf als Blasen/Geschwüre (blatern), gegen die er jeweils eine Salbe, d.h. eine Tugend verschreibt. Eine der letzten Predigten spricht dann von den Salben allgemein; dazu das Bild.

Das Buch der Sünden des Munds. von dem hochgelerten Doctor Keisersperg/ die er nennt die blatren am Mund davon er XXIX predigen und leeren gethon hat, [Straßburg: Grüninger 1518]; fol. LXXX recto.
> http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/goToPage/bsb11056822.html?pageNo=171

Viertes Beispiel: Griechen oder Mohammedaner? Aus Breydenbach

Ein Kapitel in Bernhard von Breydenbachs Buch der Reisen ins heilige Land (Erstausgabe Mainz 1486) ist der dort ansässigen multinationalen Bevölkerung gewidmet. Dazu bringt er ein Bild mit der Überschrift (in der deutschen Übersetzung 1505): Von den kriechen, deren auch vil zuo jherusalem sind / auch wie sy geen in jren klaideren vindest du hernach.

Das Bild in der lateinischen Ausgabe 1486 (auch im Nachdruck 1502) enthält Text. Die Figurengruppe in der Mitte ist angeschrieben mit sic seculares greci [ ~ so sind die weltlichen Griechen gekleidet]; rechts: sic vadunt greci monachi [~ so gehen die griechischen Mönche einher]. Bernhard von Breydenbach, Peregrinatio in Terram Sanctam, Mainz: Erhard Reuwich 1486. > http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ink/content/pageview/4422000  

Dasselbe Bild erscheint als (seitenverkehrter) Nachschnitt und ohne Schrift in der deutschen Übersetzung: Bernhard von Breydenbach, Dis buch ist innhaltend die heiligen reysen gein Jherusalem zu dem heiligen Grab vnd furbaß zu der hochgelobten jungfrowen vnd merteryn sant katheryn, [Speyer], [ca. 1505] > http://diglib.hab.de/inkunabeln/288-12-hist-2f/start.htm

In der Ausgabe des Polydorus Vergilius gibt es ein Kapitel Vom ersten vrsprung der Mahometischen Secten (VII, 8). H. Steiner illustriert das mit dem Bild aus Breydenbach. Es ist ein handwerklich guter Nachschnitt des Bilds aus der lateinischen Ausgabe; die Textteile sind weggelassen.

Das Thema des Kapitels ist der pestilentzischen Mahometisch secten anfang und deren bößwichtische geystligkeyt. Der griechische Mönch in der Kutte rechts wird somit wohl zu einem Mohammedaner umgedeutet, oder zu Mohammed selbst. Allenfalls könnte man die Figur auch mit dem im Text erwähnten Häretiker Sergius assoziieren, einem syrischen Mönch, der als Lehrer Mohammeds galt.

> http://diglib.hab.de/drucke/q-49-2f-helmst/start.htm?image=00424

Fünftes Beispiel: Simon Magus aus dem Fortunatus

Im 8. Buch, 3. Kapitel behandelt Polydorus Vergilius den Ursprung der Häresie. Der Erz-Häretiker ist Simon Magus (vgl. Apostelgeschichte 8,9–25), deshalb ist das Kapitel betitelt Von vrsprung der Symoneischen secten. Der Text folgt dann der Erzählung der Legenda Aurea (im Kapitel über den Apostel Petrus; Übersetzung von Richard Benz, Heidelberg 1955, S. 432), wo vom Wettkampf zwischen dem heiligen Petrus und dem Zauberer Simon Magus in Rom berichtet wird: Um zu beweisen, dass er Gott wohlgefällig sei, unternimmt es Simon, auf dem Capitol in die Luft zu fliegen. Do flog der Simon von der Erden schon dahin. Aber Petrus betet zu Gott, die Engel mögen den Simon fallen lassen; das geschieht.

Polydorus Vergilius VIII,3 > http://diglib.hab.de/drucke/q-49-2f-helmst/start.htm?image=00437

Um den Flug Simons zu illustrieren, bedient sich H.Steiner eines Bilds aus dem ›Volksbuch‹ »Fortunatus«. Hier wird geschildert, wie der Held dem Sultan ein wünschhüetlin entwendet, das die Eigenschaft hat, den Träger dorthin zu tragen, wo er gerade sein möchte (Hans Gert Roloff, Fortunatus, Stuttgart: Reclam 1981 = RUB 7721, S.112). In einem späteren Kapitel wird gezeigt, wie ein Sohn des Helden mit dem Hütlein fliegt (a.a.O. S.145f.)

Die erste Ausgabe des »Fortunatus« erschien 1509: Wie ain iüngling geporen auß dem künigreych Cipern/ mit namen Fortunatus in fremden landen in armuot und ellend kam, Augsburg: Johannes Heybler / Johann Otmar 1509 (mit Holzschnitten von Jörg Breu d.Ä.) – Digitalisat der BSB > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00007945/image_160

Steiner ist offenbar an die Druckstöcke herangekommen, was seine Ausgabe zeigt: Von Fortunato vnd seinem Seckel auch Wünschhüetlin, Heinrich Steyner, Augspurg 1531. (Hans Gert Roloff weist in der Ausgabe S.324 noch drei weitere Ausgaben von Steiner bis 1544 nach.)

Hier aus der Ausgabe 1533 > https://books.google.ch/books?id=Qv1jAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Sechstes Beispiel: Fasten oder Essen? Aus Ulrich von Richentals Konzilschronik

Das 6. Kapitel des 6. Buches von Polydorus Vergilius handelt von der Erfindung des Fastens, vom Segnen der Mahlzeit und woher es kommt, dass man zum Essen aus heiligen Schriften vorliest.

Das Bild erinnert an den Inkunabel-Druck der Chronik des Konstanzer Konzils des Ulrich von Richental:

Concilium zu Constencz, Augsburg: Anton Sorg 1483 > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ir00196000

H.Steiner veranstaltete 1536 eine Neuausgabe der Konzilschronik, in der die Bilder neu im modernen Stil gezeichnet sind.

Das Bild hier veranschaulicht, wie beim Conclave in Konstanz (1414–1418) die wählenden Prälaten mit Essen versorgt wurden (Text: fol. XLIIII verso); es wurde ihnen von Dienern an Stangen in gelten (Bottichen), in denen man sonst Kinder badet, herbeigeschafft; an der Stiege wurden diese von Rittern empfangen, die weiße Tücher über dem Schoß trugen; zwei Bischöfe sind im Raum anwesend; einer der beiden scheint einen Krug zu segnen. Die Figur mit dem großen Schlüssel mag symbolisieren, dass das Tor gut verschlossen ist. – Von Fasten und Tischlesung ist in der Chronik nicht die Rede. Man müsste freilich fragen, wie ein Bild aussieht, mit dem das Fasten visualisiert wird. Steiner hat eines beigezogen, auf dem wenigstens das Essen in einem religiösen Zusammenhang Thema ist.

[Ulrich von Richental], Das Concilium, So zuo Constantz gehalten ist worden, Des Jars do man zalt von der geburdt vnsers erlösers M.CCCC.XIII. Jar Mit allen Handlungen inn Geystlichen vnd weltlichen sachen, Auch was diß mals für Bäpst, Kayser ... zuo Constantz erschinen seind ..., Augspurg: Steiner 1536 > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00074421/image_1

Übrigens druckt S. Feyerabend dann 1575 die Konzilschronik nochmals und übernimmt dabei zum Teil Bilder aus dem Druck Augsburg 1536:

Costnitzer Concilium So gehalten worden im Jar Tausend, vier hundert vnd dreytzehen ... ; Zu Ehren allen Liebhabern vom Adel vnd Ritterschafft Teutscher Nation. Jetzt auffs neuw zugerichtet, Doch mit warer vnd vnverhinderter Ersetzung vnd Jnhalt deß alten Exemplars ... Franckfurt am Mayn: Feyerabend 1575 > http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0005/bsb00054503/images/

Siebentes Beispiel: Illustrierte Realität aus einem fiktionalen Text übernommen

Polydorus Vergilius handelt im 1. Kapitel des 2. Buchs Von vrsprung des Rechtens/ vnd der Gesatzen/ auch wer am ersten den Menschen Gesatze hab gegeben.

http://diglib.hab.de/drucke/q-49-2f-helmst/start.htm?image=00106

Das Bild einer Gerichtsszene findet H.Steiner leicht im »Theuerdank«:

»Theuerdank« ist eine von Kaiser Maximilian I. entwickelte Mixtur aus stilisierter Autobiographie, politischer Utopie und Panegyrikus zum eigenen Andenken. Der Text schildert im Kern die Brautwerbungsfahrt des Protagonisten zu Erenreich (gemeint ist Maria von Burgund), der sich vielerlei Hindernisse in den Weg stellen. Diese werden in Form der drei allegorischen Gestalten Fürwittig, Unfalo und Neidelhart dargestellt, die den Helden allerlei Gefahren aussetzen: Jagd- und Turnierunfälle, Lawinenunglücke, Einbruch auf zugefrorenem See, u.dgl. Der Held überwindet mit seinem treuen Begleiter Erenhold alle Gefahren. Im 109. Kapitel werden die drei Figuren, die dem Helden Kaiser Maximilian das Leben sauer gemacht haben, vor Gericht gestellt.

Johannes Schönsperger hat den 1517 erstmals in Nürnberg erschienenen »Theuerdank« >http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0001/bsb00013106/images/ 1519 in Augsburg nachgedruckt (Neusatz mit den alten Typen; Holzschnitte übernommen)

Die Druckstöcke sind dann offenbar zu H.Steiner gelangt, der 1537 einen Neudruck macht (mit gewöhnlicher Schwabacher-Typographie):

Die Geferlicheiten und geschichten des löblichen streytbaren vnnd Hochberiempten Helds und Ritters Teürdancks, Gedruckt in der Kayserlichen Statt Augspurg durch Hainrich Stainer, M.D.XXXXVII. > http://diglib.hab.de/drucke/lo-4f-172/start.htm?image=00188

Dass es sich bei den drei Angeklagten (mit dem Rücken zu uns) im ursprünglichen Text um Personifikationen handelte, merkt man im Bild nicht; es kann auch für das Thema ›vom Ursprung des Rechts‹ stehen.

Bereits 1536 hat Steiner das Bild verwendet für die Illustration der Übersetzung des Trojanerkriegs von Dictys Cretensis / Dares Phrygius. Hier ist das Thema: Orestes wird in Athen vor Gericht gestellt, angeklagt, er habe seine Mutter umgebracht:

Warhafftige Histori und beschreibung/ von dem Troianischen krieg/ vnd zerstörung der Stat Troie durch die hochgeachten Geschichtschreiber Dictyn Cretensem vnd Darem Phrygium/ Erstlich in Griechischer sprach beschriben/ darnach Latein/ vnd yetzund newlich durch Marcum Tatium Auß dem latein ins Teütsch verwandelt/ vormal nie gesehen/ mit durchauß schönen Figuren gezieret. Augsburg: Haynrich Stayner 1536. > http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0008/bsb00084146/images/

Achtes Beispiel: Vom Titelbild ins Innere des Buchs

1533 hat Steiner die Thukydides-Übersetzung von Hieronymus Boner (1490–1552) gedruckt. Das Titelblatt, das den Geschichtschreiber bei der Arbeit zeigt, wird Jörg Breu d.Ä. († 1537 in Augsburg) zugeschrieben.

Thucidides, der aller thewrest vnd dapfferest Historien schreiber, von dem Peloponnenser krieg. Jnn acht bücher gethailt, darinnen von wunderlichen seltzamen hendlen vnd kriegen, so die Griechen vnder jnen gehabt, begriffen; Nit minder notwendig dann nutzlich zu lesen, Augspurg: Stayner 1533.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00087762/image_3

In der Polydor-Vergil-Ausgabe dient der Holzschnitt zur Illustration des Kapitels (1. Buch, Kap. 12) Wer erstlichen die geschichtbeschreybunge Hystoriam gemachet […]. Im Text selbst heißt es dann: Inn derselben sind bey den Gretiern der Thucidides/ Herodotus/ Theopompus berümpt gewesen […]. Insofern passt das Bild (Fol. XVII r) gut:

Der Holzschnitt wird dann wiederverwendet für die Ausgabe einer deutschen Übersetzung von Flavius Josephus, die 1552 bei Egenolff erscheint, der die Konkusmasse von Steiner erworben hatte:

Jüdische Chronic. Von großmechtiger erhöhung des Judenthumbs Königreich vnd fürstenthumb. … In den siben Büchern vom Judenkrieg Flauij Josephi … Franckfort am Meyn: Bei Chr. Egenolff 1552.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00087798/image_5

Neuntes Beispiel:

Polydor Vergil bringt in seiner Auflistung der Erfinder-Traditionen auch (3. Buch, 9. Kapitel, Fol. LXXXV verso): Wer die ersten Statt/ die Gemeüren/ die Türn [Türme]/ die Tabernackel/ die Chorkirchen gepawen/ oder am ersten Got dem Allmechtigen ein Tempel hab auff gericht/ oder die Galgprunnen ergraben habe. Zur Illustration findet er ein einleuchtendes Bild, das primitive Maurer-Arbeiten, das Errichten eines Hauses und eine bereits fertig erbaute Stadt zeigt:

Es stammt aus Marinus Barletius, Des allerstreytparsten vnd theüresten Fürsten vnd Herrn Georgen Castrioten/ genañt Scanderbeg/ Hertzogen zu Epiro vnd Albanien etc. Ritterliche thaten/ so er zu erhalten seiner Erbland/ mit den Türckischen Kaysern in seinem leb... Augsburg: Steiner 1533, im Kapitel, das überschrieben ist mit: Wye Scanderbeg ain newes Castell auff dem berg Modrissum bawet/ den Türcken den eingang in Epirum zu weeren.

Zehntes Beispiel: Hexen fliegen von Buch zu Buch

Polydor Vergil befasst sich auch mit der Erfindung der Magie. Im 22. Kapitel des ersten Buchs ist die Frage:

Wer am ersten die zauberische Kunst Magicam erfunden/ vnd von wen sie gepreyset sey worden/ wer auch die weyse Theüfel außzuotreyben/ odder die beschwörungenn Incantationes hab außgehen lassen/ durch wölliche die kranckhayten darnider erleget werden. (Fol. XXIX verso)

Dazu bringt Steiner 1537 – obwohl der Text nur antike Fälle bespricht – das Bild einer Hexe, die von einem Teufel ›inspiriert‹, einen Mann bezaubert. Der (Jörg Breu d.Ä., † 1537 zugeschriebene) Holzschnitt findet sich 1534 in dem ebenfalls in Steiners Verlag erschienenen Buch:

[Johann Freiherr von Schwarzenberg], Das Büchle Memorial, das ist ein angedänckung der Tugend, von herren Johannsen vonn Schwartzenberg jetzt säliger gedächtnuss, etwo mit Figuren und reimen gemacht; Augspurg: Heinrich Steiner 1534 (Erstausgabe); darin: Ein Büchle, genannt Memorial der Tugend. (Bild hier aus einer späteren Ausgabe)

Der Holzschnitt auch in Johannes Pauli, Schimpff und Ernst, Augspurg: Heynrich Steiner 1534 zum Kapitel Von den zaubern. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084286/image_60

Literaturhinweis: Judith Venjakob, Der Hexenflug in der frühneuzeitlichen Druckgrafik. Entstehung, Rezeption und Symbolik eines Bildtypus, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2017. (Das hier gezeigte Bild wird im Buch nicht besprochen.)

Elftes Beispiel: Szenen aus der Bibel

Aus dem (seinerseits zusammengestoppelten) »Memorial der Tugendt« hat Steiner mehrere Bilder in das Polydor-Vergil-Buch hinübergenommen. Das Memorial beginnt mit biblischen Szenen, vom Ratschluss der Schöpfung bis zur Vertreibung der Wechlser aus dem Tempel. Mit einigen Ausnahmen tragen diese Holzschnitte das Monogramm von Hans (Leonhard) Schäuf(f)elein (ca. 1480–1540).

Die Entstehung des Opfers bringt Polydor im 5.Buch, 7. Kapitel: Vom ersten vnd seer alten prauche zuo opfferen bey den Juden/ Auch von auffmerckung der Feyertägen/ und fürnemen die Kirchen zuo dedicieren/ oder zuo zeaygnenn. Genesis 4, 3–8 erzählt: Der Ackerbauer Kain opfert Gott Früchte, sein Bruder Abel, der Hirt, opfert Schafe, und Gott zieht dieses Opfer vor. Darauf erschlägt Kain Abel. – Steiner bringt das Bild, das zentral den Brudermord darstellt, wobei den Opfergaben im Hintergrund zu sehen sind. Der Text zur Entstehung des Opfers zitiert im ersten Satz diese Szene.

[Johann Freiherr von Schwarzenberg], Das Büchle Memorial, das ist ein angedänckung der Tugend, von herren Johannsen vonn Schwartzenberg jetzt säliger gedächtnuss, etwo mit Figuren und reimen gemacht; Augspurg: Heinrich Steiner 1534 (Erstausgabe); darin: Ein Büchle, genannt Memorial der Tugend. (Hier aus einer späteren Ausgabe; man beachte das Monogramm unten links)

—————————————

Ein weiteres Beispiel zu H.Steiners Vorgehen: Illustration eines fiktionalen Texts umgedeutet in die Illustration einer Anekdote

Kapitel 96 von »Die geuerlicheiten vnd einsteils der geschichten des loblichen streytparen vnd hochberümbten helds vnd Ritters herr Tewrdannckhs«, Nürnberg, 1517 beschreibt folgendes (gekürzt):

Neidelhart, Unfalo und Fürwittig – die drei Personifikationen, welche die Fahrt des Ritters Teuerdank (Tewrdannck) zu seiner Braut, der Königin Ehrenreich, verhindern möchten – wollen ihn mit Essen vergiften. Ein Türhüter hat sie bei den Beratungen belauscht und teilt das Ehrenhold mit, der Teuerdank stets positiv unterstützt. Er kann Teuerdank, der schon beim Essen sitzt – zurückhalten. Neidelhart lügt den Teuerdank an.

Der Holzschnitt von Leonhard Beck zeigt die Szene: Am Tisch in Ritterrüstung sitzt Teuerdank; rechts mit flachem, konischem Helm und Plissé-Jupe Neidelhart; im Vordergrund in Rückenansicht Unfalo (er trägt das Fortuna-Rad auf dem Gewand); die hinzuschreitende Figur mit dem Pokal wird der Weinreinbringer sein (nach Robert Gernhardt, »Deutung eines allegorischen Gemäldes«) (Digitalisat eines kolorierten Exemplars > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00013106/image_459; hier das Bild aus der Ausgabe Augsburg: Schönsperger 1519)

Das Bild erscheint wieder in: [Johann Freiherr von Schwarzenberg], »Das Büchle Memorial, das ist ein angedänckung der Tugend, von herren Johannsen vonn Schwartzenberg jetzt säliger gedächtnuss, etwo mit Figuren und reimen gemacht«; Erstausgabe Augspurg: Heinrich Steiner 1534; darin: Ein Büchle, genannt Memorial der Tugend, fol. XCVI folgende. Digitalisat > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00029340/image_195 — aber nicht in dieser Erstausgabe, sondern in einer abgeänderten Ausgabe (1535 oder 1540?) auf fol. CXII verso:

Das Fortunarad auf dem Mantel von Ehrenhold ist weggeschnitten, und der Text lautet:

Ain böse bottschafft wurd gesant/   
    Ainem Hertzogen in Mayland/
Wie das der Genueser leüt/    
    Ob im gewunnen grosse peüt/
[Beute]
Und was er darauff guottes aß/   
    Im gantz und gar nit schmecken was.
Darumb den koch er schalt und bocht/  
[schlug]
    Der sprach »die speiß ist wol gekocht.
Der Genueser syglich that/
 [siegreiche Tat]
    Herr euch den mund verbitert hat.«
    Darumb die gleichnus sey gemelt/    
Das manchem menschen dise welt
    Betreügt durch ihren falschen wan/    
Das er nichts guots erkennen kan.

(Die witzige Anekdote könnte sich beziehen auf den damaligen Herzog von Mailand, den französischen König François Ier, nach der Schlacht von Landriano 1529.)

Und so weiter

Dies ist nur ein Aperçu. Und zur Ehrenrettung von Heinrich Steiner muss gesagt werden, dass eines seiner letzten Bücher (abgesehen vom Titelbild!) durchgehend mit einheitlichen nie-dagewesenen Holzschnitten (von Jörg Breu d.Ä.) ausgestattet ist: Ein Schöne Cronica oder Hystori bůch / von den fürnämlichsten Weybern so von Adams Zeyten an geweszt […] Erstlich Durch Joannem Boccatium in Latein beschriben / Nachmaln durch Doctorem Henricum Steinhöwel in das Teütsch gebracht […] Mit schönen Figuren durch auß geziert / Gantz nutzlich / lustig vnd kurtzweylig zů lesen. Gedruckt zu Augspurg / durch Hainrich Stayner / anno M.D.XXXXI. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00021201/image_2

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Von Cicero über ein Emblembuch auf die Ofenkachel

Der sog. Petrarcameister war bei der Illustration der Übersetzung von Ciceros »De officiis« durch Johann von Schwarzenberg gefordert, abstrakte Aussagen zu visualisieren, hier die Stelle II,iii,9, wo es heisst, dass das Nützliche (utile) und das Ehrenhafte (honestum) nicht getrennt werden könne

Das erbar hangt dem nutzen an/
Daz solchs kan mensch gescheiden kan.
Vnd wer nicht diser warheit glawbt/
Ist frummkait/ oder witz beraubt

Der Meister greift zur Technik der Allegorie. Die moralischen Güter werden durch Kisten angedeutet, die durch die Beschriftung unterschieden werden: Erbarkeit (durch Gerechtigkeyt ergänzt), und Nutz. Die Unmöglichkeit der Trennung (Daz solchs kan mensch gescheiden kan) wird visualisiert durch Ketten zwischen den Kisten; die Dummheit (witz beraubt) der dies nicht Einsehenden (wer nicht diser warheit glawb) durch das törichte Hantieren an Kisten und Ketten sowie das Tragen von Augenbinde und Narrenkappe.

Quelle: Officia M. T. C. Ein Buch / so Marcus Tullius Cicero der Römer / zuo seynem sune Marco. Von den tugentsamen ämptern in Latein geschriben. Augsburg: H. Steyner MDXXXI.

Das Bild wird – in eine Radierung umgearbeitet – von Christof Murer (1558–1614) in sein ›Emblembuch‹ entkontextualisiert übernommen (Nummer XXIX). Die Narrenkappen und Augenbinden fehlen; die gestikulierenden Zuschauer mögen entweder besagen: ›auseinander!‹ oder zeigen, dass das Unterfangen witzlos ist. Der Text ist etwas adaptiert:

Das Ehrbar hangt dem Nutzen an/
    Keins man vom anderen scheiden kan.
Dann nutzlich ist zuo keiner frist/
    Das nit auch recht vnd ehrbar ist:
Vnd wer nicht diser warheit glaubt/
   Der ist gantz seiner witz beraubt.

XL emblemata miscella nova. Das ist: XL underschiedliche Außerlesene Newradierte Kunststuck: Durch Weiland den Kunstreichen und Weitberuempten Herrn Christoff Murern von Zürych inventiret unnd mit eygener handt zum Truck in Kupffer gerissen; An jetzo erstlich Zuo nutzlichem Gebrauch und Nachricht und allen Liebhabern der Malerey in Truck gefertiget/ vnd mit allerley dazu dienstlichen aufferbaulichen Reymen erkläret: durch Johann Heinrich Rordorffen/ auch Burgern daselbst. Gedruckt zuo Zürych bey Johann Ruodolff Wolffen. Anno M.DC.XXII — Digitalisat > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-10598

Zur Entstehung von Murers Emblembuch ausführlich: Thea Vignau-Wilberg, Christoph Murer und die ›XL Emblemata miscella nova‹, Bern: Benteli 1982.

Der Winterthurer David I Pfau verwendet das Motiv bereits 1636 für eine Ofenkachel in einem von Hans Heinrich I Pfau gefertigten Kachelofen in Winterthur (heute zerlegt im Landesmuseum Zürich):

Quelle: Ueli Bellwald, Winterthurer Kachelöfen. Von den Anfängen des Handwerks bis zum Niedergang im 18.Jahrhundert, Bern: Stämpfli 1980. – Abb. S. 147; Katalog: Nr. 9

Literaturhinweis: Margrit Früh, Winterthurer Kachelöfen für Rathäuser, Keramik-Freunde der Schweiz, Mitteilungsblatt 95 (1981) > Digitalisat > kkf-002_1981_0__18_d.pdf

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Von der Kosmographie ins »Wunderwerck«

Auf der »Carta marina« von Olaus Magnus (Venedig 1539) sind über das Meer auf einer geographischen Karte monströse Fische verteilt: > https://de.wikipedia.org/wiki/Carta_Marina (dort sind weitere Digitalisate genannt).

(In der »Historia de gentibus Septentrionalibus« (Rom 1555) werden diese Wesen dann freigestellt und einzeln abgebildet, vgl. Liber XXI. De piscibus monstrosis > http://runeberg.org/olmagnus )

Es gibt auch weitere Vorkommnisse monströser Fische, etwa das Thierbuch Alberti Magni. Von Art Natur vnd Eygenschafft der Thierer/ als nemlich von vier füssigen/ Vögeln/ Fyschen/ Schlangen oder kriechenden Thieren/ vnd von den kleinen gewürmen die man Insecta nennet/ durch Waltherum Ryff verteutscht. Frankfurt am Main: Jacob 1545:

Das Meerschwein hier scheint aus Olaus Magnus’ Karte gefischt worden zu sein. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00073687/image_268

Hans Rudolf Manuel Deutsch (1525–1571) hat sich hier (und womöglich anderswo – Conrad Gessners Fischbuch erscheint aber erst 1558) inspirieren lassen und die Fische geographisch entkontextualisiert und gleichsam in einem Wimmelbild zusammengestellt. Der doppelseitige Holzschnitt erscheint 1550 in einer Ausgabe von Sebastian Münsters »Cosmographia« (noch nicht in den Ausgaben 1545, 1546, 1548):

Monstra marina & terrestria, quæ passim partibus aquilonis inueniuntur.

Hier aus: Cosmographiae universalis Lib. VI. in quibus, iuxta certioris fidei scriptorum traditionem describuntur, Omniu[m] habitabilis orbis partiu[m] situs ... Omnium gentium mores, leges, religio, res gestae, mutationes ... / autore Sebast. Munstero, [Basel: H. Petri 1552]: Seite 852/853 > http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/4452566

Der Holzschnitt wird übernommen in das im selben Verlag erscheinende Buch von Conrad Lycosthenes (1518–1561): Prodigiorum ac ostentorum chronicon, Quae praeter naturae ordinem, motum, et operationem, et in superioribus et his inferioribus mundi regionibus, ab exordio mundi usque ad haec nostra tempora, acciderunt ..., conscriptum per Conradum Lycosthenem; Basileae, per Henricum Petri [1557]. In der deutschen Fassung: »Wunderwerck oder Gottes unergründtliches vorbilden …« > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00087675/image_42 (Seite xvvi/xvvii)

Die Meerwunder sind im Bild mit Buchstaben von A bis V gekennzeichnet, und Sebastian Münster bringt eine Legende: Explicatio monstrorum quae in sequenti tabula suis picturis in aquis & terris designata / Erklerung disser tafel/ wie die seltzamme thier heissen so man in den mitnächtigen lenderen findt. (leider ohne Quellenangaben). Das Anliegen ist also ein kosmo-graphisches. Diese Legende klingt indessen aus in einem physikotheologischen Satz:

In summa: Gott hatt wöllen mächtig vnd wonderbarlich gesehen werden/ auff dem erdtrich/ in dem möre/ im heissen vnd auch im kalten land/ do mitt der vernünfftig mensch allenthalben gegenwürff [ein sinnliches Objekt als Anlass] hett/ syne hohe macht vnd wyßheit zuo erkennen/ brysen vnd loben in ewigkeit. (Hier in der deutschen Fassung 1550)

Das Wunderbare ist der Anlass dafür, dass Conrad Lycosthenes die Darstellung übernommen hat, wozu der Druckstock ja beim Verleger Heinrich Petri bereitlag. Lycosthenes hat sein Werk chronologisch aufgebaut, es beginnt mit der Schöpfung im Jahr 3959 vor Christi Geburt mit dem Titel

Von vnergründtlichenn wunderwercken Gottes/ die er syd anbeginn der Welt/ in seltzamen gschöpffen/ mißgburten/ in erscheinungen an dem himmel/ auff der erden/ in den wassern den menschen zuo anmhanung/ schrecken/ mit sondern bedeütungen vnnd nagedencken fürgepracht.

Als Wunder werden genannt: Noahs Regenbogen, Waldleute, auf Bäumen wachsende Leute, Kranichschnabelmenschen, auf Pferdehufen gehende Menschen, Blemmyer, Faune, Kynokephalen, Elefanten und andere exotische Tiere, Basilisk u.a.m. – dann eben auch (und hier profitiert er von der Legende S.Münsters) : Mörwunder/ die mit zänen/ hörnern/ im gsicht gantz grausam/ gleich fewr speyend/ vnd mit den augen zwitzern/ die sie so groß haben/ das ettwan ein aug sechzehen oder zwentzig schuoh weyt. Vierecket köpff haben sye/ vnd ein bart von stechlen wie die ygel …

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Vom Flugblatt ins naturwissenschaftliche Werk

Anhand solcher Bildwanderungen von einer Gattung (die Medienwissenschaft spricht von ›Format‹) in eine andere wird ersichtlich, wie wenig konturiert die naturwissenschaftliche Welt im 16. Jahrhundert war. Vgl. dazu: Paul Michel, Das aller schützlichest thier so geseyn mag. Monströses in der frühneuzeitlichen Zoologie, in: Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik, Bearb. von Peggy Große, G. Ulrich Großmann, Johannes Pommeranz. Begleitband zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum vom 7. Mai bis 6. September 2015, Nürnberg 2015, S. 47–59.

Erstes Beispiel: Das ›Monstrum marinum‹

1523 (frühestens) erscheint ein Flugblatt mit dem Titel Das merwunder ist gesehen worden zuo Rom in rippa/maiori an dem dritten tag des Nouemberß vnd ist gesein in der grösse als ein kindt von fünff iaren/ und ist diß die gestalt. Im Text steht dann, dass am 23. September in Neapel ein Komet am Himmel gestanden sei, und sich aus heiterem Himmel ein Wolkenbruch ergossen habe, es habe sich ein Erdbeben ereignet und dies alles habe große Schäden angerichtet. – Ein Bezug zum merwunder wird im Text nicht hergestellt.

Ingrid Faust, unter Mitarbeit von Klaus Barthelmess u.a., Zoologische Einblattdrucke und Flugschriften vor 1800, Stuttgart: Hiersemann 1998–2010; Band V, Nr. 759.

Conrad Lycosthenes (1518–1561) publiziert 1557 auf lateinisch und deutsch ein mit gegen zweitausend (oft wiederholten) Holzschnitten ausgestattetes Buch, bestehend aus einer chronologisch geordneten Aufzählung von ›Wunderwerken Gottes‹, ›Prodigien‹, Erscheinungen, die ungewöhnlich sind (praeter naturae ordinem, motum, et operationem), von den üblichen Ordnungsregeln der Natur abweichen. Diese Monstra werden verstanden als Fingerzeig Gottes, der mahnt und droht; freilich werden die Ermahnungen selten ausgetextet.

Hier heißt es zum Jahr 1523, im September sei in Neapel ein Strobelstern (Komet) erschienen. Dann (in der deutschen Übersetzung des lateinischen Lycosthenes von Johann Herold):

So grausam wätter kam mit plitzg/ donner vnnd anderm/ das gleich das feür vom himmel fiel hauffenweys. Es kam darzuo ein erdbidem/ ein wolckenbruch/ vnd grausame güß […]. Dann: Den dritten Weynmonat zuo Rom an der Schiffländt/ do sah man ein mhörwunder/ das was ein fräuwlin/ hat ein Igelßhauben/ sah schier einem affen glych mit dem angesicht mit den ohren einem hund. Er bringt das Monstrum in Zusammenhang mit der Eroberung von Rhodos durch die Türken im selben Jahr.

Conrad Lycosthenes, Wunderwerck oder Gottes unergründtliches vorbilden, das er inn seinen gschöpffen allen, so Geystlichen, so leyblichen ... von anbegin der weldt, biß zu unserer diser zeit, erscheynen ... lassen: Alles mit schönen Abbildungen gezierdt ..., durch Johann Herold ... Verteütscht, Basel: Petri 1557. – Reprint Hildesheim: Olms 2007.

Conrad Gessner (1516–1565) bringt im Fischbuch (1558) das Bild eines Meerwunders, das am 3. November 1523 in Rom gefunden worden sei. Auch er nennt den Wolkenbruch in Neapel im September 1523, aber der lateinische Text verwendet andere Worte. In der deutschen Übersetzung von Forrer 1563 lautet das so:

Dises gegenwirtig Meerwunder ist zuo Rom gesehen worden/ in dem grösseren gestad den dritten tag Wintermonats deß 1523. jars. In der grösse als ein fünff järigs kind/ in sölcher gestalt gantzlich wie es sich hie erzeigt.

Das zugehörige Bild ist in der lat. Ausgabe 1558 angeschrieben mit Monstrum marinum, ex tabula quadam impressa in Germania olim. Bei diesem ›einst in Deutschland gedruckten Bild‹ handelt es sich um das erwähnte Flugblatt mit deutschen Text und dem Bild des aus Fischleib und Frauenoberkörper zusammengesetzten Monstrums:

Conradi Gesneri medici Tigurini Historiae animalium liber IIII. qui est de piscium & aquatilium animantium natura: cum iconibus singulorum ad vivum expressis …, Tiguri: apud Christoph. Froschoverum, anno 1558. pag. 522 > http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/5356831

Beide Autoren haben dasselbe Flugblatt verwendet (und dessen deutschen Text verschieden ins Lateinische übersetzt). Dass Lycosthenes sein Buch aus Flugblättern mit Wunderberichten speist, ist nicht erstaunlich; dass der Naturforscher Gessner solche Quellen beizieht, aber schon.

Zweites Beispiel: Das Meer-Schwein (›Porcus Marinus‹)

> hier: http://www.symbolforschung.ch/porcus%20marinus.html

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Von der Mythologie / Bibel ins naturwissenschaftliche Werk

Hier zwei Beispiele aus der deutschen Übersetzung der Plinius-Teilausgabe (1565), die vom Übersetzer Johannes Heyden, Eifflender von Dhaun mit vielen fürtrefflichen Historien gebessert und gemehrt wurde: Caij Plinij Secundi / Des furtrefflichen Hochgelehrten Alten Philosophi / Bücher und schrifften / von der Natur / art vnd eigentschafft der Creaturen oder Geschöpffe Gottes […] Auß dem Latein verteutscht durch M. Johannem Heyden / Eifflender von Dhaun […] Mit einem Zusatz auß H. Göttlichen Schrifft, vnd den alten Lehrern der Christlichen Kirchen, Frankfurt: Sigmund Feyerabend 1565. Leider schlecht digitalisiert bei > http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10140858.html

Erstes Beispiel:

Im Kapitel über den Wolf (vgl. Plinius, nat. hist. VIII, xxxiv, 80–84 [moderne Zählung]) erwähnt die Erweiterung des Übersetzers die Geschichte von Romulus und Remus aus der Stadtgeschichte von Livius. S.Feyerabend setzt das Bild von der Romulus und Remus säugenden Wölfin dazu:

Das Bild erscheint (passend) in einer Ausgabe von Livius in seinem Verlag: Titus Liuius, Vnd Lucius Florus. Von Ankunfft vnd Vrsprung deß Römischen Reichs/ der alten Römer herkommen, Sitten, Weyßheit ... Auch von allerley Händeln vnd Geschichten, so sich in Fried vnd Krieg, zu Rom, in Italia, vnd bey andern Nationen ... fast innerhalb acht hundert jaren ... biß auff der ersten Römischen Keyser Regierung, verloffen vnd zugetragen Jetzung auffs neuw auß dem Latein verteutscht … durch Zachariam Münzer; Mit schönen Figuren geziert, deßgleichen vorhin im Druck nie außgangen, Franckfurt am Mayn; Raab, Feyrabend und Han 1568. > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10140771_00037.html   Dasselbe Bild hat er wieder verwendet in: Neuwe Livische Figuren/ Darinnen die gantze Römische Historien künstlich begriffen und angezeigt. Geordnet und gestellt durch ... Johann Bockspergern von Saltzburg, den jüngern und mit sonderm fleiß nachgerissen durch ... Joß Ammann von Zürych. Nachmals mit Teutschen Reimen kurtz begriffen und erkl. durch Heinrich Peter Rebenstock ... Franckfurt am Mayn: Raben und Hauen, 1573. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00028280/image_13

Bibliothekskataloge weisen keine bei Feyerabend gedruckte Livius-Ausgabe vor 1568 nach. Möglicherweise lag das Bild mit der die Kinder säugenden Wölfin für die Livius-Ausgabe schon bereit und wurde von Feyerabend bereits vorher in das naturkundliche Werk von Plinius inseriert.

Zweites Beispiel:

Die Übersetzung von Plinius (naturalis historia VII, 204) lautet: Die Music bracht auff der Amphion; Die Pfeiffen vnd auff einer pfeiffen zuo spielen des Mercurij Son; Daz krumme Horn Midas in Phrigia; Die Sackpfeiffen Marsyas im selbigen Lande.

Randglosse von Johannes Heyden: Moses vnd Josephus bezeugen der Jüdische Tubal/ des Lamechs Son/ habe der Music fleissig gewartet/ vnnd auff dem Psalter vnnd zuo der Harpffen gesungen. (Der Schmied Tubal, vgl. Genesis 4,22, repräsentiert bei der Darstellung der Sieben Freien Künste die Musik, die er beim verschieden tönenden Schlagen auf den Amboss erfunden hat.)

Das Bild dazu bezieht der Verleger aus der bei ihm erschienenen Bilderbibel. Es ist die Szene der Begegnung von Jephta mit seiner Tochter: Der Heerführer von Gilead, Jeptha, gelobt Gott, nach einem Sieg gegen die Ammoniter das zu opfern, was ihm bei seiner Rückkehr als erstes aus seinem Haus entgegenkommt. (Richter 11,31). Nach dem Sieg kommt seine Tochter ihm tanzend entgegen:

Neuwe biblische Figuren des Alten und Neuwen Testaments/ Geordnet und gestellt durch den fürtrefflichen vnd Kunstreichen Johann Bockspergern [† 1561] von Saltzburg/ den jüngern/ vnd nachgerissen mit sonderm fleiß durch den Kunstverstendigen vnd wolerfahrnen Joß Ammann [1539–1591] von Zürych. Allen Künstlern/ als Malern/ Goltschmiden/ Bildhauern/ Steinmetzen/ Schreinern/ &c. fast dienstlich vnd nützlich. – Getruckt zu Franvkfurt am Mayn durch Georg Raben/ Sigmund Feyerabend vnd Weygand Hanen Erben M.D.L.XV.
Digitalisat bei der BNF > https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b105511026.item

In der Bibel steht freilich nichts von einer Harfe, sondern die Tochter erscheint cum tympanis et choris: mit Paucken und Reigen (Luther-Übersetzung 1545)!

Drittes Beispiel:

Im Kapitel über den Drachen (Plinius, nat.hist. VIII, xiii – xiv) bringt Feyerabend auf S. 103ff. zunächst einen Holzschnitt, den er – wie viele andere – aus dem Thierbuch Alberti Magni (Frankfurt am Main: Jacob 1545) übernimmt, das ist immerhin ein zoologisches Werk:

Albertus Magnus 1545

Plnius 1565

Dann folgen vier Holzschnitte, die Virgil Solis (1514–1562) für die Ausgabe von Ovids Metamorphosen erschaffen hat, die eben gerade bei Feyerabend erschienen ist: Metamorphoses Ovidii, Argumentis quidem soluta oratione, […], summaque diligentia ac studio illustratae, […] una cum uiuis singularum transformationum Iconibus a Virgilio Solis, eximio pictore, delineatis, Frankfurt: G. Coruinus, S. Feyerabent, & haeredes VVygandi Galli, 1563.

• Apollo tötet Python (Met. I, 438ff.)

• Iason schläfert den Drachen ein (Met. VII, 149ff.)

• Cadmus tötet den Drachen (Met. III,31ff.) – unsinnigerweise ist der Kampf von Herkules gegen Cerberus (Met. VII, 420ff.) dazugesetzt.

Hier das Bild aus dem Ovid zur Szene, wo Apollo den Drachen Python tötet, im ursprünglichen Kontext:

[Johannes Posthius von Germerßheim] Tetrasticha in Ovidii Metamor. Lib. XV. Quibus accesserunt Vergilij Solis figuræ elegeantis. & iam primum in lucem editæ. Schöne Figuren/ auß demfürtrefflichen Poeten Ouidio […]. Frankfurt/M.: Georg Corvinus [Rab], Sgmund Feyerabent, Weigand Han 1563.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00079965/image_44

Viertes Beispiel:

Das Kapitel über die Heuschrecken (Plinius nat. hist. XI, xxxv, 101ff. de locustis) vermehrt der Übersetzer Johannes Heyden mit Zitaten aus der Bibel (Jesaias 40; Proverbia 30; Exodus 10; Matthäus 3; Amos 7). Während sich Feyerabend für die Seidenraupe (Bombyx) und die Indianische Ameise im Thierbuch Alberti Magni. Von Art Natur vnd Eygenschafft der Thierer/ als nemlich von vier füssigen/ Vögeln/ Fyschen/ Schlangen oder kriechenden Thieren/ vnd von den kleinen gewürmen die man Insecta nennet/ durch Waltherum Ryff verteutscht, Frankfurt am Main: Jacob 1545 bedienen konnte, fehlt ihm in der (noch raren) zoologischen Literatur ein Bild der Heuschrecke.

Das Insektenbuch hatte Conrad Gessner (gest. 1565) nicht mehr herausgeben können; es ist eingegangen in das Buch von Thomas Muffet (1553–1604): Insectorum sive minimorum animalium theatrum: olim ab Edoardo Wottono, Conrado Gesnero, Thomaque Pennio inchoatum: tandem Tho. Movfeti Londinâtis operâ sumptibusq; maximis concinnatum, auctum, perfectum: et ad vivum expressis iconibus suprà quingentis illustratum. Londini: ex officinâ typographicâ T. Cotes 1634. Hier gäbe es ein Bild. Das Buch kennt Feyerabend offenbar nicht. – Aber er ist nicht verlegen:

Das Bild stammt aus der Aesop-Ausgabe, die Virgil Solis (1514–1562) illustriert hat. Aesopi Phrygis fabulae […], Francofurti ad Moenum: Corvinus, Feyrabend & Gallus 1566. Es gehört zur Fabel der im Sommer musizierenden Grille und der fleißigen Ameise (Perry Nr. 373).

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Von der Bibelillustration ins ethnographische Werk

Olaus Magnus (1490–1557, aus Götland) verfasst 1555 sein gewaltiges Werk über die Länder des Nordens. Darin beschreibt er auch die Kornernte. Liber XIII, Cap. viiii: De diversitate messium colligendarum. (Deutsche Übersetzung, Basel 1567; XIII,5:) Von der Ernd oder Schnitt- vnd wie man die Frucht in die Scheüwrn samlet. Olaus berichtet, wie die Menschen in den mitnächtigen Ländern im Augst mit gemeiner hülff und guotem muot der Bauwrn eingeschnitten werden; als Lohn heischen die Helfer nur eine fröliche abendzech … Zu jedem Kapitel bringt er auch einen Holzschnitt, hier:

Quelle: Historia De Gentibvs Septentrionalibvs, Earvmque Diversis Statibvs, Conditionibvs Moribvs, Ritibvs, Svperstitionibvs, disciplinis, exercitiis, regimine, victu, bellis, structuris, instrumentis, ac mineris metallicis, & rebus mirabilibus, necnon vniuersis pene animalibus in Septentrione degentibus, eorumque natura. Opvs Vt Varivm, Plvrimarvmqve Rervm Cognitione Refertvm, ... maxima lectoris animum voluptate facile perfundens. Autore Olao Magno … Romae: G. M. de Viottis M.D.LV.; XIII, 8 > http://runeberg.org/olmagnus/0522.html

Das Bild beruht nicht auf Beobachtung norröner Bauern, sondern stammt weitgehend aus einer Bibelillustration; die skandinavische Ährenleserin hat einen Migrationshintergrund:

Hans Holbein der Jüngere (1497–1543) ist nach Ausweis eines Lobgedichts in der Ausgabe 1539 der Schöpfer der 91 Bilder der Lyoner Bilderbibel: Historiarum veteris Testamenti Icones ad vivum expressae, Lugdunum 1538. – 2. Auflage mit französischen Übersetzungen: Lugduni, sub Scuto Coloniensi [François et Jean Frellon]. M.D.XXXIX, 1539. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00075239/image_1

Im Buch Ruth wird geschildert, wie Ruth auf dem Feld des Boas hinter den Schnittern die übrig gebliebenen Ähren aufliest. Boas fragt die Schnitter, wer die junge Frau sei. Usw.

Typisch für eine Kopie eines Holzschnitts ist, dass er seitenverkehrt ist. Dem Boas hat der Illustrator von Olaus Magnus einen Weinkrug in die Hand gegeben; wohl ein Hinweis auf die fröliche abendzech.

(Übrigens: Man liest immer wieder, die Illustrationen der Zürcher Bibel von 1531 stammten von Holbein. Das ist falsch. Ein unbekannter, nicht unbegabter Künstler hat die von Holbein geschaffenen, aber erst 1538 publizierten Holzschnitte kopiert. Das Bild von Ruth beim Ährensammeln kommt 1531 nicht vor.)

Auf diese Übernahme hat hingewiesen Nils-Arvid Bringéus, Volkstümliche Bilderkunde, München: Callwey 1982, S. 89.

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Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733)

J. J. Scheuchzer sammelte zeit seines Lebens Materialien für eine Enzyklopädie. Bei der Anordnung folgte er indessen nicht einer wissenschaftlich-synthetischen Systematik, sondern er folgt demTextablauf der Offenbarung in der Bibel, von der Genesis bis zur Apokalypse, weil er der Ansicht ist, dass der inspirierte Bibeltext die sinnreichere Abfolge der Gegenstände abgibt als ein vom Menschen ausgehecktes System. So entstanden die vier Foliobände der »Physica Sacra«. Zu allem Möglichen, was in der Bibel vorkommt, bringt er seine Lesefrüchte und Erkenntnisse aus den eigenen Sammlungen an: Astronomie – Meteorologie – Metallurgie – Botanik – Zoologie – Anthropologie – Numismatik – Antikenkunde – Geographie; alles steht im Sinne der Physikotheologie im Dienst der Erkenntnis von des Schöpfers Allmacht, Weisheit, Güte.

Physica Sacra Johannis Jacobi Scheuchzeri, Medicinae Doctoris, & Math. in Lyceo Tigurino Prof. ... Iconibvs Aeneis illustrata procurante & sumtus suppeditante Johanne Andrea Pfeffel, Augustano, Sacrae Caesareae Majestatis Chalcographo aulico, Augustae Vindelicorum & Ulmae: Pfeffel 1731–1735.

Kupfer-Bibel, in welcher die physica sacra, oder geheiligte Natur-Wissenschafft derer in Heil. Schrifft vorkommenden natürlichen Sachen, deutlich erklärt und bewährt von Joh. Jacob Scheuchzer ... : anbey zur Erläuterung und Zierde des Wercks in künstlichen Kupfer-Tafeln ausgegeben und verlegt durch Johann Andreas Pfeffel; Ulm: Wagner 1731–1735. > http://www.e-rara.ch/zut/content/titleinfo/2962695

Das Werk enthält 750 informationstragende Illustrationen (Kupferstiche in Folioformat, plus einige weitere Bilder). Scheuchzer überwachte das Bildprogramm genau. In den erhaltenen Manuskripten (Druckvorlagen) sieht man Zeichnungen von seiner Hand sowie auch aus Büchern ausgeschnittene und eingeklebte Bilder (cut and paste).

Scheuchzer bekennt sich zum Eklektizismus. In der Vorrede zur Physica Sacra schreibt er 1731: Steine und Holtz nehme ich von andern, die Aufrichtung und Gestalt des Gebäudes aber ist gantz unser; Ich bin der Baumeister, ob ich wol die Baugeräthe da und dorten her zusammen getragen; das Gewebe der Spinnen ist deßhalben nicht umso besser, weilen sie die Faden aus sich selbsten spinnet: Und unsere Arbeit um deßwillen nicht desto geringer, weilen wir dieselbige gleich denen Bienen aus andern saugen (auch dieser Vergleich ist ein Zitat; aus Justus Lipsius).

Scheuchzer zitiert seine Quellen in der Regel hinlänglich genau, so dass sie mit den modernern bibliothekarischen Techniken gefunden werden können. (Es wäre ein umfangreiches Projekt, die Quellen der ca. 2000 Bilder ausfindig zu machen.)

Literaturhinweise speziell zur Illustrationstechnik Scheuchzers:

Robert Felfe, Naturgeschichte als kunstvolle Synthese. Physikotheologie und Bildpraxis bei Johann Jakob Scheuchzer, Berlin: Akademie-Verlag, 2003.

Jochen Hesse, »Zur Erlauterung und Zierde des Wercks«. Dei Illustrationen der Kupferbibel »Physica Sacra«, in: Urs B. Leu (Hg.) Natura Sacra. Der Frühaufklärer Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733), Zug: Achius-Verlag 2012, S. 105–128.

Irmgard Müsch, Geheiligte Naturwissenschaft. Die Kupfer-Bibel des Johann Jakob Scheuchzer, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2000 (Rekonstruktion der Künste, Band 4).

Erstes Beispiel: Der Vogel Strauß

Im 3. Buch Moses (Leviticus), Kapitel 11 ist von den reinen und unreinen Tieren die Rede. Vers 16 wird der Verzehr von Straußenfleisch verboten. Das gibt Scheuchzer Gelegenheit, über diesen Vogel zu schreiben (S. 415): Der Strauß nistet auf der Erde und verschlingt alles, was ihm vorkommt; sein Fleisch und seine Eier sind hart zu verdauen und von schlechter Nahrungs-Krafft, was auf den Magen des Straußes zurückzuführen ist. Hier zitiert Scheuchzer ausführlich Vallisnieris Sektionsbefund eines Straußenmagens: In einem ersten Sack befanden sich allerhand ohne Unterscheid eingeschluckte Sachen, Kräuter, Saamen, Früchte, Stein, Nägel, Strick, Glaß, Müntzen, Bley, Zinn, Kupfer, Beine, Holtz. […] Der Magen-Hebel oder Dauungs-Safft und Säure sey sehr scharff und etzend […]. Die dadurch ermöglichte Verdauung von Stein und Metallen mache das Fleisch ungenießbar, und werde deshalb von der hl. Schrift verboten.

Viele Bilder bei Scheuchzer sind so organisiert:

• ein Architekturrahmen – der hier das Ei des Straußes enthält – umschließt den sog.

• der Bildspiegel, hier eine (nicht bedeutungstragende) Landschaft, in dem der Magen des Straußes liegt;

• über den Rahmen gehängt und den Bildspiegel teils verdeckend hängt ein Papier / eine Leinwand, auf der eine Zeichnung, mit der eine andre Ansicht desselben Tiers (hier das Skelett) gezeigt wird.

J. J. Scheuchzer, Physica Sacra, Tafel CCXLV — Die Vorzeichnung von Johann Melchior Füssli ist von der Zentralbibliothek Zürich (Projekt Digitur) digitalisiert > http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-33336

Nach Ansicht der älteren Zoologie (die Scheuchzer nicht referiert), frisst der Strauß Eisen. Dagegen haben bereits Albertus Magnus (de animalibus, Lib. XXIII, Cap. 24, ¶ 139) und Sir Thomas Browne (1605–1682) in seiner »Pseudodoxia Epidemica« (Book III, Chapter xxii) polemisiert.

Literaturhinweis: Thierry Buquet, Can Ostriches Digest Iron? > http://mad.hypotheses.org/131 {Mai 2015}

In der Kosmographie des Sebastian Münster (1488–1552; es gibt viele Ausgaben, wir greifen die von 1546 heraus) wird die Geschichte mit Bild kolportiert: So man disen vogel abthuot/ findt man gemeinlich in seinem magen stein vnd etwan eysen/ vnd die soll er verzeren so sie lang bey im geligen.

Cosmographia. Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum in wölcher begriffen. Aller völcker Herrschafften, Stetten vnnd namhafftiger flecken / härkom(m)en […] Allenthalben fast seer gemeret und gebessert / auch mit einem zuogelegten Register vil breüchlicher gemacht. Basel, Heinrich Petri, 1546; pag. dcccvij und folgende.

Dasselbe Bild erscheint in der im selben Verlag erscheinenden deutschen Übersetzung des spätantiken Geschichtsschreibers Diodorus Siculus – allerdings ohne die Geschichte vom Eisen-Fressen, denn hier liegt eine andere Texttradition vor, hier möglicherweise ein authentische Beobachtung:

Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung, durch was verwähnungen denselben etwas vermeynder macht zugemessen, vmb dero willen sie von den alten verehret worden, pp. pp. […] Diodori des Siciliers vnder den Griechen berhümptesten Geschichtschreibers sechs Bücher, pp. pp. […] Durch Johann Herold beschriben vnd ins teütsch zuosammen gepracht, Basel: Henrich Petri 1554; pag. cxxxij zum hirtzuogel (Hirschvogel; evtl. eine Übersetzung von στρουθοκάμηλος).

In der deutschen Übersetzung der Plinius-Teilausgabe ziert ein ein Hufeisen fressender Strauß das Titelbild des Kapitels über die Vögel

Caij Plinij Secundi / Des furtrefflichen Hochgelehrten Alten Philosophi / Bücher und schrifften / von der Natur / art vnd eigentschafft der Creaturen oder Geschöpffe Gottes […] Auß dem Latein verteutscht durch M. Johannem Heyden / Eifflender von Dhaun […] Mit einem Zusatz auß H. Göttlichen Schrifft, vnd den alten Lehrern der Christlichen Kirchen, Frankfurt: Sigmund Feyerabend 1565.

Im Text (S. 400) freilich wird Albertus Magnus zitiert: Albertus: Vom Strauß wirt gesagt/ er sol das Eisen fressen/ vnnd Stahel verdöuwen mögen/ aber solchs hab ich noch nit erfahren/ denn wie wol ich vil mal den Straussen Eisen fürgeworffen/ so haben sie es doch nit wöllen fressen/ oder insich schlucken/ aber grosse Bein zuo kleinen stücklin urschlagen/ vnd harte Kißling haben sie verschluckt.

In Ulyssis Aldrovandi Ornithologiae, hoc est de avibus historiae libri XII, Tomus I, 1599 hält der Strauß auf S. 591 ein Hufeisen im Schnabel; S. 597 ist ein Skelett gezeichnet, aber ohne Hufeisen. Im Text wird der Bericht von Albertus Magnus zitiert.

Quelle: http://amshistorica.unibo.it/26

In der barocken Emblematik ist die Vorstellung beliebt:

Petrus Isselburg / Georg Rem, Emblemata Politica. In aula magna Curiæ Noribergensis depicta, Nürnberg 1617 und nochmals 1640; Emblem Nr. 16: Dass der Strauß Eisen verdauen kann, wird allegorisch so gedeutet: Obwohl der Lästerer Wort sehr schneidn/ Kanns doch der Grecht mit Gdult leicht leidn.

Das Bild des Skeletts stammt aus Gerhard Blasius (1625–1692), Tab. XXXIX, Nr. IV. Warum dieser Anatom es hat durchgehen lassen, dass auf seinem Bild der Strauß ein Hufeisen im Schnabel hält? Oder ist das ein Scherz? Und warum Scheuchzer es hat durchgehen lassen, dass dieses Bild so übernommen wurde? Oder ist das auch ein Scherz?

Gerhard Blasius, Anatome animalium, terrestrium variorum, volatilium, aquatilium, serpentum, insectorum, ovorumque, structuram naturalem ex veterum, recentiorum, propriisque observationibus proponens, figuris variis illustrata. Amsterdam, [Van Someren] 1681. > https://books.google.ch/books?id=-PE051sG_PIC&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Antonio Vallisnieri (1661–1730) hat den Magen eines Straußes obduziert und genau beschrieben und mitsamt einem darin steckenden Nagel abgezeichnet. Scheuchzer übernimmt und zitiert das Bild.

Vallisnieris Traktat »Natomia del Struzzo« findet sich in: Antonio Vallisneri: Esperienze ed osservazioni interno all’Origine, Sviluppi, e costumi di varj Insetti, con altre spettanti alla Naturale, e Medica Storia, Padova 1713, S. 155–194. — Die Seite ist im Digitalisat von ÖNB/GoogleBooks nicht ausgefaltet > https://books.google.ch/books?id=_2xVAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s — Hier aus dem Exemplar der Zentralbibliothek Zürich, Signatur NM 199.

Woher mag die Idee des Bildaufbaus mit dem ausgerollten Bild stammen? Ein frühes Beispiel ist Claude Perrault (1613–1688):

Claude Perrault, Description anatomique d'un cameleon, d'un castor, d'un dromadaire, d'u ours et d'une gazelle, Paris: Frédéric Leonard 1669. >http://docnum.u-strasbg.fr/cdm/ref/collection/coll13/id/61563

Gerhard Blasius kopiert 1681 diese Struktur (Tafel XIV):

Eine Anregung mag auch das Buch von Michael Bernhard Valentini gewesen sein:

Amphitheatrum Zootomicum Tabulis Æneis Quamplurimis Exhibens Historiam Animalium Anatomicam Francofurti Ad Moenum 1720. > http://diglib.hab.de/drucke/nh-2f-34/start.htm oder > https://books.google.ch/books?id=vCBVAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Zweites Beispiel: Die Herzpumpe

Der Psalmvers 33,15 »Er hat ihrer aller Hertzen gestaltet« gibt Scheuchzer Gelegenheit, über das Herz als Objekt der Anatomie zu sprechen. (Der theologische Gehalt des Psalms – es geht hier um das Herz als innerstes Organ, in dem Gott den Menschen erkennt – wird im Bildspiegel nur gerade angetönt, wo ein Mann von einem aus dem Himmel hervorstrahlenden Satz getroffen wird: Gib mir, mein Sohn, dein Hertz – fili mi praebe cor tuum [Sprüche 23,26] und sich ans Herz greift.)

Scheuchzer beschreibt (mit Verweis auf die Abbildung unten in der Rahmenzone des Kupferstichs) das Funktionieren einer Feuerspritze mit zwei Zylindern, Ansaug- und Ausgangsventilen. Der Vergleich des Herzens mit einer Pumpe geht zurück auf den Entdecker des Blutkreislaufs, William Harvey (1587–1657, De motu cordis et sanguinis, 1628):

From the structure of the heart it is clear that the blood is constantly carried to the lungs and into the aorta as by two clacks of a water bellows to rayse water. (nach: Thomas Wright, William Harvey: A Life in Circulation, Oxford University Press 2012)

Im Sinne der Iatromechanik wird das Organ hier als eine feinsinnigere Maschine aufgefasst.

J. J. Scheuchzer, Physica Sacra, Tafel DXLIV

Die anatomischen Bilder des Herzens könnte der Arzt Scheuchzer durchaus aus eigener Anschauung beigebracht haben. Hier interessiert das Bild der Feuerspritze. Es ist einer Abhandlung von Giovanni Alfonso Borelli (1608–1679) »De Motu Animalium« entnommen. In der deutschen Bearbeitung von S. H. Schmidt heißt es nach einer ausführlichen Beschreibung der Anatomie: Es

verhält sich also das Hertz als eine machine, die nicht unähnlich ist einem so genannten Hydracontisterio, Wasser= oder Feuer-Spritze/ welche mit hiezu bereiteten und geschickten ventiln oder Thürlein an der Oeffnung versehen/ das Wasser von einer Seiten einpumpen läst/ und so bald der Druck durch den Embolum geschiehet/ und dadurch das eine ventil wieder zufällt/ das eingepumpte Wasser durch das andere vom forcirten Wasser ausgestossene ventil mit grosser Gewalt wieder von sich wirffet. Fig. 8.9. (§ 7; S.23)

Silvester Heinrich Schmidt, Von der wundersamen Macht der Muskeln, welche ... aus des Borell seinem vorrtefflichen Werck von Bewegung der Thiere in einem kurtzen Auszug fürstellet ... [Heilsbronn] 1706. — Die lat. Ausgaben wie z.B. die folgende haben das Bild der Feuerspritze nicht (vielleicht ist sie dort im Text beschrieben): Joh. Alphonsi Borelli philosophia de motu animalium ex unico principio mechanico-statico per compendium deducta et in illust. ill. ad fontes salutis Athenaeo exercitationibus publicis exposita, Heilbronna 1705. > https://books.google.ch/books?id=0sg3R-gBEtoC&pg=PA20#v=twopage

Das Modell erscheint ebenfalls in der berühmten Graphik von Dr. Fritz Kahn (1888–1968) »Der Mensch als Jndustriepalast« (1926):

(Das ganze Bild ist im WWWeb omnipräsent.)

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Zitat

Erstes Beispiel: Naturwissenschaftliches Werk

Conrad Gessner (1516–1565) hat seine Tierbücher immer wieder aufgrund der neuesten Lesefrüchte und Zusendungen von Briefpartnern ergänzt. Gelegentlich zitiert er seine Quellen recht präzis im Text. Hier zum Drachen:

Bellonius schreybt/ daß er selbst ettliche/ so füß gehabt vnd außgedörret gewesen/ gesehen habe/ welche figur vns allhie von jhme fürgestelt wirt.

Schlangenbuoch. Das ist ein grundtliche und vollkommne Beschreybung aller Schlangen, so im Meer, süssen Wassern und auff Erden jr Wohnung haben, sampt der selbigen Conterfactung / erstlich durch den hochgelehrten weytberümpten Herrn D. Conrat Gessnern zuosamen getragen unnd beschriben unnd hernaher durch den wolgelehrten Herrn Jacobum Carronum gemehrt und in dise Ordnung gebracht; an yetzo aber mit sondrem Fleyss verteütscht. Getruckt zuo Zürych in der Froschow, 1589; Fol. XLIII recto.

Mit Bellonius ist gemeint der französische Naturforscher Pierre Belon (1517–1564), der seine Reisen dokumentierte:

Les observations de plusieurs singularitez & choses memorables, trouvées en Grèce, Asie, Iudée, Egypte, Arabie, & autres pays estranges, redigées en trois livres, par Pierre Belon du Mans. [1. Auflage 1553] Anvers: Plantin 1555; fol. 236recto.

In der gekürzten Ausgabe des Tierbuchs stellt er ein Tier namens Su vor, das dem eben gerade erschienenen Bericht des Brasilienreisenden André Thevet (1516–1590) entlaufen ist.

Ceste beste est fort rauissante, faite d’vne façon fort estrange, pour quoy ie la vous ay bien voulu representer par figure. [André Thevet], Les singularitez de la France antarctique, autrement nommée Amérique, et de plusieurs terres et isles découvertes de nostre tems, Anvers: Chr. Plantin 1558 und Paris: de la Porte 1558. > http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k109516t

In der lateinischen Erstausgabe »de Quadrupedibus uiuiparis« 1551 und in den »Icones« 1553 kannte Gessner das Tier noch nicht. Gessner besaß die Pariser Ausgabe des Werks von Thevet und die von Antwerpen; beide hat er eifrig annotiert; vgl. Urs Leu (1992). In der deutschen Übersetzung von 1563, wo es dann auch das Titelblatt ziert, ist es Das aller schützlichest thier so geseyn mag/ Su genant in den neüwen landen.

Thierbuoch Das ist ein kurtze bschreybung aller vierfüssigen Thieren/ so auff der Erden und in wassern wonend, sampt jrer waren Conterfactur … Erstlich durch den hochgeleerten D. Cuonrat Geßner in Latin beschriben/ yetzunder aber durch D. Cuonrat Forer zuo mererem nutz aller mengklichem in das Teütsch gebracht, Zürych bey Christoffel Froschower im Jar als man zalt M.D.LXIII; fol CXLVIII > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-5027

Zweites Beispiel: Buntschriftsteller

Die Buntschriftstellerei lebt definitionsgemäß von Zitaten; erstaunlich oft werden diese quellenmäßig nachgewiesen.

Als Beispiel Zitate bei Eberhard Werner Happel (1647–1690) – mehr zu ihm hier: Die Bilderwelt in Eberhard Werner Happel, »Gröste Denckwürdigkeiten der Welt« [Link auf eine Website der UZH]

E. G. Happelii Gröste Denkwürdigkeiten der Welt Oder so genannte Relationes Curiosæ. Worinnen dargestellet/ und Nach dem Probier-Stein der Vernunfft examiniret werden/ die vornehmsten Physicalis. Mathematis. Historische und andere Merckwürdige Seltzamkeiten/ Welche an unserm sichtbahren Himmel/ in und unter der Erden/ und im Meer jemahlen zu finden oder zu sehen gewesen/ und sich begeben haben. Der Erste Theil. Einem jeden curieusen Liebhaber zu gut auffgesetzet/ in Duck verfertiget/ und mit vielen Figuren und Abrissen erläutert, Hamburg: Wiering 1683. [der erste von fünf Bänden]

> http://gdz.sub.uni-goettingen.de/dms/load/toc/?PID=PPN615799892
>https://archive.org/stream/imageGIX360MiscellaneaOpal#page/n0/mode/2up

• In einem der ersten Hefte seiner Wochenschrift referiert Happel das Buch »Mundus Subterraneus« des Universalgelehrten Athanasius Kircher (1602–1680), der aufgrund bestimmter Beobachtungen annahm, die Meere seien durch unterirdische Ausgänge miteinander verbunden und unter der Erde gebe es reichhaltige Reservoirs sowie ein das Wasser heizendes Zentralfeuer.

Athanasii Kircheri E Soc. Jesu Mundus Subterraneus: in XII Libros digestus; Qvo Divinum Subterrestris Mundi Opificium, mira Ergasteriorum Naturæ in eo distributio, verbo pantamorphon Protei Regnum, Universæ denique Naturæ majestas & divitiæ summa rerum varietate exponuntur, Amstelodami: apud Ioannem Ianssonium & Elizeum Weyerstraten 1664. > http://www.e-rara.ch/doi/10.3931/e-rara-Vergil

Bei Happel (S. 170ff.) ist der ursprünglich zwei Folioseiten große Kupferstich auf einen Holzschnitt im Oktavformat verkleinert: Abbildung der Unter-irdischen Wassergänge und wie ein Theil des Wassers vom Centralischen Feüwer erhitzet werde.

Happel 1683, S. 154ff.

Die unterirdischen Wasser spielen eine Rolle in Grimmelshausens »Simplicissimus« (1669; 5. Buch, Kapitel 10ff.), wo der Held in den Mummelsee eintaucht und von dort in das Centrum Terræ fährt und wieder zurückreist.
> Text online hier: http://www.zeno.org/nid/20004913108

• Mehrmals zitiert Happel aus dem jüngst erschienen Buch des holländischen Reiseschriftstellers Eduard Melton
(?–?)

Eduward Meltons, Engelsch Edelmans, Zeldzaame en Gedenkwaardige Zee- en Land-Reizen; door Egypten, West-Indien, Perzien, Turkyen, Oost-Indien[…]. Aangevanden in dem jaare 1660 en geendigt in dem jaare 1677. t’Amsterdam 1681.

> https://archive.org/details/eduwardmeltonsen00melt
> Ausgabe 1702 (besser) digitalisiert von der Utrecht University: http://hdl.handle.net/1874/231131
> Bild einzeln auch hier: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57318852B

- Die chinesischen Gaukler

Melton: Zeldsaame konsten en googchelaryen von eenige Chinesche Tijdverdrijvers (S. 468):

Happel kopiert das Bild (27 x 17 cm) mit wenigen Änderungen S. 408ff.:

Der Sinesische Gaukler. – Happel möchte dem curieusen Leser in beygehendem Kupffer die besten Actionen der Chinesen darstellen, welche zu erklären er den Herrn Eduard Melton reden lassen will/ welcher diese Lust zu Batavia selber angesehen/ und dieselbe folgender Gestalt beschreibet: [folgen längere Zitate in deutscher Übersetzung].

- Die Witwenverbrennung (sutee, sati) in Indien

Melton: Oost-Indien, Vyftiende Hoof-Stuk = S. 449: Gewoonte der Indiaanische Afgodische Vrouwen van zich met de Lichamen hunner afgestorvene Mannen te verbranden.

Happel (wie bei Kopien üblich seitenverkehrt) S. 633f.: Der Indianische Weiber-brandt

Einfache Übernahme oder mittels Zitat intendierte Aussage?

Aeneas fährt mit seinen Schiffen von Sizilien aus Richtung Italien. Die den Trojanern zürnende Göttin Juno lässt Aeolus einen Seesturm entfesseln, der die Flotte teilweise zerstört. Der Aeneas gewogene Gott Neptun glättet die Wogen. Aeneas und Gefährten steuern auf Libyen zu und gelangen nach Karthago. (Vergil, Aeneis I, 50ff. und 124ff.)

Sebastian Brant (1457–1521) bringt in seiner reich bebilderten Vergil-Ausgabe (1502) folgenden Holzschnitt zur Szene. (Oben rechts Juno, die Aeolus überredet; links die in alle vier Himmelsrichtungen ausströmenden Stürme; Mitte links Neptun, der das Meer beruhigt.)

Publij Virgilij Maronis Opera cum quinque vulgatis commentariis ex politissimisque figuris… Straßburg: Grüninger 1502. – Fol. CXXIIII verso
> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502/0266

Der Forschung ist schon früh aufgefallen, dass die zwei prominent gezeigten Schiffe ziemlich genaue Übernahmen sind aus der Publikation, durch die 1494 die Reise des Kolumbus bekannt wurde – ein Buch, das der damals in Basel lebende Brant mitbetreut hat:

Cristoforo Colombo / Leander de Cosco / Leonardus Carmini, De insulis inventis, Epistula Cristoferi Colom, cui aetas nostra multum debet: de insulis in mari Indico nuper inventis [Basel: Bergmann von Olpe 1494]

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00026585/image_7
> http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-10932 brant

Bernd Schneider plädiert in seinem vorzüglichen Aufsatz dafür, »dass Brant mit der Übernahme der Schiffe auch Parallelen zwischen der Reise des Aeneas von Troja zu den neuen Ufern Italiens und der Entdeckerfahrt des Kolumbus in die neue Welt andeuten wollte.«

Man könnte sich indessen auch fragen, woher der Illustrator um 1500 sonst Bilder von Hochseeschiffen hätte bekommen können? (Allenfalls in der Bibel die Arche Noahs oder das Schiff von Jonas; oder das Schiff des Ulisses in der Schedelschen Weltchronik Fol. XLIr).

Im 10.Buch, wo Aeneas dann wirklich in Italien ankommt, kommen viele Schiffe vor (Verse 166ff., 219ff., 287ff.), die alle visualisiert werden, aber anders.

Auch war Brant von ›kolumbischen‹ Erkundungsfahrten keineswegs begeistert. Im »Narrenschiff«, Kap. 66 Von erfarung aller land schreibt er 1494:

Ich halt den ouch nit jtel wiß
Der all syn synn leidt [legt]/ vnd syn fliß
Wie er erkund all stett/ vnd landt
Vnd nymbt den zyrckel jn die hant
Das er dar durch berichtet werd
Wie breit/ wie lang/ wie witt die erd
Wie dieff/ vnd verr sich zieh das mer
[…] Wie sich das mer zů end der welt
Haltt/ […] Ob man hab vmb die gantz welt fůr [führe]
Was volcks wone vnder yeder schnůr [unter jedem Erdkreis]/
Ob vnder vnsern füessen lüt
Ouch sygen […]

Literatur:

Bernd Schneider, ›Virgilius pictus‹. Sebastian Brants illustrierte Vergilausgabe von 1502 und ihre Nachwirkung. Ein Beitrag zur Vergilrezeption im deutschen Humanismus, in: Wolfenbütteler Beiträge Bd. 6 (1983) S. 202–262, bes. S. 219; mit Verweis auf

Anna Cox Brinton, The Ships of Columbus in Brant’s Virgil, in: Art and Archaeology 26 (1928), p. 83–86. 94.

Bild im Bild

Nutzliche Zeitbetrachtung / fürgebildet Durch Conrad Meÿern [1618–1689] Maalern in Zürich, [erschlossen 1675]; Zehen Jahr:

Man betrachet das an der Wand links angebrachte Bild und lese dazu den Text:

So treibe by Zeiten dieselbe [sc. die Jugend] zur Tugend:
Am pflantzen wils ligen. Drum beüge die Zweige,
Vom bösen sie trenne, zur Arbeit sie neige.

Digitalisat der ganzen Seite > https://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/15596181

• An die lernbegierige Zürcherische Jugend auf den Neujahrstag 1805 Von der Gesellschaft auf der Chorherren. 27.Stück — Thema ist, wie die Kinder um 1750 in der Schule und daheim gehalten wurden. Das von Johann Martin Usteri (1763–1827) gezeichnete Titel-Kupfer: Eine Mutter zeigt ihren Kindern ein Neujahrsblatt. Die Kinder schauen das Bild an, die Mutter liest ihnen dazu dann den Text vor. Das Bild-Arrangement ist übernommen; aber noch mehr:

In dem Möbel (oberhalb der Köpfe der beiden Kinder) erkennt man ein Bild. Es handelt sich – wie auf dem Kupfer von ca. 1675 – offensichtlich um ein Neujahrsblatt von Conrad Meyer:

Einer zartblühenden Jugend ab der Burgerbibliothek für das 1650 Jahr:

mit dem zur zartblühenden Jugend passenden Thema: Jung gebogen, recht gezogen.

Die lieben Kinderlein den Zweiglinen nacharten,
weil sie zubiegen seind, eh sie zu alt erharten
usw.

Das Bild vom jungen Holz, das noch ›biegsam‹ ist, hat seinerseits ein Vorbild in der Emblematik des 16. Jahrhunderts:

Matthias Holtzwart: Emblematum Tyrocinia, sive picta poesis Latinogermanica, das ist eingeblümete Zierwerck oder Gemälpoesy innhaltend allerhand Geheymnußlehren durch kunstfündige Gemäl angepracht und poetisch erkläret, Nun erstmals inn Truck kommen, Straßburg 1581; Emblema II: Liberos in iuuentute flectendos.

Und die Idee wurde auch von anderen Autoren verwendet; sinnvollerweise für ein Titelblatt eines Buches zur Erziehung:

Wegweiser Zur Höflichkeit. Sampt Beygefügter Hauß-Regel/ Wie Ein jedweder in seinem Stand sein Haußwesen anstellen und vollführen sol. Allen Jung und Alt sehr nützlich und dienlich; Neben einem ordentlichen Register. Zum andern mahl in Truck gegeben. Franckfurt: Zunner 1665.

Literaturhinweis zum NJbl 1650: Martina Sulmoni, »Einer Kunst- und Tugendliebenden Jugend verehrt«. Die Bild-Text-Kombinationen in den Neujahrsblättern der Burgerbibliothek Zürich von 1645 bis 1672, Bern: Lang, 2007 (Deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700; Band 46), S. 156–164.

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Interpicturalität

Für literarische Werke gilt, dass sie nicht nur die Wörter aus einer gemeinsamen Sprache beziehen, sondern auch Gedankensplitter, Formeln, ›Topoi‹, ganze Textpassagen. In der Literaturwissenschaft läuft diese Forschung unter dem Stichwort ›Intertextualität‹. Bedeutende Erforscher sind etwa Ernst Robert Curtius (1886–1956) und Gérard Genette (1930–2018).

Beispiel: Nicht ein eigens ausgewiesenes Zitat, auch kein herausgestelltes Bild-im-Bild, eher eine einfache Übernahme aus der einschlägigen gelehrten Literatur findet sich auf diesem Bild, das den Kontinent America (vgl. mehr zu diesem Bildtyp hier) versinnfälligt:

Des berühmten Italiänischen Ritters, Cæsaris Ripæ, allerleÿ Künsten, und Wissenschafften, dienlicher Sinnbildern, und Gedancken, Welchen jedesmahlen eine hierzu taugliche Historia oder Gleichnis beÿgefüget. dermahliger Autor, und Verleger, Joh. Georg Hertel, in Augspurg [ca. 1760]

Im Hintergrund mittig links ist eine Jagdszene dargestellt, hier vergrößert:

Die Darstellung der Jagdtechnik der americanischen Ureinwohner, die sich unter Hirschfellen maskieren und so die Hirsche mit Pfeil und Bogen erlegen, stammt von hier:

Von dreyen Schiffahrten, so die Frantzosen in Floridam (die gegen Nidergang gelegen) gethan die Durch Jacob Le Moyne ... Aus dem Frantzösischen in Latein beschrieben, durch C. C. A. Vnd jetzt auß dem Latein in Teutsch bracht, … Auch mit ... Kupfferstücken, vnd deren angehenckten Erklärung, jetzunder zum andern mal an Tag gegeben, durch Dieterich de Bry, Franckfort am Mayn 1603.
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bry1603bd2/0077

Das Bild hatte schon der Buntschriftsteller Erasmus Francisci 1668 übernommen:

Erasmi Francisci Ost- und West-Indischer, wie auch Sinesischer Lust- und Stats-Garten […] Nürnberg/ In Verlegung Johann Andreæ Endters / und Wolfgang deß Jüngeren Sel. Erben. Anno M.DC.LXVIII; zu Seite 1242.
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10867168-1

Auch die Szene im Hintergrund rechts oben, wo ein Krokodil mittels eines Baumstamms durchs Maul getötet wird, stammt aus de Bry (Tafel XXVI).

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Vom unsorgfältigen Umgang mit den Druckstöcken

Die Illustratoren der Vergilausgabe 1502 zeigen auf mehreren Bildern die Unterwelt, die Vergil im 6.Buch der »Aeneis« schildert. So sind zu Vers VI,295ff. die Unterweltsflüsse Acheron, Cocytus und Styx zu sehen, der Fährmann Charon, der Seelen in seinem Nachen übersetzt; im Hintergrund rechts Aeneas in der Begleitung der Sibylle, der dem Palinurus begegnet.

Über der Quelle der Unterweltsflüsse das Maul eines riesigen Ungetüms. Die Darstellung mag angeregt sein durch den im Text erwähnten Schlund des Orcus (in faucibus Orci Vers 273), beruht aber wohl auf der gängigen Ikonographie des Höllenschlunds, in den die sündigen Seelen durch Teufel hineingetrieben werden oder aus dem die Abgeschiedenen ein Engel oder Christus hinausführt; vgl. > https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Harrowing_of_Hell.jpg > https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0a/Hellmouth.jpg

Publij Virgilij Maronis Opera cum quinque vulgatis commentariis ex politissimisque figuris… Straßburg: Grüninger 1502. – Fol. CCLV verso < http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502

Das Höllenmaul ist wohl der Anlass dafür, dass der Verleger Grüninger das Bild in Gregor Reischs »Margarita Philosophica« übernommen hat, um das Kapitel De locis infernalibus (Liber undecimus, Cap. xlij) zu illustrieren: Vier verschiedene Orte der Hölle im Gebiet des Leides. Ort und Art der Vorhölle der Väter. ….

Grüninger übernimmt das (in seinem Verlag zwei Jahre zuvor erschienene) Bild der heidnisch-antiken Unterwelt tel quel als Bild für die christliche Hölle; und weil es nicht in das kleinere Buchformat (von Quart zu Oktav) passt, sägt er es kurzerhand oben und links ab!

Aepitoma Omnis Phylosophiae, Alias Margarita Phylosophica, Tractans de omni genere scibili : Cum additionibus ... Argentina: Grüninger, 1504

In der Erstausgabe Freiburg: Schott 1503 > dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/reisch1503 Blatt 254b wurde dieses Bild kopiert und neu geschnitten; dabei ist die Personen-Gruppe um Aeneas durch einen Seelen peinigenden Teufel ersetzt, die Flussnamen sind weggelassen, aber seltsamerweise Charon noch mit einer Banderole angeschrieben. (Dieses Bild erscheint dann auch im Druck Basel: Furter 1517).

Literatur:

Reisch, englische Übersetzung: Sachiko Kusukawa / Andrew R. Cunningham, Natural philosophy epitomised: Books 8-11 of Gregor Reisch’s Philosophical Pearl (1503). Aldershot: Ashgate 2010; S. 300f..

Reisch, deutsche Übersetzung von Otto und Eva Schönberger, Würzburg: Königshausen & Neumann 2016; S. 476f..

Johannes Pommeranz, Die Hölle und ihr Rachen, in: Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik, Bearb. von Peggy Große, G. Ulrich Großmann, Johannes Pommeranz. Begleitband zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum vom 7. Mai bis 6. September 2015, Nürnberg 2015, S.379–405.

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Wiederverwendung im Reprint – – – Raubdruck

In der Zeit vor dem Buchdruck lieh man sich eine Handschift bei einem befreundeten Kloster aus, schrieb den Text ab und gab den Codex dann (oft auch) zurück. Dadurch kam niemand zu Schaden.

Das Kopieren eines Texts oder Bilds war nichts Ehrenrühriges; der Begriff des ›geistigen Eigentums‹ war unbekannt. Im Gegenteil: Das Überarbeiten eines bekannten Vorbilds galt als lobenswerter denn das Erfinden eines neuen; und gern stellte man sich beim Kopieren gleichsam unter den Schutz eines altehrwürdigen Vorbilds.

Kommerzielle Überlegungen sind bei einem in der 1. Hälfte des 16. Jhs. aufblühenden Markt wichtig.

Autoren wurden mit bescheidenen Honoraren abgefunden. Der Drucker/Verleger musste Leute entlöhnen, die eine Handschrift in einen lesbaren Text umwandeln konnten, sowie Korrektoren und (bei Sachbüchern) Verfertiger von Registern. Graphiker mussten (wenn auch gering) entlöhnt werden. Die Herstellung eines Buches von 300 bis 600 Exemplaren war eine teure Investition. Das Buch lag im Lager und wartete auf Käufer.

Wenn ein anderer Drucker/Verleger merkte, dass ein Buch ein Erfolg war, konnte er sich solche Ausgaben sparen und einen Nachdruck auf den Markt werfen und Gewinn abschöpfen.

Die Urheber versuchten beim regionalen Fürsten ein Drucker-Privileg zu bekommen. Bei der im Reich obwaltenden Kleinstaaterei (vgl die Liste hier) konnte indessen der wenige Meilen weit im Nachbarstaat arbeitende Drucker ungestraft ›plagiieren‹.

Georg Paul Hönn, Betrugs-Lexicon, worinnen die meiste Betrügereyen in allen Ständen nebst denen darwider guten Theils dienenden Mitteln entdecket, Coburg: Paul Günther Pfotenhauer und Sohn 1721:

Kupffer-Stecher betriegen … 4) Wenn sie die von berühmten Kupfferstechern verfertigte Stücke nachmachen/ und solche mit Beyzeichnung deren Nahmen für die Originalia ausgeben/ auch offt davor theuer genug verkauffen. 5) Wenn sie den geschehenen Nachstich eines Originals für ihre eigene Invention ausgeben/ um dadurch sich in Renommée zu setzen/ dem Inventori und Künstler aber sein gebührendes Lob damit entziehen.
> http://www.zeno.org/nid/20005109159

Das britische Parlament verabschiedete 1735 ein Gesetz (Engraver’s Act) zum Urheberrechtsschutz auf Kupferstiche. Das Gesetz geht auf die Initiative von William Hogarth zurück.

Wann kann man von einem vertretbaren Reprint reden, wann handelt es sich um einen Raubdruck? — Die Abrenzung von anderen Formen (Zitat, Kontafaktur, Montage, Parodie usw.) und die Geschichte der Copyright-Gesetzgebung ist komplex.

• Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Raubdruck

• Horst Kunze, Über den Nachdruck im 15. und 16. Jahrhundert in: Gutenberg-Jahrbuch 1938, S. 135–143.

• Hellmut Rosenfeld, Plagiat und Nachdruck, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens 11 (1971), Sp. 337–372.

• Hellmut Rosenfeld, Artikel »Plagiat« in: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, zweite Auflage, dritter Band, Berlin 1977, S.114–126.

• Anne-Kathrin Reulecke, Täuschend, ähnlich. Fälschung und Plagiat als Figuren des Wissens in Literatur und Wissenschaften. Eine philologisch-kulturwissenschaftliche Studie, Paderborn: Wilhelm Fink 2017 (469 S.).

 

Erstes Beispiel:

Der Augsburger Verleger Johann Schönsperger druckte bald nach der Erstausgabe der Schedelschen Weltchronik (1493) eine ›Volksausgabe‹ in kleinerem Format, sowohl lateinisch 1497 (Hain Repertorium bibliographicum # 14509) als auch deutsch 1496 (Hain 14511) und 1500 (Hain 14512).

Man vergleiche das Vorbild hier mit dem Raubdruck derselben Seite:

Liber cronicarum cum figuris et ymaginibus ab inicio mundi usque nunc temporis, a Iohanne Schensperger, Augsburg 1497 > http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/inc-iv-112

Die Forschung sagt, dass der Verkauf der Originalausgabe Schedels durch diese Nachdrucke stagniert sei.

Zweites Beispiel: Das »Narrenschiff«

»Das narren schyff« von Sebastin Brant (1457–1521) wurde in Basel bei Joh. Bergmann von Olpe zuerst 1494 gedruckt. Einen großen Teil der Holzschnitte kann man Albrecht Dürer (1471–1528) zuschreiben.

••• Hier als Beispiel das Kapitel 20: Von schatz fynden [und den Fund unterschlagen]

Wer ettwas fyndt / vnd dreyt [trägt] das hyn
Vnd meynt gott well / das es sy syn
So hat der tufel bschyssen jn

> http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/11823/1/
> https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_n020.html

Das ›Bescheißen‹ durch den Teufel wird als Perversion einer Inspiration gezeigt: der Teufel bläst dem Narren diese Dummheit mit einem Blasbalg ein, er ›souffliert‹ …

Noch im gleichen Jahr erscheinen drei verschiedene Nachdrucke in anderen Verlagen sowie eine Überarbeitung mit neuen Holzschnitten. Hier wurde nur die Komposition des Bildes kopiert, es sind keine Abklatsche i.e.S. (Man kann diese Bilder auch unter dem Thema "stilistische Änderungen bei der Übernahme" abhandeln, siehe dort.)

Das nüv schiff võ Narragonia mit besunderẽ fliß vñ arbeit von nüwẽ mit vil schöner sprüch […] erklert zu Basel durch Sebastianũ Brant, Straßburg: Grüninger 1494.
> http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/brant1494

Der Text ist bearbeitet und erweitert, was Brant in seiner 3.Auflage moniert. — Einige Holzschnitte werden mehrfach verwendet, einer sogar fünf Mal.

Brant autorisiert eine lateinische Übersetzung seines Schülers Sebastian Locher (1471–1528), die 1497 erscheint und in der die ursprünglichen Holzschnitte übernommen sind: Stultifera nauis Narragonie profectionis nunquam satis laudata Nauis per Sebastianum Brant. vernaculo vulgarique sermone et rhythmo ... nuper fabricata/ Atque iam pridem per Jacobum Locher: cognomento Philomusum: Sueum: in latinum traducta […], [Basel: Johann Bergmann von Olpe 1497]. Vgl. Nina Hartl, Die »Stultifera navis«: Jakob Lochers Übertragung von Brants »Narrenschiff«, Teiledition und Übersetzung. Münster u.a.: Waxmann 2001.

Diese lat. Ausgabe erscheint im gleichen Jahr 1497 mit vereinfachten Holzschnitten in Augsburg bei Johannes Schönsperger > http://diglib.hab.de/inkunabeln/548-quod-2/start.htm

und diese Holzschnitte werden dann 1498 in eine deutsche Ausgabe übernommen:

Hie vahet sich an das neu Narren Schiff von Narrogonia, Augsburg, Johann Schönsperger 1498.
> https://www.loc.gov/item/47044041/

Zur Druckgeschichte vgl.

Kommentar zum Narrenschiff von hg. Friedrich Zarncke, Leipzig 1854, S. LXXIX–CXVI

Beiträge versch. Autoren in: Gonthier-Louis Fink (ed.), Sébastien Brant, son époque et "La nef des fols" = Sébastian Brant, seine Zeit und das "Narrenschiff". Actes du Colloque International, Strasbourg, 10–11 Mars 1994, Strasbourg: Université des Sciences Humaines, Institut d’Etudes Allemandes, 1995 (Collection Recherches germaniques; no 5).

 

••• Drei Viertel der Bilder hat Thomas Murner (1475–1537) für seine »Narrenbeschwörung« (1512) aus dem »Narrenschiff« Sebastian Brants übernommen; die Texte hat er weitgehend selbst neu formuliert. Brant hatte das Druckmaterial bei seinem Umzug von Basel nach Straßburg (1501) dorthin transportieren lassen, wo er 1512 mit dem Drucker Matthias Hüpfuff die letzte von ihm betreute Ausgabe des »Narrenschiffs« anfertigte. Im selben Jahr ist bei Hüpfuff auch Murners Buch erschienen.

Als Beispiel diene das Kapitel 39 aus Brant. Hier dient die Technik des Vogelfangs mit Netzen zur Illustration der Weisheit: Wer das Garn gut sichtbar ausspannt, um Vögel zu fangen, ist ein Narr. Gemeint ist: Sein Geheimnis, seine schlauen Absichten nicht verbergen ist töricht.

Weitere allegorische Auslegungen das Vogelfangs mit Netzen hier > http://www.symbolforschung.ch/jagd.html#Netz

Wer öfflich schleht syn meynung an [anschlagen im Sinn von ausschreien]
Vnd spannt syn garn für yederman
Vor dem man sich lycht hüetten kan

Brant, Narrenschiff, 1494, Kap. 39
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00036978/image_102
> https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_n039.html

Bei Murner dient für dieselbe Aussage, man solle seine Meinung nicht öffentlich verbreiten (Halt dyn anschlag heimlich still, Vers. 56), der Affe, der, weil er keinen Schwanz hat, seinen Hintern zeigt.

Dazu ist abgedruckt der Holzschnitt aus Brants Narrenschiff, wo ein Vogelfänger beim Netz hockt, dessen Hinterteil vom Bildrahmen verdeckt ist. (Das könnte den Anlass gegeben haben.)

Den affen scheren

Ein ding ist warlich übel bschaffen
   Das kein schwantz hondt vnser affen
Das sy ir scham noch etwan deckten    
   Den arß nit also fürher bleckten.

Ich heiß ein affen yederman
   Der syn scham nit decken kan
Vnd seyt eingen übel that    
Die er allzyt begangen hat

Das Thema des Affen-Scherens kommt im Text erst in Vers 70ff. vor, wo Murner sagt, dass oft Geliebte (drütly) Männer wie Affen bis auf die Haut ›scheren‹ und an den Bettelstab bringen.

Doctor murners narren bschwerung, Straßburg: Mathias Hupfuff 1512.
> https://books.google.ch/books?id=QbJeAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

In der Ausgabe 1518 wird das Bild dann ersetzt:

Doctor thomas Murners Narren beschweerung, Straßburg: Knoblouch 1518.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00089930/image_67

Literatur hierzu:

Max Riess, Quellenstudien zu Murners satirisch-didactischen Dichtungen, Diss. Berlin 1890.

M[eir] Spanier, Über Murners Narrenbeschwörung und Narrenzunft, in: Paul und Braunes Beiträge 18 (1894), S. 1–71.

Thomas Murner, Narrenbeschwörung, hg. M. Spanier = Thomas Murners deutsche Schriften; mit den Holzschnitten der Erstdrucke; Bd. 2, Berlin / Leipzig: de Gruyter 1926 (hier Nr. 14 und Kommentar S. 305f.).

 

Drittes Beispiel: Gregor Reischs »Margarita«.

Diese Enzyklopädie erscheint das erste Mal 1503 bei Schott in Straßburg. Karl Hartfelder: »Nach dem Brauch oder richtiger Missbrauch jener Zeit« erschien schon im Jahre 1504 bei Johannes Grüninger zu Strassburg ein Nachdruck.

»Dass dieser Drucker ohne Erlaubnis des Verfassers die Margarita druckte, ergiebt sich aus zwei Bemerkungen der zweiten rechtmässigen Ausgabe, welche im gleichen Jahr 1504 bei Johannes Schott in Strassburg erschienen ist. Am Schlusse des Index steht zunächst: Rursus exaratum peruigili noua itemque secundaria hac opera Joannis Schotti Argentinensis Galchographi Ciuis. Ein daran sich anschliessendes lateinisches Distichon an den Leser warnt diesen vor dem Ankauf einer Ausgabe, die nicht mit dem Zeichen des Buchdruckers Schott versehen sei.

¶ Ad lectorem.
Hoc nisi spectetur signatum nomine Schotti :
Nunquam opus exactum candide lector emes.

An den Leser
Dieses Werk, wenn es nicht als mit dem Namen Schotts gekennzeichnet geprüft wird,
Wirst Du, redlicher Leser, nachdem es [von Dir] begutachtet worden ist, niemals kaufen.

Ausserdem erklärt eine Bemerkung ausdrücklich, dass diese Ausgabe der Margarita durch ihren Verfasser von neuem durchgesehen, verbessert, durch Lehrsätze und neue Bilder vermehrt worden sei, und schliesst: Was du also in einem von andern herrührenden Drucke noch ausserdem hinzugefügt findest, das mögest du als unserer Margarita fremd ansehen.«

Karl Hartfelder, Der Karthäuserprior Gregor Reisch, Verfasser der Margarita philosophica. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, Band 44 / NF 5 (1890), S. 170–200.
> http://www.archive.org/stream/Zgo44-5#page/n181/mode/2up

In der Ausgabe 1504 werden die Druckstöcke nicht übernommen, sondern die Bilder neu geschnitten und dabei oft verändert. (Ob sie dabei korrigiert oder entstellt wurden, wäre ein interessantes Forschungsthema.) — Holzschnitt zu Beginn des VII. Buchs De principiis astronomiae: Die Personifikation der Astronomie lehrt den Ptolemaeus (Verfasser des »Almagest«) einen einfachen Sextanten handhaben.

Margarita philosophica, Freiburg: Schott 1503.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00012346/image_260

Aepitoma omnis phylosophiae alias margarita phylosophica tractans de omni genere scibili; cum additionibus, quae in alijs non habentur …, Straßburg: Grüninger 1504.
> http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11069462_00272.html

Viertes Beispiel: Embleme von Zincgref

Die Abgrenzung zwischen einer "späteren Neuauflage in einem anderen Verlag" und einem "Raubdruck" im engeren Sinne ist schwierig. Hier ein etwas komplizierter, ungeklärter Casus.

Die erste Ausgabe von Emblematum ethico-politicorum centuria Julii Guilielmi Zincgrefii erschien 1619
> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zincgref1619

Es gibt Neuauflagen 1624 und 1664, in denen die Kupfer von Matthäus Merian übernommen wurden.

Emblem XVII zeigt einen Wolf in einem Kahlschlag mit der Moral, man solle den Krieg ins Land des Feindes tragen. Sic tandem proditur (So wird er schließlich entdeckt):

Emblematvm Ethico-Politicorvm Centvria Ivlii Gvilielmi Zincgrefii; Editio secunda, Francofurti: P. Mareschall 1624. (SLUB Dresden, Signatur Art.plast.1183)
> http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/124149/1/

In diesem Exemplar sind die französischen Epigramme (die so auch in der Ausgabe 1619 stehen) handschriftlich mit deutschen Versen ergänzt. Einige Bilder sind mit einem Linienraster versehen, zwecks Kopie.

Die deutschsprachige Ausgabe im selben Verlag verwendet die originalen Kupferplatten; der Text ist typographisch realisiert:

Sapientia Picta. Das ist/ Künstliche Sinnreiche Bildnussen und Figuren/ darinnen denckwürdige Sprüch und nützliche Lehren im Politischen und gemeinen Wesen durch hundert schöne newe Kupfferstück vorgebildet/ entworffen/ und durch teutsche Reymen erkläret werden […], Franckfurt bey Peter Mareschall 1624.
> http://diglib.hab.de/drucke/li-6643-2/start.htm?image=00041

Das Emblem wird als Zeichnung kopiert. Der deutsche Text wird handschriftlich übernommen. Die Vorzeichnung ist in der Zentralbibliothek Zürich überliefert:

> http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-36349

Nach Angabe des Katalogs der ZB steht unten links »Emblemata, gezeichnet von Conrad Meyer« [1618–1689]. Sogar die Druckplatte ist überliefert. Der Text (der Ausgabe 1624) ist direkt in die Platte graviert, nicht mit Typen gesetzt:

> http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-43055 (Hier ein mit Photoshop hergestellter Pseudo-Abzug.)

Wo und wann wurde das Blatt publiziert? Eine Vermutung:

Zwei andere Embleme aus Zincgref (Nummern XXXIV und XXXV), erschienen 1659 mit dem in die Platte gravierten Text der 1624-er Ausgabe in der Reihe der Neujahrsblätter Der Kunst- und Tugend-Liebenden Jugend ab der Bürgerlichen Bibliothec am Neüwen Jahrs-Tag verehrt, signiert: J. F. Sulzer fecit. (Auch diese Kupferplatte ist in der ZBZ überliefert: http://doi.org/10.7891/e-manuscripta-43054)

1624 > http://diglib.hab.de/drucke/li-6643-2/start.htm?image=00075

1624 >http://diglib.hab.de/drucke/li-6643-2/start.htm?image=00077

Fünftes Beispiel: Luykens Buch der Künste

Bereits ein Jahr nach dem Erstdruck

Het Menselyk Bedryf. Vertoond in 100 Verbeeldingen van Ambachten, Konsten, Hanteeringen en Bedryven; met Versen, Amsterdam, gedaan door Johannes en Caspaares Luiken 1694
> https://books.google.ch/books?id=nYmzYGGErYYC&hl=de&source=gbs_navlinks_s

kommt das Buch heraus als :

Menschelyke beezigheeden. Bestaande in Regeering Konsten en Ambachten na orde van het A. B. C, in honderd figuuren, zinryk uitgebeeld in koper gëest en gefneeden. Met veerzen daartoe passende door A. J.; T’ Harlem By Amb. Schevenhuysen 1695.
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8562487w/f5.item

Die Buchstaben A.J.C. auf dem Titel meinen: Anthony Janssen van ter Goes (1626–1699). A.Janssen macht dann noch zwei Neuauflagen!

Zum Vergleich nochmals der Seiler der Brüder Luyken:

und die Platte des Raubdrucks:

Hier aus der British Library > http://tinyurl.com/yxzqsktx

Literatur: Nel Klaversma & Kiki Hannema, Jan en Casper Luyken te boek gesteld: Catalogus van de boekencollectie Van Eeghen in het Amsterdams Historisch Museum, Hilversum: Verloren 1999. – Nr. 739–742.

 

Sechstes Beispiel: Ovid-Illustration

»Metamorphosen«, 10.Buch, Verse 8ff.: Der Sänger Orpheus ereicht von den Unterweltsgöttern, dass er seine verstorbene Grattin Eurydice wieder ins Leben zurückholen kann; er darf sich aber beim Gang in die Oberwelt nicht zu ihr zurückwenden – was er aber aus Liebe trotzdem tut, so dass Eurydice wieder in die Unterwelt zurückgeholt wird. Von Eurydice heißt es (Vers 48f.): sie war bei den neuen Schatten. (Hinten lässt der Zeichner den dreiköpfigen Cerberus kläffen; das Motiv ist Vergil, »Georgica« IV 481ff. entnommen).)

Metamorphoseon sive transformationum Ovidianarum libri quindecim, aeneis formis ab Antonio Tempesta florentini incisi et in pictorum antiquistatisque studiosorum gratiam nunc primum exquisitissimis sumptibus a Petro de Iode Antverpiano in lucem editi Aº 1606.
Antonio Tempesta (*ca. 1555 – 1630 in Rom) war Maler, Zeichner und Radierer.

Das Bild wird kopiert im Emblembuch von Jean Baudoin: Jean Baudoin, Recveil D’Emblemes Divers: Avec Des Discovrs Moravx, Philosophiqves, Et Politiqves, Paris 1638, Band I.
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/baudoin1638bd1/0454
Signiert sind die Stiche hier mit Marie Briot fecit. Von A. Tempesta ist nicht die Rede.

Les Métamorphoses d’Ovide, traduites en François, avec des remarques et des explications historiques par M. l’Abbé Banier. Nouvelle édition revûe, corrigée, augmentée Paris 1738. (EA 1732) Band II, p. 112.

Der anonyme Stecher hat dem Orpheus statt der (nicht-antiken) Fidel eine Lyra in die Hand gegeben; immerhin eine inhaltliche Verbesserung.

Siebentes Beispiel:

Es gibt unüberschaubar viele Kopien der im 17.Jh. gedruckten Kupferstiche/Radierungen. Bei Originalen ist unten der Zeichner (inv., inven., invenit = hat entworfen, oder del., delin., delineavit = hat gezeichnet ) und der Stecher/Radierer (sculpsit = hat in Kupfer gestochen bzw. radiert) und oft auch der Drucker/Verleger (excudit, excudebat) angegeben.

Im Beispiel erkennt man gut die technische Vergröberung bei der Kopie:

Negligentiae et Scodordiae Typus (Über der Faulheit und Fahrlässigkeit fliegt Tempus mit der Sense.)
Martin de Vos (1532–1603) invent.Crispijn de Pass[e] (1564–1637) sculp. et excud.

Jakob de Zetter [auch Zettra, tätig zwischen 1609–1625] sagt im Titel explizit, dass er auserlesene kunst stuck kopiert:

Faullentzerey ruht auff dem beth:
Obschon das oberst vnden steth,
Fragt sie nicht nach; ihr schnöde rot
Komt durch wollust in schand vnd spott

New Kunstliche Weltbeschreibung das ist Hundert auserlesener kunst stuck, so von den Kunstreichsten Maistern dieser Zeit erfunden und gerisen worden, gegenwertigen Welt lauf und Sitten vor zu mahlen und uff besserung zu bringen, … Francofurti: Theodor de Bry 1614.
> http://diglib.hab.de/drucke/39-7-geom-2s/start.htm?image=00063

Achtes Beispiel: die »Physica Sacra«

Lange nach dem Tod Johann Jacob Scheuchzers (1733) druckt der Augsburger Verleger Johann Simon Negges (1726–1792) eine Bilderbibel mit 497 Bildtafeln, die meisten [wie viele?] übernommen aus der »Physica Sacra«. Die Texte lässt er weg und die Rahmen – in denen Scheuchzer seine naturwissenschaftlichen und antikenkundlichen Kenntnisse placiert hatte – gestaltet er neu rein ornamental. Er zitiert Scheuchzer mit keinem Wort.

Die Vorlagen:

Physica Sacra / Johannis Jacobi Scheuchzeri, Medicinae Doctoris, & Math. in Lyceo Tigurino Prof. ... Iconibvs Aeneis illustrata procurante & sumtus suppeditante Johanne Andrea Pfeffel, …, Augustae Vindelicorum & Ulmae: Pfeffel 1731–1735.

Kupfer-Bibel, in welcher die physica sacra, oder geheiligte Natur-Wissenschafft derer in Heil. Schrifft vorkommenden natürlichen Sachen, deutlich erklärt und bewährt von Joh. Jacob Scheuchzer ... : anbey zur Erläuterung und Zierde des Wercks in künstlichen Kupfer-Tafeln ausgegeben und verlegt durch Johann Andreas Pfeffel; Ulm: Wagner 1731–1735.

Die Nachahmung:

Kupfer-Bibel Historischer Vorstellungen, von ausgewählten Meistern in Kupfer gegraben, und von Herrn Johann Melchior Füßli in Zürich gezeichnet […], Augsburg: Johann Simon Negges [um 1760].
Digitalisiert (August 2019) nur Band 2 > http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11198764-2

Ein Beispiel: Scheuchzer verwendet die Bibelstelle des Opfers von Kain und Abel (Genesis 4,1–24) für das Thema der Erkenntnis von Emotionen aus der Physiognomie. Der Ackerbauer Kain opfert Gott Früchte, sein Bruder Abel, der Hirt, opfert Schafe, und Gott zieht dieses Opfer vor. Vers 5 heißt es: Da ergrimmte Kain und sein Angesicht verfiel ihm [in anderer Übersetzung:] sein Gebährde verstellete sich.

Scheuchzer zeigt im Inneren der Tafel XXXIII die Szene der beiden Opfernden und in der Umrandung sechs typische Physiognomien: 1 Traurigkeit – 2 Andacht oder Frömmigkeit – 3 Freude – 4 Verzweifflung – 5 Haß / Zorn – 6 Neid. (Für die Darstellung sind die Studien von Charles Le Brun Pate gestanden.)

Das ganze Blatt hier in neuem Fenster. – Neben Kain wird das Gesicht des Neidischen (6) gezeigt.

Druck 1731

Nachdruck

Anmerkung: Die Kopien sind sehr exakt gearbeitet. – I. Müsch vermutet (S. 166f.), dass die ursprünglichen Kupfer "nachgearbeitet" worden seien. Eine Übernahme ist aber wenigstens bei diesem Beispiel schwer denkbar, wo die in das Bild hineinragenden Rahmen neu gestaltet wurden, was im Tiefdruckverfahren kaum möglich ist. Auch sind unter der Lupe Unterschiede zu erkennen. – Ob Negges, ein Verwandter von Andreas Pfeffel, die Vorzeichnungen von Johann Melchior Füßli zur »Physica Sacra« zur Verfügung hatte, den er ja im Titel nennt?

Irmgard Müsch, Geheiligte Naturwissenschaft. Die Kupfer-Bibel des Johann Jakob Scheuchzer, (Rekonstruktion der Künste, Bd. 4), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000.

 

Neuntes Beispiel: Die »Encyclopédie«

1765 erscheint der letzte Text-Band in Paris; 1772 erscheinen die letzten der 11 Tafelbände, 1777 das Supplément. — Bereits 1770–1778 wird in der Druckerei von Marco Coltellini und Giuseppe Aubert in Livorno ein Raubdruck (une contrefaçon) hergestellt: 17 Textbände (1769–1775) und 11 Bildbände (1771–1778): Troisiéme édition enrichie de plusieurs notes dédiée à Son Altesse Royale monseigneur l'archiduc Pierre Leopold prince royal de Hongrie et de Boheme, archiduc d'Autriche, grand-duc de Toscane &c. &c. &c, A Livourne de l’imprimerie des éditeurs … Die Kupfertafeln (Planches) werden präzis nachgestochen.

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Exkurs: Kunst-Kopie

••• Berühmte Bilder wurden (seit der Entwicklung des Kupferstichs bzw. der Radierung) reproduziert und so zugänglich gemacht und popularisiert. (Gibt es dazu Forschungen?)

Tizian ließ ab 1566 nur noch Stiche unter seiner direkten Kontrolle anfertigen. Außerdem erwirkte er im gleichen Jahr bei der Signoria ein Monopol für den Vertrieb seiner Stiche, womit er verhindern konnte, dass minderwertige oder fehlerhafte Stiche seiner Werke verbreitet bzw. verkauft wurden und sein Ruf dadurch geschädigt würde. https://de.wikipedia.org/wiki/Tizian

• Giovanni Giacomo de Rossi (1627–1691) fertigte Kupfer-Blätter der Bilder von Raffael in den Loggien des Vatikans an:

Imagines Veteris Ac Novi Testamenti. A Raphaele Sanctio Vrbinate In Vaticani Palatii Xystis Mira Pictvrae Elegantia Expressae. Jo. Jacobi de Rubeis cura, ac sumptibus, delineatae, incisae, ac typis editae, Roma 1674.
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/raffaello1674

• Nicolas Dorigny († 1746) fertigte 1711–1719 auf Einladung von Queen Anne Kopien der Kartons an, die Raffael 1515/1516 als Vorlagen für die Tapisserien in der Sixtinischen Kapelle geschaffen hatte. Beispiel: Der wunderbare Fischzug (259 x 319 cm):

• Im »Magasin Pittoreseque« gibt immer wieder solche Reproduktionen. Hier aus einem Artikel Éditions incunables, in dem u.a. ein Holzschnitt aus der »Hypnerotomachia Poliphili« gezeigt wird:

Hypnerotomachia Poliphili, ubi humana omnia non nisi somnium esse docet …, Venedig: Aldus Manutius 1499.
> http://diglib.hab.de/inkunabeln/13-1-eth-2f/start.htm?image=00001

Magasin Pittoreseque 23 (1855), p. 88: Fac-simile d’une gravure du Songe de Polyphile.

• Im »Pestalozzikalender« (Schweizer Schüler-Kalender) gab es alljährlich eine Rubrik mit Reproduktionen, wenige davon farbig.

Konrad Witz, Der Wunderbare Fischzug, Petrusaltar in Genf (1444)
> http://www.zeno.org/nid/20004368258

Pestalozzikalender, 39. Jahrgang 1946 (8 x 9 cm).

• Reproduktionen wurden auch im akademischen Unterricht gebraucht. Hier Prof. Jacob Burckhardt mit einer Mappe voller Repros 1878 auf dem Weg zur Vorlesung > https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011647/2012-03-12/

 

••• Ferner ist darauf hinzuweisen, dass das ehrfürchtige Kopieren von Bildern berühmter Meister ein wichtiges Element in der Kunstausbildung war. Vgl. dazu den Aufsatz von Gert Schiff in du, 21. Jahrgang, Mai 1961, S. 41ff.

Hier ein Ausschnitt des Bilds von Kunst-Studentinnen und Studenten im Louvre von Winslow Homer, der sich 1867 in Paris aufhielt:

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Weitere Beispiele:

••• Das Meerschwein (Porcus marinus), das von 1537 bis 1578 abgebildet wird und dabei mehrfach das Medium wechselt. (Website der Schweizerischen Gesellschaft für Symbolforschung)

••• Der Kampf zwischen Nashorn und Elefant (Website der UZH)

••• Zählebige, persistente Bildtraditionen (Beispiele: Salamander; Lawinen; der Forstteufel)

•••

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Erkenntniswert

Was erhellt aus der Untersuchung solcher Bildreihen?

➔ Man ersieht die – oft unzimperliche – Vorgehensweise von älteren Verlegern. (Heinrich Steiner und Sigmund Feyerabend waren die prominenten Beispiele).

➔ Bei Bildern in frühen Drucken handelt es sich nicht zwingend um mimetische Abbildungen (wie etwa bei einer Stadtvedute), sondern oft um eine Art Pictogramm (Beispiel: die Schlacht, das Erdbeben, das hohe Gebäude).

➔ Man erkennt die missliche Lage früherer Wissenschaftler, die ihre Werke illustrieren wollten, aber nicht immer Bilder nach eigener Anschauung zeichnen konnten und deshalb auf Vorlagen zurückgreifen mussten. (Das prominenteste Beispiel ist die deutsche Plinius-Ausgabe 1565, wo Bilder aus Bibeln und der antiken Mythologie und anderswoher übernommen wurden.).

➔ In früheren Zeiten hatte man offenbar für Zuordnungen zu literarischen oder ikonographischen Gattungen ein schwach ausgeprägtes Bewusstsein: Texte und Bilder wurden per ›copy paste‹ gelegentlich auch von einem Werk einer bestimmten Gattung in ein Werk überführt, das wir heutzutage einer anderen Gattung zuordnen würden. Dabei ändert sich die Aussage, die Pointe des Bilds; es illustriert im neuen Kontext etwas anderes: Thema ist z.B. nicht mehr der Stolz der Frau, die sich im Spiegel betrachtet, sondern der Spiegel, der einmal erfunden worden ist.

(Die Migration von Flugblättern und Ovid- und Aesop-Illustrationen in zoologische Werke sowie die Illustration des sachkundlichen Beitrags über die Simonisten mit dem Bild aus einem Roman waren die prominenten Beispiele).

➔ Anhand von Bild-Übernahmen lässt sich ein stilistischer Wandel erfassen. Der Stilwandel kann so weit gehen, dass die ursprünglich intendierte Aussage verwischt wird. (Beispiel war das Emblembuch von Steinkopf 1855).

➔ ....

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Literaturhinweise

Alfred W. Pollard (1859–1944), Old Picture Books. With other Essays on Bookish Subjects, Methuen 1902; darin: The Transference of Woodcuts in the 15th and 16th Centuries (1896).

Arnold Esch, Spolien. Zur Wiederverwendung antiker Baustücke und Skulpturen im mittelalterlichen Italien. In: Archiv für Kulturgeschichte Bd. 51 (1969) S. 1-64.

»Meister borgen bei Meistern«, Kulturelle Monatsschrift du, 21. Jahrgang, Mai 1961 [Beiträge verschiedener Autoren; vgl. hier > http://doi.org/10.5169/seals-293812]

Bernd Schneider, ›Virgilius pictus‹. Sebastian Brants illustrierte Vergilausgabe von 1502 und ihre Nachwirkung. Ein Beitrag zur Vergilrezeption im deutschen Humanismus, in: Wolfenbütteler Beiträge Bd. 6 (1983) S. 202–262.

Arnold Esch, Wiederverwendung von Antike im Mittelalter. Die Sicht des Archäologen und die Sicht des Historikers. Berlin 2005 (60 Seiten).

Matthias Oberli, Schlachtenbilder und Bilderschlachten. Kriegsillustrationen in den ersten gedruckten Chroniken der Schweiz, in: Anfänge der Buchillustration = Kunst + Architektur in der Schweiz […], Jahrgang 57 (2006), 45–53. Digitalisiert von e-periodica > http://doi.org/10.5169/seals-394330

Jörg Jochen Berns, Künstliche Akzeleration und Akzeleration der Künste in der Frühen Neuzeit (zuerst 1997), in ders.: Die Jagd auf die Nymphe Echo. Zur Technisierung der Wahrnehmung in der Frühen Neuzeit, Bremen: Edition Lumière, 2011, S. 111–135.

Reproduktion. Techniken und Ideen von der Antike bis heute. Eine Einführung. Hg. von Jörg Probst. Berlin: Reimer 2011.

Nikolaus Henkel, Das Bild als Wissenssumme. Die Holzschnitte in Sebastian Brants Vergil-Ausgabe, Straßburg 1502; in: Stephen Mossman [et al., Hgg.], Schreiben und Lesen in der Stadt. Literaturbetrieb im spätmittelalterlichen Strassburg, Berlin: De Gruyter 2012, S. 379–409.

Ariane Mensger (Hg.) Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube, Bielefeld: Kerber 2012 (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe 2012 mit 12 wiss. Aufsätzen und einem Katalog von 100 Werken)

Paul Michel, Habent sua fata picturæ. Rezyklierte Bilder in Büchern des 16.Jahrhunderts, in: LIBRARIVM, Zeitschrift der schweizerischen bibliophilen Gesellschaft 2019, Heft I, S. 26–39.

[anonym] Zusammenstellung von Holzschnitten von Jost Amman in Originalen und Kopien
> https://www.ochsenhausen.net/digital/bibliothek/PARS-AESTIVALIS-POSTILLAE-DE-TEMPORE.php

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Erste Fassung online gestellt von P.Michel, Mai 2016; letzte Ergänzungen im Oktober 2019.

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