Gregor REISCH, »Margarita Philosophica«

     
 

Gregor Reisch

Geboren ca. 1470 — 1487 an der Universität Freiburg/Br. immatrikuliert — 1489 Magister artium — 1494 an der Universität Ingolstadt — die »Margarita Philosophica « widmet er Ende 1495 dem Grafen Franz Wolfgang von Zollern — Einritt in den Kartäuserorden, wo er in Freiburg 1502 Prior wird — 1503 erster Druck der »Margarita« — seit 1509 Beichtvater von Kaiser Maximilian I. — gestorben am 9. Mai 1525.

»Margarita Philosophica«

Die »Margarita« ist ein systematisch geordnetes Kompendium des Grundwissens für Studenten. Es ist eine der frühen gedruckten Enzyklopädien Europas. (Vgl. die chronologísche Übersicht enzyklopädischer Werke hier.)

Gespiesen ist sie aus der Wissensliteratur der klassischen Antike (Aristoteles, Cicero), der Spätantike (Boethius, Cassiodor), der Kirchenväter und des Mittelalters (Thomas von Aquin, Albertus Magnus u.a.) sowie aus Spezialliteratur. Zweck ist indessen nicht einfach die Gelehrsamkeit; auf dem Titel der Ausgabe 1504 steht der Satz: Initium Sapientiae Timor Domini (Psalm 111 [Vg.], 10).

Den Titel (margarita = Perle, Schatz, vgl. Matthäus-Evg. 7,6 und 13,46) hat Reisch nicht erfunden. Albrecht von Eyb (1420–1475) nannte sein Florilegium aus antiken Texten und Petrarca bereits »Margarita poetica«. (Autograph, 1459 in Italien abgeschlossen, ist erhalten; das Werk wurde zwischen 1472 und 1503 zwölfmal gedruckt.)

 
     
 

Die Ausgaben:

Erstausgabe: MARGARITA PHILOSOPHICA totius Philosophiæ Rationalis / Naturalis & Moralis principia dialogice duedecim libris complectens, Freiburg/Br.: Joh. Schott 1503.
(Der Verfassernamen erscheint bloß im Widmungsgedicht von Adam Werner [Wenherus, ca.1470–1537])

Titel des (Raub-)Drucks bei Grüninger 1504: Aepitoma omnis phylosophiae. alias Margarita Phylosophica tractans de omni genere scibili. Cum additionibus: Quę in alijs non habentur.
(griech./lat. epitome = Kurzfassung)

Umfang (1517er-Ausgabe): 292 Fol. = 583 Seiten im Oktav-Format. – Auflage (1517er-Ausgabe): 480 Exemplare

Weitere Ausgaben: Straßburg: Grüninger 1504 — Straßburg: J.Schott 1504 — Basel: Michael Furter 1508 — Straßburg: Grüninger 1508Straßburg: Grüninger 1512Straßburg: Grüninger 1515 — Basel: M. Furter 1517 — Basel: Petri 1535 — Paris: Morelius 1549 — Basel: Sebastian Henricpetri 1583.

Mehr zu den Grüninger-Drucken hier und hier

Die Holzschnitte werden von Auflage zu Auflage übernommen. (Mehr dazu hier unten )

Digitalisate:

1503 Freiburg: Schott > http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/reisch1503
                                  > http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0001/bsb00012346/images/

1504 Straßburg: Grüninger > https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/reisch1504

1504 o.O.: Schott > https://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0001/bsb00013401/images/

1508 Basel: Furter/Schott > http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0001/bsb00012215/images/

1508 Straßburg: Grüninger > https://www.e-rara.ch/sbs/doi/10.3931/e-rara-79801

1512 Straßburg: Grüninger (erweiterte Ausgabe) > https://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN895419335

1515 Straßburg: Grüninger > https://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00006315/images/

1517 Basel: M. Furter > http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/reisch1517 (= Ausgabe letzter Hand)

1523 Basel: H.Petri >

1535 Basel: H.Petri > https://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0002/bsb00025153/images/
Diese Ausgabe hat den Vorteil, dass der lat. Satz kaum typographische Abbreviaturen hat und so leichter lesbar ist.

Reprint der Ausgabe Basel 1517, mit Vorwort und Einleitung von Lutz Geldsetzer, Düsseldorf: Stern-Verlag Janssen & Co. 1973.

Englische Teil-Übersetzung mit Einleitung: Sachiko Kusukawa / Andrew R. Cunningham, Natural philosophy epitomised: Books 8-11 of Gregor Reisch’s Philosophical Pearl (1503). Aldershot: Ashgate 2010.

deutsche [Gesamt-]Übersetzung von Otto und Eva Schönberger: Margarita Philosophica (Basel 1517), Würzburg: Königshausen & Neumann 2016. [Diese Übersetzung ist höchst verdienstvoll; einige kleine Fehler kann man hinnehmen.]

Forschungsliteratur hier unten

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Aufbau des Buchs und der Texte

Großgliederung(en)

Systematisch aufgebaute Enzyklopädien, taxonomische Einteilungen des Wissens haben eine lange Tradition und waren im Mittelalter üblich; von frühen Werken seien nur erwähnt: Hrabanus Maurus (um 780 – 856), »De universo« — Alexander Neckam (115 –1217), »De naturis rerum« — Bartholomaeus Anglicus (erste Hälfte 13.Jh.), »De proprietatibus rerum« — Vinzenz von Beauvais (vor 1200 – 1264), »Speculum majus« (Drucke 1473; 1483–86) — Thomas von Cantimpré (um 1201 – um 1270), »Liber de natura rerum«

Eine frühe alphabetisch organisierte Enzyklopädie ist »Suda« (Ende 10. Jh.; Druck 1581); zu Reischs Zeit: Dominicus Nanus Mirabellius, »Polyanthea« (erster Druck 1503) — Vgl. den Hinweis hier.

Reisch

(A) Kapitelgliederung des Texts: Die Bücher I bis VII folgen den Septem Artes Liberales.

Anmerkung zur Tradition der Septem Artes: Isidor von Sevilla (um 570–636) definiert in den »Etymologiae« I,ii,1–3: De septem liberalibvs disciplinis. Disciplinae liberalium artium septem sunt.

      • Prima grammatica, id est loquendi peritia.
      • Secunda rhetorica, quae propter nitorem et copiam eloquentiae suae maxime in civilibus quaestionibus necessaria existimatur.
      • Tertia dialectica cognomento logica, quae disputationibus subtilissimis vera secernit a falsis.
      • Quarta arithmetica, quae continet numerorum causas et divisiones.
      • Quinta musica, quae in carmininbus cantibusque consistit.
      • Sexta geometrica, quae mensuras terrae dimensionesque conplectitur.
      • Septima astronomia, quae continet legem astrorum.

Die Bücher VIII und IX sind der "Naturwissenschaft" gewidmet.

Bücher X und XI: die vegetative/sensitive und die Vernunft-Seele

Buch XII: "Moralphilosophie" (Tugenden und Laster; Klugheit; Gerechtigkeit; Glaube – Hoffnung – Liebe)

Die durch die (mit den vier Kirchenvätern auf beiden Titelblättern symbolisierte) Theologie fehlt im Buch.

(➜ Genaueres hier unten)

(B) Seltsamerweise enthält die Enzyklopädie (seit der Erstausgabe 1503) noch eine andere, schematische Gliederung (Philosophiæ partitio), nach der allerdings das Buch nicht organisiert ist: ein taxonomisches Diagramm. (Die geschweiften Klammern sind nicht typographisch, sondern nachträglich von Hand gezeichnet.)

[Die Umschrift hier folgt dem Prinzip der typographischen Einrückungen:]

Philosophia

Philosophia theorica sive speculativa

Realis

Metaphysica

divinitus inspirata (Theologia vera)

humanitus conquisita (Aristoteles …)

Mathematica

Arithmetica, Geometria, Musica, Astronomia

Phisica

17 Unterkategorien, z.B. de celo et mundo; de elementis; de anima; de nurtimento, de motu cordis …

Rationalis

Grammatica, Rhetorica, Logica

(Auf dem Titelbild 1508 erscheint auf der Ebene von Ph. realis und Ph.rationalis die Philosophia naturalis; das fehlt hier.)

Philosophia practica

activa

Ethica, Politica (hier auch weltliches und geistl. Recht), Economia, Monastica
(Evtl. in Anlehnung an Boethius, der im Porphyr-Kommentar ethica – oeconomia – politica zusammenstellte.)

factiva [7 mechanische Künste]

Lanificum, Armatura, Navigatio, Agricultura, Venatio, Medicina, Theatrica
(Genau so bereits bei Hugo v. St. Viktor, »Didascalicon« II,20–27; bei Reisch kurz abgehandelt in Lib. XII, Cap.12)

(C) Das Titelbild der Ausgabe 1508. Hier sind die aus einem Stamm hervorsprießenden "Verzweigungen" von Septem Artes und Philosophiae realis – rationalis – naturalis undeutlich voneinander geschieden.

Register

Die Ausgaben enthalten seit 1503 ein alphabetisches Register (Index) am Ende des Buchs. (Dieses konnte von Auflage zu Auflage wiederverwendet werden, weil es nicht auf Seitenzahlen – die sich ja beim Neusatz verschieben konnten – verweist, sondern auf die Kapitel.) — Der »Hortus Sanitatis« Druck (1491) enthält bereits ein Register.

Innerer Aufbau der Texte

Die Enzyklopädie ist als Dialog zwischen Discipulus und Magister disponiert.

Beginn des 1. Buchs in der Ausgabe Straßburg: Grüninger 1504.

Der Dialog hat bei wissensvermittelnder Literatur eine lange Tradition – wir lassen die epischen Texte wie die Ilias oder das Hohelied außen vor:

  • Platons Texte sind dialogisch strukturiert.
  • Augustinus († 430) »De magistro« ist ein Dialog zwischen Augustin und Adeodat; »Soliloquia« ist ein Dialog zwischen Augustinus und der Ratio.
  • Boethius († 524), »Consolatio Philosophiae« ist ein Dialog zwischen dem Autor und der personifizierten Philosophie.
  • Anselms von Canterbury († 1109) »Cur Deus homo« ist ein Dialog zwischen Anselm und dem zweifelnden Boso.
  • Hugo von Sankt Viktor († 1141), »de arrha animae« : Interlocutores sunt homo et anima.
  • Honorius Augustodunensis (1.Hälfte 12.Jh.), »Elucidarium« ist als Dialog zwischen Magister und Discipulus organisiert (PL 172, 1109–1176); daraus die deutsche Übersetzung (um 1190) »Lucidarius« als Dialog zwischen Meyster und Junger (frühe Drucke, z.B. A.Sorg: Augsburg 1482)
  • Petrarca (1304–1374): »De secreto conflictu curarum mearum« ist ein vehementer Dialog zwischen Franciscus und Augustinus – In »De remediis utriusque fortunae« bringen die personifizierten Emotionen vor, wie gut/schlecht sie sich fühlen; und Ratio entgegnet.
  • Johannes von Tepl, »Der Ackermann aus Böhmen«
  • u.a.m.

Texte, die eine Unterredung mehrerer Personen mit verschiedenen Standpunkten entwerfen, zum Beispiel:

  • Petrus Alfonsi (ca. 1075 – ca. 1130), »Disciplina Clericalis«
  • Petrus Abaelard (1079–1142), »Collationes« (Gespräche zwischen einem Philosophen, einem Juden und einem Christen)
  • Johannes Reuchlin (1455–1522), »De verbo mirifico« (1494; ein Epikureer/Eklektiker, ein Jude, ein Christ das ist Reuchlin selbst)

Die Dialoge bei Reisch dienen nicht nur der Textgliederung (wie im Lucidarius, wo die die Fragen des Schülers die Funktion von Zwischentiteln haben), sondern tönen mitunter recht lebendig. Wäre ein interessantes Thema...

Literaturhinweise:

Hannes Kästner, Mittelalterliche Lehrgespräche. Textlinguistische Analysen, Studien zur poetischen Funktion und pädagogischen Intention, (Philologische Studien und Quellen 94), Berlin: Schmidt, 1978.

Carmen Cardelle de Hartmann, Lateinische Dialoge 1200–1400, (Mittellateinische Studien und Texte 37), Brill 2007.

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Bilder

Diese Website ist auf eine nicht systematisch angeordnete Auswahl der Bilder in der »Margarita« focussiert. Besprochen wird nur das Ikonographische; stilistische Betrachtungen werden nicht angestellt.

Reischs Werk – Figuris quoque artificiosissime effigiatis & pene innumeris totum opus illustratur – gehört zu den frühesten bebilderten Enzyklopädien (im europäischen Raum). — (Vor 1503 erschienene) Bücher wie Sebastian Brants »Narrenschiff« (1494) oder die von demsselben edierte bebilderte Vergil-Ausgabe (1502) oder Stepahn Fridolins »Schatzbehalter« (1491) oder illustrierte Bibeln kann man nicht zur illustrierten Wissens-Literatur i.e.S. zählen.

  • Aus dem Mittelalter wären zu nennen die Handschriften:

    • Lambert von St.-Omer, »Liber floridus« (um 1120); mit sehr reichhaltigen Illustrationen verschiedener Art. — Digitalisate hier:
      > http://diglib.hab.de/mss/1-gud-lat/start.htm
      > https://lib.ugent.be/catalog?q=archive.ugent.be:018970A2-B1E8-11DF-A2E0-A70579F64438

    • Herrad von [Landsberg, Äbtissin von] Hohenburg (vor 1178 – 1196), »Hortus deliciarum«

  • Im Buchdruck erschienen vor 1503:

    • »[H]Ortus Sanitatis«, Mainz 1491 (Pflanzen, Tiere, Mineralien)
      > https://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0002/bsb00027846/images/

    • Die Schedelsche Weltchronik 1493 (v.a. Stadtansichten, Genealogien)
      > https://de.wikisource.org/wiki/Schedel’sche_Weltchronik

Überblick bei Albert Schramm, Der Bilderschmuck der Frühdrucke, 23 Bände, Leipzig 1931–1935. (Leider werden hier die Textzusammenhänge nicht berücksichtigt.)
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/schramm1920ga

(i) In der »Margarita« lassen sich hinsichtlich der Visualisierungstechnik verschiedene Bild-Typen und deren Kombinationen ausmachen:

  • Mimetische Bilder
  • Allegorische Bilder
  • Personifikationen
  • Diagramme
  • Icons (Pictogramme; Hilfslinien und dergl.)
  • Narrative Bilder (aus der Bibel)
  • Graphische Tricks (verzerren, aufschneiden, …)
  • Typographische Mittel (Schrift; Verweispfeile)
  • ....

(ii) Die Bilder haben verschiedene Funktionen; ggf. mehrere gleichzeitig.

Die Vorstellung, sie seien für Analphabeten verfertigt, so wie es Sebastian Brant im Vorwort zu seinem »Narrenschiff « 1494 schreibt: Der bildniß ich hab har gemacht/ Wer yeman der die schrifft veracht/ Oder villicht die nit künd lesen/ Der sicht jm molen [im Bild] wol syn wesen/ Vnd fyndet dar jnn/ wer er ist/ Wem er glich sy/ was jm gebrist … (Fol. aii v), greift für dieses Buch nicht.

  • Textgliedernde bzw. leser-orientierende Funktion, z.B. im Vorspann zu einem Abschnitt
  • ein real existierendes Objekt / eine Erscheinung abbildend; ostensive Funktion
  • zeigen, wie man ein Gerät handhabt
  • die Struktur des Wissens-Objekts erklären
  • durch Veranschaulichung etwas beweisen
  • ein abstraktes Konzept veranschaulichen
  • Zusammenhänge zwischen Konzepten darstellen
  • Mnemotechnik (Anhand von Bildern lässt sich Abstraktes besser in Erinnerung behalten.)
  • ....
  • ....
  • ....

Hier Hinweise zu Funktionen von Visualisierungen.

Die Funktionsbegriffe sollten terminologisch genau bestimmt und möglichst mit einem typischen Beispiel veranschaulicht werden.

Zu bedenken ist, dass andere Textsorten andere Bildfunktionen generieren: Illustration eines Epos oder Romans – Ovids Metamorphosen – ein Rechtsbuch (Sachsenspiegel) – ein Geschichtsbuch (ohne embedded reporter) – …

Wie lässt sich die Funktion eines Bildes abklären? Einige Tips:

  • Selbstverständlich ist der sprachliche Kontext genau zu berücksichtigen.
  • Mitunter enthält der Text Metaphern, die ins Bild umgesetzt werden (Beispiel: der Dreilanzenmann).
  • Hinweise bekommt man sodann durch zeitgenössische verwandte Bilder in Kontexten, wo die Funktion deutlich erwähnt wird. (Beispiel: Personifikation der Logik mit Verweis auf die »Logica memorativa«; Aderlass-Männchen)
  • Zu bedenken ist, dass mittelalterliche Werke auch Bilder mit Funktionen enthalten, die uns heutzutage unbekannt sind (Beispiel: Textgliedernde Bilder; Allegorien wie die auf den Titelbildern)
  • Den Autoren/Verlegern ist zuzutrauen, dass sie mitunter auch dekorative Bilder inserierten (Beispiel die Badefreuden)

(iii) Je länger man sich in zeitgenössischen Drucken umsieht, desto wahrscheinlicher wird die Vermutung, die Bilder basierten gelegentlich auf Vorlagen. Auch wenn dies im Einzelfall nicht so ist, erhellt doch aus dem Vergleich mit einem sehr ähnlichen Bild die Eigenart desjenigen bei Reisch.

Am originellsten sind einige Graphiken, die am Beginn der einzelnen Traktate stehen ( Typus Grammatice;  Typus Locicae; Rethorica; Typus Arithmeticæ; Typus geometriae; Typus Musice; Astronomia). Vgl. hierzu Kusukawa / Cunningham, p. xxxvi –xlvi.

Selbstverständlich basiert auch der Text auf Vorlagen. Beispiel: John J. Bateman hat (1983) die Abhängigkeit von Conrad Celtes’ (1459–1508) »Epitoma in vtranque Ciceronis rhetoricam …« (Druck 1492) sowie antiken und zeitgenössischen Rhetoriken für das 3.Buch der »Margarita« nachgewiesen und die Abweichungen interpretiert.

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Die hier besprochenen Bilder

(Auf den Pfeil klicken!)

Frontispizien

Organisation des Wissens in Gestalt eines Turms (A, S)

Personifikation der Logik und Allegorie ihrer Leistungen (P, A)

Die drei Dimensionen des Raums (M, I, T, K)

Polygone

Anatomie (M, T, O)

Die drei Hirnventrikel (M)

Das Auge (G)

Astrologie (M, I, T)

Volatilia

Monstruosa Homines (M)

Der Ursprung der natürlichen Dinge (N, T)

Der Salamander (M)

Badefreuden (M, O)

Das logische Quadrat (D, T, K)

Die alte und die neue Arithmetik (P, M, T, T)

Der (falsch gezeichnete) Jakobsstab (M, I h)

Die Erdkrümmung (M, G, O)

Mappa Mundi (M, T, O)

Musik (D, T)

Astronomie (D, T)

zu den Drucken von Grüninger in Straßburg

Die Drucke der »Margarita« enthalten keine Seitenzahlen. Deshalb muss man mit Angabe von Buch / Traktat / Kapitel auf die gemeinte Stelle verweisen.

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Die Frontispizien

(1503)

(Basel 1508)

Ausführlich hier > ➔ http://www.enzyklopaedie.ch/fronti/frontispizien_hauptseite.html#Reisch

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Organisation des Wissens

TYPUS GRAMMATICĘ — (lat. typus = die Figur, das Bild) — Das Bild ist von unten nach oben aufsteigend zu lesen. (Noch heute sprechen wir von "Basiskenntnissen" und "Aufbau" des Studiums.)

Liber I, Cap. 1 (Druck 1503; Digitalisat der UB Freiburg)

Nicostrata (die Nymphe, die den Römern die Schrift gebracht hat) führt den ABC-Schützen ins mehrere Stockwerke umfassende Haus der Lehre, das sie mit dem Schlüssel congruitas (Kongruenzlehre in der Grammatik!) öffnet.

Die Architektur-Bildichkeit beruht auf Proverbia (Sprüche Salomons) 9,1: Sapientia aedificavit sibi donum – Die Wesiheit hat sich ein Haus gebaut.

Nicostrata, auch Carmentis genannt: Isidor, Etymologiae I,iv,1 : Latinas litteras Carmentis nympha prima Italis tradidit. Carmentis autem dicta, quia carminibus futura canebat. Ceterum proprie vocata [est] Nicostrate.

Unten: Triclinium (im antiken Sinn: Speisesofa, Tafelzimmer; was ist hier gemeint?) Philosophiae.

Donatus unterrrichtet die jungen Schüler (mit der Rute in der Hand!) Latein. Aelius Donatus (Mitte des 4. Jhs.) verfasste eine weit verbreitete lat. Grammatik.
Übersicht > https://www.hs-augsburg.de/~harsch/don_intr.html

Stockwerk darüber: Priscian verfeinert die Lateinkenntnisse. Priscian war ein spätantiker Grammatiker (um 500).

Darüber schauen aus den Fenstern als die Vertreter des Triviums: Aristoteles : LogicaTullius [Cicero] : Rethorica, Poesia — [hierhin gehört Priscian für die Grammatik] — Boethius : Arithmetica [ist bereits Vertreter des Quadriviums]

Darüber als Vertreter des Quadriviums: [Boethius : Arithmetik gehört hierhin] — Pythagoras : Musica — Euclides : Geometria — Ptolomaeus : Astronomie.

Im Turm schauen aus dem Fenster: Philosophus [bei Thomas von Aquin der übliche Ausdruck für Aristoteles] : Phisica [Naturkunde] — Seneca : Morali#.

Zuoberst: Petrus Lombardus : Theologia seu Metaphys. [zu diesen Themen enthält die »Margarita« allerdings nichts.]

Das Bild vereinigt pagane und christliche Autoren einträchtig nebeneinander.

Visualisierung mttels Personifikation (Nicostrata) – Allegorie (Stockwerke im Haus) – (Pseudo–)Mimetische Portraits der Leher – Graphischer Trick: Haus ist unten aufgeschnitten zwecks Innenansicht – Funktion: T

Die »Margarita« geht indessen über die Septem Artes hinaus, das 9. bis 12. Buch.

Eine ähnliche Darstellung: Der Turm der Grammatik von Heinrich Vogtherr d.Ä. auf einem Einblattdruck des Zürcher Verlags Eustachius Forschauer 1548:

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Vogtherr_Turm_der_Grammatik.jpg

http://www.zeno.org/nid/20004356365

Hugo von Sankt Viktor († 1141) verwendete die Gebäude-Metaphorik etwas anders in seinem »Didascalicon« VI,3: Sicut vides quod omnis aedificatio fundamento carens stabilis esse non potest, sic est etiam in doctrina. (Wie bekanntlich kein Gebäude ohne Fundament dauerhaft sein kann, so verhält es sich auch im Studium). Bei Hugo geht es darum, dass man zuerst die christlichen Wahrheiten kennen muss, bevor man das Alte Testament allegorisch auslegen kann.

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Personifikation der Logik und Allegorie ihrer Leistungen

TYPVS LOGICĘ

Grüninger 1504

Vor Liber II. Visualisierung mittels Personifikation und Allegorien. Parmenides: eine pseudo-mimetische Darstellung.

Jägerin Logica > das ganze Liber II
Hifthorn sonus, vox > Tract. i, 2
… daraus entspringen zwei Rosen {1504 duae} praemissae
der das Horn haltende Arm argumenta > Tract. iv, 1
[auf der Brust] im Herzen [?] conclusio
am Mantelsaum
{1504 im Mantel-Inneren}
locus
Waidmesser syllogismus > Tract. iv, 3–22
Bogen quaestio
Beine praedicabilia & praedicamenta > Tract.ii, 1
am Boden liegende Steine fallaciae in dictione / extra dictionem > Tract. vii, 2. 17
schöner / hässlicher Jagdhund veritas / falsitas
gejagtes Wild (Hase) problema
Kraut parva logicalia > Tract. viii
Gestrüpp insolubilia & obligatoria
Wald {1504 silva opinionum}
Bäume Occamistæ, Scotistæ, Thomistæ, Albertistæ *
am Boden kauernde Figur Parmenides **
betrachtet vier Berge {1504 omnis / nullus / quidam / quidam non} > Tract. iii,5

Die Allegorie repräsentiert nur partiell die Inhalte des (sehr komplexen) Texts.

*) Die als Bäume dargestellten Occamistæ, Scotistæ, Thomistæ, Albertistæ verweisen auf den damals virulenten Universalienstreit zwischen Nominalisten (J. Duns Scotus; W.Ockham) und Realisten. Vgl. dazu Münzel (1938) S. 42ff. Reisch selbst ist Realist.

**) Hinter der Jägerin guckt in nachdenklicher Haltung ein Mann hervor; vor ihm liegt ein großer Stein. Es ist der griechische Philosoph Parmenides (angeschrieben Permenides), von dem das Mittelalter wusste, dass er die Städte und Gesellschaft der Menschen floh und sich lange Zeit auf einem Felsen aufhielt, wo er die Dialektik ersann (Hugo von Sankt Viktor; Didascalicon II, 3) – mitten unter den allegorischen Jagdgeräten, Hunden und Hasen eine reale Gestalt.

Er betrachtet (in der Version bei Grüninger 1504) vier Berge: omnis / nullus / quidam / quidam non; das sind die vier Begriffe, die das sog. logische Quadrat (siehe unten) bilden.

Dass eine Frau auf der Jagd ist, mag man der Technik der Personifikationen zuschreiben: Logica ist halt ein Femininum. — Auffällig sind indessen der kurze Rock und die Schnabelschuhe in Holzsandalen (Trippen; calopedes). Geeignet für die Jagd? Deluxe in der damaligen adligen Mode! Dürer zeichnete ein vornehmes junges Paar, bei dem die Frau sehr ähnliche Schuhe trägt. — Das Attribut könnte darauaf verweisen, dass die Logica einem gehobenen Niveau angehört.

Friedrich Winkler, Die Zeichnungen Albrecht Dürers, Bd. 1 (Berlin 1936), 1484–1502, Nr. 56
> https://www.dbc.wroc.pl/dlibra/publication/1864/edition/2009/content

Die Jagdszene könnte angeregt sein durch »Die mystische Jagd«, Werkstatt des Martin Schongauer um 1475/80; aus dem Zyklus der 24 Bildtafeln vom Hochaltar der Dominikanerkirche in Colmar, umweit der Wirkungsstätte von Reisch:

(Ausschnitt) Die vier Jagdhunde des das Einhorn in den Schoß Marias jagenden Engels haben die Namen der Tugenden von Ps. 84 (85),11: misericordia et veritas, iustitia et pax.

Vgl. dazu: Leopold Kretzenbacher, Mystische Einhornjagd. Deutsche und slawische Bild- und Wortzeugnisse zu einem geistlichen Sinnbild-Gefüge. (= Bayerische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse. Sitzungsberichte, Jg. 1978, Heft 6). München 1978; 2. Aufl. München 1998, S. 294.
> https://www.zobodat.at/pdf/Sitz-Ber-Akad-Muenchen-phil-hist-Kl_1978_0001-0104.pdf

J. J. Berns (2009) verweist auf die Jagd des Erzengels Michael auf das Einhorn aus Ulrich Pinder / Hans Leonhard Schäufelein / Hans Baldung Grien: Der beschlossen gart des rosenkrantz marie, Nürmberk 1505, Band 2, Blatt ix verso:

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00022493/image_26

Vgl. ferner das Wandgemälde in Memmingen und andere solche Bilder.

Thomas Murner hat das Bild in seine »Logica memorativa« [aufgrund der Druckermarke Johannes Grüninger in Straßburg zuzuweisen; im Kolophon 1509] übernommen, aber ohne einen inhaltlichen Zusammenhang herzustellen. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00009762/image_16

Die Wiederverwendung in diesem Traktat, in dem ähnliche Bilder verwendet werden,

lässt vermuten, dass dem Bild TYPVS LOGICĘ eine mnemotechnische Funktion zugeschrieben wurde. (Hier mehr zu allegorischen Merkhilfen und hier weitere Beispiele.)

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Die drei Dimensionen des Raums

Das Kapitel im Liber VI, Tract. I befasst sich mit dem (geometrischen) Körper und seinen Eigenschaften (De corpore et eius speciebus).

Der Magister definiert einen Körper über die drei Dimensionen des Raums, wörtlich als ›eine Länge mit einer Breite und Tiefe‹ (Corpus – Est longitudo cum latitudine et profunditate), und verweist darauf, dass sich in einem Körper drei Linien in einem Punkt orthogonal schneiden.

Um diese Definition in ihrer Dreidimensionalität zu veranschaulichen, werden die in der rein wörtlichen Erklärung diffus erscheinenden Eigenschaften auf den menschlichen Körper übertragen.

(Das Wort corpus bezeichnet ja den abstrakten geometrischen Körper wie den menschlichen Leib.)

Der Magister wählt hierzu das Gedankenspiel einen Menschen, der von Lanzen durchbohrt wird. Je nach Ein- und Austrittsstelle würde entweder die Länge (Scheitel und After), Tiefe (Brust und Rücken) oder Breite (die eine und die andere Körperseite) gemessen. Vt si lancea una per verticem capitis humani intraret et per anum exiret: metiretur longitudinem. et alia intrans per pectus et exiens in dorso metiretur profunditatem. et tertia intrans per latus unum et exiens per aliud metiretur latitudinem.

(Insofern als wir sensorisch oben/unten – vorn/hinten – links/rechts empfinden, wird plausibel, dass die drei Dimensionen orthogonal zu einander stehen.)

(1517)

Der Holzschneider visualisiert das theoretische Gedankenspiel des Durchstoßens, wie es im Text angelegt ist. Die drei Lanzen sind entsprechend ihrer Funktion als Länge (longitudo), Breite (latitudo) und Tiefe (profunditas) beschriftet. Zusätzlich sind im Raum die Bezeichnungen für die Grenzen des Körpers aufgeführt, wofür der Blickwinkel der Figur eingenommen wurde (!): oben (sursum), unten (deorsum), vor (ante), hinter (retro), auf der rechten Seite (dextrorsum) und auf der linken Seite (sinistrorsum).

Visualisierungsmittel: Icons (die Pfeile sind keine wirklichen!) – Mimetisches Bild – Typographie

Bild hier aus: Georg Reisch, Margarita Phylosophica tractans de omni genere scibili, Straßburg: Schott 1504. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00013401/image_256

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Polygone

Über die Vielecke. Liber VI, Tract. I, Cap. x: De pentagonis et reliquis

Das Fünffeck (penthagonus) — Sechseck (hexagonus) — Siebeneck (heptagonus) — usw. — Zwölfeck (duodecagonus). Jede Polygonfigur besitzt so viele Winkel wie Seiten. Disc: Harum aliquas descriptiones [Zeichnungen!] subiungas. Der Magister kommt dieser Bitte nach: Faciam. et ecce quod petis iam depictum conspicis.

(Ausgabe 1508)

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Anatomie

Liber IX De origine rerum naturalium; zu Cap. xxxviii (Ausgabe 1503)

Visualisierungstechnik: Mimetische Abbildung — Typographische Benennung der Glieder und Eingeweide, z.B.: diaphragma (Zwerchfell) — [h]epar (Leber) — stomachus (Magen) — splen (Milz) — ren (Niere).

Der Text ist summarisch und hilft beim Verständis des Bilds nicht. Das Kapitel bricht ab mit der Bemerkung: Nunc quod coepimus sub brevitate percurramus.

Das Bild ist falsch: Der Darm mündet hier in die Blase (vesica)! Ist es durch unhinterfragtes Buchwissen vermittelt?

Von der Art der frühen anatomischen Bilder geben eine Vorstellung

links die »Anatomia« des Chirurgen Henri de Mondeville (1260–1320). Französ. Übersetzung in der Hs. Paris, Bibliothèque nationale de France, français, 2030
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b90591388.image
Das Bild hier ist erhältlich bei > https://www.meisterdrucke.uk/

rechts: Guido (Guy) de Vigevano, »Anathomia (1345) Chantilly, Bibliothèque du château 334 (Musée Condé MS 569)

   

Nekroskopien waren im Mittelalter schon früh üblich. Hinzweisen wäre auf Pietro d’Abano (ca. 1250–1315) in Padua; Mondino de Liucci (ca. 1275–1326) in Bologna; Guy de Chauliac (ca. 1290–1368), Chirurgia magna; dessen Hss. und die frühen Drucke sind allerdings nicht illustriert. — Vgl. indessen hier:

Barthélémy l’Anglais, Livre des propriétés des choses, traduit du latin par Jean Corbechon, ca. 1484 (Bibliothèque nationale de France. Département des Manuscrits. Français 218; Fol. 56recto):
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b9058921f

Oder: Mondino de’ Luzzi doziert Anatomie in: Johannes de Ketham [zugeschrieben], Fasiculo di Medicina, Venedig 1495.

> http://www.nlm.nih.gov/exhibition/historicalanatomies/Images/1200_pixels/ketham_p64.jpg

> https://de.wikipedia.org/wiki/Fasciculus_Medicinae#/media/Datei:Ketham_p64a.jpg

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Die Hirnventrikel

Grundlage ist die Lokalisationstheorie:

Physiologie * Psychologie **
Anatomen haben seit der Antike drei (bis vier ***) Ventrikel (Gehirnhöhlen) bei Sektionen beobachtet, ja sogar mit Wachs ausgegossen.

Seit der Antike postuliert man drei Seelenvermögen:
• Einbildungskraft (Verarbeitung der Sinneseindrücke)
• Verstand
• Gedächtnis

Die psychischen Fähigkeiten und Prozesse wurden (seit wann?) in den Gehirnhöhlen lokalisiert.

*) Andreas Vesal (1514–1564) wird eine Generation später den anatomischen Befund aufgrund einer Sektion so zeichnen:

Andreae Vesalii […] de Humani corporis fabrica Libri septem, Basel: Oporin 1543, pag. 608
> https://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd16/content/pageview/12008745
> https://www.e-rara.ch/bau_1/content/titleinfo/6299027

**) Es gibt auch andere Modelle:

Nach Augustinus besteht eine Korrelation der Trinität mit den drei basalen Seelenvermögen des Menschen: memoria – intelligentia/intellectus – voluntas/amor (»De Trinitate«, bes. Buch X, Kap. 11: Gedächtnis – Erkenntnisvermögen – Wille bzw. Liebe). — Dieses Modell kennt Reisch in Liber XI, Cap. 3–14.

Liber X, Tract. i, Cap. 2 unterscheidet Reisch mit Aristoteles drei (gestufte) Gattungen der Seele: die vegetative, wahrnehmende (sensitivum), die Geistseele (intellectivum).

***) Herophilos von Chalkedon (3.Jh. v.u.Z.) ist der Entdecker der 4. Gehirngrube (Rautengrube).

Reisch: Die als feinstoffliche Substanzen (SPIRITUS) vorgestellten Empfindungen z.B. GUSTUS werden zunächst zum

  • vordersten Teil des Hirnventrikels SENSUS COMMUNIS geleitet, wo auch FANTASIA, YMAGINATIO sitzen;
  • dann duch einen Kanal (VERMIS) geleitet zu COGITATIVA, ESTIMATIVA;
  • und zuletzt abgespeichert im Ventrikel MEMORATIVA.

Liber X, Tract. ii, Cap. 22 – Das Bild ist in allen Ausgaben seit 1503 vorhanden.

Das Bild erweckt den Eindruck, der Schädel sei an der interessierenden Stelle offengelegt (Graphischer Trick). Das Bild enthält ferner Verbindungslinen (I) zwischen den sensitiven Organen (Lippen, Nase, Auge, Ohr) und den Hirn; Typographsiche Mittel.

Discipulus: Welche Funktionen des Sensus communis gibt es?

Magister: Deren gibt es drei. Als erstes erkennt er die Reize und erkennbaren Dinge durch alle äusseren Sinne*, auch wenn die Gegenstände nicht vorhanden sind. Darum wird er communis genannt.

*) gustus, visus, olfactus, auditus, tactus

Zweitens unterscheidet er erstmals, ob es sich eine Uebereinstimmungen oder um Unterschiede zwischen den Objekten und dem Wahrgenommenen handelt. Wenn er anfangs einen Gegenstand durch einen Sinn erkennt, danach als zweites den Gegenstand durch einen anderen [Sinn] erfasst und zuletzt formt er [aus beiden] die Vorstellung (Tätigkeit), die virtuell die Kenntnisse über die beiden Gegenstände beinhaltet. In dieser Vorstellung legt er sowohl die Uebereinstimmungen als auch die Unterschiede derselben [der beiden Objekte] hinein. Wie z.B. weiss zugleich süss ist [Bsp. für Übereinstimmung] und ein Klang nicht kalt ist [Bsp. für Unterschiede] usw.

Drittens: Er urteilt [sensus communis] über das Nichtvorhandensein (die Abwesenheit) der Gegenstände. Wie [z.B.] das, was das Sehvermögen nicht sieht und das Gehör nicht hört. So urteilt er über die Dunkelheit, die Stille und die Abwesenheit der übrigen Gegenstände.

Discipulus: Ist dies jener Sinn, aus dessen Organinneren die Nerven zu den Organen der äusseren [Sinne] führen?

Magister: Ja, so ist es. Daher nimmt er [sensus communis] die Gestalt von allen sichtbaren Dingen durch diese Nerven wahr und jedenfalls leicht wegen der Feuchtigkeit und der Wärme des Organs, [Geschwindigkeit der Wahrnehmung des Auges, weil die Feuchtigkeit warm ist = schnell; alles was kalt ist, ist starr und reagiert langsam], länger aber kann er [sensus communis] es nicht behalten.

Darum überträgt er nach der Wahrnehmung durch die Nervenbahnen (zum Organ) der Immaginativa (Vorstellungsfähigkeit). Deren Funktion ist es, die empfangenen Erscheinungsformen (species) und Vorstellungen zu bewahren. Daher erhielt sie auch ihren Namen. Und darum wird deren Organ als trockener und kälter beschrieben (hier geht es nicht mehr so schnell, nicht warm genug).

Damit aber das, was folgt, nicht im Müßiggang verbleibt (verharrt), gehen die Erscheinungsformen (species) von der Imaginativa zu der Estimativa über. Aus diesen soll diese Fähigkeit (Vermögen) die noch nicht verspürten Absichten hervorrufen.

Wie ein Schaf aus den Erscheinungsformen (speciebus) des Wolfs, nämlich aus der Farbe, dem Aussehen (figura) und anderen [Sachen], die eine noch gar nie verspürte Feindschaft entwickelt und vor demselben flieht, nach Avicennas 6. Buch "De naturalis". Und dies entweder aus natürlichem Instinkt, wenn es möglicherweise die Tücke des Wolfes vorher nicht erfahren hat oder aus Erfahrung. Wie z.B. ein Esel, wenn er sich einer Grube nähert, in die er neulich gefallen ist, einen Sturz befürchtet und ausweicht. Oder aufgrund der Verbindung wie wenn wir die roten Kirschen als süss einschätzen.

Discipulus: Was sind Intentionen?

Magister: Sie sind Erscheinungsformen (species) der Empfindungen und demnach sind sie viel einfacher als die Erscheinungsformen der wahrnehmbaren Dinge. Und sie können wegen der Unfähigkeit (Ungeeignetheit) der Organe von den äusseren Sinnen nicht wahrgenommen werden. Im Verhältnis entsprechen sie aber dieser Fähigkeit und wenn die Vernunft diese schmückt, wie dies bei den Menschen der Fall ist, pflegen wir sie nun nicht mehr Estimativa, sondern Cogitativa oder Partikularvernunft zu nennen.

Über die Memoria und ihren Ort im Gehirn handelt dann nach Ausführungen über den Traum erst Cap. 29.

(Übersetzung von B. Braune-Krickau und D. Senekovic; vgl. die englische Übersetzung von Kusukawa / Cunningham p. 205)

Mögliche Vor-Bilder:

(1) Aus einem Albertus Magnus zugeschriebenen Werk, 1490 (vgl. W.Sudhoff):

  • I. Ventriculus: Imaginatio, Sensus communis
  • II. Ventriculus: Extimatio [vgl. lat. extimare "meinen, glauben"] Imaginativa
  • III. Ventriculus: Membrorum motiva, Memorativa
  • am Hinterkopf zum Hals hinunterziehend steht: ab hic ramificant nervi per nucam et spondilia dorsi ad totum corpus

(2) Johannes de Ketham zugeschrieben, Fasciculus Medicinae, Venedig 1491.
>https://de.wikipedia.org/wiki/Fasciculus_Medicinae#/media/Datei:Mann_1491.jpg

(3) Ludovicus Pruthenus, Trilogium anime non solum religiosis verumetiam secularibus predicatoribus confessoribus contemplantibus et studentibus lumen intellectus et ardorem affectus amministans, Nürnberg: Koberger 1498 ; Cap. XXIII
> http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/inc-iii-96/0153/image

Die Gesichtszüge ähneln frappant denjenigen von Willibald Pirckheimer (1470–1530), wie ihn Dürer 1503 und 1524 portraitiert hatte.

(4) Aus: Magnus Hundt, Anthropologium de hominis dignitate, natura et proprietatibus, Leipzig: Wolfgang Stöckel, 1501. (vgl. K.Sudhoff)

Literaturhinweise:

Karl Sudhoff, Tradition und Naturbeobachtung in den Illustrationen medizinischer Handschriften und Frühdrucke, vornehmlich des 15. Jahrs. Studien zur Geschichte der Medizin, Heft 1, Leipzig: J.A. Barth 1908.
> https://archive.org/details/traditionundnatu00sudhuoft

Walther Sudhoff, Die Lehre von den Hirnventrikeln in textlicher und graphischer Tradition des Altertums und Mittelalters, Leipzig 1913. (Download via jstor.org)

Edwin Clarke / Kenneth Dewhurst, Die Funktionen des Gehirns: Lokalisationstheorien von der Antike bis zur Gegenwart, München: Moos, 1973 (157 Seiten; 158 Abb.)

Anhang:

Die Theorie und das Bild haben eine lange Tradition; hier nur einige Hinweise:

••• Der Dominikaner Johannes Host = Johannes Romberch de Kyrspe verfasste eine "Sammlung (Congestorium von lat. congero: zusammentragen) zur Gedächtniskunst" (Mnemotechnik), in der er zunächst darlegt, wo das Gedächtnis physisch lokalisiert ist:

Congestorium artificiose memorie. Joannis Romberch de Kyrspe. … Omnium de memoria preceptiones aggregatim complectens: opus omnibus Theologis: predicatoribus & confessoribus: Juristis: iudicibus procuratoribus: aduocatis & notarijs: medicis: philosophis. Artium liberalium professoribus. Insuper mercatoribus nuntijs et tabellarijs pernecessarium,
Venedig: Georg de Rusconi 1520 > https://archive.org/details/hin-wel-all-00002875-001
Venetijs, per Melchiorem Sessam 1533 > https://www.loc.gov/item/10019844/

••• Robert Fludd, Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris […] historia, tomus II (1619), tractatus I, sectio I, liber X, De triplici animae in corpore visione
> https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Fludd#/media/Datei:RobertFuddBewusstsein17Jh.png

••• Eine Lokalisationstheorie hat Franz Joseph Gall (1758–1828) in seiner ›Schädellehre‹ entworfen; mehr dazu hier

••• Fritz Kahn (Das Leben des Menschen, 1929) visualisiert Sehen – Denken – Sich-Erinnern in Gehirn-Regionen, als hätte er Gregor Reisch gekannt:

(von rechts nach links) a Die Filmkamera nimmt Bilder auf — b Der Film wird entwickelt — c Bilder werden begutachtet — d archiviert.

••• Wilder G. Penfield (1891–1976) konnte corticale Regionen im Gehirn mittels (seriöser) Experimente in Relation setzen zu den sensorischen und motorischen Fähigkeiten der davon innervierten Körperteile.

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Das Auge

Einen kleinen Eindruck der mittelalterlichen Lehre vom Auge und seinen Häutchen (septem tunicae aut pelliculae sive telae) vermag der Passus bei Konrad von Megenberg (Mitte 14.Jh.) zu geben (Buch de Natur I, Kap.5): Daz aug ist gesetzt in siben röcke, daz sint siben häutel, dâ mit ist die cristallisch fäucht verhüllt, dar an des gesichtes kraft ligt.

Reisch: Das Auge besteht aus vier Häuten und drei Flüssigkeiten.

  • Die erste Hülle heißt vereinende (im Bild bezeichnet: Coniunctiva Septi | ma tunica) …;
  • den hinteren Teil davon nennt man die harte Hülle (sclerotica) …;
  • als nächstes folgt die Hornhaut (cornea | sexta), sie ist durchsichtig, um die Bilder durchzulassen …;
  • nach dieser kommt die traubige Haut (uvea perfora | ta quinta tu.) …;
  • ihren äußersten Teil nennt man secundina;
  • usw.

Liber X; Tract. II, Cap. 9 (Druck 1503)
Kusukawa / Cunningham, p. 179.
Otto und Eva Schönberger, S. 416f.

Die Visualisierung erweckt den Anschein einer Mimetischen Abbildung — G: Querschnitt — Typographische Mittel (Schrift ins Bild hineingeschrieben)

Im handschriftlich verbreiteten, der Optik gewidmeten Traktat »Perspectiva communis« von Johannes Peckam († 1292) befinden sich bereits naturnahe Illustrationen. Vgl. Bednarski, Fig. 10:

(Die anatomischen Zeichungen fehlen in den Drucken 1482, 1504.) — Hier ein Bild aus einem späteren Druck:

Perspectiva Commvnis: Ideo sic dicta, quod contineat elementa tēs optikēs, omnibus philosophiae studiosis necessaria. Summa cura & diligentia emendata, & ab infinitis quibus scatebat mendis repurgata … per Georgium Hartmannum …, Norimbergae: Petreius 1542
> https://archive.org/details/ita-bnc-mag-00001361-001/page/n40/mode/1up

Literaturhinweise:

Adam Bednarski, Die anatomischen Augenbilder in den Handschriften des Roger Bacon, Johann Peckham und Witelo, in: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin Bd. 24, Heft 1 (1931), pp. 60–78.
> https://www.jstor.org/stable/20773609

Gudrun Schleusener-Eichholz, Das Auge im Mittelalter, (MMS 35), München 1976; Band 1, S. 34–44.

David Charles Lindberg, Theories of Vision from Al-kindi to Kepler, University of Chicago Press 1976 [nichts Einschlägiges zu Reisch].

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Astrologie

Von der Astrologie (im heutigen Sinne) hält Reisch wenig. Zum Thema der Natur der Sternzeichen (signorum natura) bringt er (Liber VII, Tract. 2, Cap. 1) die Zuordnung der Sternzeichen zu ihren elementaren Eigenschaften, zu den Temperamenten und den Bezug zu Körperteilen. (Diese Bezüge werden in sprachlicher Variation vage ausgedrückt, z.B. caput sibi vendicans; colla respicit; obtinet pectus; <h>epar regit; …)

Reischs Text hier als Tabelle dargestellt:

Widder warm, trocken, feurig, gallig Haupt
Stier kalt, trocken, erdhaft, melancholisch Hals
Zwillinge warm, feucht, luftig, blutvoll Arme
usw.    

Dieser Text wird graphisch so umgesetzt:

(1503)

Visualisierungstechnik: Mimetische Abbildung des Körpers — Icons (Pictogramme der Sternzeichen) — Typographische Mittel (Schrift; Verweispfeile). Es werden nur Teile aus dem Text übernommen.

Funktion: Die Zusammenhänge zwischen den Konzepten (Sternbild – elementare Eigenschaften und Temperamente – Gliedmaßen) visualisieren.

Die Ausgabe Straßburg: Grüninger 1504 verwendet ein anderes Bild:

Die technischen Mittel sind dieselben wie 1503. Die von den Sternzeichen-Bildern auf die Gliedmaßen des Männchens verweisenden Pfeile sind angeschrieben mit gut — mittel — böß.

Diese Beschriftung mit gut — mittel — böß zeigt, dass hier das Bild eines Aderlass-Männchens eingesetzt wurde.

Je nachdem, in welchem Tierkreiszeichen der Mond stand, war eine Körperregion mehr oder weniger zum Aderlass geeignet. Entsprechend wurden die zwölf Phasen des Tierkreises einzelnen Gliedern und Organen des menschlichen Körpers zugeordnet und festgelegt, an welchen Stellen und in welchem Zeitraum Blut entnommen werden konnte, ohne dabei den Patienten zu gefährden. Das Bild hat somit die Funktion einer Betriebsanleitung für den Arzt, also am ehesten h.

Ein früher Druck einer solchen Darstellung findet sich im »Fasciculus Medicinae«, Venedig 1491.

Die Bilder gleichen sich oberflächlich, haben aber eine andere Funktion! — Dasjenige von 1504 passt nicht zum Text von Reisch.

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Volatilia

Thema des ersten Kapitels über die fliegenden Tiere ist die Fortpflanzung der Vögel, insbesondere das Entstehen des Eis und die Herausbildung des Kükens im Ei. Beiläufig wird erwähnt, wieviel Mal im Jahr Raubvögel / Tauben / Hühner Eier legen. Im dritten Kapitel (xxxi) wird der verschiedene Bau der Organe bei Raubvögeln und Wasservögeln erwähnt. Aber eine Übersicht über die Gattungen wird nicht gegeben: Sunt enim (ut ait Ambrosius [Hexaemeron]) avium genera diversa: quae memoria aut cognitione comprehendere quis possit? — Funktion: T

Ausgabe Basel 1508, Liber IX, Cap. xxix — (Die Feldermaus / vespertilio gehört in der alten Naturkunde zu den Vögeln, vgl. z.B. Konrad von Megenberg, III, B, 69. — Der Adler scheint der Heraldik entflogen zu sein …)

Solche Wimmelbilder kommen vor in Frühdrucken zur Naturkunde, hier beispielsweise: Konrad von Megenberg, Buch der Natur, Augsburg: Johann Bämler, 1481.

> https://www.loc.gov/resource/rbc0001.2008rosen0080/?sp=151
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00031026/image_133

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Monstruosa Homines

In der Ausgabe Straßburg 1504 und dann Basel 1508 erscheint in Liber VIII, Cap. xix De monstruosis & miraculosis effectibus a quibus fieri possint ein Bild mit monstruösen Menschen (dasselbe Bild in Liber IX, Cap xl: De gemellis, monstris et abortivis fetibus).

Der Text nennt Monstren, die nur ein Auge mitten auf der Stirn haben, solche bei den die Füße verkehrt stehen, solche, die Augen an den Schultern haben, und Hundsköpfige. Zitiert wird Augustinus, Civitas dei XVI,8.

Von links nach rechts: ein Skiapode (Schattenfüßler) – ein Einäugiger – ein Blemmyer (kopflos; Gesicht auf der Brust (vgl. Plinius, Nat. hist. V, viii, 46) – ein Kynokephale (Hundsköpfiger) – ›Siamesische Zwillinge‹.

Die Darstellungen muss man als mimetisch bezeichnen, auch wenn sie nicht natürlicher Anschauung entommen sind. — Funktion? "Alternative Fakten" (ein Begriff, den Präsident Trumps kongeniale Kommunikations-Chefin Kellyanne Conway prägte) glauben wir eher, wenn sie als Bild präsentiert werden, als wenn sie in einem Text erwähnt werden. Vielleicht ist die Funktion eine Beglaubigungsstrategie.

Einige Gestalten ähneln (links) denjenigen in der Schedelschen Weltchronik (1493) Fol. XII recto und (rechts) einem Bild in Esopi appologi sive mythologi: cum quibusdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant. Basel: Jacob Wolff von Pfortzheim 1501.

   

Die zusammengewachsenen Zwillinge erscheinen im Text beider Kapitel von Reisch nicht. Ein Flugblatt von Sebastian Brant von 1495 (Paul Heitz, Flugblätter, 1915, Nr. 7) zeigt eine ähnliche Missgeburt, allerdings sind diese Zwillinge am Kopf zusammengewachsen.

Exkurs. Das Bild in der »Margarita« macht dann Karriere; der Holzschnitt zirkuliert in den Verlagen in Basel und am Oberrhein. Er erscheint in:

Seb. Münster, Cosmographia. Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum in wölcher begriffen. Aller völcker Herrschafften, Stetten vnnd namhafftiger flecken / härkom(m)en …. Allenthalben fast seer gemeret und gebessert / auch mit einem zuogelegten Register vil breüchlicher gemacht. Basel, Heinrich Petri 1546; 5. Buch, pag. dcclij. Von den lendern Asie; India so über dem wasser Gange ligt. Der Text zitiert Solinus, wo diese Wesen geschildert werden.

Johannes Herold, Diodori des Siciliers / vnd berümptesten Geschicht schreybers/ vonn angfang der Weldt biß zuo jrer bewonung/ vnd rhuomreichen herrschunge fürgefallener geschichten, in: Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung […], Basel: H. Petri 1554; S. cxxxvij = 4. Buch, Cap. ix Von etlichen seltzamen thiern – ohne genauen Bezug zum Text.

Vgl. hierzu das Kapitel zu den Bildwanderungen.

Eine spätere Ausgabe der »Margarita« geht phanstasievoll mit dem Bild um:

Straßburg: Grüninger 1508

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Der Ursprung der natürlichen Dinge

(1503)

Titelblatt zum 8. und 9. Buch: De origine rerum naturalium (Elementenlehre, meteorologische Erscheinungen, Kometen, Metalle, Pflanzen, Tiere, Fortpflanzung des Menschen, u.a.m.)

Das zum Titel (origo = der Ursprung) passende Bild ist von einer Bibelillustration inspiriert: Im Paradies erschafft Gottvater das Weib aus der Rippe, die er Adam entnommen hat. (Genesis 2,21: Immisit ergo Dominus Deus soporem in Adam: cumque obdormisset, tulit unam de costis ejus, et replevit carnem pro ea.)

Vgl. das Bild in der Schedelschen Weltchronik (1493), Fol. VI verso:

Visualisierungstechnik: Narrativ. — Weitere biblisch inspirierte Bilder in der »Margarita«: Hölle und Fegefeuer — das Paradies.

Solche T-Bilder haben eine Tradition in den handschriftlichen Enzyklopädien. Dort gibt es figurierte Initialen, die als Dispositionsmerkmal oder Findehilfe für die Leser dienen. (Vgl. den unten zitierten Aufsatz von Ch. Meier-Staubach, FrühMiSt 31). Beispiele:

Aus Isidor von Sevilla, Beginn der Kapitel zu Mundus und Medicina:

   

Württembergische Landesbibliothek, Cod. poet. et philol. fol.33 (2. Hälfte des 13.Jhs.)
> http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/bsz352950846

Aus Bartholomaeus Anglicus († 1272). Livre des proprietés des choses de Bathélemy l'Anglais , traduit du latin par Jean Corbichon; Beginn des Kapitels des maladies:

Bibliothèque nationale de France. Département des Manuscrits. Français 22532
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b10464108z/f192.item#

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Der Salamander

Der Salamander entsteht aus dem Wasser, kann aber auch im Feuer leben (Augustin, Civitas Dei 21,4). Plinius sage von ihm (nat. hist. X, lxxxvi, 188), das Tier habe die Gestalt einer Eidechse und lösche Feuer, das es berührt, wie Eis:

Liber IX (De origine rerum naturalium), Cap. v
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00012346/image_401

Das Tierlein hat der Illustrator aber in vivo nicht gesehen; es ist ausgebüxt (‘AWOL’) aus dem Buch von Bernhard von Breydenbach (1440–1497):

Hec animalia sunt veraciter depicta sicut vidimus in terra sancta. — Und wenn das so ist, dann darf man das Bild ja wohl kopieren, oder?

Peregrinatio in terram sanctam, Mainz : Erhard Reuwich 1486.
Das ganze Bild hier > https://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/18835061

Mehr zu den Wanderungen des Salamanders hier.

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Badefreuden

Man würde glauben, dass die Illustratoren in Freiburg die warmen Quellen und Bäder aus eigener Anschauung kannten und deshalb solche mimetische Bilder zeichneten, wie dasjenige zu Liber IX, Cap. xv: de fontium:

(1504)

Die Anregung dürfte wohl von diesem Bild kommen, man beachte die Zweiteilung des Wasserbeckens (für Damen und Herren?) und das Schankzeichen am Wirtshaus: "es ist ausg’steckt", d.h. man bekommt heurigen Wein...

Hans Folz, Dises puchlein saget vns von allen paden die von natur heiß sein, [Nürnberg, ca. 1491] http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00027049/image_5

Hinweis bei Alfred Martin, Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen, nebst einem Beitrage zur Geschichte der deutschen Wasserheilkunde, Jena: Diederichs 1906.

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Das logische Quadrat

Das logische Quadrat dient der Veranschaulichung elementarer logischer Beziehungen von Aussagen mit jeweils demselben Subjekt und Prädikat. Der Ursprung dieser Aussagen findet sich in Aristoteles’ Werk »De Interpretatione« 6–7, welche im zweiten Jahrhundert n. Chr. von Apuleius von Madaura vervollständigt und graphisch in die quadrata formula, das logische Quadrat, umgesetzt wurden. Die bis heute gebräuchliche Terminologie der einzelnen Bestandteile geht auf Boethius und dessen Aristoteles-Kommentare zurück.

Die 4 verschiedenen logischen Beziehungen (konträr – kontradiktorisch – subaltern – subkonträr) zwischen den 4 verschiedenen Urteilstypen (allgemein bejahend – allgemein verneinend – partikulär bejahend – partikulär verneinend) lassen sich tabellarisch so darstellen:

Alle S sind P konträr Kein S ist P
Kein S ist P kontradiktorisch Einige S sind P
Alle S sind P kontradiktorisch Einige S sind nicht P
Alle S sind P subaltern Einige S sind P
Kein S ist P subaltern Einige S sind nicht P
Einige S sind P subkonträr Einige S sind P

Die Tabelle (oder gar ein solcher Text) ist schwer lesbar. Die Beziehungen werden seit der von Michael Psellos im 11. Jh. ersonnenen Graphik kompakt und einprägsam so visualisiert:

Liber II, Tract. iii, Cap. V: de oppositione propositionum

Die Kreise auf der linken Seite enthalten die bejahenden, die auf der rechten die verneinenden Aussagen. Sätze, welche kontradiktorisch sind, d.h. sich gegenseitig ausschliessen, stehen sich diagonal gegenüber. Aussagen mit entgegengesetzten Prädikaten sind zueinander horizontal angeordnet. Die Relationen zwischen diesen wird als konträr (allgemeine Aussagen) bzw. subkonträr (partikuläre Aussagen) bezeichnet. Die partikulären Aussagen sind jeweils logisch in den allgemeinen enthalten und werden daher als subaltern zu diesen bezeichnet.

Die Darstellung in der »Margarita« verwendet als Subjekt homo und als Prädikat est animal (›Lebewesen‹). Die beiden oberen Kreise enthalten die allgemeinen (omnis / nullus bos est animal – ›jeder / kein Mensch ist ein Lebewesen‹), die beiden unteren die partikulären Aussagen (quidam homo est est animal / quidam homo est non est animal – ›ein gewisser Mensch ist [nicht] ein Lebewesen‹). — Das Beispiel ist nicht sehr klug gewählt, statt ›Lebewesen‹ wäre z.B. ›blond‹ besser; denn es gibt wirklich Menschen, die nicht blond sind...

Visualisierungsmittel: Diagramm – Typographie

Literaturhinweise:

Moderne Darstellung > http://en.wikipedia.org/wiki/Square_of_opposition

Carl von Prantl, Geschichte der Logik im Abendlande, Leipzig: Hirzel 1855.

H. Schepers, Artikel ›Quadrat, logisches‹ in: Historisches Wörterbuch der Philosophie; Band 7 (1989), Sp. 1733–1736.

Terence Parsons, ›The Traditional Square of Opposition‹, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy, Edward N. Zalta (ed.) > http://plato.stanford.edu/archives/fall2008/entries/square/

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Die alte und die neue Arithmetik

TYPVS ARITHMETICAE

Das Bild zeigt den Vorzug der neuen Rechenmethode (mit Ziffern) vor der alten (mit dem Abakus) durch eine Gegenüberstellung von zwei historischen Figuren aus verschiedenen Zeiten (Tituli BOETIVS und PYTAGORAS).

1503 zu Liber IV (Arithmetica speculativa)

Durch die symmetrische Bildgestaltung sowie die Plazierung der personifizierten Arithmetik auf einem Podest in der Mitte wird ein Wettkampf mit Schiedsrichterin inszeniert.

Die Wertung des Wettkampfs wird durch Bildeigenschaften zugunsten der neuen Methode ausgedrückt:

Boethius (der historisch Jüngere) sitzt zur Rechten der Arithmetik, diese schaut auf ihn, Boethius hat den gelösteren Gesichtsausdruck, seine Seite ist im Licht;

die Seite von Pythagoras (dem historisch Älteren) ist im Schatten.

(In der Ausgabe Straßburg 1508 ist im Fenster von Boethius eine Rose / im Fenster von Pythagoras ein spitzer Berg sichtbar.)

Visualisierungsmittel: Personifikation — pseudo-mimetische Portraits – echt-mimetische technische Werkzeuge (Abakus, Ziffern-Tafel) — Typopgraphische Verdeutlichung

Die fälschlich Boethius zugeschriebene, heute als "Geometrie II" bezeichnete Schrift »scheint […] das früheste lateinische Werk zu sein, in dem arabische Ziffern dargestellt sind.« Vgl. Menso Folkerts, "Boethius" Geometrie II. Ein mathematisches Lehrbuch des Mittelalters; Wiesbaden: Steiner 1970.

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Der Jakobsstab

Mit dem Jakobsstab (baculus iacob) lässt sich der Abstandswinkel zwischen zwei Punkten messen. Man hält das Instrument ans Auge und visiert über die am Querstab zuäußerst angebrachten Nägel. Den Querstab verschiebt man, bis Auge – Nägel – anvisiertes Objekt auf einer Geraden liegen. Auf dem Längsstab ist eine Skala angebracht, die dort, wo der Querstab zu stehen kommt, den Winkel angibt.

Misst man den Winkel von zwei Standorten aus, so lässt sich mit dem Strahlensatz in der Geometrie beispielsweise die Höhe eines Gebäudes oder Bergs bestimmen.

1503 zu Liber VI, Tract. ii

Visualisierungstechnik: Mimetische Abbildung des Instruments; der das Gerät verwendenden Person; des zu messenden Objekts — I: Hilfslinien, die den Sehstrahl Auge – Nägel – Objekt verdeutlichen.

Allein: So funktioniert das Gerät nicht! Dem Illustrator ist bei der Einzeichnung der Hilfslinien ein Fehler unterlaufen. Aber das Bild wird ohne Korrektur so von Auflage zu Auflage tradiert!

Richtig gezeichnet sind die optischen Hilfslinien hier:

Jacob Koebel, Den Stab Jacob kunlich und gerecht zemachen und gebrauchen, Franckfurt am Meyn/ Bei Christian Egenolph. MDXXXI
> https://daten.digitale-sammlungen.de/0002/bsb00025204/images

Jnstrument Buch/ durch Petrum Apianum erst von new beschriben, Ingolstadii 1533.
> http://digital.slub-dresden.de/ppn288355148

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Die Erdkrümmung

In Liber VII, Tract. i wird die Gestalt der Erde abgehandelt: De figuratione et natura terrę. Die Kugelgestalt werde gut einsichtig durch das Phänomen, dass der Seemann ein entferntes Gebilde (hier das Fundament eines Turms am Ufer: figura in litore) nicht sieht, wenn er über die Reling schaut (oculus inferior), hingegen vom Mastkorb (oculus superior) aus sieht.

(1517)

Das Bild ist im Kern mimetisch mit optischen Hilfslinien (I) angelegt. Weil das Verhältnis der Distanzen "Reling : Mastkorb" und "Schiff : Turm" extrem ist, muss die Visualisierung zum graphischen Trick einer Verzerrung greifen: Die krumme Wasseroberfläche, über die der Seemann von der Reling aus nichts sieht, wird im Bild nach oben gebogen. Das Bild scheint das im Text Gesagte beweisen zu wollen.

Die Anregung stammt wohl aus Johannes de Sacrobosco ( um 1195 bis 1256), »Tractatus de Sphaera«:

Quod aqua sit rotunda – hier aus dem Druck [Venedig]: Erhard Ratdolt 1485
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00036841/image_1

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Mappa Mundi

In der Erstausgabe 1503 gibt es eine Weltkarte im Stil des Ptolemaeus, ähnlich wie sie 1493 viel einfacher in der Schedelschen Weltchronik (Fol. XIIv/XIIIr) erschien. (300 x 411 mm)

Der Aequator ist eingezeichnet. Ein Gradnetz (T) ist an den Rändern angegeben.

Die 12 Winde sind Pictogramme (I) (Warum trägt Vulturnus (rechts oben) eine Brille?)

Drei Quellen des Nils (M) wurden vermutet. Noch nichts im Westen.

Der (mit Aphrica verbundene) Südkontinent ist zwar dargestellt, der darauf geschriebene Text (T) besagt indessen: Hic non terra sed mare est: in quo mire magnitudines insulę / sed Ptolemeo fuerunt incognitę

Für die Ausgabe Straßburg: Grüniger 1513 soll Reischs Kommilitone Martin Waldseemüller († 1520) eine modernere Weltkarte beigesteuert haben: Typus universalis terrae, iuxta modernorum distinctionem and extensionem per regna et provincias:

Hier ist der neu entdeckte Kontinent bereits skizziert. Man beachte für Südamerika: Paria seu prisilia

Amerigo Vespucci sagt in seinem auf Italienisch erschienenen Reisebericht »Mundus novus«, er sei (in Südamerika) an einem Ort namens Lariab gelandet. Die lateinische Übersetzung schreibt Parias. — Stefan Zweig hat zu diesem Poblem 1944 ein kleines Buch verfasst. — Nach Plinius, Hist. Nat. V, xxxiv, 128 gibt es die Insel Paria im phönizischen Meer, auf welcher Andromeda dem Seeungeheuer vorgeworfen sein soll ...

Für die Ausgabe Straßburg: Grüniger 1515 gibt es ein Update, dazu eine schiftliche Noua terrę descriptio:

(Bei Nordamerika ist angeschrieben: Zoana mela, ein Lesefehler; vgl. Franz von Wieser, Zoana Mela, Ein Beitrag zur Geschichte der Erdkunde in den ersten Dezennien des 16. Jahrhunderts, in: Zeitschr. für wissenschaftl. Geographie V (1885), 1–6.)

Geographische Texte stehen in Liber VII, Tract. i, Cap. 44–52, z.Bsp.: De partibus terrae habitabilibus iuxta divisionem eius in zonas quascumque … Et paradisus qualis aut in qua parte terrae sit (Cap. 45); De divisione terrae habitabilis in Europam, Asiam et Africam (Cap.49 sqq.)

In diesen Texten wird (seit 1503) auf die Landkarte verwiesen:
Cap. 49: patet hęc in hic affixa mappulę mundi descriptione.
Cap. 51: hic ob spacii angustiam pro nominibus regionum litteras posui. Das ist seltsam, denn die Karten 1503 und 1517 enthalten keine Verweisbuchstaben/Legende, hingegen die Karte von 1513.

 

Literaturhinweis:

https://www.press.uchicago.edu/books/HOC/index.html hier der Artikel Vol. 3 / Part 1 / Chapter 9: Patrick Gautier Dalché, The Reception of Ptolemy’s Geography (End of the Fourteenth to Beginning of the Sixteenth Century)

Vgl. auch hier das Kapitel zur Geographie

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Musik

In Liber V, Tract. ii gibt es Diagramme, die ohne Kennntisse der historischen Musikwissenschaft nicht zu deuten sind:

 

 

 

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Astronomie

In Liber VII, Tract. i erscheinen seit der Erstausgabe mehrere Diagramme, die ohne genaue Textkenntnisse nicht zu deuten sind. Ein Beispiel:

 

 

 

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Zu den Drucken von Grüninger in Staßburg

Der Drucker/Verleger Johannes Grüninger (ca. 1455–1532) hatte Erfolg mit bebilderten Büchern: Boethius (1501); Vergils Aeneis (1502), Murner, Sebastian Brant. Bereits ein Jahr nach der Erstausgabe der »Margarita« druckt er auch dieses Buch – ein©opyright gab es damals noch nicht, aber offensichtlich einen Markt für Bücher enzyklopädischen Inhalts. Parallel zu den "rechtmäßigen" Ausgaben erscheinen bis 1515 weitere "Raubdrucke".

Den Text kann er einfach wieder setzen lassen; die Bilder lässt er neu als Holzschnitte verfertigen. Einige sind nicht präzis, andere verbessert er; zudem fügt er neue Bilder ein.

Der Verleger Schott reagiert sauer und warnt seine Käufer vor dem Nachdruck, vgl. hier.

Erstes Beispiel: Das Titelblatt zum 8.Buch über den Ursprung der natürlichen Dinge, wo Schott und dann Furter in allen Ausgaben bis 1517 das biblische Bild der Erschaffung Evas eingefügt hatten (vgl. hier oben), braucht Grüninger nicht kopieren zu lassen, sondern er greift auf ein Buch aus der eigenen Werkstatt zurück:

Margarita, Straßburg: Grüninger 1504; zu Liber octavus: De principiis rerum naturalium

Der rechte Teil des Bilds erschien 1501 hier:

Boetius de Philosophico consolatu siue de consolatione philosophiae: cum figuris ornatissimis nouiter expolitus, Argentinae: Grüninger 1501. Wie in diesem Buch üblich, ist das Bild aus einzelnen Holzschnitten zusammengesetzt. Zu Lib. V., metr. 2 (Phoebus und conditor orbi) und nachmals metr. 3 (Fol. CXIII verso und CIIII recto).

Zweites Beispiel: In allen Ausgaben von Schott und dann Furter erscheint als Vorspann zu Liber V, Tract. i: Musica speculativa (Musiktheorie) dieses Bild:

Schott: Freiburg 1503

Die Figur vorne rechts ist Phythagoras (im Text in Kapitel 4 genannt): Der Sage nach ging Pythagoras an einer Schmiede vorbei und hörte das Fallen von Hämmern in harmonischen Tonhöhen. Um herauszufinden, wie die Unterschiede der Intervalle zustande kommen, misst er das Gewicht der Hämmer, welche die Tonhöhen erzeugten. Reisch: (Quelle ist Boethius, de instituione musica I,10f., was Reisch nicht erwähnt.)

Aus der Wendung malleorum pondus examinat hat der Illustrator das Bild des mittels einer Waage arbeitenden Pythagoras entwickelt.

Grüninger lässt das Bild 1504 neu zeichnen und verbessern:

Straßburg: Grüninger 1504

In der Erstausgabe stand TYPVS MVSICĘ (V bei Großbuchstaben üblich für unser U; -Ę für -AE, lateinischer Genitiv); hier steht TYPVS MVSICES – der Illustrator bzw. sein gebildeter Instruktor verwendet den griechischen Genitiv (von mousikḗ = Femininum auf -η); freilich verwendet er lateinische Buchstaben und schreibt lat. V statt griech. ou – ein seltsamer Zwitter.

Zu Pythagoras ist neu dazu gekommen (hinten rechts) TVBAL. Tubal galt ebenfalls als ein Erfinder der Musik, er erscheint ebenfalls im Text (Kapitel 4, wo als Quelle Petrus Comestor, Historia Scholastica zitiert wird).

Tubal wurde immer wieder mit Jubal (Genesis 4,21f) vermengt: Iubal … fuit pater omnium canentium cithara et organo. … Tubalcain, qui fuit malleator et faber in cuncta opera aeris et ferri. (Vulgata; übers: "Von Jubal sind hergekommen die Geiger und Pfeifer; Tubalkain ist Meister in Erz- und Eisenwerk.") Deshalb ist er als Schmied dargestellt: Das Schlagen des Eisens erzeugt verschiedene Töne, das soll ihn auf die Idee der Musik gebracht haben.

Die Banderole neben der Figurengruppe von Tubal und Pythagoras enthält die (schwer zu entziffernde) Bezeichnung parſ māt (nach M.H.Schmid, S.351: pars mathematica). Der Begriff kommt im Text nicht explizit vor, die Zahlenverhältnisse der Töne zueinander werden aber im Kapitel über Tubal und Pythagoras (V,i,4) behandelt. — Eine andere Deutung: parſ māt lesen als mit dem (wie bei MVSICES) lateinisch geschriebenen Wort griech. mant[hanonton] (Gen.Pl. zu pars ≈ Gruppe, auch Obliegenheit; manthanontes ≈ Forschende, zu μανθάνω forschen); damit ist ebenfalls die dritte Gruppe gemeint (nach T.G. Winterthur).

Entsprechend dem Text Liber V, Tract i, Cap. 3 Vom Ursprung des Namens und was ein Musikus sei. werden drei Arten von Musikern unterschieden:

DIScipulus: Woher hat diese Wissenschaft diese Bezeichnung erhalten? MAGister: Es gibt einige, die glauben, die Musik sei von "moys", was die Ägypter für Wasser sagen, abgeleitet, da sie beim Wasser erfunden worden sei, oder von "musa", wie sie das beste Instrument in der Musik nennen. Andern aber scheint die Musik vom griechischen Wort μουσα benannt. Von da <kommt> μουσικοσ, lateinisch musicus, wie auch vor allem die Wissenschaft des Singens: Nicht weil sie einen Dienst leistet, sondern weil sie die Führung hat, beansprucht sie <den Namen Musik>. Es gibt aber drei Arten von Musikern.

Die ersten, die mit den Musikinstrumenten zu tun haben, die auch gut spielen und die Saiten schlagen. Aber warum diese gezupften Saiten und nicht andere den Wohlklang liefern, verstehen sie nicht, noch kennen sie die Theorie dieser Kunst. So sind offensichtlich fast alle unsere Harfenspieler. — Die ausübenden Musikanten (man beachte die verschiedenen Instrumenten-Typen) tragen keine Bezeichnung im Bild.

Die Zweiten sind die, welche Lieder schaffen, wozu sie eher durch natürlichen Antrieb als durch Theorie und Überlegung gebracht werden, und diese nennt man "Poeten". Viele von ihnen schaffen Lieder, aber deren Harmonien und Proportionen können sie überhaupt nicht erklären. — Der Komponist mit Lorbeerkranz* ist mit Poeta angeschrieben.

*) Für die 2.Auflage bei Schott (Straßburg 1504) schrieb der 1497 zum Poeta Laureatus gekrönte Jacob Locher "Philomusus" (1471–1528) ein Lobgedicht auf Reisch (am Ende des Buches abgedruckt). Auch der im Buch vertretene Lobredner Theodericus Ulsenius Phrisius nannte sich seit 1502 "poeta laureatus".

Die Dritten sind solche, die, auch wenn sie weder auf Instrumenten und Saiten spielen noch Lieder schaffen können, davon dennoch ein erfahrenes Urteil haben (de his tamen iudicandi peritiam habent). — Diese Gruppe ist im Bild durch Jubal und Pythagoras repräsentiert.

Auf der Tafel sind (wie 1503) auf zwei Zeilen die Intervalle beim Tonaufstieg und Tonabstieg als Noten dargestellt (vgl. V,ii,3).

Der (schon im Bild 1503 erscheinende) courtois gekleidete Mann in Rückenansicht mit dem Hut in der einen Hand, einem Stab in der anderen und der prägnanten Beinstellung ist (nach M.H.Schmid, S. 253) nicht ein Dirigent. Stäbe für Dirigenten gibt es erst später. Eher handelt es sich um ein Vortänzer. (Vgl. MGG Band 3, 1954, Sp. 509–556).

Die wägende Pythagoras und die vier pythagoreischen Hämmer mit sampt jhren proportion werden 1545 so abgebildet:

    

Musica Jnstrumentalis Deudsch/ […] kürtzlich begriffen/ vnd für vnser Schulkinder vnd andere gmeine Senger/ auffs verstendlichst vnd einfeltigst/ jtzund newlich zugericht/ Durch Martinum Agricolam, Wittenberg: Georg Rhau 1545.
> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB000209E900000000

Literaturhinweise zu Pythagoras und Tubal (mit Hinweisen zu und Zitaten aus Quellen):

Barbara Münxelhaus, Pythagoras musicus. Zur Rezeption der pythagoreischen Musiktheorie als quadrivialer Wissenschaft im lateinischen Mittelalter, Bonn / Bad Godesberg: Verlag für systemat. Musikwissenschaft 1976 (Orpheus-Schriftenreihe zu Grundfragen der Musik Band 19); S. 36–55.

Gene H. Anderson, Pythagoras and the Origin of Music Theory, in: Indiana Theory Review, Vol. 6, No. 3 (1983), pp. 35–61. > https://www.jstor.org/stable/24045969

Manfred Hermann Schmid, Die Darstellung der Musica im spätmittelalterlichen Bildprogramm der Margarita Philosophica von Gregor Reisch 1503, in: Hamburger Jahrbuch für Musikwissenschaft 12 (1994), S. 247–261.

Kees Verduin (Universiteit Leiden; 2003) > https://www.leidenuniv.nl/fsw/verduin/ghio/sourchro.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Pythagoras_in_der_Schmiede

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Anhang: Divisio Operis

Abriss nach dem typograph. neu gesetzten Inhaltsverzeichnis zur Ausgabe 1517) im Reprint von Lutz Geldsetzer 1973, S. XIV – XLIV (lat. ) und O.u.E.Schönberger (dt. Übersetzung 2016), S. IX – XVIII

Liber I: De rudimentis grammatices

Tractatus I: De notitia partium orationis (35 Kap.)
Wortarten, Deklinationen,
II: De modo debito combinandi partes orationis (16 Kap.)
u.a. Adjectivus adiunctus
III: De quantitate syllabarum in generali (13 Kap.)

Liber II: De principiis logices

Tractatus I: De praedicabilibus (9 Kap.)
de genere, de specie, de differentia, de proprio, de accitende u.a.m.
II: De praedicamentis (19 Kap.)
de substantia, de quantitate, de qualitate, de relatione, de actione, de passione, de ubi, de motu ……
III: De propositione (14 Kap.)
hier auch das logische Quadrat
IV: De argumentatione et syllogismo simpliciter dicto (25 Kap.)
Quid argumentatio, de syllogisatione, de exemplo, de enthomemate
V: Die syllogismo dialectico (11 Kap.)
de locis
VI: De syllogismo demonstrativo (4 Kap.)
VII: De syllogismo sophistico (17 Kap.)
de fallaciis et earundem divisione
VIII: De passionibus terminorum quas parva logicalia dicunt (15 Kap.)

Liber III: De rhetorica

Tractatus I: De partibus orationis rhetoricae (23 Kap.)
quid rhetoris officium, de oratione demonstrativa – deliberativa – iudicali, inventio, exordium, argumentatio, conclusio, colores, pronunciatio, memoria
II: De epistolis condendis (7 Kap.)

Liber IV: De quadrivii rudimentis

Tractatus I: De quadrivii laudibus et divisione (37 Kap.)
arithmeticae definitio, Zahlenlehre
II: De divisione numeri contracti (11 Kap.)
Rechenoperationen
III: Algorithmus de minutis vulgaribus (8 Kap.)
Bruchrechnen
IV: Algorithmus de minutis physicalibus (7 Kap.)
Rechnen mit dem Abacus
V: Algorithmus cum denariis, pictilibus, seu calculis (6 Kap.)

Liber V: De principiis musicae

Tractatus I: De musicae laudibus et utilitate (19 Kap.)
II: De praxi musicae (13 Kap.)

Liber VI: De geometria speculativa

Tractatus I: De elementis geometriae (22 Kap.)
Punkt, Linie, Dreiecke, Kreis
II: In praxim geometriae (30 Kap.)
Messen mit dem Jakobsstab, Vielecke, Volumen

Liber VII: De principiis astronomiae

Tractatus I: De enumeratione et ordine dicendorum (52 Kap.)
definitio sphaerae – ab Kap. 5: de machinae mundi partitione (Himmels-Sphären), Zodiakus, – Kap.28ff: sieben Planeten – ab Kap. 40: vier Elemente – anschließend an terra: Klimazonen (46ff), Erdteile (49–52)
II: De astrologia (29 Kap.)
Einflüsse der Planeten, Ablehnung der Astrologie durch die Kirchenväter, Aberglauben, Prognostik, Necromantie

Liber VIII: De principiis rerum naturalium (41 Kap.)

Ob es eine Urmaterie gibt – De rerum principiis et origine, si materia prima fuerit, de generibus causarum (Kap. 6–15), de casu et fortuna (Kap. 16–18) – ab Kap. 19: de monstruosis effectibus – Kap.23ff: de movente immobili – Kap. 29ff: innere und von außen bewirkte Bewegung – Kap. 36ff. Zeit, Ort.

Liber IX: De origine rerum naturalium (42 Kap.)

Elementenlehre, Kap. 6ff: Mixta der ersten und zweiten Zusammensetzung: Regen, Hagel, Tau, Winde, Gewitter, Regenbogen, Kometen, Kap. 24ff: dritte Zusammensetzung: Metalle – 26f: Pflanzen, 28ff. Tiere, 37ff. Fortpflanzung der Tiere – Fortpflanzung des Menschen, Kap. 42: sechs Lebensalter

Liber X: De anima et potentiis eiusdem

Tractatus I: De potentiis animae vegetativae (5 Kap.)
II: De anima sensitiva et obiecto eius (31 Kap.)
Einleitendes – Kap. 6: de visu, de colore – Spiegel – Kap. 16ff.: de modo audiendi, olfactus, gustus, tactus – Kap.21ff: innere Sinne. Phantasie, Träume, Erinnerung,

Liber XI: De natura, origine ac immortalitate animae intellectivae

(49 Kap., in 8 campus gegliedert)
Intellectus, substantiae immateriales, tabula-rasa-Theorie (7), synderesis (11), liberum arbitrium (13), Pflanzen-, Tier und Menschenseele (15), weiteres über die Menschenseele und ihre Vereinigung mit dem Körper, Verfassung der Seelen der Abgeschiedenen, Auferstehungshoffnung, Kap.42ff.: De locis infernalibus.

Liber XII: De principiis philosophiae moralis (56 Kap.)

Dreiteilung (ethica, oeconomia, monastica); quid virtus, quomodo sit medium; Kap.4–6: de passionibus: Kap. 8ff. Tugenden aufgeteilt in intellectuales (prudentia), morales (zwölf, vier Kardinaltugenden, worunter wieder prudentia, v.a. iustitia behandelt), Einschub Kap. 26–48: de religione et vitiis oppositis (nicht das 7er-Schema, Sammelsurium), und theologicae (fides, spes, charitas Kap. 49ff.)

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Forschungsliteratur

Karl Hartfelder, Der Karthäuserprior Gregor Reisch, Verfasser der Margarita philosophica. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, Band 44 / NF 5 (1890), S. 170–200.
> http://www.archive.org/stream/Zgo44-5#page/n181/mode/2up

Robert Ritter von Srbik, Die Margarita philosophica des Gregor Reisch, in: Denkschriften der Akademie der Wissenschaften in Wien, Math.-nat.-wiss. Klasse 104 (Wien 1941), S. 85–205.
> https://www.zobodat.at/pdf/DAKW_104_0083-0205.pdf

Gustav Münzel, Der Kartäuserprior Gregor Reisch und die Margarita philosophica, in: Zeitschrift des Freiburger Geschichtsvereins 48 (1938), S. 1–87.
> http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zgb1938/0007?sid=562209e1ad2d8e615fb72a1342638e7c

Udo Becker, Die erste Enzyklopaedie aus Freiburg um 1495. Die Bilder der Margarita Philosophica des Gregorius Reisch, Freiburg: Herder 1970.

John J. Bateman, The Art of Rhetoric in Gregor Reisch's »Margarita Philosophica« and Conrad Celtes’ »Epitome of the Two Rhetorics of Cicero«, in: Illinois Classical Studies 8, no. 1 (1983): pp. 137–514.
> http://www.jstor.org/stable/23062568.

Lucia Andreini, Gregor Reisch e la sua Margarita Philosophica, Salzburg 1997 (Analecta Cartusiana 138). [Noch nicht eingesehen]

Frank Büttner, Die Illustrationen der Margarita Philosophica des Gregor Reisch. In: Frank Büttner / Markus Friedrich / Helmut Zedelmaier (Hgg.): Sammeln – Ordnen – Veranschaulichen. Zur Wissenskompilatorik in der Frühen Neuzeit. Münster 2003, S. 269–300.

Gilbert Heß, "Reisch, Gregor" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 384–386. > https://www.deutsche-biographie.de/pnd118744364.html#ndbcontent

Steffen Siegel: Architektur des Wissens. Die figurative Ordnung der artes in Gregor Reischs »Margarita Philosophica«, in: Frank Büttner / Gabriele Wimböck (Hgg.): Das Bild als Autorität. Die normierende Kraft des Bildes, Münster: LIT 2004, S. 343ff.

Ilona Pichler, Margarita philosophica: Der Makel der Lüge, Universität Salzburg 2015 (befasst sich mit der Frage der Raubdrucke)
> https://www.researchgate.net/publication/293815930_Margarita_philosophica_Der_Makel_der_Luge

Sylvain Excoffon / Coralie Zermatten (Hgg.): Sammeln, kopieren, verbreiten. Zur Buchkultur der Kartäuser gestern und heute (= Analecta Cartusiana; 337), Saint-Etienne: CERCOR 2018, 662 S.

 

Nicht direkt zu Reisch, hingegen für das Thema der Illustration von mittelalterlicher Wissensliteratur wichtig:

Christel Meier, Illustration und Textcorpus. Zu kommunikations- und ordnungsfunktionalen Aspekten der Bilder in den mittelalterlichen Enzyklopädiehandschriften, in: Frühmittelalterliche Studien, Band 31 (1997), S. 1–31 und 28 Bildtafeln.

Christel Meier, Bilder der Wissenschaft. Die Illustration des ›Speculum maius‹ von Vinzenz von Beauvais im enzyklopädischen Kontext, in: Frühmittelalterliche Studien, Band 33 (1999), S. 252–286 und 25 Bildtafeln.

Jörg Jochen Berns, Bildenzyklopädistik 1550–1650, in: Martin Schierbaum (Hg.), Enzyklopädistik 1550–1650. Typen und Transformationen von Wissensspeichern und Medialisierungen des Wissens (Reihe: Pluralisierung & Autorität, hg. vom Sonderforschungsbereich 573 der LMU München, Band 18), Münster/Westf.: LIT-Verlag 2009, S. 41–78

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Zusammengestellt von Paul Michel für den
10. Interdisziplinären Sommerkurs des Kompetenzzentrums Zürcher Mediävistik
»Wissensorganisation im Mittelalter«

30. August bis 3. September 2021

Es gilt, was der Magister einmal sagt: plurima praeterire necesse est; non enim praesentis disceptacionis est omnia limate excoquere. (Man muss viele Dinge übergehen; es ist für unsere derzeitige Erörterung nicht sachdienlich, alles präzis auszusinnen.)

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