Wandernde Bilder

     
 


Von Buch zu Buch wandernde Bilder

Vom Ende des 15. Jahrhunderts an kamen viele bebilderte Bücher auf den Markt. Nur sehr renommierte Verleger schafften es, sie einheitlich und in hoher künstlerischer Qualität auszustatten. Als herausragende Beispiele wären etwa zu nennen: Schedels Weltchonik (1493); Marquard vom Stein, Ritter vom Turn (1493); das Narrenschiff (1494); Sebastian Brants Straßburger Vergil-Ausgabe (1502); die Mainzer Livius-Ausgabe (1505); Dürers Marienleben (1511); der Theuwerdanck (1517); das Septembertestament mit den Bildern von Lucas Cranach (1522); Petrarcas Glücksbuch (1532); Agricolas Bergwerk-Buch (1556); die Livius-Ausgabe mit den Bildern von Tobias Stimmer (1570); die Icones Biblicae mit den Stichen von Matthäus Merian (1625); der von Virgil Solis illustrierte Aesop (1566).

Die Nachfrage an Bildmaterial überstieg das Angebot offensichtlich bald. Die Verleger mussten gelegentlich auf Bilder zurückgreifen, die aus einem bereits bestehenden Werk stammten. Manchmal gelang dies unanstößig, wenn das Bild eine so allgemeine Aussage machte, dass es auch in einem anderen Kontext verwendet werden konnte. Oft aber gingen sie (nach unserem Empfinden) recht unzimperlich vor und montierten Bilder in Kontexte, wo sie keine rechte Aussage mehr leisteten, sondern nur noch eye catcher waren. (Wir kennen den Trick aus unserer Tagespresse.)

Anmerkung: Aby Warburg soll den Begriff »Bilderwanderung« geprägt haben. Auf dieser Webseite hier geht es nicht um die Übernahme mentaler Konzepte wie in dessen »Mnemosyne«-Atlas, auch nicht um ikonographische Traditionen, sondern vor allem um Kopien und sogar materielle Übernahmen von Buch zu Buch.

Typen von Übernahmen:

• Mehrfache Verwendung eines stilisierten (und so auf vieles passenden) Bildes innerhalb desselben Buchs

• Dasselbe Bild in einer Neuauflage mit Änderungen

• Zitat (vgl. Gessner , Scheuchzer, allenfalls Sebastian Brant )

• Bild (oder derselbe Druckstock) in ein inhaltlich anderes Buch übernommen, wo es hinsichtlich der Aussage einigermaßen hinpasst.

• Bild (do.) verpflanzt in ein inhaltlich anderes Buch, wo es nicht in den Kontext passt

• Raubdruck, Plagiat

• Verbesserung bzw. Missverständnis

Probleme bei der Erforschung:

• Rein technisch: Um Bild-Migrationen zu verfolgen, braucht man (a) Kenntnisse vieler Bücher und (b) ein gutes Bildgedächtnis. Es wird aber (c) eine Zeit kommen, die dem Forscher das Handwerk vereinfacht, wenn nämlich die Bild-Erkennungs-Software* auch auf Digitalisate von Bibliotheken zugreifen kann, die heutzutage noch im ›deep web‹ schlummern. Derzeit (2016) sind damit nur Zufallsfunde möglich.

*Bildersuche mit http://images.google.com

*Reverse image search engine von http://www.tineye.com

• Inhaltlich: Wenn man mehr als triviale ›Wanderungen‹ von Bildern untersuchen wollte, so müsste man genauer unterscheiden zwischen

Übernahme — Plagiat — Anregung — Variation — Reaktualisierung eines Topos — Zitat — Parodie — abgesehen von so diffizile Fragen der Art, wie die »Erbmasse phobischer Engramme einzuverseelen« sei (Aby Warburg 1929).

Die literarische Intertextualitätsforschung hat hier Differenzierungen vorgenommen.

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Übersicht

Vorgehensweise von Verlegern im 16. Jahrhundert

Heinrich Steiner (auch Steyner, Stainer, Stayner) ließ sich 1522 in Augsburg nieder und verlegte hier 82 bebilderte Drucke, bis er 1548 bankrott ging und im selben Jahr verstarb. Zielpublikum war offensichtlich die humanistisch angehauchte Oberschicht von Bürgern, die auf Übersetzungen angewiesen war und dem gediegenen Buchschmuck zugeneigt.

Irgendwann übernahm er die Drucktypen und Druckstöcke aus der Konkursmasse der Druckerei Grimm und Wirsung, und damit die seit 1521 bereitliegenden, aber nie gedruckten Holzschnitte eines (bis heut unbekannten) Meisters, die für die Übersetzungen von Ciceros »de officiis« (1531 erschienen) und von Petrarcas Trostbuch (1532 erschienen) bestimmt waren. Diese Bilder hat Steiner dann für weitere Bücher wiederverwendet. Ausserdem hat er Druckstöcke weiterer Bücher benutzt.

Nach seinem Konkurs erwarb der Frankfurter Drucker Christian Egenolff (1502–1555) das Material und verwendete es weiter.

Literaturhinweis:
Hans-Jörg Künast, ›Getruckt zu Augspurg‹. Buchdruck und Buchhandel in Augsburg zwischen 1468 und 1555, Tübingen: Niemeyer 1997.

Der Frankfurter Verleger Sigmund Feyerabend (1528–1590), ein ausgebildeter Formschneider, war ein Ikonomane. Er konnte wohl auf einen Fundus von Druckstöcken zurückgreifen, die er aus in Konkurs gegangenen Druckereien erworben hatte, und illustrierte damit ziemlich wahllos seine Erzeugnisse. > https://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Feyerabend (enthält eine Liste von Drucken aus seinem Verlag 1556 bis 1577); Portrait von Feyerabend (digitaler Portraitindex).

Zu nennen wäre auch die Basler Verleger- / Drucker-Dynastie Petri (vgl. http://www.altbasel.ch/dossier/henric_petri.html):
Adam Petri (1454–1527)
Heinrich Petri (1508–1579; Sohn von Adam Petri)
Sebastian Henricpetri (1546–1627)
mit Bildmontagen auch aus verlagsfremden Werken in folgenden illustrierten Büchern:
• Cosmographia des Sebastian Münster (Stiefvater von Heinrich Petri) in mehreren Auflagen seit 1544 • Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung, übers. J.Herold 1554
• Lycosthenes, Prodigiorum chronicon = Wunderwerck 1557

Gelegentlich sind die Verleger auch sehr ruppig mit den Bildern umgegangen.

Praxis von naturwiss. Forschern im 16. / 17. / frühen 18. Jahrhundert

Conrad Gessner (1516–1565) hat für seine zoologischen und (infolge seines frühen Todes nicht erschienenen) botanischen Werke viele Zeichnungen selbst angefertigt; das haben die Funde und Forschungen von Florike Egmond und Sachiko Kusukawa neuerdings bestätigt. Dennoch musste er – obwohl er das bestimmt nicht mochte – viele Bilder aus fremden Quellen beiziehen. Walfische entnimmt er Olaus Magnus; das Nashorn stammt von Dürer; der Octopus kommt aus G.Rondelets Fischbuch. und

Die 750 je aus verschiedenen Motiven zusammengesetzten Bilder seiner Enzyklopädie »Physica Sacra« konnte Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733) unmöglich alle aus eigener Anschauung beibringen; er zitiert laufend Bilder aus einem riesigen Fundus von Quellen.

Buntschriftstellerei im 17. Jahrhundert

Eberhard Werner Happel (1647–1690) beschloss 1680, sich als hauptberuflicher Literat durchzubringen – etwas für die damalige Zeit völlig Ungewöhnliches. Er ist mithin einer der frühesten Journalisten. Unter anderem gibt er die »Grösten Denckwürdigkeiten der Welt (Relationes Curiosae)« heraus, das ist ein der Unterhaltung dienendes buntes Wochenblatt, das er seit 1683 in dem dafür spezialisierten Verlag Wiering publiziert. Darin rezykliert er Reiseberichte, wissenschaftliche Werke, historische Quellen usw., das er in der ›Gemeinen Bibliothek‹ in Hamburg zusammentrug. Stark vereinfachtes Wissen second hand.

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Mehrfache Verwendung eines Bildes innerhalb desselben Buchs

Dafür, dass komplizierte Holzschnitte von Schlachten mit ineinander verkeilten Lanzen innerhalb desselben Buches rezykliert werden (Beispiel Stumpf-Chronik Zürich 1547), können wir Verständnis aufbringen; hier geht es einfach darum, zu zeigen: Damals fand eine Schlacht statt. Für unser modernes Empfinden ist es aber zunächst seltsam, dass auch ›Portraits‹ von verschiedenen Persönlichkeiten mit denselben Bildern visualisiert werden. Es geht wohl um etwas anderes als das Portrait.

Erstes Beispiel:

Verschiedene Kaiser in der Schedelschen Weltchronik 1493 (am bequemsten digital erreichbar hier > https://de.wikisource.org/wiki/Schedel'sche_Weltchronik). Die 596 Bildnisse der Schedelschen Weltchronik sind von nur 72 Druckstöcken gedruckt.

Justinian — Karl der Große — Lothar II. — Heinrich VI. — Karl IV.

       

Die Individualität einer Person ist offensichtlich nicht gebunden an ihre bildliche Repräsentation – wie auch damals? Das Bild steht als Chiffre für ›Kaiser‹. Wenn Individuelles visualisiert werden soll, dann zeigt man das Monogramm des Regenten. Noch in Sebastian Münsters »Cosmographey« Basel 1588 (Seite ccccxiiij) wird Karl der Große mit seiner ›Unterschrift‹ charakterisiert:

Zweites Beispiel:

Schlachtenbilder werden oft mehrfach im selben Buch verwendet. Vgl. hierzu besonders den Aufsatz von Matthias Oberli, Schlachtenbilder und Bilderschlachten. Kriegsillustrationen in den ersten gedruckten Chroniken der Schweiz, in: Anfänge der Buchillustration = Kunst + Architektur in der Schweiz […], Jahrgang 57 (2006), 45–53.

Der Illustrator der ersten deutschen Livius-Übersetzung (1505) kennt immerhin ein Mittel, verschiedene Schlachten zu unterscheiden: Er hat im Druckstock die Fahnen so ausgeschnitten, dass er verschiedene vexillologische Motive einfügen konnte. Man beachte die Fahne in der oberen linken Ecke.

Romische Historie / Uß Tito Livio gezogen. Mentz: Schoffer, 6. März 1505. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00004902/image_1

Oben Fol. CXXXXVI verso (Pferd als gemeine Figur im Wappen von Karthago)

Unten Fol. CLXXXI verso (der Adler – Aquila ist das Feldzeichen der Römer)

Drittes Beispiel:

Teilbilder in verschiedenen Kombinationen 1501.

1501 erscheint eine illustrierte Ausgabe von Boethius’ »Consolatio« mit Kommentaren, die teils interlinear, mehrheitlich in kleinerer Schrift in der Randspalte angebracht sind. Das Buch ist ausgestattet mit Holzschnitten, die ein unbekannt gebliebener Straßburger Meister schuf.

Boetius de Philosophico consolatu siue de consolatione philosophiae cum figuris ornatissimis nouiter expolitus, Argentinae: Grüninger 1501.

Abgesehen von fünf den Satzspiegel von links bis rechts füllenden Bildern sind die meisten so breit wie die mittlere Textspalte, oder schmaler. Um nun dort, wo der Kommentar den Raum nicht einnimmt, die Bildfläche in den Satzspiegel (bzw. das Raster von Primärtext und Kommentarspalten) einzubinden, fügt der Layouter auf derselben Höhe kleinere Bilder hinzu, damit kein Weißraum entsteht. Dabei verwendet er denselben Druckstock wiederholt.

Beispiel (Fol. X recto):

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00005001/image_43
> http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/boethius1501/0031

Der Text dazu (Liber I, metrum 4) lautet:

Quisquis composito serenus aeuo
fatum sub pedibus egit superbum
fortunamque tuens utramque rectus
inuictum potuit tenere uultum,
non illum miniaeque ponti
uersum funditus exagitantis aestum
nec ruptis quotiens uagus caminis
torquet fumificos Vesaeuus ignes
aut celsas soliti ferire turres
ardentis uia fulminis mouebit.

Wer das wechselnde Glück mit festem Blick betrachtet, den wird nicht Raserei und Drohen des Meeres, wenn es bis auf den Grund die Wasser aufrührt, nicht der unstete Berg Vesuv, wenn er rauchend aus dem klaffenden Schlund Gluten ausstößt […] schrecken. Darauf fragt die Philosophie: »Sentisne haec atque animo illabuntur tuo?« — »Empfindest du das und dringt es in deinen Geist?« (Übersetzung Ernst Neitzke)

Die kleineren oft verwendeten ornamentalen Füllsel links (Riegelhaus) und rechts (ein an einer Säule angeketteter Affe) haben genau die Breite der Randspalte, in der die Kommentartexte stehen. Das zum Text passende Hauptbild (links der Mitte) zeigt das tobende Meer und den Flammen speienden Vulkan. Rechts daneben Boethius und die Philosophie, die diese Naturerscheinungen betrachten; die Schraffierung des landschaftlichen Hintergrunds ist so geschnitten, dass der Übergang zwischen den Bildern einigermaßen stimmt. Vom Bild von Boethius und der Philosophie gibt es mehrere Varianten. Das Bild auf Fol. Xr ist wiederholt auf Fol. XXVIIr – XLr – LVr – LVIIr – LXIIIv – LXXXIIv – CVIIr.

Viertes Beispiel:

Teilbilder in verschiedenen Kombinationen 1505.

Dasselbe Verfahren verwendet Schöffer für seine Livius-Ausgabe 1505 – und nach ihm findet es Verwendung in den Ausgaben von Grüninger 1507 und Schöffer 1533; mehr dazu hier.

Romische Historie / Uß Tito Livio gezogen. Mentz: Schoffer, 6. März 1505. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00004902/image_1

Ein im Text oft wiederkehrendes Motiv ist die Gerichts- / Verhandlungs- / Beratungsszene. Erzählmuster: Jemand begeht eine Übeltat – er wird vor einem Gremium verhört – dann ins Gefängnis geführt oder hingerichtet, oder auch freigesprochen. Für diese Szene verwendet der Drucker Bilder, die er mit den anderen Szenen kombiniert. Die Holzschnitte sind so eingerichtet, dass an der Seite, wo die beiden kombiniert werden, sich eine Säule befindet. Auf diese Weise wird der Trick kaschiert. (Für die Verhandlungs-Szene gibt es verschiedene Bilder; wir konzentrieren uns auf eines.)

Wir zeigen hier drei Fälle mit derselben Verhandlungs-Szene. Dieser Druckstock wird elfmal verwendet und mit verschiedenen (z.T. auch denselben) Szenen kombiniert: Fol. VIII verso – XXII recto – XLIII v – XXXVII v – XLV v – LXXI r – LXXVI r – CLX Ir – CLIX r – CCLVII r – CCCLXVI r.

Fol. VIII verso: Wie Horatius der dryt syn swester zu todt schluge in grossem tzorn/ vnnd dar umb für gericht gestalt vnnd doch absoluiert ward. – Die Geschichte schildert Livius, »ab urbe condita« I, xxvi, 2ff. (Hintergrund: Kämpfe der Curatier gegen die Horatier): Horatius ersticht seine mit einem Curatier verlobte Schwester, die den Tod ihres Bräutigams beklagt (rechte Bildhälfte). Der schecklichen Tat steht das Verdienst des Horatius im Kampf gegen die Curatier gegenüber. Im Dilemma über eine Strafe ernennt der König einen Rat, vor dem der Vater um Gnade für seinen Sohn bittet (linke Bildhälfte). – Die Fortsetzung der Geschichte – der Freispruch – wird nicht visualisiert.

Fol XXXVII verso: Wie Spurius cassius zum drytten mal burgermeister erwelt vmb das er die gmeynd zuo Rome an sich zohe mit liebnuß vnnd teylung der ecker in gemeyn/ vnnd dadurch gedacht ein einiger her vnd obrister zuo werden/ vor eynem Ratt beclagt verurteilt zum tode/ vnd zuo letst von eynem felßhen geworffen ward. – Livius berichtet »ab urbe condita« II, xli, 10, dass man Spurius Cassius vorwarf, er habe mittels neuer Ackergesetze die Alleinherrschaft an sich ziehen wollen; auf Hochverrat angeklagt verteidigt er sich (linkes Bild). Dass er vom Tarpejischen Felsen gestürzt wurde (rechtes Bild), steht beim Geschichtsschreiber Dionysios von Halikarnassos, »Antiquitates Romanae« VIII 69–80. (Der Übersetzer Bernhard Schöfferlin hat für seinen ›Livius‹ verschiedene Quellen kompiliert, vgl. hier.)

Fol. LXXII recto: Wie Titus Manlius der houptman vnnd Burgermeister zuo Rome synen eygen sone/ vmb das er wider syn gebott vnd on erloubung synen fynd überwandt verurteilt vnnd enthoupt ward. – Die Geschichte erzählt Livius, »ab urbe condita« VIII, vii, bes. 16ff.: Der Kriegsrat hat im Krieg gegen die Latiner entschieden, dass das römische Heer die Feinde schonen soll. Manlius jun. soll ein Lager erkunden und wird in einen Kampf verstrickt, in dem er Latiner erschlägt. Er prahlt damit vor seinem Vater Manlius Torquatus (linkes Bild?); aber der Vater lässt – weil er gegen die Verordnung verstoßen hat– seinen Sohn enthaupten (rechtes Bild, das nicht genau passt; die Geisselung und Enthauptung mehrerer Personen passt besser zur Geschichte von Indibilis und Mandonius – Fol. CLXIr).

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Inhaltliche Veränderung bei der Übernahme in eine Neuauflage

Für Veränderungen in Neuauflagen gibt es den trivialen Grund, dass der Druckstock / die Kupferplatte nicht mehr erreichbar war. Unterschiede in der graphischen Neufassung können verschiedene Gründe haben: mangelndes Können – Korrektur – Missverständnis – modischer Einfluss – …

Erstes Beispiel:

In seinem Buch »De remediis utriusque Fortunae« (Von den Heilmitteln der beiden Arten von Glück) lässt Petrarca (1304–1374) im ersten Teli die Personifikationen Fortuna, Gaudium und Spes auftreten, die allerlei Arten des Glücks preisen, wonach Ratio jeweils mahnt, diese Glücksgüter seien letzten Endes eitel; im zweiten Teil grämen sich Dolor und Metus über allerhand Arten von Drangsalen und werden von Ratio getröstet. Was den Menschen erfreut, erweist sich als nichtig, und wovor er sich fürchtet, erweist sich bei genauerem Zusehen als Segnung. – Zur Organisation des Buchs vgl. hier den Artikel von R.Stutz.

Nach langen Vorarbeiten und Verzögerungen wird 1532 die deutsche Übersetzung gedruckt: Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII. [Faksimile, hg. und kommentiert von Manfred Lemmer, Leipzig 1984]

Im ersten Teil, Kapitel 100 jubelt die Freude: Jch hab einen schatz gesamlet zum kriegen. Dagegen wendet die Vernunft ein: Ein böses ding zuo noch bösserm gepraucht/ wye vil besser were es/ dir vnd andern nutzlicher/ denselben zuo geprauch deyner freünd vnd vatterland gesammelt haben/ vnd am maisten der notturftigen/ das were als dann ein warer schatz/ vnd ein belonung hymlischen schatzs/ yetzt ist es ein lon der helle. Aber die Freude bleibt unbelehrbar. (Übersetzung der Ausgabe 1532)

Das Bild der Erstausgabe (1532) zeigt einen Mann, mit einer Narrenkappe, der an einem Tisch vor einem Haufen Geld sitzt und mit der rechten Hand in einem Sack voll Münzen wühlt; neben ihm stehend ein Mann mit einer Schreibfeder und ein weiterer mit einer Liste; vor dem Tisch stehen zahlreiche Landsknechte, die von dem Reichen ausbezahlt werden.

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084729/image_1

Das Bild ist wohl inspiriert von Sebastian Brant, »Narrenschiff« (1494), Kapitel 3 Von gytikeit [Habsucht]

Der ist eyn narr der samlet guot
Vnd hat dar by keyn fryd noch muot

und Kapitel 83: von verachtung armut

Gelt narren sint ouch über al
So vil das man nit findt jr zal
Die lieber haben geltt dann ere

In beiden Kapiteln dasselbe Bild:

> http://www.zeno.org/Literatur/M/Brant,+Sebastian/Satire/Das+Narrenschiff

Ein Narr mit der typischen Kappe sitzt an einem mit Geld und Wertgegenständen bedeckten Tisch, zwei Männer treten in den Raum, der eine lüpft den Hut und sagt (Schriftzug über der Figur wie später in den Sprechblasen): gnad her (›Mit Verlaub, Herr!‹; gemeint ist eine Bitte um Unterstützung). – Habsucht und Verachtung der Armut werden als Narrheit beurteilt. Narrheit ist indessen bei Brant keineswegs ein harmloser Defekt, sondern eine Ausprägung von Gottlosigkeit; vgl. Barbara Könneker (1966).

Bereits in der Ausgabe des Glücksbuchs Augsburg: Heynrich Steyner 1539 ist im Druckstock die Narrenkappe weggeschnitten. Das ist technisch sehr geschickt ausgeführt; es ist nicht erkennbar, dass der Mann einmal eine Narrenkappe trug. (Bloß die Schelle auf der rechten Schulter ist stehengeblieben.)

> http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10140589.html

Hier wiedergegeben das Bild aus: Trostspiegel in Glück vnd Vnglück. Francisci Petrarche, des Hochberümpten, Fürtrefflichen, vn[d] hochweisen Poeten vnd Oratorn, zwey Trostbücher, Von Artznei vnd Rath, beydes in gutem vnd widerwertigem Glück ... ; Allen Haußuättern, vnd Regimentspersonen ... sehr nützlich vnd tröstlich zuwissen. Jetzund von newem widerumb zugericht vnd in Truck verfertiget, Franckfort am Meyn: Egenolff 1572.

Weshalb diese Veränderung? Offenbar haben die späteren Herausgeber den Text Petrarcas beim Wort genommen. Dieser sagt nicht, Reichtümer anzuhäufen und damit Kriege zu finanzieren, sei bloß närrisch. Sondern es werden harte Ausdrücke verwendet: Rem malam in usus pessimos! – pretium est inferni – pestiferum (Petrarca im Original) Ein böses ding – ist böß (Übersetzung 1532) zu bösem brauch – Gelt gibt zum bösen vrsach vil – so ists böse (Übersetzung 1539).

Zweites Beispiel:

1579 erscheint die erste Auflage von Laurentius van Goidtsenhoven (Laurentius Haechtanus, 1527–1603), »Mikrokosmos. Parvus Mundus« mit Kupferstichen von Gerard de Jode (1509–1591) in seinem Verlag in Antwerpen. Das Buch wurde mehrmals neu aufgelegt; für die deutschen Ausgaben (1618 und später) wurden die Stiche von Jacob de Zetter (?–1616?) (wie üblich seitenverkehrt) nachgestochen. Diese sind etwas gröber herausgekommen, was hier nicht interessiert. Betrachten wir Nr. 41: Sphinx.

(Die Sphinx gibt bekanntlich folgendes Rätsel auf: Welches Wesen geht morgens auf vier Füßen, mittags auf zweien und abends auf dreien? Es ist der Mensch, der als Kleinkind auf allen vieren krabbelt, als Mann gerüstet marschiert und als Greis am Stock geht. Im Hintergrund sichtbar.)

1579

1618

In der ursprünglichen Fassung (> https://www.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/mikro/seite46.html) ist Sphinx als männliches Wesen dargestellt. Der Kopist hat offensichtlich den lateinischen Text genau gelesen, wo die Sphinx weiblich ist: Callida Sphinx … facies indicat esse deam

Drittes Beispiel:

Das »Narrenschiff« von Sebastian Brant (Erstausgabe Basel: Bergmann von Olpe 1494) erfuhr bald Neuausgaben.

• Die lateinische Übersetzung: Stultifera Nauis Narragonice profectionis nunquam satis laudata Nauis: per Sebastianum Brant: vernaculo vulgarique sermone et rhythmo ... nuper fabricata: Atque iampridem per Iacobum Locher ... in latinum traducta ..., Basel: Bergman de Olpe 1497 > http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/inc-ii-219 — Hier werden bis auf wenige Ausnahmen die Bilder der 1494er-Ausgabe übernommen. – Literaturhinweis: Nina Hartl, Die »Stultifera navis«: Jakob Lochers Übertragung von Brants »Narrenschiff«, Teiledition und Übersetzung. Münster u.a.: Waxmann 2001.

Neu geschnittene Bilder haben:

• Das nüv schiff vn Narragonia, Straßburg: Johann Grüninger 1494. > http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/brant1494

• Stultifera nauis Narragonie profectionis nunquam satis laudata, ed. Jakob Locher, Augsburg: Schönsperger 1497. > http://diglib.hab.de/inkunabeln/548-quod-2/start.htm?image=00042

• Dat narren schyp, Lübeck 1497 (hg. von Timothy Sodmann, Bremen: Schünemann 1980)

• Interessant ist die revidierte Neuausgabe Basel 1574. Die Holzschnitte in kleinerem Format stammen von Tobias Stimmer (1539–1584), der Text wurde sprachlich dem neuen Stand angepasst und jedem Kapitel wurden aus Geiler von Kaysersberg übernommene moralische Ausführungen angehängt.

Herausgegriffen sei das Kapitel »Nit volgen gutem ratt.« / »Der VIII Narr.« Das Bild basiert auf den Versen:

Vil sint von worten wyse vnd kluog
Die ziehen doch den narren pfluog.

Das Wort pfluog ist doppeldeutig: (a) das Ackerwerkzeug; (b) ›Lebensweise‹ (etymologisch zu pflegen = etwas besorgen, umgehen mit; vgl. den Kommentar von Zarncke zur Stelle). Bildlich kann natürlich nur (a) realisiert werden.

Beachtenswert ist, dass in der ursprüglichen Ausgabe (Basel 1494) sowie in beiden Nachschnitten 1497 der den Pflug ziehende Narr sich nach hinten umwendet. Hier schwingt die Stelle aus dem Lukas-Evangelium 9,62 mit: Wär sind hand an den pfluog legt/ vnd sicht zuo ruck/ der ist nit geschickt zuo dem reych Gottes. (Übersetzung der Zürcher Bibel 1531) – Die Stelle wird im Kap. 82 (mit demselben Bild) explizit erwähnt.

Ausgabe Basel 1494; Digitalisat der BSB > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00036978/image_28; vgl. https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_n008.html

Der Holzschnitt von Tobias Stimmer 1574 zeigt diese Gebärde nicht: der Narr zieht munter den Pflug vorwärts. S.Brant (1457–1521) stand damals nicht mehr mit einem Ratschlag neben dem Zeichner.

Welt Spiegel/ oder Narren Schiff darinn aller Ständt schandt vnd laster/ vppiges leben/ grobe Narrechte sitten/ vnd der Weltlauff/ gleich als in einem Spiegel gesehen vnd gestrafft werden: alles auff Sebastian Brands Reimen gerichtet; […] erstmals im Truck außgangen/ Durch/ Nicolaum Höniger von Tauber Königshoffen, Basel: Heinricpetri 1574.

Viertes Beispiel:

Die Bilder zur Geschichte des Kampfs von Atilius Regulus mit dem Drachen in ›Livius‹-Drucken von 1505 bis 1637 > hier

Fünftes Beispiel:

Die »Vier Bücher vom Wahren Christentumb« von Johann Arndt (1605/09, 1612 zu 6 Büchern erweitert; die Embleme zuerst in der Ausgabe Riga 1678/79) haben viele Neuauflagen erfahren. – Vgl. hierzu: Dietmar Peil, Zur Illustrationsgeschichte von Johann Arndts ›Vom wahren Christentum‹. Mit einer Bibliographie. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Vol. 18 (1977), S. 963–1066 > https://epub.ub.uni-muenchen.de/5112/index.html

Hier als Beispiel die Mondfinsternis (2. Buch, 52, Kapitel; Emblem Nr. 35). Zugehöriger Text: Hier ist uns abgebildet eine Monden-Finsterniß, welche allein im vollen Licht geschicht. Denn nicht ehe kan natürlicher Weise eine Monden-Finsterniß werden, es habe denn der Mond sein volles Licht. Damit wird uns angedeutet, daß öfters, wenn ein Christ sehr hoch erleuchtet ist, durch schwere Anfechtung, da ihm Gott seine Gnade und Trost entzeucht, eine sehr grosse Finsterniß in seiner Seele leiden müsse […].

Des hoch-erleuchteten Theologi, Herrn Johann Arndts, ... Samtliche Sechs Geistreiche Bücher Vom Wahren Christenthum […] Neue Auflag mit Kupferen, Samt Richtigen Anmerckungen, kräfftigen Gebätteren über alle Capitel, und einem sechsfachen Register, Zürich, in Bürcklischer Truckerey getruckt 1746. (Repräsentiert die ältere Tradition.)

Im Druck des 19.Jhs. (der nur noch die Embleme und Erklärungen enthält) sind die emblematisch gedeuteten Gegenstände, die in den älteren Auflagen graphisch freigestellt waren, naturalistisch kontextualisiert, was der damaligen Mode entsprach: Das Fernrohr wird mit einem durch es schauenden Betrachter abgebildet; das Sieb mit einem Korn siebenden Bauern usw. Die Mondfinsternis findet in einer Landschaft statt (die von der eigentlichen Aussage eher ablenkt):

Erbauliche Sinnbilder. 56 Bilder mit Reimdeutungen und Bibelsprüchen entnommen den alten Ausgaben von Johann Arndt’s wahrem Christenthum. Neu gezeichnet von J. Schnorr, Stuttgart: Steinkopf 1855 > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10269352_00007.html

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Verschiebung in eine Publikation, wo das Bild passt

Die Übersetzung von Ciceros »De officiis« (zuerst 1531) und Petrarcas Glücksbuch (zuerst 1532) mit denselben Holzschnitten des Petrarcameisters wurden mehrfach aufgelegt; das letztere in 10 Auflagen bis 1620.

Das Bild (Musper Nr. 309) steht sowohl in Officia M. T. C. Ein Buch So Marcus Tullius Cicero der Römer zu seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zugehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen […], Augspurg: Steyner 1531 (fol. XXI verso: Wer strafft auß zoren/ vnuerschuldt / Wirt selten lang/ on rach gedult.) als auch in Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück/ des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII (2. Buch, Kap. 131 = fol. CLXII recto: Von einem schendtlichen vnd vnehrlichen Tod). — Die Tatsache, dass über ein Dutzend Bilder in beiden thematisch verschiedenen Büchern innerhalb eines Jahres erscheinen, wäre ein eigene Studie wert.

Es wundert nicht, dass so ein Bild in einem einschlägigen Kontext abgekupfert (oder besser: ›abgeholzt‹) wurde; seitenverkehrt wie bei Kopien üblich, und mit kleineren Änderungen.

Johannes Stumpff bringt ein daran inspiriertes Bild in seiner Chronik I,94recto zum Bauernkrieg 1525 und I,141recto zur Christenverfolgung unter Nero (!):

Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […] Zürich bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII.

In der Carolina darf das Bild nicht fehlen:

Peinlich Halßgericht. Des Aller durchleuchtigsten Großmächtig sten/ vnüberwindlichsten Keyser Carols des Fünfften/ vnd des Heyligen Römischen Reichs peinlich Gerichts Ordnung/ auff den Reichßtägen zu Augspurg vnd Regenspurg/ in jaren dreissig/ vnd zwey vnd dreissig gehalten/ auffge richt vnd beschlossen. Frankfurt/Main: Nikolaus Basse 1575. > http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001646E00000041 (Es gibt auch weitere Auflagen bis 1609)

Eine neuerliche Kopie (wie üblich vereinfacht und seitenverkehrt) erscheint dann noch 1589:

Abraham Saur, Fasciculus constitutionum de poenis vulgo Straffbuch […] Franckfort am Mayn durch Nicolaum Bassæum 1598. > http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10196568-8

Beim Vergleich erkennt man auch Qualitäten des Petrarcameisters. (Danke, Romy, für die Hinweise!)

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Übernahme von identischen Bildern in einen anderen Kontext

Erstes Beispiel: Vom Flugblatt in die Kosmographie

In einem 1499 publizierten Flugblatt mahnt Sebastian Brant († 1521) zum Frieden im sog. ›Schwabenkrieg‹. Es ist eine Bild-Text-Kombination; der Text ist in einer lateinischen und einer deutschen Fassung überliefert. Der Text ist einerseits ein Klagegesang des Gottes Janus, der eine Personifikation des Friedens darstellt – der Kriegsgott Mars verteidigt seine Ansicht. (N. Henkel hat die dt. Fassung transkribiert.)

Wir konzentrieren uns auf das Bild auf der linken Seite des Blatts. Janus sagt von sich (Zeile 39f.): Ich Janus was zuo Rom bekannt | den Got des fridens man mich nant | ein krantz von ölboum ich all frist | Truog/ das des fridens zeichen ist …

Der doppelgesichtige Janus mit den Attributen Stab und Schlüssel und seiner Eigenschaft als Sender des Friedens basiert auf Ovid, »Fasti« I, 89–144. Die Bedeutung Janus als eines Friedensbringers wird auch erwähnt bei Macrobius, »Saturnalien« I, ix, 2: Mythici referunt regnante Iano omnium domos religione ac sanctitate fuisse munitas.

Im Bildhintergrund erkennt man pflügende und eggende und Schafe hütende Bauern. Darauf lässt sich die Klage des Janus (Vers 6ff.) beziehen: Min äcker ligen wuest on buw | Min pflueg zerbrochen vnd geschant | Min schüren/ hüser synt verbrant | Dar jnn ich samlet win und korn … Freilich sind die Bauern sehr tüchtig bei der Arbeit dargestellt, ohne zerbrochenen Pflug. Man müsste die Szene dann als ideales Gegen-Bild deuten.

Der neben Janus stehende Mercur mit dem Caduceus in der Hand und Flügelschuhen kommt im Text nicht vor. Er ist ebenfalls ein Friedensstifter: Er sieht einmal zwei kämpfend ineinander verschlungene Schlangen und schlägt mit der Rute, die er von Apoll geschenkt bekommen hatte, zwischen sie, damit sie sich trennen; so ist dieser Stab zum Symbol des Friedens geworden (Hyginus, »De Astronomia«, II, vii, 2). – Die ebenfalls im Text nicht vorkommenden Musikanten könnten allenfalls für ›Harmonie‹ stehen.

Flugblätter des Sebastian Brant, hrsg. von Paul Heitz, Strassburg: Heitz, 1915 (Jahresgaben der Gesellschaft für Elsässische Literatur 3). Vgl. das Digitalisat von MGH > http://www.mgh-bibliothek.de/etc/dokumente/a151512.pdf

Sebastian Münster (1488–1552) verwendet den Holzschnitt in seiner »Cosmographie« (1544), und zwar zu Beginn des Kapitels Wie Italia zum ersten ist besessen worden/ vnd wo jim der nam härkompt. Da heißt es, dass Janus im Goldenen Zeitalter nach Italien gekommen sei. Er leret die menschen/ wie man wyn vnd frucht pflantzen solt/ vnnd daruon opffern solt …

Der hinter Janus wachsende Rebenstock und die auf dem Feld arbeitenden Bauern bekommen hier einen anderen Sinn!

S.Münster gibt als Quelle an Fabius Pictor (ca. 254 bis ca. 201). – Die Vorstellung von Janus als des Kulturbringers in Italien geht zurück auf Plutarch, »Fragen über römische Gebräuche«, Kap. 22, wo damit sein Doppelgesicht erklärt wird: Er war von griechischer Abkunft und setzte nach Italien über, wo er eine andere Sprache annahm und die wild und gesetzlos lebenden Bewohner zum Ackerbau und zur Annahme bürgerlicher Einrichtungen bewog.

Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum in welcher begriffen, Aller völker Herrschafften, Stetten, und namhafftiger flecken, herkommen Sitten, gebreüch, ordnung, glouben, secten, und hantierung, durch die gantze welt, und fürnemlich Teütscher nation Was auch besunders in iedem landt gefunden unnd darin beschehen sey Alles mit figuren und schönen landt taflen erklert, und für augen gestelt, Heinrich Petri, Basel 1544. > http://www.e-rara.ch/bau_1/content/pageview/8522563 (Bild hier aus der Ausgabe 1546, PM)

Literaturhinweis: Nikolaus Henkel, Ein unveröffentlichtes deutsches Flugblatt Sebastian Brants: Die Klage des Friedens gegen den Krieg und die Verteidigung des Krieges gegen den Frieden (1499), in: Rudolf Bentzinger (Hg.), Grundlagen: Forschungen, Editionen und Materialien zur deutschen Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Stuttgart: Hirzel 2013, S. 523–534. > https://freidok.uni-freiburg.de/data/9886

Zweites Beispiel: Von Vergil 1502 zu Livius 1505

In Sizilien veranstaltet Aeneas Totenspiele für seinen Vater Anchises: eine Ruderregatta, einen Laufwettbewerb, einen Faustkampf, Bogenschießen und zuletzt das sog. Trojaspiel der Jugend, einen Scheinkampf mehrerer Reiterformationen, eher eine Aufführung als einen Wettkampf (Vergil, Aeneis, 5. Buch, Verse 545ff.).

Diese Spiele illustriert einer der unbekannten Meister von Sebastian Brants Vergilausgabe 1502; hier das Turnier:

Publij Virgilij Maronis Opera cum quinque vulgatis commentariis ex politissimisque figuris… Straßburg: Grüninger 1502. – Fol. CCXLII verso
> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502/0503
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00001879/image_506

Der hochverdiente Drucker und Verleger Johannes Grüninger (um 1455 bis um 1533) in Straßburg, der die Vergilausgabe herausgebracht hatte, besitzt diese Druckstöcke und verwendet sie in weiteren Büchern; oft ziemlich wahllos.

1507 druckt er eine deutsche Übersetzung der Römischen Geschichte von Livius (nicht zu verwechseln mit der 1505 in Mainz bei Johann Schöffer erschienenen Livius-Übersetzung, aus der Grüninger ebenfalls Bilder entnommen oder kopiert hat).

Livius, ab urbe condita I, 24ff. schildert, wie es im Krieg der Albaner gegen die Römer zu einem stellvertretenden Zweikampf auserwählter Helden kommt: Curatier (Alba) kämpfen gegen Horatier (Rom). Grüninger übernimmt das vollkommen anders intendierte Bild aus dem Vergil, er lässt lediglich bei den Tituli der Helden einige Buchstaben entfernen (z.B. oben rechts stand ENEAS, jetzt: E E S):

Römsche History vß T. Liuio, Straßburg, J. Grüninger 1507, Fol. XVI verso
> http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00001874/images/

Grüninger hat viele Druckstöcke wiederverwendet; dies ist kaum erforscht.

 

Drittes Beispiel:

Der Verleger Schöffer verwendet Bilder aus der Livius-Ausgabe von 1505 (vgl. oben zur Kombination von Teilbildern) drei Jahre später wieder in der Bambergischen Halsgerichtsordnung, wo sie inhaltlich einigermaßen hinpassen; die Textsorte ist freilich eine andere: Geschichte / Strafprozessordnung.

Die Bildkombination ›Richterspruch / Gang ins Gefängnis‹ erscheint in der Livius-Ausgabe vier Mal: Fol. XLV verso – LXXVI recto – CLIX recto – CCCLXVI recto.

Romische Historie / Uß Tito Livio gezogen. Mentz: Schoffer, 6. März 1505. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00004902/image_116

Dann 1508:

BAmbergische halßgerichts vnd rechtlich Ordenung, in peynlichen sachen zuo volnfarn, allen Stetten, Communen, Regimenten ... fürderlich vnd behilfflich, darnach zuohandeln vnd rechtsprechen, gantz gleichfoermig gemeynen geschriben, Rechten ..., Mainz: Schöffer 1508. zu Abschnitt xvj > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00005371/image_24


Viertes Beispiel: 4 x Hausbau

Petrarcas Buch »de remediis utriusque fortunae« wurde von Peter Stahel und Georg Spalatin ins Deutsche übersetzt, und dabei wurde systematisch jedes Kapitel mit einem Holzschnitt versehen; es sollte 1521/22 erscheinen. Als Initiatoren des Buchprojekts gelten die Verleger Grimm und Wirsung in Augsburg. Dieser Verlag ging 1525 in Konkurs. Die Druckstöcke und das Typenmaterial des Projekts fanden ihren Weg über die Verpfändung ungefähr 1527 in die Druckerei des Gläubigers Heinrich Steiner/Steyner in Augsburg. 1532 wurde es endlich unter dem Titel »Von der Artzney bayder Glück, des guten und widerwertigen« gedruckt; 1539 erneut mit neuer Übersetzung.

Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück/ des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII

1532 > https://books.google.ch/books?id=DB14e6OOOIIC

1539 > https://books.google.ch/books?id=E0lCAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Es scheint offensichtlich, dass die Druckstöcke für das Buch von Petrarca angefertigt wurden (vgl. hierzu das Kapitel auf dieser Website). Das hinderte den geschäftstüchtigen Verleger Steyner nicht, sie bereits vor dessen Drucklegung in anderen Publikationen zu verwenden, und später wieder.

••• Im ersten Teil des Buchs »Von der Artzney bayder Glück«, Kapitel CXVIII geht es um den Ruhm einer üppigen Bautätigkeit.

Die Personifikation der Freude jubelt: Ich hoff ehre von dem gepew [Gebäude]; Ich berayt myr ein Glori mit pawen; und ähnlich.

Die Vernunft wendet dagegen ein: Ich hab nicht gewißt/ das man mit kalck/ sand/ vnd höltzern/ auch staynen ehre suocht/ sonder glaubet das die durch wol gehandelt sachen vnd tugenden ersuocht vnd erlangt wurd. Alle Dinge von Menschenhand sind hinfällig, was von Menschenhand geschaffen worden ist, kann auch von Menschenhand wieder zerstört werden. Das wird mit Beispielen aus der Geschichte verdeutlicht: Troja, Babylon, der goldene Palast von Nero usw. Der moralische Diskurs wird 1539 so zusammengefasst:

Was suochstu ehr inn dem gebew/
Inn heusern/ schlossen/ was das sey.
So es doch als zergengklich ist/
Suoch dir kain lob inn kot vnd mist.

Das Bild zeigt den Bauherrn in Rückenansicht, der mit einer Stange Anweisungen gibt; vor ihm ein Steinblock, der bearbeitet wird; der Steinmetz hat sich abgewendet und schaut ebenfalls zum Haus. Im Hintergrund das halbfertige, eingerüstete Haus mit Arbeitern am Werk.

••• Bereits 1531 publiziert Steyner die deutsche Übersetzung von Ciceros »de officiis«:

Officia M. T. C. Ein Buch So Marcus Tullius Cicero der Römer zu seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zugehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen in Latein geschriben, Welchs auff begere Herren Johansen von Schwartzenbergs etc. verteütschet Vnd volgens Durch jne in zyerlicher Hochteütsch gebracht. Mit vil Figuren vnnd Teütschen Reymen gemeynem nutz zu gut in Druck gegeben worden, Augspurg: Steyner 1531.> http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0001/bsb00010109/images/

Dasselbe Bild illustriert hier (Fol.XXXIIIr) eine andere Moral (Textgrundlage: Cic., de off. I, 138–140): Ein Haus soll dem Gebrauch und der Würde des Besitzers angepasst sein; man soll dafür sorgen, dass das Haus wegen der Würde des Besitzers gelobt wird und nicht umgekehrt der Besitzer wegen der Pracht des Hauses (ornanda enim est dignitas domo, non ex domo tota quaerenda, nec domo dominus, sed domino domus honestanda est); die Größe des Hauses soll angemessen sei ; man soll sich mit dem Hausbau nicht ruinieren; Beispiele von römischen Hausbesitzern. Vor schand vnd schad dem billich grawt/ Der vber sein vermügen bawt. Die zier im hauß ist aller best/ Findt man darinn frum wirt vnd gest.

••• Im selben Jahr 1531 publiziert Steyner die deutsche Übersetzung des spätantiken Geschichtswerks von Marcus Iunianus Iustinus: »Epitoma Historiarum Philippicarum« mit Bildern von Jörg Breu d.J. und des Petrarcameisters (Musper L 118):

Des Hochberümptesten Geschicht schreybers Justini warhafftige Hystorien/ die er auß Trogo Pompeio gezogen: vnd inn Viertzig vier Bücher außgeteylt/ darinn er von vil Künigreychen der welt/ wie die auff vnd abgang genommenn/ beschryben. Die Hieronymus Bonder der zeyt Schultheys zuo Colmar/ auß dem Latein inn diß volgend Teütsch vertolmetscht hat/ welche nit allein zuo lesen lustig/ sondern einem yeden menschen zuo wyssen nutzlich vnd not ist. … Gedruckt zuo Augspurg durch Heynrich Steyner M.D.XXXI. > http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10620653.html

Hier ist der Kontext desselben Bildes (Fol. LXII verso) der: Von der statt Carthago/ wann vnd von wem die erpawen ist.Dieweil man yetzund an die stat carthago kommen/ ist billich etwas von jrem vrsprung zusagen/ … Erzählt wird hier auch die Gründungslegende Karthagos. Die phönizische Königin Elissa (später Dido genannt) ist vor ihrem Bruder (der ihren Gatten ermordet hatte) auf einem Schiff geflohen und an der afrikanischen Küste gelandet. Sie erbittet vom dortigen Herrscher so viel Land, wie sie mit einer Ochsenhaut umspannen könne. Das wird ihr bewilligt. Dido lässt die Haut in feine Riemen schneiden, legt sie aneinander und kann so ein großes Stück Land umziehen. Darauf lässt sie dort eine Festung erbauen (phönizisch Carthada ›Neustadt‹): Karthago.

Genau genommen müsste als Erbauerin der Stadt eine weibliche Figur dargestellt sein. Die Szene hat der Illustrator der Livius-Übersetzung 1505 gezeichnet, sogar mit der Szene des Zerschneidens der Ochsenhaut. Romische Historie / Uß Tito Livio gezogen. Mentz: Schoffer, 6. März 1505. fol. XCI verso:

••• 1537 verlegt Steyner eine deutsche Übersetzung von Polydorus Vergilius, »de inventoribus rerum« (darüber mehr unten). Im dritten Buch, Kapitel 7 ist das Thema Vom vrsprung der Bawmayster. Er entwirft einen kleinen kulturgeschichtlichen Abriss; darunter: Etlich habendt jhnen heüser von blettern gemacht/ etlich habend hölern vnden an den bergen hinein gegraben … Dann aber haben die Menschen dank ihres Verstands gelernt, Häuser zu bauen: die wänden mit auffgerichten spreussen/ vnd zwischen gelegten stauden mit laim zu vermachen/ auch laymine knollen zuo dörren/ vnd auff einander zuo setzen. Dann folgt die Architectura, die der abgöttin Pallas und dem alttestamentlichen Jobal [?] zugeschrieben wird. (Details folgen dann im nächsten Kapitel, wiederum mit einem Holzschnitt des Petrarcameisters).

Das Bild mit dem Steinmetzen passt nicht stimmig zum Text des Kapitels:

Polydorus Vergilius Urbinas, Von den erfyndern der dingen. […] mit schönen figuren durchauß gezyeret/ jedem Menschen nutzlich und kurtzweylig zuo lesen. Augspurg: Heynrich Steyner MDXXXVII. > http://diglib.hab.de/drucke/q-49-2f-helmst/start.htm

Literaturhinweis: Theodor Musper, Die Holzschnitte des Petrarkameisters. Ein kritisches Verzeichnis mit Einleitung und 28 Abbildungen, München: Verlag der Münchner Drucke 1927. (Bild Nr. 180)

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Wiederverwendung in ›Raubdruck‹

••• Erstes Beispiel: Der Augsburger Verleger Johann Schönsperger macht bald nach der Erstausgabe der Schedelschen Weltchronik (1493) eine ›Volksausgabe‹ in kleinerem Format, sowohl lateinisch 1497 (Hain Repertorium bibliographicum # 14509) als auch deutsch 1496 (Hain 14511) und 1500 (Hain 14512).

Man vergleiche das Vorbild hier mit dem Raubdruck derselben Seite:

Liber cronicarum cum figuris et ymaginibus ab inicio mundi usque nunc temporis, a Iohanne Schensperger, Augsburg 1497 > http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/inc-iv-112

Die Forschung sagt, dass der Verkauf der Originalausgabe Schedels durch diese Nachdrucke stagniert sei.

••• Zweites Beispiel: Gregor Reischs »Margarita«. Die Enzyklopädie erscheint das erste mal 1503 bei Schott in Straßburg. Karl Hartfelder: »Nach dem Brauch oder richtiger Missbrauch jener Zeit erschien schon im Jahre 1504 bei Johannes Grüninger zu Strassburg ein Nachdruck.

Dass dieser Drucker ohne Erlaubnis des Verfassers die Margarita druckte, ergiebt sich aus zwei Bemerkungen der zweiten rechtmässigen Ausgabe, welche im gleichen Jahr 1504 bei Johannes Schott in Strassburg erschienen ist. Am Schlusse des Index steht zunachst: Rursus exaratum peruigili noua itemque secundaria hac opera Joannis Schotti Argentinensis Galchographi Ciuis. Ein daran sich anschliessendes lateinisches Distichon an den Leser warnt diesen vor dem Ankauf einer Ausgabe, die nicht mit dem Zeichen des Buchdruckers Schott versehen sei. Ausserdem erklärt eine Bemerkung ausdrücklich, dass diese Ausgabe der Margarita durch ihren Verfasser von neuem durchgesehen, verbessert, durch Lehrsätze und neue Bilder vermehrt worden sei, und schliesst: Was du also in einem von andern herrührenden Drucke noch ausserdem hinzugefügt findest, das mögest du als unserer Margarita fremd ansehen

Karl Hartfelder, Der Karthäuserprior Gregor Reisch, Verfasser der Margarita philosophica. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, Band 44 / NF 5 (1890), S. 170–200. > http://www.archive.org/stream/Zgo44-5#page/n181/mode/2up

In der Ausgabe 1504 weden die Druckstöcke nicht übernommen, sondern die Bilder neu geschnitten und dabei oft verändert. (Ob sie dabei korrigiert oder entstellt wurden, wäre ein interessantes Forschungsthema.) — Holzschnitt zu Beginn des VII. Buchs De principiis astronomiae: Die Personifikation der Astronomie lehrt den Ptolemaeus (Verfasser des »Almagest«) einen einfachen Sextanten handhaben.

Margarita philosophica, Freiburg: Schott 1503. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00012346/image_260

Aepitoma omnis phylosophiae alias margarita phylosophica tractans de omni genere scibili; cum additionibus, quae in alijs non habentur …, Straßburg: Grüninger 1504. > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11069462_00272.html

••• Dittes Beispiel: Embleme von Zincgref

Sic tandem proditur (So wird er schließlich entdeckt), Emblem XVII zeigt einen Wolf in einem Kahlschlag mit der Moral, man solle den Krieg ins Land des Feindes tragen:

Emblematvm Ethico-Politicorvm Centvria Ivlii Gvilielmi Zincgrefii; Editio secunda, Francofurti: P. Mareschall 1624. (SLUB Dresden, Signatur Art.plast.1183) > http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/124149/1/

In diesem Exemplar sind die französischen Epigramme handschriftlich mit deutschen Versen ergänzt, einige Bilder sind mit einem Linienraster versehen, zwecks Kopie.

Die deutschsprachige Ausgabe im selben Verlag verwendet natürlich die originalen Kupferplatten:

Sapientia Picta. Das ist/ Künstliche Sinnreiche Bildnussen und Figuren : darinnen denckwürdige Sprüch und nützliche Lehren im Politischen und gemeinen Wesen durch hundert schöne newe Kupfferstück vorgebildet/ entworffen/ und durch teutsche Reymen erkläret werden […], Franckfurt bey Peter Mareschall 1624. > http://diglib.hab.de/drucke/li-6643-2/start.htm?image=00041

Das Emblem wird kopiert in Zürich – mitsamt dem gedruckten deutschen Text, so dass es unwahrscheinlich ist, dass die Vorlage das Exemplar ist, das sich in der SLUB Dresden befindet. Die Vorzeichnung ist in der Zentralbibliothek Zürich überliefert:

> http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-36349

Nach Angabe des Katalogs der ZB steht unten links »Emblemata, gezeichnet von Conrad Meyer« [1618–1689]. Sogar die Druckplatte ist überliefert. (Man beachte: der Text ist hier graviert, nicht mit Typen gesetzt):

> http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-43055 (Hier ein mit Photoshop hergestellter Pseudo-Abzug.)

Wo wurde das Blatt publiziert? Ein Emblem, ebenfalls aus Zincgref kopiert, erschien 1659 in der Reihe der Neujahrsblätter »Der Kunst- und Tugend-Liebenden Jugend ab der Bürgerlichen Bibliothec am Neüwen Jahrs-Tag verehrt« [und ähnliche Titel].

Vgl. auch die Hinweise zur Emblematik > http://www.symbolforschung.ch/embleme

••• Viertes Beispiel: Die »Encyclopédie«. 1765 erscheint der letzte Text-Band in Paris; 1772 erscheinen die letzten der 11 Tafelbände, 1777 das Supplément. — Bereits 1770–1778 wird in der Druckerei von Marco Coltellini und Giuseppe Aubert in Livorno ein Raubdruck (une contrefaçon) hergestellt: 17 Textbände (1769–1775) und 11 Bildbände (1771–1778): Troisiéme édition enrichie de plusieurs notes dédiée à Son Altesse Royale monseigneur l'archiduc Pierre Leopold prince royal de Hongrie et de Boheme, archiduc d'Autriche, grand-duc de Toscane &c. &c. &c, A Livourne de l'imprimerie des éditeurs … Die Kupfertafeln (Planches) werden ziemlich präzis nachgestochen.

Die Geschichte der Plagiate und der Copyright-Gesetzgebung ist lang.

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Ein Fall von bunter Kompilation: Die Bilder in Polydorus Vergilius 1537

Plinius legt im VII. Buch seiner Naturkunde (hist. nat. VII, lvii, 191–209), nachdem er die Natur des Menschen besprochen hat, dar, was einzelne erfunden haben (quae cuiusque inventa sunt); es folgt ein Sammelsurium von Techniken und Praktiken, die auf ihre Urheber zurückgeführt werden.

Polydorus Vergilius (* um 1470; † 1555) hat diese Überlegung (er zitiert Plinius im Vorwort) zum Prinzip des Artikelaufbaus seiner Enzyklopädie »de inventoribus rerum« (1499 / 1521) gemacht. Eine illustrierte deutsche Übersetzung erscheint 1537 bei Heinrich Steiner in Augsburg:

Polydorus Vergilius Urbinas, Von den erfyndern der dingen. WIe und durch wölche alle ding / nämlichen alle Künsten / handtwercker / auch all andere händel / Geystliche und Weltliche sachen [...] von anfang der Wellt her / biß auff dise unsere zeit geübt und gepraucht [...] durch Marcum Tatium Alpinum grüntlich / vnd aufs fleissigst jnns Teutsch transferiret unnd gepracht / mit schönen figuren durchauß gezyeret, / jedem Menschen nutzlich und kurtzweylig zuo lesen. Augspurg: Heynrich Steyner MDXXXVII. Digitalisat > http://diglib.hab.de/drucke/q-49-2f-helmst/start.htm

Wenn man nur schon eine Auswahl von Kapiteltiteln überfliegt und dazu das Bestreben Steiners stellt, jedes Kapitel mit einem Bild zu versehen, ermisst man die Schwierigkeit des Unternehmens 1537:

Vom ersten vrsprung der Abgötern – […] – Von anfang der sprachen – Vom ursprung der Ehe – Von vrsprung des gotsdiensts – Wer erstlich die Buochstaben erfunden – Von vrpsrung der schreibkünst Grammatices – Von vrsprung der dichtkunst Poetices – […] – Wer erstlichen mancherlay Instrumenten der Musices erfunden – Von vrsprung der weißgelerthayt Philosophie – Wer erstlich der gestyrnen kunst Astrologiam … erfunden habe – Wer die kunst das erdtrich auß zuomessen Geometriam / vnd die rechen kunste Arithmeticam erstlich erfunden habe – Wer am ersten die Gewichten / die gemäß / vnd Zal erdacht hab – Wer erstlich die artzney Medicinam erfunden hab.

Das Buch ist voll von Bild-Übernahmen; das lohnte eine längere Untersuchung.

Erstes Beispiel: Ein inhaltlich gut passendes Bild des Petrarcameisters

H.Steiner ist der Herausgeber des 1532 erschienenen Buchs Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084729/image_1

Selbstverständlich bedient er sich für spätere Bücher aus diesem Werk. Wenn Vergilius Polydorus (II,9) das Thema der Erfindung der Mnemotechnik abhandelt (Wer erstlich der Gedächtnuskunst angezeygt/ oder derselbigen ein lob erlangt habe), passt dazu perfekt das Bild aus Petrarca, 1. Buch, Kapitel 8: Von der gedechtnus.

Der Mann links ist umgeben von Medaillons mit Bildern, anhand derer er sich flink an bestimmte Dinge erinnert – die Frau rechts wird von einem Buch bedrückt; offenbar ist die Meinung, dass Bücherwissen im Gegensatz zum auswendig gelernten Wissen beschwerlich ist.

Zweites Beispiel: Ein erzwungen eingesetztes Bild des Petrarcameisters

Erzwungen ist der Beizug eines Bilds zum Thema , wo Vergilius Polydorus von der Erfindung des Spiegels handelt (II,20): Vonn wem der erst Guldin pfenning erfunden/ oder wer das Sylber/ vnd Ertz zuo Müntz geschlagen/ auch ein Sylberin Spiegel gemachet habe.

Das Bild steht in Petrarcas Glücksbuch(1532) im Kapitel Von fürtrefflicher gestalt des leibs (1. Buch, 2.Kapitel), wo die Personifikation der Freude jubiliert: Meins leibs hübsche ist fürnem usw. Das Bild zeigt eine Dame, die sich stolz in einem Spiegel beschaut, daneben schlägt ein Pfau das Rad – eine alte Allegorie der Superbia.

Drittes Beispiel: Ein inhaltlich gut passendes Bild aus einem anderen Verlag

Im 2. Buch, 18. Kapitel ist davon die Rede Vom aller ältesten herkommen der gesälben/ vnd wann erstlich die Gesälben zuo Rhom erkennt seyen worden. Das Bild dazu (fol. LVIII verso):

Der Druckstock ist entnommen einem ebenfalls in Augsburg erschienenen, viel älteren Buch, in dem ebenfalls die Herstellung von Salben thematisch ist: Hieronymus Brunschwig, Dis ist das Buch der Cirurgia. Hantwirckung der Wund Artzney, Augspurg: Schönsperger 1497. Digitalisate > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00026481/image_4 > http://diglib.hab.de/inkunabeln/53-med-2f/start.htm

Den Holzschnitt hat schon der (unbekannte) Herausgeber des Buchs über die Sünden des Munds von Johannes Geiler von Kaysersberg verwendet: Der Prediger fasst die Sünden des Munds (fressen, lügen, Gott lästern, schmeicheln, schelten, sicht rühmen, leere Wörter schwatzen usw.) als Blasen/Geschwüre (blatern), gegen die er jeweils eine Salbe, d.h. eine Tugend verschreibt. Eine der letzten Predigten spricht dann von den Salben allgemein; dazu das Bild. Das Buch der Sünden des Munds. von dem hochgelerten Doctor Keisersperg/ die er nennt die blatren am Mund davon er XXIX predigen und leeren gethon hat, [Straßburg: Grüninger 1518]; fol. LXXX recto. > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/goToPage/bsb11056822.html?pageNo=171

Viertes Beispiel: Griechen oder Mohammedaner? Aus Breydenbach

Ein Kapitel in Bernhard von Breydenbachs Buch der Reisen ins heilige Land (Erstausgabe Mainz 1486) ist der dort ansässigen multinationalen Bevölkerung gewidmet. Dazu bringt er ein Bild mit der Überschrift (in der deutschen Übersetzung 1505): Von den kriechen, deren auch vil zuo jherusalem sind / auch wie sy geen in jren klaideren vindest du hernach.

Das Bild in der lateinischen Ausgabe 1486 (auch im Nachdruck 1502) enthält Text. Die Figurengruppe in der Mitte ist angeschrieben mit sic seculares greci [ ~ so sind die weltlichen Griechen gekleidet]; rechts: sic vadunt greci monachi [~ so gehen die griechischen Mönche einher]. Bernhard von Breydenbach, Peregrinatio in Terram Sanctam, Mainz: Erhard Reuwich 1486. > http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ink/content/pageview/4422000  

Dasselbe Bild erscheint als (seitenverkehrter) Nachschnitt und ohne Schrift in der deutschen Übersetzung: Bernhard von Breydenbach, Dis buch ist innhaltend die heiligen reysen gein Jherusalem zu dem heiligen Grab vnd furbaß zu der hochgelobten jungfrowen vnd merteryn sant katheryn, [Speyer], [ca. 1505] > http://diglib.hab.de/inkunabeln/288-12-hist-2f/start.htm

In der Ausabe des Polydorus Vergilius gibt es ein Kapitel Vom ersten vrsprung der Mahometischen Secten (VII, 8). H. Steiner illustriert das mit dem Bild aus Breydenbach. Es ist ein handwerklich guter Nachschnitt des Bilds aus der lateinischen Ausgabe; die Textteile sind weggelassen. Um das Bild in den Satzspiegel einzupassen, sind links und rechts Ornamente eingefügt.

> http://diglib.hab.de/drucke/q-49-2f-helmst/start.htm?image=00424

Fünftes Beispiel: Simon Magus aus dem Fortunatus

Im 8. Buch, 3. Kapitel behandelt Polydorus Vergilius den Ursprung der Häresie. Der Erz-Häretiker ist Simon Magus (vgl. Apostelgeschichte 8,9–25), deshalb ist das Kapitel betitelt Von vrsprung der Symoneischen secten. Der Text folgt dann der Erzählung der Legenda Aurea (im Kapitel über den Apostel Petrus; Übersetzung von Richard Benz, Heidelberg 1955, S. 432), wo vom Wettkampf zwischen dem heiligen Petrus und dem Zauberer Simon Magus in Rom berichtet wird: Um zu beweisen, dass er Gott wohlgefällig sei, unternimmt es Simon, auf dem Capitol in die Luft zu fliegen. Do flog der Simon von der Erden schon dahin. Aber Petrus betet zu Gott, die Engel mögen den Simon fallen lassen; das geschieht.

Polydorus Vergilius VIII,3 > http://diglib.hab.de/drucke/q-49-2f-helmst/start.htm?image=00437

Um den Flug Simons zu illustrieren, bedient sich H.Steiner eines Bilds aus dem ›Volksbuch‹ »Fortunatus«. Hier wird geschildert, wie der Held dem Sultan ein wünschhüetlin entwendet, das die Eigenschaft hat, den Träger dorthin zu tragen, wo er gerade sein möchte (Hans Gert Roloff, Fortunatus, Stuttgart: Reclam 1981 = RUB 7721, S.112). In einem späteren Kapitel wird gezeigt, wie ein Sohn des Helden mit dem Hütlein fliegt (a.a.O. S.145f.)

Die erste Ausgabe des »Fortunatus« erschien 1509: Wie ain iüngling geporen auß dem künigreych Cipern/ mit namen Fortunatus in fremden landen in armuot und ellend kam, Augsburg: Johannes Heybler / Johann Otmar 1509 (mit Holzschnitten von Jörg Breu d.Ä.)

Steiner ist offenbar an die Druckstöcke herangekommen, was seine Ausgabe zeigt: Von Fortunato vnd seinem Seckel auch Wünschhüetlin, Heinrich Steyner, Augspurg 1531. (Hans Gert Roloff weist in der Ausgabe S.324 noch drei weitere Ausgaben von Steiner bis 1544 nach.)

Hier aus der Ausgabe 1533 > https://books.google.ch/books?id=Qv1jAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Sechstes Beispiel: Fasten oder Essen? Aus Ulrich von Richentals Konzilschronik

Das 6. Kapitel des 6. Buches von Polydorus Vergilius handelt von der Erfindung des Fastens, vom Segnen der Mahlzeit und woher es kommt, dass man zum Essen aus heiligen Schriften vorliest.

Das Bild erinnert an den Inkunabel-Druck der Chronik des Konstanzer Konzils des Ulrich von Richental:

Concilium zu Constencz, Augsburg: Anton Sorg 1483 > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ir00196000

H.Steiner veranstaltete 1536 eine Neuausgabe der Konzilschronik, in der die Bilder neu im modernen Stil gezeichnet sind.

Das Bild hier veranschaulicht, wie beim Conclave in Konstanz (1414–1418) die wählenden Prälaten mit Essen versorgt wurden (Text: fol. XLIIII verso); es wurde ihnen von Dienern an Stangen in gelten (Bottichen), in denen man sonst Kinder badet, herbeigeschafft; an der Stiege wurden diese von Rittern empfangen, die weiße Tücher über dem Schoß trugen; zwei Bischöfe sind im Raum anwesend; einer der beiden scheint einen Krug zu segnen. Die Figur mit dem großen Schlüssel mag symbolisieren, dass das Tor gut verschlossen ist. – Von Fasten und Tischlesung ist in der Chronik nicht die Rede. Man müsste freilich fragen, wie ein Bild aussieht, mit dem das Fasten visualisiert wird. Steiner hat eines beigezogen, auf dem wenigstens das Essen in einem religiösen Zusammenhang Thema ist.

[Ulrich von Richental], Das Concilium, So zuo Constantz gehalten ist worden, Des Jars do man zalt von der geburdt vnsers erlösers M.CCCC.XIII. Jar Mit allen Handlungen inn Geystlichen vnd weltlichen sachen, Auch was diß mals für Bäpst, Kayser ... zuo Constantz erschinen seind ..., Augspurg: Steiner 1536 > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00074421/image_1

Übrigens druckt S. Feyerabend dann 1575 die Konzilschronik nochmals und übernimmt dabei zum Teil Bilder aus dem Druck Augsburg 1536:

Costnitzer Concilium So gehalten worden im Jar Tausend, vier hundert vnd dreytzehen ... ; Zu Ehren allen Liebhabern vom Adel vnd Ritterschafft Teutscher Nation. Jetzt auffs neuw zugerichtet, Doch mit warer vnd vnverhinderter Ersetzung vnd Jnhalt deß alten Exemplars ... Franckfurt am Mayn: Feyerabend 1575 > http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0005/bsb00054503/images/

Siebtes Beispiel: Illustrierte Realität aus einem fiktionalen Text übernommen

Polydorus Vergilius handelt im 1. Kapitel des 2. Buchs Von vrsprung des Rechtens/ vnd der Gesatzen/ auch wer am ersten den Menschen Gesatze hab gegeben.

http://diglib.hab.de/drucke/q-49-2f-helmst/start.htm?image=00106

Das Bild einer Gerichtsszene findet H.Steiner leicht im »Theuerdank«:

»Theuerdank« ist eine von Kaiser Maximilian I. entwickelte Mixtur aus stilisierter Autobiographie, politischer Utopie und Panegyrikus zum eigenen Andenken. Der Text schildert im Kern die Brautwerbungsfahrt des Protagonisten zu Erenreich (gemeint ist Maria von Burgund), der sich vielerlei Hindernisse in den Weg stellen. Diese werden in Form der drei allegorischen Gestalten Fürwittig, Unfalo und Neidelhart dargestellt, die den Helden allerlei Gefahren aussetzen: Jagd- und Turnierunfälle, Lawinenunglücke, Einbruch auf zugefrorenem See, u.dgl. Der Held überwindet mit seinem treuen Begleiter Erenhold alle Gefahren. Im 109. Kapitel werden die drei Figuren, die dem Helden Kaiser Maximilian das Leben sauer gemacht haben, vor Gericht gestellt.

Johannes Schönsperger hat den 1517 erstmals in Nürnberg erschienenen »Theuerdank« >http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0001/bsb00013106/images/ 1519 in Augsburg nachgedruckt (Neusatz mit den alten Typen; Holzschnitte übernommen.)

Die Druckstöcke sind dann offenbar zu H.Steiner gelangt, der 1537 einen Neudruck macht (mit gewöhnlicher Schwabacher-Typographie): Die Geferlicheiten und geschichten des löblichen streytbaren vnnd Hochberiempten Helds und Ritters Teürdancks, Gedruckt in der Kayserlichen Statt Augspurg durch Hainrich Stainer, M.D.XXXXVII. > http://diglib.hab.de/drucke/lo-4f-172/start.htm?image=00188

Dass es sich bei den drei Angeklagten (mit dem Rücken zu uns) im ursprünglichen Text um Personifikationen handelte, merkt man im Bild nicht; es kann auch für das Thema ›vom Ursprung des Rechts‹ stehen.

Noch ein Beispiel zu H.Steiners Vorgehen: Illustration eines fiktionalen Text umgedeutet in die Illustration einer Anekdote

Kapitel 96 von »Die geuerlicheiten vnd einsteils der geschichten des loblichen streytparen vnd hochberümbten helds vnd Ritters herr Tewrdannckhs«, Nürnberg, 1517 beschreibt folgendes (gekürzt):

Neidelhart, Unfalo und Fürwittig – die drei Personifikationen, welche die Fahrt des Ritters Teuerdank (Tewrdannck) zu seiner Braut, der Königin Ehrenreich, verhindern möchten – wollen ihn mit Essen vergiften. Ein Türhüter hat sie bei den Beratungen belauscht und teilt das Ehrenhold mit, der Teuerdank stets positiv unterstützt. Er kann Teuerdank, der schon beim Essen sitzt – zurückhalten. Neidelhart lügt den Teuerdank an.

Der Holzschnitt von Leonhard Beck zeigt die Szene: Am Tisch in Ritterrüstung sitzt Teuerdank; rechts mit flachem, konischem Helm und Plissé-Jupe Neidelhart; im Vordergrund in Rückenansicht Unfalo (er trägt das Fortuna-Rad auf dem Gewand); die hinzuschreitende Figur mit dem Pokal wird der Weinreinbringer sein (nach Robert Gernhardt, »Deutung eines allegorischen Gemäldes«) (Digitalisat eines kolorierten Exemplars > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00013106/image_459; hier das Bld aus der Ausgabe Augsburg: Schönsperger 1519)

Das Bild erscheint wieder in: [Johann Freiherr von Schwarzenberg], »Das Büchle Memorial, das ist ein angedänckung der Tugend, von herren Johannsen vonn Schwartzenberg jetzt säliger gedächtnuss, etwo mit Figuren und reimen gemacht«; Erstausgabe Augspurg: Heinrich Steiner 1534; darin: Ein Büchle, genannt Memorial der Tugend, fol. XCVI folgende. Digitalisat > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00029340/image_195 — aber nicht in dieser Erstaugabe, sondern in einer abgeänderten Ausgabe (1535 oder 1540?) auf fol. CXII verso:

Das Fortunarad auf dem Mantel von Ehrenhold ist weggeschnitten, und der Text lautet:

Ain böse bottschafft wurd gesant/   
    Ainem Hertzogen in Mayland/
Wie das der Genueser leüt/    
    Ob im gewunnen grosse peüt/
[Beute]
Und was er darauff guottes aß/   
    Im gantz und gar nit schmecken was.
Darumb den koch er schalt und bocht/  
[schlug]
    Der sprach »die speiß ist wol gekocht.
Der Genueser syglich that/
 [siegreiche Tat]
    Herr euch den mund verbitert hat.«
    Darumb die gleichnus sey gemelt/    
Das manchem menschen dise welt
    Betreügt durch ihren falschen wan/    
Das er nichts guots erkennen kan.

(Die witzige Anekdote könnte sich beziehen auf den damaligen Herzog von Mailand, den französischen König François Ier, nach der Schlacht von Landriano 1529.)

Und so weiter

Dies ist nur ein Aperçu. Und zur Ehrenrettung von Heinrich Steiner muss gesagt werden, dass eines seiner letzten Bücher (abgesehen vom Titelbild!) durchgehend mit einheitlichen nie-dagewesenen Holzschnitten ausgestattet ist: Ein Schöne Cronica oder Hystori bůch / von den fürnämlichsten Weybern so von Adams Zeyten an geweszt […] Erstlich Durch Joannem Boccatium in Latein beschriben / Nachmaln durch Doctorem Henricum Steinhöwel in das Teütsch gebracht […] Mit schönen Figuren durch auß geziert / Gantz nutzlich / lustig vnd kurtzweylig zů lesen. Gedruckt zu Augspurg / durch Hainrich Stayner / anno M.D.XXXXI. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00021201/image_2

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Von Cicero über ein Emblembuch auf die Ofenkachel

Der sog. Petrarcameister war bei der Illustration der Übersetzung von Ciceros »De officiis« durch Johann von Schwarzenberg gefordert, abstrakte Aussagen zu visualisieren, hier die Stelle II,iii,9, wo es heisst, dass das Nützliche (utile) und das Ehrenhafte (honestum) nicht getrennt werden könne

Das erbar hangt dem nutzen an/
Daz solchs kan mensch gescheiden kan.
Vnd wer nicht diser warheit glawbt/
Ist frummkait/ oder witz beraubt

Der Meister greift zur Technik der Allegorie. Die moralischen Güter werden durch Kisten angedeutet, die durch die Beschriftung unterschieden werden: Erbarkeit (durch Gerechtigkeyt ergänzt), und Nutz. Die Unmöglichkeit der Trennung (Daz solchs kan mensch gescheiden kan) wird visualisiert durch Ketten zwischen den Kisten; die Dummheit (witz beraubt) der dies nicht Einsehenden (wer nicht diser warheit glawb) durch das törichte Hantieren an Kisten und Ketten sowie das Tragen von Augenbinde und Narrenkappe.

Quelle: Officia M. T. C. Ein Buch / so Marcus Tullius Cicero der Römer / zuo seynem sune Marco. Von den tugentsamen ämptern in Latein geschriben. Augsburg: H. Steyner MDXXXI.

Das Bild wird – in eine Radierung umgearbeitet – von Christof Murer (1558–1614) in sein ›Emblembuch‹ entkontextualisiert übernommen (Nummer XXIX). Die Narrenkappen und Augenbinden fehlen; die gestikulierenden Zuschauer mögen entweder besagen: ›auseinander!‹ oder zeigen, dass das Unterfangen witzlos ist. Der Text ist etwas adaptiert:

Das Ehrbar hangt dem Nutzen an/
    Keins man vom anderen scheiden kan.
Dann nutzlich ist zuo keiner frist/
    Das nit auch recht vnd ehrbar ist:
Vnd wer nicht diser warheit glaubt/
   Der ist gantz seiner witz beraubt.

XL emblemata miscella nova. Das ist: XL underschiedliche Außerlesene Newradierte Kunststuck: Durch Weiland den Kunstreichen und Weitberuempten Herrn Christoff Murern von Zürych inventiret unnd mit eygener handt zum Truck in Kupffer gerissen; An jetzo erstlich Zuo nutzlichem Gebrauch und Nachricht und allen Liebhabern der Malerey in Truck gefertiget/ vnd mit allerley dazu dienstlichen aufferbaulichen Reymen erkläret: durch Johann Heinrich Rordorffen/ auch Burgern daselbst. Gedruckt zuo Zürych bey Johann Ruodolff Wolffen. Anno .DC.XXII — Digitalisat > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-10598

Zur Entstehung von Murers Emblembuch ausführlich: Thea Vignau-Wilberg, Christoph Murer und die ›XL Emblemata miscella nova‹, Bern: Benteli 1982.

Der Winterthurer David I Pfau verwendet das Motiv bereits 1636 für eine Ofenkachel in einem von Hans Heinrich I Pfau gefertigten Kachelofen in Winterthur (heute zerlegt im Landesmuseum Zürich):

Quelle: Ueli Bellwald, Winterthurer Kachelöfen. Von den Anfängen des Handwerks bis zum Niedergang im 18.Jahrhundert, Bern: Stämpfli 1980. – Abb. S. 147; Katalog: Nr. 9

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Vom Reisebericht ins naturwissenschaftliche Werk

Conrad Gessner hat seine Tierbücher immer wieder aufgrund der neuesten Lesefrüchte und Zusendungen von Briefpartnern ergänzt. In der gekürzten Ausgabe des Tierbuchs stellt er ein Tier namens Su vor, das dem eben gerade erschienenen Bericht des Brasilienreisenden André Thevet (1516–1590) entlaufen ist.

Ceste beste est fort rauissante, faite d’vne façon fort estrange, pour quoy ie la vous ay bien voulu representer par figure. [André Thevet], Les singularitez de la France antarctique, autrement nommée Amérique, et de plusieurs terres et isles découvertes de nostre tems, Anvers: Chr. Plantin 1558 und Paris: de la Porte 1558. > http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k109516t

In der lateinischen Erstausgabe »de Quadrupedibus uiuiparis« 1551 und in den »Icones« 1553 kannte Gessner das Tier noch nicht. Gessner besaß die Pariser Ausgabe des Werks von Thevet und die von Antwerpen; beide hat er eifrig annotiert; vgl. Urs Leu (1992). In der deutschen Übersetzung von 1563, wo es dann auch das Titelblatt ziert, ist es Das aller schützlichest thier so geseyn mag/ Su genant in den neüwen landen.

Thierbuoch Das ist ein kurtze bschreybung aller vierfüssigen Thieren/ so auff der Erden und in wassern wonend, sampt jrer waren Conterfactur … Erstlich durch den hochgeleerten D. Cuonrat Geßner in Latin beschriben/ yetzunder aber durch D. Cuonrat Forer zuo mererem nutz aller mengklichem in das Teütsch gebracht, Zürych bey Christoffel Froschower im Jar als man zalt M.D.LXIII; fol CXLVIII > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-5027

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Von der Kosmographie ins »Wunderwerck«

Auf der »Carta marina« von Olaus Magnus (Venedig 1539) sind über das Meer auf einer geographischen Karte monströse Fische verteilt: > https://de.wikipedia.org/wiki/Carta_Marina (dort sind weitere Digitalisate genannt).

(In der »Historia de gentibus Septentrionalibus« (Rom 1555) werden diese Wesen dann freigestellt und einzeln abgebildet, vgl. Liber XXI. De piscibus monstrosis > http://runeberg.org/olmagnus )

Es gibt auch weitere Vorkommnisse monströser Fische, etwa das Thierbuch Alberti Magni. Von Art Natur vnd Eygenschafft der Thierer/ als nemlich von vier füssigen/ Vögeln/ Fyschen/ Schlangen oder kriechenden Thieren/ vnd von den kleinen gewürmen die man Insecta nennet/ durch Waltherum Ryff verteutscht. Frankfurt am Main: Jacob 1545:

Das Meerschwein hier scheint aus Olaus Magnus’ Karte gefischt worden zu sein. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00073687/image_268

Hans Rudolf Manuel Deutsch (1525–1571) hat sich hier (und womöglich anderswo – Conrad Gessners Fischbuch erscheint aber erst 1558) inspirieren lassen und die Fische geographisch entkontextualisiert und gleichsam in einem Wimmelbild zusammengestellt. Der doppelseitige Holzschnitt erscheint 1550 in einer Ausgabe von Sebastian Münsters »Cosmographia« (noch nicht in den Ausgaben 1545, 1546, 1548):

Monstra marina & terrestria, quæ passim partibus aquilonis inueniuntur.

Hier aus: Cosmographiae universalis Lib. VI. in quibus, iuxta certioris fidei scriptorum traditionem describuntur, Omniu[m] habitabilis orbis partiu[m] situs ... Omnium gentium mores, leges, religio, res gestae, mutationes ... / autore Sebast. Munstero, [Basel: H. Petri 1552]: Seite 852/853 > http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/4452566

Der Holzschnitt wird übernommen in das im selben Verlag erscheinende Buch von Conrad Lycosthenes (1518–1561): Prodigiorum ac ostentorum chronicon, Quae praeter naturae ordinem, motum, et operationem, et in superioribus et his inferioribus mundi regionibus, ab exordio mundi usque ad haec nostra tempora, acciderunt ..., conscriptum per Conradum Lycosthenem; Basileae, per Henricum Petri [1557]. In der deutschen Fassung: »Wunderwerck oder Gottes unergründtliches vorbilden …« > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00087675/image_42 (Seite xvvi/xvvii)

Die Meerwunder sind im Bild mit Buchstaben von A bis V gekennzeichnet, und Sebastian Münster bringt eine Legende: Explicatio monstrorum quae in sequenti tabula suis picturis in aquis & terris designata / Erklerung disser tafel/ wie die seltzamme thier heissen so man in den mitnächtigen lenderen findt. (leider ohne Quellenangaben). Das Anliegen ist also ein kosmo-graphisches. Diese Legende klingt indessen aus in einem physikotheologischen Satz:

In summa: Gott hatt wöllen mächtig vnd wonderbarlich gesehen werden/ auff dem erdtrich/ in dem möre/ im heissen vnd auch im kalten land/ do mitt der vernünfftig mensch allenthalben gegenwürff [ein sinnliches Objekt als Anlass] hett/ syne hohe macht vnd wyßheit zuo erkennen/ brysen vnd loben in ewigkeit. (Hier in der deutschen Fassung 1550)

Das Wunderbare ist der Anlass dafür, dass Conrad Lycosthenes die Darstellung übernommen hat, wozu der Druckstock ja beim Verleger Heinrich Petri bereitlag. Lycosthenes hat sein Werk chonologisch aufgebaut, es beginnt mit der Schöpfung im Jahr 3959 vor Christi Geburt mit dem Titel

Von vnergründtlichenn wunderwercken Gottes/ die er syd anbeginn der Welt/ in seltzamen gschöpffen/ mißgburten/ in erscheinungen an dem himmel/ auff der erden/ in den wassern den menschen zuo anmhanung/ schrecken/ mit sondern bedeütungen vnnd nagedencken fürgepracht.

Als Wunder werden genannt: Noahs Regenbogen, Waldleute, auf Bäumen wachsende Leute, Kranichschnabelmenschen, auf Pferdehufen gehende Menschen, Blemmyer, Faune, Kynokephalen, Elefanten und andere exotische Tiere, Basilisk u.a.m. – dann eben auch (und hier profitiert er von der Legende S.Münsters) : Mörwunder/ die mit zänen/ hörnern/ im gsicht gantz grausam/ gleich fewr speyend/ vnd mit den augen zwitzern/ die sie so groß haben/ das ettwan ein aug sechzehen oder zwentzig schuoh weyt. Vierecket köpff haben sye/ vnd ein bart von stechlen wie die ygel …

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Vom Flugblatt ins naturwissenschaftliche Werk

Anhand solcher Bildwanderungen von einer Gattung (die Medienwissenschaft spricht von ›Format‹) in eine andere wird ersichtlich, wie wenig konturiert die naturwissenschaftliche Welt im 16. Jahrhundert war. Vgl. dazu: Paul Michel, Das aller schützlichest thier so geseyn mag. Monströses in der frühneuzeitlichen Zoologie, in: Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik, Bearb. von Peggy Große, G. Ulrich Großmann, Johannes Pommeranz. Begleitband zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum vom 7. Mai bis 6. September 2015, Nürnberg 2015, S. 47–59.

Erstes Beispiel: Das ›Monstrum marinum‹

1523 (frühestens) erscheint ein Flugblatt mit dem Titel Das merwunder ist gesehen worden zuo Rom in rippa/maiori an dem dritten tag des Nouemberß vnd ist gesein in der grösse als ein kindt von fünff iaren/ und ist diß die gestalt. Im Text steht dann, dass am 23. September in Neapel ein Komet am Himmel gestanden sei, und sich aus heiterem Himmel ein Wolkenbruch ergossen habe, es habe sich ein Erdbeben ereignet und dies alles habe große Schäden angerichtet. – Ein Bezug zum merwunder wird im Text nicht hergestellt.

Ingrid Faust, unter Mitarbeit von Klaus Barthelmess u.a., Zoologische Einblattdrucke und Flugschriften vor 1800, Stuttgart: Hiersemann 1998–2010; Band V, Nr. 759.

Conrad Lycosthenes (1518–1561) publiziert 1557 auf lateinisch und deutsch ein mit gegen zweitausend (oft wiederholten) Holzschnitten ausgestattetes Buch, bestehend aus einer chronologisch geordneten Aufzählung von ›Wunderwerken Gottes‹, ›Prodigien‹, Erscheinungen, die ungewöhnlich sind (praeter naturae ordinem, motum, et operationem), von den üblichen Ordnungsregeln der Natur abweichen. Diese Monstra werden verstanden als Fingerzeig Gottes, der mahnt und droht; freilich werden die Ermahnungen selten ausgetextet.

Hier heißt es zum Jahr 1523, im September sei in Neapel ein Strobelstern (Komet) erschienen. Dann (in der deutschen Übersetzung des lateinsichen Lycosthenes von Johann Herold):

So grausam wätter kam mit plitzg/ donner vnnd anderm/ das gleich das feür vom himmel fiel hauffenweys. Es kam darzuo ein erdbidem/ ein wolckenbruch/ vnd grausame güß […]. Dann: Den dritten Weynmonat zuo Rom an der Schiffländt/ do sah man ein mhörwunder/ das was ein fräuwlin/ hat ein Igelßhauben/ sah schier einem affen glych mit dem angesicht mit den ohren einem hund. Er bringt das Monstrum in Zusammenhang mit der Eroberung von Rhodos durch die Türken im selben Jahr.

Conrad Lycosthenes, Wunderwerck oder Gottes unergründtliches vorbilden, das er inn seinen gschöpffen allen, so Geystlichen, so leyblichen ... von anbegin der weldt, biß zu unserer diser zeit, erscheynen ... lassen: Alles mit schönen Abbildungen gezierdt ..., durch Johann Herold ... Verteütscht, Basel: Petri 1557. – Reprint Hildesheim: Olms 2007.

Conrad Gessner (1516–1565) bringt im Fischbuch (1558) das Bild eines Meerwunders, das am 3. November 1523 in Rom gefunden worden sei. Auch er nennt den Wolkenbruch in Neapel im September 1523, aber der lateinische Text verwendet andere Worte. In der deutschen Übersetzung von Forrer 1563 lautet das so:

Dises gegenwirtig Meerwunder ist zuo Rom gesehen worden/ in dem grösseren gestad den dritten tag Wintermonats deß 1523. jars. In der grösse als ein fünff järigs kind/ in sölcher gestalt gantzlich wie es sich hie erzeigt.

Das zugehörige Bild ist in der lat. Ausgabe 1558 angeschrieben mit Monstrum marinum, ex tabula quadam impressa in Germania olim. Bei diesem ›einst in Deutschland gedruckten Bild‹ handelt es sich um das erwähnte Flugblatt mit deutschen Text und dem Bild des aus Fischleib und Frauenoberkörper zusammengesetzten Monstrums:

Conradi Gesneri medici Tigurini Historiae animalium liber IIII. qui est de piscium & aquatilium animantium natura: cum iconibus singulorum ad vivum expressis …, Tiguri: apud Christoph. Froschoverum, anno 1558. pag. 522 > http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/5356831

Beide Autoren haben dasselbe Flugblatt verwendet (und dessen deutschen Text verschieden ins Lateinische übersetzt). Dass Lycosthenes sein Buch aus Flugblättern mit Wunderberichten speist, ist nicht erstaunlich; dass der Naturforscher Gessner solche Quellen beizieht, aber schon.

 

Zweites Beispiel: Der ›Forstteufel‹

1531 erscheint ein Flugblatt, das ein in der Nähe von Salzburg gefundenes Tier (Beste) zeigt und (auf französisch) beschreibt — Abbildung bei Ingrid Faust, unter Mitarbeit von Klaus Barthelmess u.a., Zoologische Einblattdrucke und Flugschriften vor 1800, Stuttgart: Hiersemann 1998–2010; Band V, Nr. 760.

Conrad Gessner bingt im Tierbuch (1551) im Kapitel De Satyro die Geschichte vom Forstteüfel, der dannzumal im Bisthuomb zuo Saltzburg/ im Hanßberger Forst beobachtet worden sei. Wiewol dises thier von niemants mer gesehen worden/ dann eben zuo vnsern zeyten/ vnd gefangen im jar nach Christi geburt M.D.XXXI. [… ist es] on zweyfel ein erschrockenliche bedeütliche wundergeburt gewesen. (Forrers Übersetzung 1563) – Er hat es auf dem Flugblatt kennengelernt, das ihm Georg Fabricius samt einer Beschreibung zugesandt hat (Hist. Anim. I, S. 979: Satyrorum historiæ subijciendum duxi monstrum illud, cuius effigiem apposui, quem eximiæ eruditionis & humanitatis uir Georgius Fabricius ex Misnia Germaniæ ad nos misit & simul descriptionem).

Conradi Gesneri medici Tigurini historiae animalium lib. I. de quadrupedibus viviparis. Opus philosophis, medicis, grammaticis, philologis, poëtis & omnibus rerum linguarumque variarum studiosis, utilissimum simul iucundissimumque futurum. Tiguri: apud Christ. Froschoverum, anno 1551, pag. 978 > http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/627431

Thierbuoch Das ist ein kurtze bschreybung aller vierfüssigen Thieren/ so auff der Erden und in wassern wonend, sampt jrer waren Conterfactur […] durch D. Cuonrat Forer zuo mererem nutz aller mengklichem in das Teütsch gebracht/ vnd in ein kurtze komliche ordnung gezogen. Getruckt zuo Zürych bey Christoffel Froschower im Jar als man zalt M.D.LXIII. fol. XIr > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-5027

Das Lebewesen macht sodann Furore: Johann Jacob Wick (1522–1588) lässt es für seine Prodigiensammlung zum Jahr 1531 aus Gessners Buch abzeichnen, wiewol dises thier von niemands mer gesähen worden, dan eben zuo unseren zyten, und gefangen im iar nach Christi geburt 1531. Er schreibt dem Wesen auf den Leib: o du käzer. Vgl. Die Wickiana. Johann Jakob Wicks Nachrichtensammlung aus dem 16.Jh., Texte und Bilder zu den Jahren 1560–1571, hg. Matthias Senn, Küsnacht-Zürich: Raggi-Verlag 1975, S. 52.

Conrad Lycosthenes nimmt es selbstverständlich gerne in seine Prodigiensammlung 1557 auf:

Conrad Lycosthenes, Wunderwerck, 1557 (wie oben), zum Jahr 1531, pag. cccclxxxiij.

Pierre Boaistuau übernimmt es in seinen »Histoires Prodigievses« (1568).

Das Wesen wandert auch wieder zurück in die zoologische Fachliteratur: Die Plinius-Übersetzung (1565) bringt das Bild im Kapitel Von etlichen wunderbarlichen Thieren/ die im Mohrenland vnd in India jhr wohnung haben (entsprechend Plinius nat hist VIII,xxx,72ff) als Jungkfrauwaff. Und er zitiert dazu das Emblembuch von Andrea Alciato, wo jener die Sphinx allegorisch auslegt!

Caij Plinij Secundi / Des furtrefflichen Hochgelehrten Alten Philosophi / Bücher und schrifften / von der Natur / art vnd eigentschafft der Creaturen oder Geschöpffe Gottes […] Frankfurt: Sigmund Feyerabend 1565; Seite 128f. > https://books.google.ch/books?id=m3NCAAAAcAAJ

(Noch nicht eingesehen: die Lizentiatsarbeit zum Forstteufel von Philipp Stähli, Universität Zürich 2014.)

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Von der Mythologie ins naturwissenschaftliche Werk

Hier zwei Beispiele aus der deutschen Übersetzung der Plinius-Teilausgabe (1565), die vom Übersetzer Johannes Heyden, Eifflender von Dhaun mit vielen fürtrefflichen Historien gebessert und gemehrt wurde: Caij Plinij Secundi / Des furtrefflichen Hochgelehrten Alten Philosophi / Bücher und schrifften / von der Natur / art vnd eigentschafft der Creaturen oder Geschöpffe Gottes […] Auß dem Latein verteutscht durch M. Johannem Heyden / Eifflender von Dhaun […] Mit einem Zusatz auß H. Göttlichen Schrifft, vnd den alten Lehrern der Christlichen Kirchen, Frankfurt: Sigmund Feyerabend 1565. Leider schlecht digitalisiert bei > http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10140858.html

Erstes Beispiel:

Im Kapitel über den Wolf (vgl. Plinius, nat. hist. VIII, xxxiv, 80–84 [moderne Zählung]) erwähnt die Erweiterung des Übersetzers die Geschichte von Romulus und Remus aus der Stadtgeschichte von Livius. S.Feyerabend setzt das Bild von der Romulus und Remus säugenden Wölfin dazu:

Das Bild erscheint in einer Ausgabe von Livius in seinem Verlag: Titus Liuius, Vnd Lucius Florus. Von Ankunfft vnd Vrsprung deß Römischen Reichs/ der alten Römer herkommen, Sitten, Weyßheit ... Auch von allerley Händeln vnd Geschichten, so sich in Fried vnd Krieg, zu Rom, in Italia, vnd bey andern Nationen ... fast innerhalb acht hundert jaren ... biß auff der ersten Römischen Keyser Regierung, verloffen vnd zugetragen Jetzung auffs neuw auß dem Latein verteutscht … durch Zachariam Münzer; Mit schönen Figuren geziert, deßgleichen vorhin im Druck nie außgangen, Franckfurt am Mayn; Raab, Feyrabend und Han 1568. > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10140771_00037.html   Dasselbe Bild hat er wieder verwendet in: Neuwe Livische Figuren/ Darinnen die gantze Römische Historien künstlich begriffen und angezeigt. Geordnet und gestellt durch ... Johann Bockspergern von Saltzburg, den jüngern und mit sonderm fleiß nachgerissen durch ... Joß Ammann von Zürych. Nachmals mit Teutschen Reimen kurtz begriffen und erkl. durch Heinrich Peter Rebenstock ... Franckfurt am Mayn: Raben und Hauen, 1573. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00028280/image_13

Bibliothekskataloge weisen keine bei Feyerabend gedruckte Livius-Ausgabe vor 1586 nach. Möglicherweise lag das Bild mit der die Kinder säugenden Wölfin für die Livius-Ausgabe schon bereit und wurde von Feyerabend bereits vorher in das naturkundliche Werk von Plinius inseriert.

Zweites Beispiel:

Im Kapitel über den Drachen (Plinius, nat.hist. VIII, xiii – xiv) bringt Feyerabend auf S. 103ff. zunächst einen Holzschnitt, den er wie viele andere aus dem »Thierbuch Alberti Magni« (Frankfurt am Main: Jacob 1545) übernimmt, und dann

vier Holzschnitte, die Virgil Solis (1514–1562) für die Ausgabe von Ovids Metamorphosen erschaffen hat, die eben gerade bei Feyerabend erschienen ist: Metamorphoses Ovidii, Argumentis quidem soluta oratione, […], summaque diligentia ac studio illustratae, […] una cum uiuis singularum transformationum Iconibus a Virgilio Solis, eximio pictore, delineatis, Frankfurt: G. Coruinus, S. Feyerabent, & haeredes VVygandi Galli, 1563.

• Apollo tötet Python (Met. I, 438ff.)

• Iason schläfert den Drachen ein (Met. VII, 149ff.)

• Cadmus tötet den Drachen (Met. III,31ff.) – unsinnigerweise ist der Kampf von Herkules gegen Cerberus (Met. VII, 420ff.) dazu gesetzt.

Hier das Bild aus dem Ovid zur Szene, wo Apollo den Drachen Python tötet, im ursprünglichen Kontext:

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00079965/image_44

Drittes Beispiel:

Das Kapitel über die Heuschrecken (Plinius nat. hist. XI, xxxv, 101ff. de locustis) vermehrt der Übersetzer Johannes Heyden mit Zitaten aus der Bibel (Jesaias 40; Proverbia 30; Exodus 10; Matthäus 3; Amos 7). Während sich Feyerabend für die Seidenraupe (Bombyx) und die Indianische Ameise im Thierbuch Alberti Magni. Von Art Natur vnd Eygenschafft der Thierer/ als nemlich von vier füssigen/ Vögeln/ Fyschen/ Schlangen oder kriechenden Thieren/ vnd von den kleinen gewürmen die man Insecta nennet/ durch Waltherum Ryff verteutscht, Frankfurt am Main: Jacob 1545 bedienen konnte, fehlt ihm in der (noch raren) zoologischen Literatur ein Bild der Heuschrecke.

Das Insektenbuch hatte Conrad Gessner (gest. 1565) nicht mehr herausgeben können; es ist eingegangen in das Buch von Thomas Muffet (1553–1604): Insectorum sive minimorum animalium theatrum: olim ab Edoardo Wottono, Conrado Gesnero, Thomaque Pennio inchoatum: tandem Tho. Movfeti Londinâtis operâ sumptibusq; maximis concinnatum, auctum, perfectum: et ad vivum expressis iconibus suprà quingentis illustratum. Londini: ex officinâ typographicâ T. Cotes 1634. Hier gäbe es ein Bild. Das Buch kennt Feyerabend offenbar nicht. – Aber er ist nicht verlegen:

Das Bild stammt aus der Aesop-Ausgabe, die Virgil Solis (1514–1562) illustriert hat. Aesopi Phrygis fabulae […], Francofurti ad Moenum: Corvinus, Feyrabend & Gallus 1566. Es gehört zur Fabel der im Sommer musizierenden Grille und der fleißigen Ameise (Perry Nr. 373).

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Von der Bibelillustration ins ethnographische Werk

Olaus Magnus (1490–1557, aus Götland) verfasst 1555 sein gewaltiges Werk über die Länder des Nordens. Darin beschreibt er auch die Kornernte. Liber XIII, Cap. viiii: De diversitate messium colligendarum. (Deutsche Übersetzung, Basel 1567; XIII,5:) Von der Ernd oder Schnitt- vnd wie man die Frucht in die Scheüwrn samlet. Olaus berichtet, wie die Menschen in den mitnächtigen Ländern im Augst mit gemeiner hülff und guotem muot der Bauwrn eingeschnitten werden; als Lohn heischen die Helfer nur eine fröliche abendzech … Zu jedem Kapitel bringt er auch einen Holzschnitt, hier:

Quelle: Historia De Gentibvs Septentrionalibvs, Earvmque Diversis Statibvs, Conditionibvs Moribvs, Ritibvs, Svperstitionibvs, disciplinis, exercitiis, regimine, victu, bellis, structuris, instrumentis, ac mineris metallicis, & rebus mirabilibus, necnon vniuersis pene animalibus in Septentrione degentibus, eorumque natura. Opvs Vt Varivm, Plvrimarvmqve Rervm Cognitione Refertvm, ... maxima lectoris animum voluptate facile perfundens. Autore Olao Magno … Romae: G. M. de Viottis M.D.LV.; XIII, 8 > http://runeberg.org/olmagnus/0522.html

Das Bild beruht nicht auf Beobachtung norröner Bauern, sondern stammt weitgehend aus einer Bibelillustration; die skandinavische Ährenleserin hat einen Migrationshintergrund:

Hans Holbein der Jüngere (1497–1543) ist nach Ausweis eines Lobgedichts in der Ausgabe 1539 der Schöpfer der 91 Bilder der Lyoner Bilderbibel: Historiarum veteris Testamenti Icones ad vivum expressae, Lugdunum 1538. – 2. Auflage mit französischen Übersetzungen: Lugduni, sub Scuto Coloniensi [François et Jean Frellon]. M.D.XXXIX, 1539. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00075239/image_1

Im Buch Ruth wird geschildert, wie Ruth auf dem Feld des Boas hinter den Schnittern die übrig geblieben Ähren aufliest. Boas fragt die Schnitter, wer die junge Frau sei. Usw.

Typisch für eine Kopie eines Holzschnitts ist, dass er seitenverkehrt ist. Dem Boas hat der Illustrator von Olaus Magnus einen Weinkrug in die Hand gegeben; wohl ein Hinweis auf die fröliche abendzech.

(Übrigens: Man liest immer wieder, die Illustrationen der Zürcher Bibel von 1531 stammten von Holbein. Das ist falsch. Ein unbekannter, nicht unbegabter Künstler hat die von Holbein geschaffenen, aber erst 1538 publizierten Holzschnitte kopiert. Das Bild von Ruth beim Ährensammeln kommt 1531 nicht vor.)

Auf diese Übernahme hat hingewiesen Nils-Arvid Bringéus, Volkstümliche Bilderkunde, München: Callwey 1982, S. 89.

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Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733)

J. J. Scheuchzer sammelte zeit seines Lebens Materialien für eine Enzyklopädie. Bei der Anordnung folgte er indessen nicht einer wissenschaftlich-synthetischen Systematik, sondern er folgt demTextablauf der Offenbarung in der Bibel, von der Genesis bis zur Apokalypse, weil er der Ansicht ist, dass der inspirierte Bibeltext die sinnreichere Abfolge der Gegenstände abgibt als ein vom Menschen ausgehecktes System. So entstanden die vier Foliobände der »Physica Sacra«. Zu allem Möglichen, was in der Bibel vorkommt, bringt er seine Lesefrüchte und Erkenntnisse aus den eigenen Sammlungen an: Astronomie – Meteorologie – Metallurgie – Botanik – Zoologie – Anthropologie – Numismatik – Antikenkunde – Geographie; alles steht im Sinne der Physikotheologie im Dienst der Erkenntnis von des Schöpfers Allmacht, Weisheit, Güte.

Physica Sacra Johannis Jacobi Scheuchzeri, Medicinae Doctoris, & Math. in Lyceo Tigurino Prof. ... Iconibvs Aeneis illustrata procurante & sumtus suppeditante Johanne Andrea Pfeffel, Augustano, Sacrae Caesareae Majestatis Chalcographo aulico, Augustae Vindelicorum & Ulmae: Pfeffel 1731–1735.

Kupfer-Bibel, in welcher die physica sacra, oder geheiligte Natur-Wissenschafft derer in Heil. Schrifft vorkommenden natürlichen Sachen, deutlich erklärt und bewährt von Joh. Jacob Scheuchzer ... : anbey zur Erläuterung und Zierde des Wercks in künstlichen Kupfer-Tafeln ausgegeben und verlegt durch Johann Andreas Pfeffel; Ulm: Wagner 1731–1735. > http://www.e-rara.ch/zut/content/titleinfo/2962695

Das Werk enthält 750 informationstragende Illustrationen (Kupferstiche in Folioformat, plus einige weitere Bilder). Scheuchzer überwachte das Bildprogramm genau. In den erhaltenen Manuskripten (Druckvorlagen) sieht man Zeichnungen von seiner Hand sowie auch aus Büchern ausgeschnittene und eingeklebte Bilder (cut and paste).

Scheuchzer bekennt sich zum Eklektizismus. In der Vorrede zur Physica Sacra schreibt er 1731: Steine und Holtz nehme ich von andern, die Aufrichtung und Gestalt des Gebäudes aber ist gantz unser; Ich bin der Baumeister, ob ich wol die Baugeräthe da und dorten her zusammen getragen; das Gewebe der Spinnen ist deßhalben nicht umso besser, weilen sie die Faden aus sich selbsten spinnet: Und unsere Arbeit um deßwillen nicht desto geringer, weilen wir dieselbige gleich denen Bienen aus andern saugen (auch dieser Vergleich ist ein Zitat; aus Justus Lipsius).

Scheuchzer zitiert seine Quellen in der Regel hinlänglich genau, so dass sie mit den modernern bibliothekarischen Techniken gefunden werden können. (Es wäre ein umfangreiches Projekt, die Quellen der ca. 2000 Bilder ausfindig zu machen.)

Literaturhinweise speziell zur Illustrationstechnik Scheuchzers:

Robert Felfe, Naturgeschichte als kunstvolle Synthese. Physikotheologie und Bildpraxis bei Johann Jakob Scheuchzer, Berlin: Akademie-Verlag, 2003.

Jochen Hesse, »Zur Erlauterung und Zierde des Wercks«. Dei Illustrationen der Kupferbibel »Physica Sacra«, in: Urs B. Leu (Hg.) Natura Sacra. Der Frühaufklärer Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733), Zug: Achius-Verlag 2012, S. 105–128.

Irmgard Müsch, Geheiligte Naturwissenschaft. Die Kupfer-Bibel des Johann Jakob Scheuchzer, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2000 (Rekonstruktion der Künste, Band 4).

Erstes Beispiel: Der Vogel Strauß

Im 3. Buch Moses (Leviticus), Kapitel 11 ist von den reinen und unreinen Tieren die Rede. Vers 16 wird der Verzehr von Straußenfleisch verboten. Das gibt Scheuchzer Gelegenheit, über diesen Vogel zu schreiben (S. 415): Der Strauß nistet auf der Erde und verschlingt alles, was ihm vorkommt; sein Fleisch und seine Eier sind hart zu verdauen und von schlechter Nahrungs-Krafft, was auf den Magen des Straußes zurückzuführen ist. Hier zitiert Scheuchzer ausführlich Vallisnieris Sektionsbefund eines Straußenmagens: In einem ersten Sack befanden sich allerhand ohne Unterscheid eingeschluckte Sachen, Kräuter, Saamen, Früchte, Stein, Nägel, Strick, Glaß, Müntzen, Bley, Zinn, Kupfer, Beine, Holtz. […] Der Magen-Hebel oder Dauungs-Safft und Säure sey sehr scharff und etzend […]. Die dadurch ermöglichte Verdauung von Stein und Metallen mache das Fleisch ungenießbar, und werde deshalb von der hl. Schrift verboten.

Viele Bilder bei Scheuchzer sind so organisiert:

• ein Architekturrahmen – der hier das Ei des Straußes enthält – umschließt den sog.

• der Bildspiegel, hier eine (nicht bedeutungstragende) Landschaft, in dem der Magen des Straußes liegt;

• über den Rahmen gehängt und den Bildspiegel teils verdeckend hängt ein Papier / eine Leinwand, auf der eine Zeichnung, mit der eine andre Ansicht desselben Tiers (hier das Skelett) gezeigt wird.

J. J. Scheuchzer, Physica Sacra, Tafel CCXLV — Die Vorzeichnung von Johann Melchior Füssli ist von der Zentralbibliothek Zürich (Projekt Digitur) digitalisiert > http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-33336

Nach Ansicht der älteren Zoologie (die Scheuchzer nicht referiert), frisst der Strauß Eisen. Dagegen haben bereits Albertus Magnus (de animalibus, Lib. XXIII, Cap. 24, ¶ 139) und Sir Thomas Browne (1605–1682) in seiner »Pseudodoxia Epidemica« (Book III, Chapter xxii) polemisiert.

Literaturhinweis: Thierry Buquet, Can Ostriches Digest Iron? > http://mad.hypotheses.org/131 {Mai 2015}

In der Kosmographie des Sebastian Münster (1488–1552; es gibt viele Ausgaben, wir greifen die von 1546 heraus) wird die Geschichte mit Bild kolportiert: So man disen vogel abthuot/ findt man gemeinlich in seinem magen stein vnd etwan eysen/ vnd die soll er verzeren so sie lang bey im geligen.

Cosmographia. Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum in wölcher begriffen. Aller völcker Herrschafften, Stetten vnnd namhafftiger flecken / härkom(m)en […] Allenthalben fast seer gemeret und gebessert / auch mit einem zuogelegten Register vil breüchlicher gemacht. Basel, Heinrich Petri, 1546; pag. dcccvij und folgende.

Dasselbe Bild erscheint in der im selben Verlag erscheinenden deutschen Übersetzung des spätantiken Geschichtsschreibers Diodorus Siculus – allerdings ohne die Geschichte vom Eisen-Fressen, denn hier liegt eine andere Texttradition vor, hier möglicherweise ein authentische Beobachtung:

Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung, durch was verwähnungen denselben etwas vermeynder macht zugemessen, vmb dero willen sie von den alten verehret worden, pp. pp. […] Diodori des Siciliers vnder den Griechen berhümptesten Geschichtschreibers sechs Bücher, pp. pp. […] Durch Johann Herold beschriben vnd ins teütsch zuosammen gepracht, Basel: Henrich Petri 1554; pag. cxxxij zum hirtzuogel (Hirschvogel; evtl. eine Übersetzung von στρουθοκάμηλος).

In der deutschen Übersetzung der Plinius-Teilausgabe ziert ein ein Hufeisen fressender Strauß das Titelbild des Kapitels über die Vögel

Caij Plinij Secundi / Des furtrefflichen Hochgelehrten Alten Philosophi / Bücher und schrifften / von der Natur / art vnd eigenschafft der Creaturen oder Geschöpffe Gottes […] Auß dem Latein verteutscht durch M. Johannem Heyden / Eifflender von Dhaun […] Mit einem Zusatz auß H. Göttlichen Schrifft, vnd den alten Lehrern der Christlichen Kirchen, Frankfurt: Sigmund Feyerabend 1565.

Im Text (S. 400) freilich wird Albertus Magnus zitiert: Albertus: Vom Strauß wirt gesagt/ er sol das Eisen fressen/ vnnd Stahel verdöuwen mögen/ aber solchs hab ich noch nit erfahren/ denn wie wol ich vil mal den Straussen Eisen fürgeworffen/ so haben sie es doch nit wöllen fressen/ oder insich schlucken/ aber grosse Bein zuo kleinen stücklin urschlagen/ vnd harte Kißling haben sie verschluckt.

In Ulyssis Aldrovandi Ornithologiae, hoc est de avibus historiae libri XII, Tomus I, 1599 hält der Strauß auf S. 591 ein Hufeisen im Schnabel; S. 597 ist ein Skelett gezeichnet, aber ohne Hufeisen. Im Text wird der Bericht von Albertus Magnus zitiert.

Quelle: http://amshistorica.unibo.it/26

In der barocken Emblematik ist die Vorstellung beliebt:

Petrus Isselburg / Georg Rem, Emblemata Politica. In aula magna Curiæ Noribergensis depicta, Nürnberg 1617 und nochmals 1640; Emblem Nr. 16: Dass der Strauß Eisen verdauen kann, wird allegorisch so gedeuet: Obwohl der Lästerer Wort sehr schneidn/ Kanns doch der Grecht mit Gdult leicht leidn.

Das Bild des Skeletts stammt aus Gerhard Blasius (1625–1692), Tab. XXXIX, Nr. IV. Warum dieser Anatom es hat durchgehen lassen, dass auf seinem Bild der Strauß ein Hufeisen im Schnabel hält? Oder ist das ein Scherz? Und warum Scheuchzer es hat durchgehen lassen, dass dieses Bild so übernommen wurde? Oder ist das auch ein Scherz?

Gerhard Blasius, Anatome animalium, terrestrium variorum, volatilium, aquatilium, serpentum, insectorum, overumque, structuram naturalem ex veterum, recentiorum, propriisque observationibus proponens, figuris variis illustrata. Amsterdam, [Van Someren] 1681. > https://books.google.ch/books?id=-PE051sG_PIC&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Antonio Vallisnieri (1661–1730) hat den Magen eines Straußes obduziert und genau beschrieben und mitsamt einem darin steckenden Nagel abgezeichnet. Scheuchzer übernimmt und zitiert das Bild.

Vallisnieris Traktat »Natomia del Struzzo« findet sich in: Antonio Vallisneri: Esperienze ed osservazioni interno all’Origine, Sviluppi, e costumi di varj Insetti, con altre spettanti alla Naturale, e Medica Storia, Padova 1713, S. 155–194. — Die Seite ist im Digitalisat von ÖNB/GoogleBooks nicht ausgefaltet > https://books.google.ch/books?id=_2xVAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s — Hier aus dem Exemplar der Zentralbibliothek Zürich, Signatur NM 199.

Woher mag die Idee des Bildaufbaus mit dem ausgerollten Bild stammen? Ein frühes Beispiel ist Claude Perrault (1613–1688):

Claude Perrault, Description anatomique d'un cameleon, d'un castor, d'un dromadaire, d'u ours et d'une gazelle, Paris: Frédéric Leonard 1669. >http://docnum.u-strasbg.fr/cdm/ref/collection/coll13/id/61563

Gerhard Blasius kopiert 1681 diese Struktur (Tafel XIV):

Eine Anregung mag auch das Buch von Michael Bernhard Valentini gewesen sein:

Amphitheatrum Zootomicum Tabulis Æneis Quamplurimis Exhibens Historiam Animalium Anatomicam Francofurti Ad Moenum 1720. > http://diglib.hab.de/drucke/nh-2f-34/start.htm oder > https://books.google.ch/books?id=vCBVAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Zweites Beispiel: Die Herzpumpe

Der Psalmvers 33,15 »Er hat ihrer aller Hertzen gestaltet« gibt Scheuchzer Gelegenheit, über das Herz als Objekt der Anatomie zu sprechen. (Der theologische Gehalt des Psalms – es geht hier um das Herz als innerstes Organ, in dem Gott den Menschen erkennt – wird im Bildspiegel nur gerade angetönt, wo ein Mann von einem aus dem Himmel hervorstrahlenden Satz getroffen wird: Gib mir, mein Sohn, dein Hertz – fili mi praebe cor tuum [Sprüche 23,26] und sich ans Herz greift.)

Scheuchzer beschreibt (mit Verweis auf die Abbildung unten in der Rahmenzone des Kupferstichs) das Funktionieren einer Feuerspritze mit zwei Zylindern, Ansaug- und Ausgangsventilen. Der Vergleich des Herzens mit einer Pumpe geht zurück auf den Entdecker des Blutkreislaufs, William Harvey (1587–1657, De motu cordis et sanguinis, 1628):

From the structure of the heart it ist clear that the blood is constantly carried to the lungs and into the aorta as as by two clacks of a water bellows to rayse water. (nach: Thomas Wright, William Harvey: A Life in Circulation, Oxford University Press 2012)

Im Sinne der Iatromechanik wird das Organ hier als eine feinsinnigere Maschine aufgefasst.

J. J. Scheuchzer, Physica Sacra, Tafel DXLIV

Die anatomischen Bilder des Herzens könnte der Arzt Scheuchzer durchaus aus eigener Anschauung beigebracht haben. Hier interessiert das Bild der Feuerspritze. Es ist einer Abhandlung von Giovanni Alfonso Borelli (1608–1679) »De Motu Animalium« entnommen. In der deutschen Bearbeitung von S. H. Schmidt heißt es nach einer ausführlichen Beschreibung der Anatomie: Es

verhält sich also das Hertz als eine machine, die nicht unähnlich ist einem so genannten Hydracontisterio, Wasser= oder Feuer-Spritze/ welche mit hiezu bereiteten und geschickten ventiln oder Thürlein an der Oeffnung versehen/ das Wasser von einer Seiten einpumpen läst/ und so bald der Druck durch den Embolum geschiehet/ und dadurch das eine ventil wieder zufällt/ das eingepumpte Wasser durch das andere vom forcirten Wasser ausgestossene ventil mit grosser Gewalt wieder von sich wirffet. Fig. 8.9. (§ 7; S.23)

Silvester Heinrich Schmidt, Von der wundersamen Macht der Muskeln, welche ... aus des Borell seinem vorrtefflichen Werck von Bewegung der Thiere in einem kurtzen Auszug fürstellet ... [Heilsbronn] 1706. — Die lat. Ausgaben wie z.B. die folgende haben das Bild der Feuerspritze nicht (vielleicht ist sie dort im Text beschrieben): Joh. Alphonsi Borelli philosophia de motu animalium ex unico principio mechanico-statico per compendium deducta et in illust. ill. ad fontes salutis Athenaeo exercitationibus publicis exposita, Heilbronna 1705. > https://books.google.ch/books?id=0sg3R-gBEtoC&pg=PA20#v=twopage

Das Modell erscheint ebenfalls in der berühmten Graphik von Dr. Fritz Kahn (1888–1968) »Der Mensch als Jndustriepalast« (1926):

(Das ganze Bild ist im WWWeb omnipräsent.)

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Der Popularisator Eberhard Werner Happel (1647–1690)

In einem der ersten Hefte seiner Wochenschrift referiert Happel das Buch »Mundus Subterraneus« des Universalgelehrten Athanasius Kircher (1602–1680), der aufgrund bestimmter Beobachtungen annahm, die Meere seien durch unterirdische Ausgänge miteinander verbunden und unter der Erde gebe es reichhaltige Reservoirs sowie ein das Wasser heizendes Zentralfeuer.

Athanasii Kircheri E Soc. Jesu Mundus Subterraneus: in XII Libros digestus; Qvo Divinum Subterrestris Mundi Opificium, mira Ergasteriorum Naturæ in eo distributio, verbo pantamorphon Protei Regnum, Universæ denique Naturæ majestas & divitiæ summa rerum varietate exponuntur, Amstelodami: apud Ioannem Ianssonium & Elizeum Weyerstraten 1664. > http://www.e-rara.ch/doi/10.3931/e-rara-Vergil

Bei Happel ist der ursprünglich zwei Folioseiten große Kupferstich auf einen Holzschnitt im Oktavformat verkleinert: Abbildung der Unter-irdischen Wassergänge und wie ein Theil des Wassers vom Centralischen Feüwer erhitzet werde.

E. G. Happelii Gröste Denkwürdigkeiten der Welt Oder so genannte Relationes Curiosæ. Worinnen dargestellet/ und Nach dem Probier-Stein der Vernunfft examiniret werden/ die vornehmsten Physicalis. Mathematis. Historische und andere Merckwürdige Seltzamkeiten/ Welche an unserm sichtbahren Himmel/ in und unter der Erden/ und im Meer jemahlen zu finden oder zu sehen gewesen/ und sich begeben haben. Der Erste Theil. Einem jeden curieusen Liebhaber zu gut auffgesetzet/ in Druck verfertiget/ und mit vielen Figuren und Abrissen erläutert, Hamburg: Wiering 1683. (S. 170ff.) > http://gdz.sub.uni-goettingen.de/dms/load/img/?PID=PPN615799892|LOG_0020

Vgl. ferner auch: Die Bilderwelt in Eberhard Werner Happel, »Gröste Denckwürdigkeiten der Welt« [Link auf eine Website der UZH]

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Einfache Übernahme oder mittels Zitat intendierte Aussage?

Aeneas fährt mit seinen Schiffen von Sizilien aus Richtung Italien. Die den Trojanern zürnende Göttin Juno lässt Aeolus einen Seestrum entfesseln, der die Flotte teilweise zerstört. Der Aeneas gewogene Gott Neptun glättet die Wogen. Aeneas und Gefährten steuern auf Libyen zu und gelangen nach Karthago. (Vergil, Aeneis I, 50ff. und 124ff.)

Sebastian Brant (1457–1521) bringt in seiner reich bebilderten Vergil-Ausgabe (1502) folgenden Holzschnitt zur Szene. (Oben rechts Juno, die Aeolus überredet; links die in alle vier Himmelsrichtungen ausströmenden Stürme; Mitte links Neptun, der das Meer beruhigt.)

Publij Virgilij Maronis Opera cum quinque vulgatis commentariis ex politissimisque figuris… Straßburg: Grüninger 1502. – Fol. CXXIIII verso
> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502/0266

Der Forschung ist schon früh aufgefallen, dass die zwei prominent gezeigten Schiffe ziemlich genaue Übernahmen sind aus der Publikation, durch die 1494 die Reise des Kolumbus bekannt wurde – ein Buch, das der damals in Basel lebende Brant mitbetreut hat:

Cristoforo Colombo / Leander de Cosco / Leonardus Carmini, De insulis inventis, Epistula Cristoferi Colom, cui aetas nostra multum debet: de insulis in mari Indico nuper inventis [Basel: Bergmann von Olpe 1494]

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00026585/image_7
> http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-10932 brant

Bernd Schneider plädiert in seinem vorzüglichen Aufsatz dafür, »dass Brant mit der Übernahme der Schiffe auch Parallelen zwischen der Reise des Aeneas von Troja zu den neuen Ufern Italiens und der Entdeckerfahrt des Kolumbus in die neue Welt andeuten wollte.«

Man könnte sich indessen auch fragen, woher der Illustrator um 1500 sonst Bilder von Hochseeschiffen hätte bekommen können? (Allenfalls in der Bibel die Arche Noahs oder das Schiff von Jonas; oder das Schiff des Ulisses in der Schedelschen Weltchronik Fol. XLIr).

Im 10.Buch, wo Aeneas dann wirklich in Italien ankommt, kommen viele Schiffe vor (Verse 166ff., 219ff., 287ff.), die alle visualisiert werden, aber anders.

Auch war Brant von ›kolumbischen‹ Erkundungsfahrten keineswegs begeistert. Im »Narrenschiff«, Kap. 66 Von erfarung aller land schreibt er 1494:

Ich halt den ouch nit jtel wiß
Der all syn synn leidt [legt]/ vnd syn fliß
Wie er erkund all stett/ vnd landt
Vnd nymbt den zyrckel jn die hant
Das er dar durch berichtet werd
Wie breit/ wie lang/ wie witt die erd
Wie dieff/ vnd verr sich zieh das mer
[…] Wie sich das mer zů end der welt
Haltt/ […] Ob man hab vmb die gantz welt fůr [führe]
Was volcks wone vnder yeder schnůr [unter jedem Erdkreis]/
Ob vnder vnsern füessen lüt
Ouch sygen […]

Literatur:

Bernd Schneider, ›Virgilius pictus‹. Sebastian Brants illustrierte Vergilausgabe von 1502 und ihre Nachwirkung. Ein Beitrag zur Vergilrezeption im deutschen Humanismus, in: Wolfenbütteler Beiträge Bd. 6 (1983) S. 202–262, bes. S. 219; mit Verweis auf

Anna Cox Brinton, The Ships of Columbus in Brant’s Virgil, in: Art and Archaeology 26 (1928), p. 83–86. 94.

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Vom unsorgfältigen Umgang mit den Druckstöcken

Die Illustratoren der Vergilausgabe 1502 zeigen auf mehreren Bildern die Unterwelt, die Vergil im 6.Buch der »Aeneis« schildert. So sind zu Vers VI,295ff. die Unterweltsflüsse Acheron, Cocytus und Styx zu sehen, der Fährmann Charon, der Seelen in seinem Nachen übersetzt; im Hintergrund rechts Aenas in der Begleitung der Sibylle, der dem Palinurus begegnet.

Über der Quelle der Unterweltsflüsse das Maul eines riesigen Ungetüms. Die Darstellung mag angeregt sein durch den im Text erwähnten Schlund des Orcus (in faucibus Orci Vers 273), beruht aber wohl auf der gängigen Ikonographie des Höllenschlunds, in den die sündigen Seelen durch Teufel hineingetrieben werden oder aus dem die Abgeschiedenen ein Engel oder Christus hinausführt; vgl. > https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Harrowing_of_Hell.jpg > https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0a/Hellmouth.jpg

Publij Virgilij Maronis Opera cum quinque vulgatis commentariis ex politissimisque figuris… Straßburg: Grüninger 1502. – Fol. CCLV verso < http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502

Das Höllenmaul ist wohl der Anlass dafür, dass der Verleger Grüninger das Bild in Gregor Reischs »Margarita Philosophica« übernommen hat, um das Kapitel De locis infernalibus (Liber undecimus, Cap. xlij) zu illustrieren: Vier verschiedene Orte der Hölle im Gebiet des Leides. Ort und Art der Vorhölle der Väter. ….

Grüninger übernimmt das (in seinem Verlag zwei Jahre zuvor erschienene) Bild der heidnisch-antiken Unterwelt tel quel als Bild für die christliche Hölle; und weil es nicht in das kleinere Buchformat (von Quart zu Oktav) passt, sägt er es kurzerhand oben und links ab!

Aepitoma Omnis Phylosophiae, Alias Margarita Phylosophica, Tractans de omni genere scibili : Cum additionibus ... Argentina: Grüninger, 1504

In der Erstausgabe Freiburg: Schott 1503 > dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/reisch1503 Blatt 254b wurde dieses Bild kopiert und neu geschnitten; dabei ist die Personen-Gruppe um Aeneas durch einen Seelen peinigenden Teufel ersetzt, die Flussnamen sind weggelassen, aber seltsamerweise Charon noch mit einer Banderole angeschrieben. (Dieses Bild erscheint dann auch im Druck Basel: Furter 1517).

Literatur:

Reisch, englische Übersetzung: Sachiko Kusukawa / Andrew R. Cunningham, Natural philosophy epitomised: Books 8-11 of Gregor Reisch’s Philosophical Pearl (1503). Aldershot: Ashgate 2010; S. 300f..

Reisch, deutsche Übersetzung von Otto und Eva Schönberger, Würzburg: Königshausen & Neumann 2016; S. 476f..

Johannes Pommeranz, Die Hölle und ihr Rachen, in: Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik, Bearb. von Peggy Große, G. Ulrich Großmann, Johannes Pommeranz. Begleitband zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum vom 7. Mai bis 6. September 2015, Nürnberg 2015, S.379–405.

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Ein Reprint mit unbekanntem Drucker

1622 erscheint postum eine Sammlung von Kupfern von Christoph Murer (1558–1614):

XL emblemata miscella nova. Das ist: XL underschiedliche Außerlesene Newradierte Kunststuck: Durch Weiland den Kunstreichen und Weitberuempten Herrn Christoff Murern von Zürych inventiret unnd mit eygener handt zum Truck in Kupffer gerissen; An jetzo erstlich Zuo nutzlichem Gebrauch und Nachricht und allen Liebhabern der Malerey in Truck gefertiget/ vnd mit allerley dazu dienstlichen aufferbaulichen Reymen erkläret: durch Johann Heinrich Rordorffen/ auch Burgern daselbst. Gedruckt zuo Zürych bey Johann Ruodolff Wolffen. Anno .DC.XXII — Digitalisat: http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-10598

Literatur: Thea Vignau-Wilberg, Christoph Murer und die ›XL Emblemata miscella nova‹, Bern: Benteli 1982.

Das Buch ist nachgedruckt worden, und zwar offensichlich ab den originalen Kupferplatten; die Texte sind neu gesetzt. Der Nachdrucker hat sich die Mühe gemacht, eine der Schwabacher nachempfundene Type zu gießen. Aber weder der Drucker noch das Datum sind in dem ›Reprint‹ genannt. In den Katalogen von Bibliotheken und Antiquaren steht meist: [Zürich: Orell Füssli 1818] oder Ähnliches. Unbegründet.

Eine Vermutung. An die Stelle des Ornaments und (auf der nächsten Seite) des Familien-Wappens von Christoph Murer in der Erstausgabe 1622:

setzt der Nachdrucker dieses Signet (das Wappen fehlt):

Das Bildchen (Holzschnitt,kein Kupfer) gleicht der Druckermarke, die der Basler Verleger Brandmüller 1726 im Lexikon von Iselin verwendet hat:

Neu=vermehrtes Historisch= und Geographisches Allgemeines Lexicon, in welchem das Leben / die Thaten / und andere Merckwürdigkeiten deren Patriarchen / Propheten / Apostel / Vätter der erste Kirchen […] und nicht weniger derer Käyser / Königen / Chur= und Fürsten / Grafen, grosser Herren […] auß allen vorhin ausgegebenen und gleichen Materien handelnden Lexicis […] zusammen gezogen / dißmahlen von neuem mit Fleiß gantz übersehen / von einer grossen Anzahl Fehlern / die noch immer in denen alten Ausgaben geblieben waren / gereinigt […] von Jacob Christoff Iselin, Basel: Johann Brandmüller 1726/7.

Ob Johann Brandmüller der Nachdrucker war?

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Zählebige Bild-Traditionen

Ist ein Bild einmal publiziert, so ist es zählebig, wandert von Buch zu Buch, ja es hält sich im kulturellen Gedächtnis gegen die Empirie. Ein Beispiel sind die Lawinendarstellungen. Die Vorstellung, eine Lawine sei eine riesige Schneekugel, die bergabwärts rollt und alles in sich hineinwickelt, ist falsch.

Zum »Theuerdank« (1517) vgl. oben. Hier bingt Unfalo Tewerdannckh in Gefahr, indem er ihn mit der Aussicht auf gute Jagdbeute in die Berge lockt und heimlich einen Diener ausschickt, der mit Schneebällen eine Lawine auslöst. Er befiehlt ihm: So mach von schnee einen pallen | Unnd lass den gmach herab fallen | Das daraus werd eine leenen [Lawine] gross | Dieselb den Helden zuotodt stoss. – Dann: Als der knecht ersach den Tewrn man| macht Er pald ein pallen von schnee | derselbig lieff hinab vnnd ee | Er halben weg geloffen was | wurd der pall von schne so gross/ das | Er het mögen mit der grös sein | Bedecken ein gemeins stetlein …

Quelle: Kaiser Maximilian I, »Theuerdank«, 1517; Bild 36 (Hans Burgkmair) > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00013106/image_174

Johannes Stumpf beschreibt 1547, dass der weiche Schnee im Frühling oft von einem warmen Wind oder durch einen Vogel oder einen Ton bewegt wird, das er anfacht ein wenig rysen/ vnd zestund meeret er sich zuo einem sölichen hauffen/ das er gegen tal laufft/ vnd stoßt vor jm hin grund/ boden/ böum/ erdtrich/ velsen/ vnd alles das er begreyfft/ also das sölicher schneebruch einen gantzen fläcken oder dorff … hinstiesse vnd verdecke. […] Und söliche Schneebruch werdend vom landvolck genennt ein Lowin. — Von einer Kugelgestalt ist im Text nicht die Rede; hingegen zeigt das Bild sie:

Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […] Zürich bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII. Band 2, fol. 285recto > http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/1527238

Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733) kennt die Lawinen sehr genau aus Berichten von Einwohnern der Dörfer, die er auf seinen Bergreisen getroffen hat. (Am bequemsten einsehbar in der postumen Ausgabe: Johann Jacob Scheuchzers, Weyland Profess. der Natur-Lehre und Mathematic / Canonici in Zürich […] , Natur-Geschichte des Schweitzerlandes, Samt seinen Reisen über die Schweitzerische Gebürge. Aufs neue herausgegeben, und mit einigen Anmerkungen versehen von. Joh. Georg Sulzern, Zürich: David Gessner 1746. Erster Theil S. 294–307; Zweyter Theil S. 343-350.) – Ein Text besagt beispielsweise: So fienge sogleich der Himmel an dunckel zu werden, und hat sich gleichsam in einem Augenblick der Schnee von dem Berg gelößt, und nachdem er die Bäume mit den Wurtzeln, Felsen und alles was ihm in den Weg stunde, mit Ungestüme und Gewalt mit sich fortgerissen, […] Die Vorstellung des Schneeballs gebraucht er nicht. Bilder hat er nicht beigegeben.

David Herrliberger (1697–1777) exzerpiert Scheuchzer in seinem Buch über die Eidgenossenschaft. Bemerkenswert ist eine kleine Änderung, die er an einem Text von Scheuchzer vornimmt:

  • Scheuchzer berichtet (a.a.O. I, S.303), dass anno 1499 400 Soldaten eines Heeres von einer Lawine eingewickelt worden seien, dass dann aber bald die unter dem Schnee begrabenen Männer einer nach dem andern gleich aus dem Grabe hervorgekrochen …
  • Herrliberger ändert (S.79): nachdeme die durch die Schneeballen verschlungene Männer aus selbiger [Lawine] einer nach dem andern, […] alle wiederum lebendig hervor gekrochen …

Diese Textvariante fördert die bzw. stammt von der Bild-Idee:

David Herrliberger, Neue und vollständige Topographie der Eydgenossschaft, in welcher die in den Dreyzehen und zugewandten auch verbündeten Orten und Landen dermal befindliche Städte, Bischtümer, Stifte, Klöster, Schlösser, Amts-Häuser, Edelsitze, und Burgställe: Dessgleichen die zerstörte Schlösser, seltsame Natur-Prospecte, Gebirge, Bäder, Bruggen, Wasser-Fälle beschrieben, und nach der Natur oder bewährten Originalien perspectivisch und kunstmässig in Kupfer gestochen. Zürich 1754–1773 – Erster Theil, Dritte Ausgabe; Stiche 41 und 42. > http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/5749776

Herrlibergers Vorlage, eine Zeichnung von Daniel Süringer, ist abgebildet bei Hermann Spiess-Schaad, David Herrliberger, Zürich: Verlag Hans Rohr 1983; S. 78.

Die ›Kenntnisse› werden auch in eine Enzyklopädie übernommen. Aus dem langen Artikel in Krünitz dies: Eine Schnee= oder Berg=Lauwine, ein Klumpen Schnee, welcher von den steilen Bergen rollt, sich im Herabfallen vergrößert, und oft ganze Häuser und Dörfer bedeckt. Und S. 462: Zu der Zeit, da das ganze Gebirge mit frischem Schnee bedeckt ist, werden zuweilen kleine Schnee=Schollen von dem Winde über den Rand der Firne und Schnee=Bänke hingetrieben, rollen sich dann über den Abhang des Gebirges hernieder, und nehmen im Fortwälzen immer zu. Mit ihrer Vergrößerung wächst auch die Macht des Druckes, den sie auf alles, was ihnen in Wege ist, äussern; sie reissen es mit sich fort, oder treiben es vor sich her, bis sie endlich auf einer Ebene stille stehen.

Quelle: Johann Georg Krünitz (1728–1796), Oekonomisch-technologische Enzyklopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft in alphabetischer Ordnung, LXVI Theil (1795) Fig. 3962 ist eine Kopie aus Herrliberger, inkl. der Legende: A bezeichnet den Ort, wo sie ihren Anfang nehmen. > http://www.kruenitz1.uni-trier.de/

1813 dann ein realistisches Bild:

Alpenrosen. Ein Schweizer-Almanach auf das Jahr 1813. Hg. [Gottlieb Jakob] Kuhn, [Friedrich] Meisner, [Johann Rudolf] Wyss u.a., Bern / Leipzig: J. J. Burgdorfer / C. Gottl. Schmid

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Weitere Beispiele:

••• Das Meerschwein (Porcus marinus), das von 1537 bis 1578 abgebildet wird und dabei mehrfach das Medium wechselt. (Website der Schweizerischen Gesellschaft für Symbolforschung)

••• Der Kampf zwischen Nashorn und Elefant (Website der UZH)

••• Drei Viertel der Bilder hat Thomas Murner für seine »Narrenbeschwörung« (1512 erschienen) aus dem »Narrenschiff« Sebastian Brants (Erstausabe 1494) umdeutend übernommen. Brant hatte das Druckmaterial bei seinem Umzug von Basel nach Straßburg (1501) dorthin transportieren lassen, wo er 1512 mit dem Drucker Matthias Hüpfuff die letzte von ihm betreute Ausgabe des »Narrenschiffs« anfertigte. Bei Hüpfuff ist auch Murners Buch erschienen. Vgl. dazu

  • Max Riess, Quellenstudien zu Murners satirisch-didactischen Dichtungen, Diss. Berlin 1890.
  • Meier Spanier, Über Murners Narrenbeschwörung und Narrenzunft, in: Paul und Braunes Beiträge 18 (1894), S. 1–71.
  • Einleitung in: Thomas Murner, Narrenbeschwörung, hg. Meier Spanier = Thomas Murners deutsche Schriften; mit den Holzschnitten der Erstdrucke; Bd. 2, Berlin / Leipzig : de Gruyter 1926.

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Erkenntniswert

Was erhellt aus der Untersuchung solcher Bildreihen?

Man ersieht die – oft unzimperliche – Vorgehensweise von älteren Verlegern. (Heinrich Steiner und Sigmund Feyerabend waren die prominenten Beispiele; der Buntschriftsteller E. W. Happel verfährt ähnlich).

Man erkennt die missliche Lage früher Wissenschaftler, die ihre Werke illustrieren wollten, aber nicht immer Bilder nach eigener Anschauung zeichnen konnten und deshalb auf Vorlagen zurückgreifen mussten. (Conrad Gessner und Johann Jacob Scheuchzer waren die prominenten Beispiele).

In früheren Zeiten hatte man offenbar für Zuordnungen zu literarischen oder ikonographischen Gattungen ein schwach ausgeprägtes Bewusstsein: Texte und Bilder wurden per ›copy paste‹ gelegentlich auch von einem Werk einer bestimmten Gattung in ein Werk überführt, das wir heutzutage einer anderen Gattung zuordnen würden. (Die Migration von Flugblättern und Ovid- und Aesop-Illustrationen in zoologische Werke sowie die Illustration des sachkundlichen Beitrags über die Simonisten mit dem Bild aus einem Roman waren die prominenten Beispiele).

Anhand von Bild-Paaren mit derselben ikonographischen Anlage lässt sich ein stilistischer Wandel gut erfassen; bei kleineren Abweichungen erkennt man auch Missverständnisse. (Die Überarbeitung von Brants Narrenschiff war das Beispiel).

Bild-Traditionen sind oft zählebiger als wirkliche Einsichten. (Die Lawinendarstellungen vom Theuerdank bis in die Enzyklopädie von Krünitz waren das Beispiel).

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Literaturhinweise

Arnold Esch, Spolien. Zur Wiederverwendung antiker Baustücke und Skulpturen im mittelalterlichen Italien. In: Archiv für Kulturgeschichte Bd. 51 (1969) S. 1-64.

»Meister borgen bei Meistern«, Kulturelle Monatsschrift du, 21. Jahrgang, Mai 1961 [Beiträge verschiedener Autoren]

Bernd Schneider, ›Virgilius pictus‹. Sebastian Brants illustrierte Vergilausgabe von 1502 und ihre Nachwirkung. Ein Beitrag zur Vergilrezeption im deutschen Humanismus, in: Wolfenbütteler Beiträge Bd. 6 (1983) S. 202–262.

Arnold Esch, Wiederverwendung von Antike im Mittelalter. Die Sicht des Archäologen und die Sicht des Historikers. Berlin 2005 (60 Seiten).

Matthias Oberli, Schlachtenbilder und Bilderschlachten. Kriegsillustrationen in den ersten gedruckten Chroniken der Schweiz, in: Anfänge der Buchillustration = Kunst + Architektur in der Schweiz […], Jahrgang 57 (2006), 45–53. Digitalisiert von e-periodica > http://doi.org/10.5169/seals-394330

Jörg Jochen Berns, Künstliche Akzeleration und Akzeleration der Künste in der Frühen Neuzeit (zuerst 1997), in ders.: Die Jagd auf die Nymphe Echo. Zur Technisierung der Wahrnehmung in der Frühen Neuzeit, Bremen: Edition Lumière, 2011, S. 111–135.

Reproduktion. Techniken und Ideen von der Antike bis heute. Eine Einführung. Hg. von Jörg Probst. Berlin: Reimer 2011.

Nikolaus Henkel, Das Bild als Wissenssumme. Die Holzschnitte in Sebastian Brants Vergil-Ausgabe, Straßburg 1502; in: Stephen Mossman [et al., Hgg.], Schreiben und Lesen in der Stadt. Literaturbetrieb im spätmittelalterlichen Strassburg, Berlin: De Gruyter 2012, S. 379–409.

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Erste Fassung online gestellt von P.Michel, Mai 2016; ergänzt von Juli 2016 bis Juli 2017

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