Visualisierungen von Temperamenten, Charakteren, Emotionen

     
 

Johannes Depnering / Paul Michel (erstellt 2010 – 2015):

Visualisierungen von Temperamenten, Charakteren, Emotionen, Lastern

Die hier dargestellten Visualisierungen haben zum Gegenstand – unsere Dimension (O) – unanschauliche, abstrakte Größen: charakterliche oder psychische Verfassungen.

Zunächst folgt ein Überblick über die Parameter, die im Spiel sind. Die Besprechung einzelner Fälle in chronologischer Folge greift dann darauf zurück.

(1) WAS wird visualisiert? (Die Unterscheidung ist indessen für die Frage der Visualisierung selbst nicht sehr bedeutsam.

  • ein Charakter (ein konstanter Habitus) – Ende des 18.Jhs. bezeichnet als Physiognomik – oder
  • eine aktuelle Emotion (ein momentaner psychischer Zustand) – Ende des 18.Jhs. bezeichnet als Pathognomik (von pathe = Leidenschaft).

Es wird hier nicht nur die Richtung vom (unsichtbaren) psychischen Habitus/Zustand —> dessen Visualisierung betrachtet, sondern auch
die umgekehrte Richtung vom visuellen Eindruck —> psychischen Habitus/Zustand.

(2) Der ZEICHENTYP, mit dem die Visualisierung realisiert wird. (Details zu diesen Techniken (T) der Visualisierung, vgl. hier). Grundsätzlich ist zu unterscheiden:

  • die sichtbare Gestalt (z.B. die Körperhaltung) ist ein Symptom des Habitus / der Emotion (mit Ch. S. Peirce würde man von ›index‹ sprechen); umgekehrt gesprochen: anatomische oder physiologische Anlagen oder Zustände sind Ursache für das äußere Aussehen;
  • die sichtbare Gestalt ist vom Graphiker konstruiert; es werden Vergleiche oder Text-Narrative zur Charakterisierung beigezogen und diese visualisiert.

(3) Die Beschäftigung mit dem Thema steht in verschiedenen disziplinären Feldern (Diskursen) und Traditionen, die auch miteinander vermengt sein können.

  • Die antike (physiologische, medizinische) Temperamentenlehre, die lehrt, dass eine typische Mischung der vier Körpersäfte den Verhaltensstil eines Menschen ursächlich bestimmen. In der mittelalterlichen medizinischen Spekulation und Diätetik gibt es das Bestreben, aufgrund der antiken Säftelehre ein System von vier Complexionen zu erstellen.

  • Die Moraltheologie will die Sieben Hauptsünden an körperlichen Merkmalen versinnfälligen.

  • Im 16.Jh. wollte man Analogien zwischen der psychischen und der physischen Welt, generell zwischen verschiedenen Weltbereichen aufzeigen; vgl. die Parallelen von Tier- und Menschenköpfen bei Indagine und della Porta.

  • Im 16.Jh. entsteht mit zunehmender Professionalisierung der Verwaltung das Bedürfnis, taugliche Beamte anzustellen; Juan Huarte de San Juan lehrt in seinem »Examen de ingenios para las sciencias« (1575), wie man die geistigen Anlagen aufgrund physiologischer Befunde erkennen könne – noch Lessing hat das Werk übersetzt.

  • Um 1600 erwacht das Interesse an Charakterisierungen. Symptomatisch dafür: Der Kommentar des Isaac Casaubonus zu den »Charakteren« des Theophrast (gest. ca 288/286 v.u.Z.) erscheint in mehreren Auflagen.

  • In der Barockzeit geht es darum, die geheimen Schliche allfälliger Nebenbuhler am Hof auszukundschaften; wenn man dessen Physiognomie lesen kann, lassen sich dessen Handlungen antizipieren. Physiognomik als Antidot gegen Dissimulatio.

  • Die bildende Kunst / die Dramaturgie lehren in einer Epoche zunehmenden Realismus’, wie bestimmte Emotionen, Passionen, Affekte zeichnerisch/darstellerisch wiederzugeben sind.

  • Die um 1770 bis etwa 1820 besonders in Blüte stehende Physiognomik lehrt, dass der Charakter eines Menschen aus den Gesichtszügen abgelesen werden kann. — Für Lavater als Vertreter der Empfindsamkeit geht es darum, die Sprache des Herzens beim Mitmenschen nachzuempfinden. Gall dagegen versucht die Physiognomik auf anatomische Grundlagen zu stellen.

  • Der Rationalismus verneint Analogien zwischen dem Seelischen und der Physis: Un corps mal fait peut une fort belle ame, & l’on ne doit pas juger du bon ou du mauvais naturel d’une personne par les traits de son visage; car ces traits n’ont aucun rapport avec la nature de l’ame, ils n’ont aucune analogie sur laquelle on puisse seulement sonder des conjectures raisonnables. (»Encyclopédie«, Tome 12 [1765], p. 538)

  • Mit dem Aufstieg der Pädagogik wird die Beurteilung des Charakters aufgrund organischer Merkmale wichtig, um den Lehrern eine Vorstellung der ausbildbaren Geistesanlagen ihrer ›Pflegebefohlenen‹ zu vermitteln (so etwa Carl Gustav Carus, Symbolik der menschlichen Gestalt. Ein Handbuch zur Menschenkenntniß, 2. Auflage 1858; S. 362ff.).

  • Charles Darwin mag es darum gegangen sein zu zeigen, dass auch die Formen des emotionalen Ausdrucks stammesgeschichtlich vererbt sind.

  • Ende des 19.Jhs. kam der Gedanke auf, Kriminelle aufgrund ihrer Körpermerkmale als solche zu erkennen, bevor sie Straftaten verübten (Lombroso; Fortsetzung in der Eugenik).

  • ………

Mit dem Umfeld ist oft auch die Funktion (F) der Bilder gegeben: Die Temperamentenlehre zeigt, wie eine physiologische Anlage einen Charakter prägt – die Physiognomik will ein Instrument sein zur Diagnose des Charakters aufgrund der Gesichtsform – die Dramaturgie und die Malerei möchten aufzeigen, wie man eine bestimmte Emotion oder ein Temperament zum Ausdruck bringt, so dass es die Zuschauer wiedererkennen – die Moral möchte vor üblen Emotionen warnen – usw.

Literaturangaben

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Die Kritik des Momos: kein Fenster in der Brust !

Die Klage darüber, dass man am Äußeren eines Menschen dessen Gesinnung nicht ersehen kann, ist alt. Lukian von Samosata (* um 120; gest. ca. 180) lässt in seinem Dialog über die philosophischen Schulen den älteren Hermotimos seinem jüngeren Freund Lykinos erklären, weshalb er sich der Schule der Stoiker verschrieben hat. Er begründet dies u.a. mit dem Auftreten der einzelnen Lehrer (¶ 18). Darauf fragt ihn Lykinos: »Wie warst du also im Stande, an jenen bloß äußerlichen Kennzeichen den wahren Philosophen von dem falschen zu unterscheiden? Dergleichen Eigenschaften liegen doch wohl nicht so offen zu Tage.« Und dazu erzählt er ihm diese mythische Geschichte:

Athene, Poseidon und Hephaistos stritten miteinander, wer von ihnen das vorzüglichste Werk hervorbringen könnte. Um den Handel zu entscheiden, machte Poseidon den Stier; Athene erfand das Modell eines Hauses; und Hephaistos bildete den Menschen. Wie sie mit ihrer Arbeit zu Momos* kamen, den sie zum Schiedsrichter ihres Streites erwählt hatten, fand er, nach genommenem Augenschein, an jedem etwas auszusetzen. Seine Einwendung gegen den Stier und das Haus gehört nicht hierher; aber den Hephaistos tadelte er, dass er an der Brust seines Menschen keine Fenster angebracht habe, durch welche man in den Sitz seiner Gedanken und Gesinnungen hineinsehen und sich also immer überzeugen könnte, ob das, was er sage, Verstellung oder seine wahre Meinung sei. Momos gestand durch diesen Tadel, dass er nicht scharfsichtig genug sei, um dem Menschen anzusehen, wie es in seinem Inwendigen stehe.
(Lukian, »Hermotimus oder von den philosophischen Sekten«, ¶ 20; übersetzt von Ch. M. Wieland)
* Momos ist die Personifikation des Tadels, der scharfzüngigen Kritik.

Dazu das Bild von Maarten van Heemskerck (1561) oder aus dem Emblembuch des Hadrianus Junius, Antwerpen: Plantin 1565 u.ö., Emblem Nr. 1:

Links im Vordergrund Hephaistos, mit Werkzeug in der Hand; rechts vorne Momus, der sagt: Ich plädiere dafür, dass der Mensch mit einem Gitter auf der Brust (pectore) geschaffen werde, damit jene Höhle (specus) nichts den äußeren Sinnen Verborgenes einschließe. – (Das Bild gibt die Ideal-Vorstellung des Momus wieder.)

Johann Jacob Scheuchzer spielt auf diese Metapher an, wo er vom Zornausbruch des Königs Saul spricht: Zu 1.Buch Samuelis Cap. 18 vers 9: Und Saul sahe David sauer an, von dem Tage und fort an. [Luthers Übers.]:

Zwar ist des Menschen Hertz verborgen, verschlagen, unergründlich, ein trotzig und versagt Ding, wer kan es ergründen (Jer. 17,9) […] Jedoch ist dieser Abrund nicht dermassen tief, die Affecten nicht so gar verborgen, daß man nicht, gleich als durch ein Gitter oder Fenster, etwas davon vermercken könnte. Hat der Mensch schon keine Oefnung auf der Brust, so hat er doch einen Spiegel in seinem Angesicht, worinn man seine Gemüths=Bewegungen ziemlich deutlich erkennen, ja wie in einem Buch die Buchstaben, Sylben und Wörter lesen, mithin einen ziemlichen Begriff machen kan; Sonderheitlich ist solches thunlich bey listigen, freundlichen, verdrießlichen, neidischen, boßhafftigen, trotzigen, sittsamen, falschen, verkehrten, stoltzen, verliebten Augen. […]

Physica Sacra / Johannis Jacobi Scheuchzeri, … Iconibvs Aeneis illustrata procurante & sumtus suppeditante Johanne Andrea Pfeffel, … Augustae Vindelicorum & Ulmae: Pfeffel, 1731–1735 (zur Stelle; dazu die Tafel CCCXCVI).

Literaturhinweis: Alexander Košenina: Gläserne Brust, lesbares Herz. Ein psychopathographischer Topos im Zeichen physiognomischer Tyrannei bei Chr. H. Spieß und anderen. In: German Life and Letters 52 (1999), S. 151–165.

Anthropologie des Tintenfischs

Erkennen, was der Mensch ist, ist ebenso schwer als einen Tintenfisch fangen. Denn wie dieser sich in seinem schwarzen Saft versteckt, so dass man ihn nicht packen kann, so erzeugt der Mensch, sobald er merkt, dass man ihn fassen will, rasch so dicke Nebel der Heuchelei, dass kein Lynkeus und kein Argus ihn erwischen können. Darüber hat nicht nur Momus geklagt, sondern das erkennt auch der göttliche Verkünder des Evangeliums, Paulus: »Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist?« (1 Kor 2,11)

Huldrych Zwingli, »Kommentar über die wahre und falsche Religion« (1525), Kap. 4; in: H.Z., Schriften, hg. Th. Brunnschweiler u.a., Band III, [Seitenzahl der krit. Ausg.: 654], Zürich: TVZ 1995.

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Visualisierungstechniken im Überblick

Hier wird zuerst ein Überblick über die »Verbildlichungsformen« (G. Lütke Notarp) gegeben; dann folgen, chronologisch geordnet, einige Fallstudien.

Die Visualisierungstechniken können auch kombiniert werden.

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Nach frouwen gunst und eren ringen ich (Ende 15. Jahrhundert)

Die Viertemperamentenlehre geht auf die Doktrin der vier Säfte (quattuor humores) zurück, welche der Arzt Galen im 2. Jahrhundert im Anschluss an die Hippokratiker ausgearbeitet hatte. Der Viersäftelehre zufolge besitzt jeder Mensch vier Körperflüssigkeiten (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Phlegma), welche jeweils zwei charakteristische Qualitäten aufweisen (trocken oder nass; warm oder kalt). Die vier Säfte bestimmen in ihrer Mischung den Charakter einer Person, so dass der Mensch bei einem ausgewogenen Verhältnis ausgeglichen und gesund ist.

Der Anteil der einzelnen Säfte, d.h. ihr mengenmäßiges Verhältnis ist bei jedem Menschen verschieden; jeder hat seine eigene ›Komplexion‹. Vorwalten (Prädominanz) des einen oder anderen Saftes macht den Veranlagungstypus aus; Alleinherrschaft eines der Säfte ist Ursache von Krankheit. Mit anderen Worten: Überwiegt eine oder mangelt es an einer dieser Flüssigkeiten, dann bildet sich ein spezifisches Temperament heraus: der Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker oder Phlegmatiker. So gilt eine Überproduktion an schwarzer Galle (griech. melagcholía (Schwarzgalligkeit; zu mélas ›schwarz‹ und cholè / chólos ›Galle‹; lat. atra bilis) in der Milz (engl. spleen, nach dem griechischen Namen für das Organ: splèn, daher die abgeleitete Redewendung ›einen Spleen haben‹) als die Ursache für Melancholie.

Im Verlauf der Spätantike und dann des Mittelalters wurde die medizinische Säftelehre – unter der Einwirkung von Analogiedenken und Systematisierungstrieb – immer mehr angereichert. Sie wurde mit einer kosmologischen in Zusammenhang gebracht: die Körpersäfte wurden mit den vier Elementen und ihren Qualitäten (Luft, Feuer, Erde Wasser; entsprechend warm–kalt und trocken–feucht), sie wurde mit den Jahreszeiten und mit den Lebensaltern in Verbindung gebracht (Kindheit, Jugend, Mannesalter, Greisentum; nach der Vorstellung, dass in diesen Zeit- und Lebensabschnitten jeweils ein anderer Saft vorherrschend ist und das Gemüt entsprechend beeinflusst). Über den physiologischen Diskurs wurde dann noch ein astrologischer gestülpt: Unter der Annahme eines Einflusses des Makrokosmos auf den Mikrokosmos wurden die Körperflüssigkeiten mit den Planeten Jupiter, Mars, Saturn und dem Mond in Verbindung gebracht.

Sanguiniker Blut warm/feucht Luft Frühling Kindheit Jupiter heiter / fröhlich (›jovial‹ von Jovis = Genitiv von Juppiter)
Choleriker gelbe Galle warm/trocken Feuer Sommer Jugend Mars klug / unbeständig / aufbrausend
Melancholiker schwarze Galle kalt/trocken Erde Herbst Mannesalter Saturn gierig / trotzig
Phlegmatiker Schleim kalt/feucht Wasser Winter Greisentum Mond träge / schwach / schwermütig

Später wurden den Temperamenten auch Tiere zugeordnet, dies aber nicht durchgehend einheitlich. Ein Verfahren besteht in der Assoziation mit einem der Elemente (Fisch – Wasser; Salamander – Feuer; usw.), ein anderes basiert auf dem Verhalten (Sanguiniker – Affe; aber auch Schaf). Vgl. hier (Calendrier des Bergers) und hier (Virgil Solis) und hier (Cesare Ripa).

Und so tönt das beispielsweise in einem mittelalterlichen Text:

Im »Regimen sanitatis Salernitanum« (2. Hälfte des 13.Jhs.?) heißt es im Abschnitt LXXXV De genere sanguinico:

Die Sanguiniker sind wohlbeleibt und scherzhaft, Freunde von fröhlichen Späßen, sie haben Freude an Wein und Liebe, an Schmausegelage, an Lachen, was sie vergnügt macht und heiter-beredt. Sie sind geschickt und fähig für allerlei Kenntnisse. Auch aus leichteren Gründen kann ihr Gemüt aufwallen. Frohgemut, gutgesinnt, lächelnd, mit geröteten Wangen, zum Singen aufgelegt, von gesundem Teint, herzhaft-kühn und leutselig. (largus, amans, hilaris, ridens rubeique coloris, cantans, carnosus, satis audax atque benignus.)
https://www.hs-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lspost11/Regimen/reg_sana.html
Vgl. die lat./dt. Ausgabe aus dem Jahr 1841: https://books.google.ch/books?id=1KVNAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Diätetik: Der Mensch ist indessen seiner Komplexion nicht gänzlich ausgeliefert. Der humorale Stoffwechsel kann beeinflusst werden durch verschiedene Faktoren, die sogenannten ›sex res non naturales‹. Dazu gehören die Ernährung, die Life-Work-Balance u.a., und interessanterweise die Stimmung des Gemüts (affectus animi). Ungezügelte Leidenschaften sind schädlich, umgekehrt können Scherze den Melancholiker aufheitern.

Literatur dazu: Heinz-Günter Schmitz, Physiologie des Scherzes.... Hildesheim: Olms 1972.

Einblattdruck des 15. Jahrhunderts:

   

In die Handschrift Ms C 101 (Gallus Kemli: »Diversarius multarum materiarum«) der Zentralbibliothek Zürich (zur Zeit als Leihgabe wieder in St. Gallen) eingeklebter Einblattdruck (Blockdrucktechnik) des 15. Jahrhunderts, fol. 25v und 26r — Digitalisat: http://www.e-codices.unifr.ch/de/zbz/C0101/25v/0/Sequence-1149

Interessant sind einige der Selbstaussagen der Temperamente in den Texten: Beim Melancolicus: ich enachte [schätze nicht] eren noch frowen hulde / Saturnus vnd herbst habent schulde. — Beim Colericus: Nach frouwen gunst und eren ringen ich.

In den Bildern lassen sich drei Arten der Visualisierung feststellen. Die Darstellung der vier Temperamente erfolgt

(1) durch das Abbilden eines der zugeordneten vier Elemente: Das Fundament, auf dem die vier Figuren stehen, besteht daher aus einem Sternenhimmel (stellvertretend für Luft, angedeutet auch durch den fliegenden Vogel), Feuer, Wasser und Erde;

(2) durch Metonymien (Geldbeutel, Münzen und verschlossener Schrank stehen für die Habgier des Melancolicus, der edle Stuhl in der Hand für die zu erlangende Gunst der Damen beim Colericus), und

(3) durch Gebärden (der Sanguiniker schwingt sein Schwert; der Melancholiker stützt seinen Kopf ab).

Im begleitenden Text unterhalb der Bilder werden die üblichen Qualitäten genannt, die Erscheinung der Personen und die Eigenschaften des Charakters kurz beschrieben, und es wird ein Hinweis auf die Relation zu den Gestirnen und Jahreszeiten gegeben. Die oft dem Melancholiker zugeschriebene Schwermütigkeit – wie sie auch im Bild dargestellt ist – wird hier (fälschlich?) auf den Phlegmatiker übertragen.

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Vier Tier-Allegorien (1491)

Calendrier des Bergers (1491) Kolophon: Cy finist le compost et kalendrier des bergiers nouvellement fait et compose avec pluseurs enseignemens bons et salutaires Imprime a paris par Guyot marchant Lan de grace Mil cccc. iiii xx. et xi. — Digitalisat bei Bibliothèques Virtuelles Humanistes: http://www.bvh.univ-tours.fr/Consult/index.asp?numfiche=905

Das Bild spricht von der phizionomie des bergiers und von ihrer inclination. Wir richten das Augenmerk nur auf die allegorisch zugeordneten Tiere (von links nach rechts):

  • Le collerique --- Löwe (wegen seiner Schlagkraft)
  • Le sanguin --- Affe (weil er gerne spielt); der Papagei gehört zu den Attributen
  • Le fleumatique --- Widder (der saige = weise ist?)
  • Le melencolique --- Schwein (das gerne ruht und schläft)

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Mir bringt kein freud der Kinder schreyen

Früh wurden die für die Vertreter der Temperamente typischen Körperhaltungen abgebildet.

• Der Stuttgarter Psalter (1. Hälfte 9. Jahrhundert) zeigt zu Psalm 42,5 [Vulgata] Quare tristis es, anima mea? et quare conturbas me? die Anima in der Haltung des Melancholikers. — Württembergische Landesbibliothek. Cod.bibl.fol.23, fol 55r — Digitalisat: http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/bsz307047059

• Bekannt ist das Autorenbild von Walther von der Vogelweide in der Manessischen Handschrift (Cod. Pal. germ. 848; fol. 124r) , das sich bezieht auf sein Gedicht

Ich saz ûf eime steine, und dahte [deckte] bein mit beine, dar ûf satzt ich den ellenbogen; ich hete in mîne hant gesmogen daz kinne und ein mîn wange.

• Ein oft zitiertes Kalenderblatt (ca. 1480) zeigt den am Tisch sitzenden Melencolicus:

• Jost Amann (1539–1591) hat die kunstbegabte Melancholie 1589 so gezeichnet:

Wapen Vnd Stammbuch […] Mit kunstreichen Figuren/ durch den weitberühmpten/ Josten Amen gerissen/ […] Zu ehrn allen liebhabern der Freyen Kuensten/ zusammen getragen vnd verlegt/ durch Sigmundt Feyrabendt. Franckfort am Mayn 1589. — http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd16/content/titleinfo/993691 https://books.google.ch/books?id=KDMEAAAAYAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Hienauß/ dortnauß/ mein sinn sich lenckt/
Vnd manche seltzam Kunst erdenckt.
Bist du mein Freundt/ thu mich nicht irren
Sonst wirstu mir mein Herz verwirren.
Mir bringt kein freud der Kinder schreyen/
Der Hüner gätzen Eyer legen.
Laß mich nur bleiben bey meim sinn/
Sonst wirstu s haben klein gewin.

Marsilio (1433–1499) lehrt in seinen »De vita libri tres«, dass insbesondere Gelehrte anfällig sind für Melancholie.

Marsilio Ficino, De vita libri tres / Drei Bücher über das Leben, herausgegeben, übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Michaela Boenke, München: Fink 2012 (Humanistische Bibliothek. Reihe 2, Texte; Band 38).

Das ganze Buch, insbesondere Kapitel VI: Quo pacto atra bilis conducat ingenio / Nutzen der schwarzen Galle für das Genie lat./dt. online bei http://www.pascua.de/ficinus/buch1-htm-seiten/i-06.htm (Homepage von Reinhard Hirth)

Das Bild in einer frühen deutschen Übersetzung zeigt den Melancholiker in der typischen Körperhaltung, der von einem Musikanten aufgeheitert wird:

Das buch des Lebens Marsilius ficinius zu Florentz von dem gesunden und langen leben der rechten artznyen, von dem Latein erst nüw zü tütsch gemacht durch Johannem Adelphum Mülich […], Straßburg: Johann Grüniger 1508. Das .xviii. Capitel/ sagt von der rechten hilff vnd grüntlichen vertreibung atre bilis der melancolyen vnd wie du dich halten solt ee du dich artzneiest.

Zur Melancholie nur ein Literaturhinweis aus der Fülle der einschlägigen Publikationen: Raymond Klibansky / Erwin Panofsky / Fritz Saxl, Saturn und Melancholie, (engl. 1964), dt. Übersetzung Frankfurt/M.: Suhrkamp 1990.

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Einige Nachfolger der Temperamentenlehre

Die Säfte als physiologische Veranlagung konnten als Entlastungsgrund oder Ausrede für das Handeln dienen. So sagt die Heldin Courasche in ihrer Lebensbeschreibung:

Die Cholera hat sich mit den Jahren bei mir vermehrt, und ich kann die Gall nicht herausnehmen, solche, wie der Metzger einen Säu-Magen, umzukehren und auszuputzen. Wie wollte ich dann dem Zorn widerstehen mögen? Wer will mir dies überhäufte Phlegma evacuirn und mich also von der Trägheit curiren? Wer benimmt mir die melancholische Feuchtigkeit und mit derselbigen die Neigung zum Neid? (Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen, Die Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courasche, 1670; Erstes Kapitel)

Physiologische Herleitungen grassierten in der Volksmedizin, vgl.:

Gespitzte Nasen seynd/ wie man insgemein pflegt zu reden/ ein Wahrnehmung eines zornigen Menschens/ und ist dessen ein natürliche Ursach/ dann wann der Dampff von der Gall in die Höh steigt/ so kan selbiger durch die Enge der Nasen=Löcher nicht so bald ausrauchen/ wessenthalben die Gall=mässige Feuchtigkeiten ein längeren Platz gewinnen/ worvon nachmals der Zorn entstehet. Abraham a Sancta Clara, Wohl angefüllter Wein-Keller, Würtzburg 1710, im 36. Kapitel »Mach ein Knopf an die Nasen« (wo auch immer er das abgeschrieben hat...).

Ein Beispiel aus dem 18. Jahrhundert möge die lang andauernde Tradition zeigen. Julius Bernhard von Rohr referiert die Lehre (hier an einem Beispiel) so: Leute vom phlegmatischen Temperament sind

dem äusserlichen Ansehen nach weiß und blaß; mit einer sehr weichen Haupt überzogen [… Sie] haben wegen Mangel der übrigen Verstandes-Kräfft ein gut Gedächtniß, sind dem Fressen und Sauffen ergeben, faul und träge, schlafen gerne lange, hassen und lieben niemand sonderlich, sondern es ist solchen Leuten gemeiniglich alles gleichgültig. Der Bauch ist ihr Abgott, und erweisen GOtt schlechte Ehererbietigkeit. (Julii Bernhards von Rohr ... Unterricht von der Kunst der menschen Gemüther zu erforschen : darinnen gezeiget, in wie weit man aus eines Reden, Actionen und anderer Leute Urtheilen, eines Menschen Neigungen erforschen könne, und überhaupt untersucht wird, was bey der gantzen Kunst wahr oder falsch, gewiss oder ungewiss sey, Vierte und vermehrte Auflage, Leipzig: Martini 1732 VIII. Capitel, § 12).

J. B. von Rohr ist aber sehr kritisch gegenüber den Herren Temperamentisten; er findet keine rationale Verknüpfung zwischen der Zusammensetzung der Säfte und den beschriebenen Charaktereigenschaften.

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Experientz vnd erfarnüß (1523)

Johannes Indagine († 1537) schreibt zu Physiognomie der Nasen (Das buoch der Physiognomey, Das Fyerdt Capitel vom vrteyl der naßen):

Von der Nasen/ ist ein gemeyn geübts sprichwort/ das die menschen/ so ein gebogne krumme naßen haben/ gemeynklich spöttig seind/ vnd selten yemant vngespeyt [speien: verspotten, verhöhnen] lasszen fürgon. Vnd wie wol dem also/ ist doch ein soliche krumme habychs naßen bey den Persern ein besonder zyerd. also das in den historien der könig Xerxes in Persia [ergänze: wegen] seiner krummen naßen grossen rhuom vnd eer erlangt. Vnd würt auch vff den heütigen tag in Persia keiner zuo irem könig erwölt/ er sey dann sonderlich wol bemaßet. Dißer könig Xerxes was von art kün vnnd freydig [mutig]/ ein spöttiger herr/ vnd da bey großmütig. Dannethär die Physiognomisten dißer kunst/ vrteylen auch den menschen der so ein grossß gebogen naßen hat spöttig/ kün/ nachredig/ räubisch/ geytig [habsüchtig]/ vnnd auff verräterey geartet. Wo aber am oberen teyl einer gebogenen krummen naßen ein erhebter bühel [Hügel] ist (als in dem großmechtigen Keyser Maximiliano/ lölicher gedechtniß/ ersehen) da ist ein ander vrteyl zu fellen. Dann die selbigen menschen sein der merererteyl freyer handt vnd großmütig/ wolberedt/ vnd dabey hochfertig [hier: von edlem Sinn]. Ist dann ein soliche naß darzuo wol gescherpfft/ vnd am ußgang vornen spitz. so vil mer sye scherpffer ist/ sovuil mer auch der selb mensch zornwäher [sich auf Zorn verstehend]/ grymmer vnd betrüglicher ist.

Zum Vergleich das zitierte Porträt Kaiser Maximilians I. (von A.Dürer):

In diesem Kapitel sagt Indagine, er habe diese Einsichten aus experientz vnd erfarnüß.

Die kunst der Chiromantzey/ vsz besehung der hend. Physiognomey/ usz anblick des menschens. Natürlichen Astrologey noch dem lauff der Son[n]en. Complexion eines yegklichen menschens. Natürlichen ynflüssz der Planeten. Der zwölff zeichen Angesychten. Etliche Canones/ zu erkantnüsz der menschen kranckheiten/ solicher weiß vormals nye beschriben oder gedruckt, Straßburg: Schott, 1523.
Digitalisat: https://archive.org/details/diekunstderchiro00inda

Die Chiromantie (Handlesekunst, engl. Palmistry) versucht gleich wie die Physiognomik, Charaktermerkmale aus Körpermerkmalen herauszulesen. Bei Indagine sind die beiden Künste im selben Buch vereinigt.

Hier aus: Chiromantia Harmonica, Das ist/ Ubereinstimmung der Chiromantiae oder Linien in denen Händen/ mit der Physiognomia oder Linien an der Stirn/ Mit Fleiß verfertiget Durch Johann Abraham Jacob Höping. Zum drittenmahl gedruckt/ Und durchgehends an allen Orthen ... vermehret. Jena: Birckner 1681.

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Die vier wunderberlichen Eygenschafft und Würckung des Weins (1528)

Flugblatt mit Text von Hans Sachs (1494–1576) und Holzschnitt von Hans Sebald Beham? oder Erhard Schön?; Anno salutis 1528, am 7 tag Septembris

Text: Hans Sachs, hg. von Adelbert von Keller, Band IV, S. 237ff. (Bibliothek des litterarischen Vereins Stuttgart, Band 105), Tübingen 1870. — Bild in: Hans Sachs im Gewande seiner Zeit, oder Gedichte dieses Meistersängers, in derselben Gestalt wie sie zuerst auf einzelne, mit Holzschnitten verzierte Bogen gedruckt, […], Gotha: Becker 1821; Nr. XXII. — Eine spätere Auflage digital: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00025360/image_1

Hier werden Verhaltensweisen als Folgen des Weinkonsums bei den verschiedenen Temperamenten dargestellt.

Links oben die Sanguiniker, Frauen liebkosend (mit Lamm) – rechts oben die Choleriker im Streit (mit Bär) – unten links die Phlegmatiker, das Gegessene erbrechend (mit Schweinen) – rechts unten die Melancholiker, mit Spielen beschäftigt (mit Affe).

Die ersten macht er frölich, friedsam,
Gutwillig, milt, gütig und mietsam;
Die andern raytzet er zu zorn,
Das sie wüten, zancken, rumorn;
Die dritten macht er alle sampt
Grob, wüst, kindisch und unverschambt:
Den vierdten ist der wein ein stewer
[hier Anlass]
Zu fantasey und abenthewer
.

Eine erste Erklärung ist die: Noa (vgl. die Figur in der Mitte oben) hat nach der Sintflut Weinbau getrieben, dazu düngte er die Erde teils mit dem Mist von Schafen, Bären, Schweinen und Affen. Der hier geherbstete Wein hat die Natur dieser Düngemittel, und diese überträgt sich auf die ihn Trinkenden.

Diese Erklärung verquickt Sachs mit der auf der Temperamentenlehre fußenden Deutung: Wenn z.B. ein Sanguinius über das Maß Wein trinkt,

Inn dem würckt er des lambs natur,
Das er wirt freundlich und gantz gütig,
Gutwillig, friedsam und senfftmütig,
Frölich lachend und freudenreich,
Singet mit saytenspiel dergleich.
Er ist kurtzweilig und gantz schimpflich,
lnn allen dingen gantz gelimpflich,
Bescheyden, trew, mit leichtem sin.
Yederman geren ist umb in.
Er ist milt und thut geren leyhen.
Auch ist er neyd, feindschafft verzeyhen.
lnn trunckenheyt übt er kein rach.
Zu zoren gibt er kein ursach,
[…]
Er uberhört und ubersicht,
Wie man in schelt, schmech oder straff.
Beist er doch nyemand, wie ein schaff!

In gleicher Weise werden die anderen drei Temperamente geschildert, sie sind von den entsprechenden Tieren geprägt.

Darumb ein bider man sich sol
Vor ubrigem wein hüten wol,
Das im darauß kein unglück wachs.
Den rath gibt von Nürnberg Hans Sachs.

Das Bild zeigt einerseits die Verhaltensweisen nach dem übermäßigen Weingenuss, so werden zum Phlegmaticus die Verse visualisiert:

Und bsult sich im kot, wie ein schwein,
Ligt etwan ein weil inn eym mist,
Wirt irr, waiß dann nicht, wo er ist,
Biß er heim lendet in sein hauß.
Da muß sein fraw in ziehen auß.

Anderseits werden die entsprechenden Tiere an der für sie passenden Stelle gezeichnet; diese Allegorien sind in die Bildwelt integriert.

Literaturhinweis: Kerstin te Heesen, Das illustrierte Flugblatt als Wissensmedium der Frühen Neuzeit, Diss. Bochum 2009. – Darin Kapitel 4.2.5.: Ein kurtzweilig Gedicht von den vier unterschiedlichen Weintrinckern (S. 249–281). Online hier: http://www-brs.ub.ruhr-uni-bochum.de/netahtml/HSS/Diss/HeesenKerstinte/diss.pdf (PDF <15.01.2016>)

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Herz und Vulkan (1532)

In der Moraltheologie wurden vom 4. Jahrhundert an Fehlhaltungen, die zur aktuellen Sünde führen, kategorisiert:

    • Überheblichkeit/Stolz/Hoffart (superbia)
    • Habgier (avaritia)
    • Unzucht/Wollust (luxuria)
    • Zorn (ira)
    • Völlerei / Fresslust (gula/gastrimargia)
    • Neid / Missgunst (invidia)
    • Trägheit / Überdruss (acedia)

Im Holzschnitt des Petrarkameisters ist die Todsünde Invidia als alte und magere Frau, die ihr eigenes Herz frisst, personifiziert. Im linken Bildteil bricht ein Vulkan aus.

Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII. – Faksimile, hg. und kommentiert von Manfred Lemmer, Leipzig 1984. Das ander Buoch, Das CVI. Capitel. Digitalisat > https://books.google.ch/books?id=DB14e6OOOIIC&pg=PG=557

Die Psychologie des Neids ist gut getroffen: Der Neidische zermürbt sich bei der Vorstellung, dass der Mitmensch Güter besitzt, die er als wünschenswert erachtet, aber selbst nicht hat. ›Das eigene Herz essen‹ ist eine Konkretisierung des im Text ausführlich behandelten Sich-selbst-Folterns. Die Frau ist dem Vulkanausbruch zugewandt und wendet den Rücken der intakten Natur zu. Sie ist gebeugt, ungepflegt.

Der Text von Petrarca wie auch die Übersetzer Stahel und Spalatin sagen nichts über die beiden Bildmotive. Vor 1532 lassen sich keine Bilder finden. Sebastian Brant – der den Petrarkameister wahrscheinlich instruiert hat – schreibt im »Narrenschiff« (1493) im Kapitel »Von nyd und has« über die Personifikation des Neids: So isszt sie [invidia ist grammatisch ein Femininum] sich, sunst anders nüt / Wie Ethna sich verzert alleyn. (Dort ist auch ein Vulkan abgebildet. Das Sich-Verzehren wird also zwei Mal allegorisch ausgedrückt.) Man fragt sich – topos-geschichtlich – woher Brant die Vorstellung hat.

Ovid hat die Invidia als hässliche Frau beschrieben; vom Nagen ist die Rede, aber nicht vom Herz: sed videt ingratos intabescitque videndo successus hominum carpitque et carpitur una suppliciumque suum est. (... andere benagt sie und nagt an sich selber und ist so ihre eigene Pein) (Metamorphosen 2, 781f.)

Peter Suchenwirt (ca.1325–vor 1407), Nummer 40 (die siben todsünd), Vers 90: Der neid vrist ihm durch daz iar sein hertz. Peter Suchenwirt’s Werke aus dem vierzehnten Jahrhunderte. Ein Beytrag zur Zeit- und Sittengeschichte, hrsg. von Alois Primisser, Wien: Wallishausser 1827. (Es gibt keine früheren Drucke.)

Man solle das Herz nicht essen gilt als ein Sinnspruch des Pythagoras, vgl. Diogenes Laertios, VIII/1, 18: Der Spruch ›das Herz nicht essen‹ bedeutete, nicht durch Kummer und Leid die Seele auszehren. (Übers. Otto Apelt). Ambrogio Traversari (Ambrosius Traversarius, 1386–1439) hat den Text 1433 ins Lateinische übersetzt, und diese Übersetzung wurde früh im Druck verbreitet: »Vitae et sententiae philosophorum«, ed. Benedictus Brugnolus Venedig: Benedictus Locatellus für Octavianus Scotus, 18. Dezember 1490 (und andere Ausgaben). Hier: fol. L ii verso; 7.Zeile: cor non edendum . animum angoribus doloribus non excruciandum.

Ersamus, »Adagia« I, I, 2 (7): Cor ne edito, hoc est ne curis tuum ipsius animum excrucies. (Erasmus nennt weitere Stellen, v.a. Homer, wo aber thymos verwendet wird, was man auch mit ›Herz‹ übersetzen kann.)

Alanus ab Insulis († 1202) kennt das Motiv des sich verzehrenden Vulkans:
Nil aliud nisi se valet ardens Aethna cremare;
     Sic se, non alios, invidus igne coquit.
(Nichts anderes vermag der glühende Aetna, als sich selbst zu verbrennen. Ebenso kocht der Neidische sich selbst, nicht die anderen.
) Alanus ab Insulis, Liber parabolarum, Argentoratum 1513; es gibt auch weitere Frühdrucke.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00006354/image_4

Mindestens die gedruckten Texte (Ovid; Diogenes Laertius in der Traversari-Übersetzung; Erasmus; Alanus in einer der Inkunabeln) könnten Brant inspiriert haben.

Spätere Verwendungen des Bildes:

Unter den vielen Werken des Dürer-Schülers Georg Pencz (ca. 1500 – 1550) finden sich auch Darstellungen der sieben Todsünden. Invidia zeichnet er als geflügelte Frau, die in ein Herz beißt; daneben kauert ein Wolf.
http://www.britishmuseum.org/research/collection_online/search.aspx?searchText=pencz+seven+deadly+sins

Ähnliche Serien gibt es auch von Georg Flötner (1485–1546), Crispijn de Passe (1564–1637), Jacques Callot (1592–1635).

Bei Cesare Ripa (Iconologia, Rom 1593) kommt das Motiv wieder vor: INVIDIA: Donna, vecchia, brutta, e pallida, il corpo sia asciutto, con gli occhi biechi, vestita del colore della ruggine, sarà scapigliata, e frà i capelli vi saranno mescolati alcuni Serpi, stia mangiando il proprio cuore, il quale terrà in mano.

Literaturhinweise hierzu:

Thesaurus proverbiorum medii aevi = Lexikon der Sprichwörter des romanisch-germanischen Mittelalters, Berlin: De Gruyter 1995-2002 Band 8, s.v Neid 1.9: Neid ist qualvoll und selbstzerstörerisch.

Andreas Bässler, Sprichwortbild und Sprichtwortschwank. Zum illustrativen und narrativen Potential von Metaphern in der deutschsprachigen Literatur um 1500. Berlin/New York: de Gruyter 2003; Kapitel 5.2 = S.173–179.

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Pfau – Adler – Eule – Schwan (ca. 1550)

Der offensichtlich humanistisch gebildete Kupferstecher Virgil Solis (1514–1562) hat ein Set von vier Stichen zu den Temperamenten geschaffen:

Die Bilder sind gut digitalisiert bei http://www.britishmuseum.org/research/collection_online/search.aspx?searchText=virgil+solis+temperaments

Auf allen 4 Bildern von Virgil Solis kommen zwei Tiere vor: ein Vogel und ein Vierfüßer; dazu auch die 4 Elemente; sie halten typische Geräte in den Händen; dazu kommt eine typische Gebärde. Die Bilder enthalten Beischriften:

Sanguineus: Die Sanguiniker haben einen fröhlichem Gesichtsausdruck. Daher wollen sie oft heitere Spässe sehen. — Die Figur zeigt auf Musiknoten und hält eine Laute. — Pfau — Pferd — Luft.

Colericus: betrüblich sind die, welche immer von Galle überquellen, die mit ihrer Wirkung alles heftig aufrührt. Die Figur trägt eine Fackel und ein durchbohrtes Herz. — Adler — Löwe — Feuer.

Flegmaticus hat keine Kraft im Scharfsinn und verdient deshalb auch kein Lob. — Die Figur trägt als Attribute einen Bratspieß mit Würstchen und eine gebratene Keule. — Eule — Esel — Wasser.

Melancolicus: Die Melancholiker irren endlos durch die Wissenschaft. Berühmte Leute waren von ihrer Art. — Die Figur hält einen Zirkel in der Hand und lehnt sich im typischen Gestus auf den Ellbogen. — Schwan* — Hirsch — Erde.

*Am Beispiel des die Melancholie begleitenden Schwans sei dargelegt, wie schwierig die Zuordnung dieser Tiere zu den Temperamenten ist, wenn den Bildern keine deutenden Texte beigegeben sind:

Bei Ovid (Metamorphosen II, 367ff.) ist Cygnus (›Schwan‹) ein zum Regieren unfähiger, klagender König. — Das würde zur Melancholie passen.

Isidor von Sevilla (Etymologien XII,vii,18) berichtet vom Schwan (olor), sein Gesang sei deshalb so süß, weil er einen gebogenen Hals hat; ein Laut bekommt durch den langen gebogenen Weg verschiedene Modulationen. — Vgl. unten bei Alciato.

Für Petrus Berchorius († 1361; Reductorium morale, s.v. cygnus) ist der Schwan – der außen weiße Federn, aber innen schwarzes Fleisch hat – eine Allegorie des Heuchlers (hypocrita). — Ebenfalls nicht brauchbar.

Andrea Alciato kennt in seinem Emblembuch den Schwan im Wappen der Poeten; er ist dem Phoebus heilig und singt schön (Ausgabe von 1536 hier: http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/french/emblem.php?id=FALa107). Insofern als man im 16. Jh. die genialen Dichter gern mit Melancholie behaftet sieht, würde das passen.

Betrachtet man die Vögel auf den vier Bildern genau, so scheinen sie alle dem personifizierten Temperament etwas zuzuzischen. Vielleicht symbolisieren sie nicht das entsprechende Temperament, sondern wollen es korrigieren. Die kluge Eule warnt den Phlegmatiker, seinen Verstand zu gebrauchen. Der Pfau mit seinem hässlichen Schreien ist ein Kontrast zur allzusüßen Musik. (Der Adler …?) Und der Schwan? Martin Luther hat ihn zu seinem Symboltier erkoren, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Schwan_(Symbol). Könnte der Vogel für das den Melancholiker aufrüttelnde Moment stehen? (Freundlicher Hinweis von Th. Gehring)

Literaturhinweise zur Symbolik des Schwans bei »animaliter«: http://animaliterbib.uni-trier.de:8050/minev/Bibliographie/bibliographien/zu-einzelnen-tieren/einzelne-tiere/schwan/

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Verkörperungen (1581)

[Matthäus Holtzwart] Emblematum Tyrocinia, sive picta poesis Latinogermanica. Das ist Eingeblümete Zierwerck/ oder Gemälpoesy. Innhaltend allerhand GeheymnußLehren/ durch Kunstfündige Gemäl angepracht/ und Poetisch erkläret. Jedermänniglichen/ beydes zu Sittlicher Besserung des Lebens/ vnd Künstlicher Arbeyt vorständig vnd ergetzlich. Durch M. Mathiam Holtzwart. Sampt eyner Vorred von Vrsprung/ Gebrauch vnd Nutz der Emblematen [von Johann Fischart]. Nun erstmals inn Truck kommen. Zu Straßburg bei Bernhard Jobin M.D.LXXXJ [1581] — Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00028624/image_1

Emblema LXVI. Quatuor affectus hominis

Johann Fischart († 1591) setzt dazu:

Vier Anfechtungen der Menschen.
Fräud vnd wunn ficht natürlich an
Auff Erd beyd Frauen vnd die Man/
Hoffnung die haben sie auch all
Es sei gleich wie groß der vnfall/
Forcht/ schrecken jn anboren ist
Schmertzen vnd hertzeleyd sie erwüscht:
Deßgleichen auch dise vier ding
Natürlich Anfechtungen sind
Doch ist mittel inn allen dingen
Hoch zupreisen mit Lob zusingen.

Der Holzschnitt von Tobias Stimmer (1539–1584) zeigt die vier Affekte, die auf den Menschen eindringen, in grotesken Verkörperungen: Oben links Schmertzen vnd hertzeleyd (haare-raufend; eine alte Klagegebärde, vgl. Hiob 1,20 [Luther-Übers.]); oben rechts die Hoffnung (mit einem Anker, fliegend); unten links die Forcht (die schon das Messer im Rücken spürt und ›Schiss hat‹); unten rechts die Fräud (als Dudelsack, der sich selbst spielt). Die einander entgegengesetzten Affekte (Schmerz <–> Freude, Furcht <–> Hoffnung) sind übers Kreuz angeordnet, womit das Spannungsverhältnis betont sein könnte.

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Viehsionomik (1593)

Giambattista della Porta (1535–1615) erwähnt im Vorwort alle erdenklichen antiken Autoritäten, die beklagen, dass die Regungen des Menschen wie durch einen Schleier verborgen seien, und die die Physiognomie als heimliche Kunst zur Entdeckung des menschlichen Gemüts anpreisen. In einer kleinen Notiz An den Großgünstigen Leser differenziert er so:

Diese Kunst oder Wissenschaft beruhet allein auff der Muthmassung (Hæc scientia conjecturalis est)/ vnd erreicht nit allwegen jhr erwünschtes Ende: Jhre Kenn- oder Merckzeichen geben allein die natürliche Zuneygungen/ mit nichten aber die Geschäffte vnd Würckungen unsers freyen Willens/ als welche entweder in der bösen vnd Mangelhafftigen/ oder guten vnnd löblichen Gestalt und Gelegenheit des Leibs beruhen (actiones … quae vel ex vitioso, vel studioso habitu dependent)/ zuerkennen: Denn in den guten vnnd bösen Würckungen/ als welche in vnserer selbst eygenen Willkühr stehen/ beruhet die Tugent sampt den Lastern/ vnnd nicht in den natürlichen Zuneygungen/ so da nicht in vnserem Willen stehen.

Erstes Buch. Das erste Kapitel umreißt die psychophysische Wechselwirkung. In Kürze: Dass das Gemüt durch die Anfechtungen des Leibs bewegt wird, ist unbestritten. Das gilt für Menschen (Beispiel Dido) wie für Tiere (der Anblick des Weibchens beim Stier, Vergil, Georgica III,215). Umgekehrt wirkt das Gemüt oft auf den Leib (Invidia erbleicht und magert ab, wie sie die Göttin erblickt, Ovid, Met. II, 774 und weitere Beispiele; eine trauwrige Seele trücknet alle seine Gebein auß Proverbia 17,22). Der Arzt kann durch eine Kur des Leibs die Gemütskräfte beeinflussen.

Das 2. Kapitel ist übertitelt: Dass man auch auß den Kennzeichen/ so etwan die Vnvernünfftige und Wilde Thier an jhnen haben/ derselbigen dispositiones vnnd Gelegenheitn abnemen vnnd erkennen könne. Die Jäger erkennen die besonders tauglichen Hunde und die Reiter die guten Pferde und die Falkner die Vögel und die Imker die Bienen anhand der äußeren Gestalt – was ausführlich mit Zitaten aus Vergils Georgica dargelegt wird.

Weitere Kapitel sind den Alten Scribenten und ihren Theorien gewidmet, die bereits über die Physiognomie geschrieben haben. Complexionen- und Temperamentenlehre werden behandelt.

Im 9. Kapitel kommt della Porta auf die Tiervergleiche zu sprechen. Plato, so sonsten ein fürtrefflicher und hochverstendiger Mann gewesen/ vermeinet/ daß/ wo ein Mensch an seinem gantzen Leibe etwan diesem oder jenem Thier gleich vnnd ähnlich sey/ so müsse er auch desselbigen Thiers Art/ Natur und Sitten an jme haben/ welches wir doch keines Wegs zugeben können. Sintemal kein Mensch durchauß einigem Thier/ wenn man sie nemlich gegen einander helt vnnd vergleicht/ in allem jemals gleich gefunden werden: Wo er ihme (einem Thier) je gleich vnd ähnlich scheinet/ so ist es doch nur etwan in einem oder etlichen Glidern.Etliche dieser Stücke oder Merckzeichen/ dabey mann etwann eines Thiers Art abnemen vnnd erkennen kan/ […] sind dieses oder jenes Thiers eygen/ etliche aber jhme mit andern gemein.

Das muss man wohl so verstehen, dass jeder einzelne Gesichtszug (z.B. Haupthaar, Stirn, Augbrawen, Schläffen, Ohren, Läffzen, Kienbacken und Kin) sowie weitere Gliedmaßen einzeln mithilfe von Tiervergleichen gewürdigt werden müssen, was dann im 2. und 3. Buch geschieht, wobei della Porta immer dieselben Bildpaare verwendet, bei denen aber je nachdem ein besonderer Aspekt betrachtet wird.

Als Beispiel hier Von den vberauß weyten Mäulern:

Bei der Wahl eines passenden Bildes ist der Verfasser in Verlegenheit. Zuerst bringt er dann die Meinungen der alten Autoren, die freilich die weiten Mäuler mit verschiedenen Tieren zusammenbringen (Polemon – Widder, Adamantius – Hund). Er selbst ist wieder anderer Meinung: Ich aber halte dafür/ man könne sie mehr vnnd besser den Wölffen/ denn den Hunden vergleichen: Denn dieselben vbertreffen nit allein in der Weyte der Mäuler alle andere Thier […]. Es haben aber alle Thier/ so da Fleisch fressen/ in gemein weyte Mäuler. Vnder den Fischen aber fürnemlich die Hechte […]. Es folgen weitere Tiere mit grossen Mäulern, die alle verfressen sind. Zuletzt verlässt er den Tiervergleich und schreibt (Text nur in der dt. Übers.):

Ein solche weyte Gosch hat auch mein Meyer oder Gartner/ vnnd ist auch nit allein fast vnverstendig vnnd närrisch/ sondern auch dermassen wol befressen/ daß kein Hund so groß vnd mächtig/ der es jhme in solchem vermöchte vorzuthun. […].

Im vierten Buch geht della Porta aus von 43 Charakteren; nur gelegentlich werden Querblicke aufs Tierreich geworfen. Beispiele: Figur eines auffrichtigen Manns; Figur eines frechen; Figur eines stoltzen vnd auffgeblasenen; Figur eines freygäbigen; Figur eines sanfftmütigen; Figur eines vnverschamten; Figur eines verlogenen; Figur eines Schmeychlers; … Ein Muster:

Kennzeichen der eytelen/ so allezeit hohe Gedancken haben.
Die vnterste Läffzen ragen jhnen etwas weiter herauß/ denn die öberste/ die Stimmen sind scharpff vnd gleichsam kirrent/ die Gurgeln rauh mit einem heraußragendten Bein oder Gleyche/ der Vntertheil des Rückens Haarechtig/ vnnd die Augen also geschaffen/ daß sie sich viel zuthun/ vbersich weichen/ stillstehen vnd gleichsam ein wenig fliessen.
(S. 587)

Lat. Erstausgabe: De humana physiognomia Ioannis Baptistæ Portæ Neapolitani, Libri IIII, qui ab extimis, quae in hominum corporibus conspiciuntur signis, ita eorum naturas, mores & consilia (egreguis ad vivum expressis Iconibus) demonstrant, ut intimos animi recessus penetrare videantur […], M. D. XCIII Hanoviae, Apud Guilielmum Antonium — Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00080033/image_5

Erste deutsche Übersetzung: Menschliche Physiognomy, daß ist, Ein gewisse Weiß vnd Regel, wie man auß der eusserlichen Gestalt, Statur, vnnd Form deß Menschlichen Leibs, vnd dessen Gliedmassen ... schliessen könne, wie derselbige auch innerlich ... geartet sey. Frankfurt 1601. — Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00006735/image_3

Auf Viehsionomik bei Georg Büchner, »Woyzeck«, macht aufmerksam Dietmar Schmidt, Die Physiognomie der Tiere: Von der Poetik der Fauna zur Kenntnis des Menschen, München: Fink 2011. — Büchners Text: http://gutenberg.spiegel.de/buch/woyzeck-419/3

Speziell zu della Porta: http://plato.stanford.edu/entries/della-porta/

——————————

Die Physiognomik war damals in Mode, wie verwandte Werke zeigen:

Ciro Spontoni (ca. 1552 – ca. 1610), La metoposcopia, overo commensuratione delle linee della fronte …, Seconda impresione, In Venetia: per Evangelista Deuchino 1629 > http://hdl.handle.net/2027/ucm.5327358097

Geronimo Cardano (1501–1576), Metoposcopia Libris Tredecim, Et Octingentis Faciei Hvmanae Eiconibvs Complexa: Cui accessit Melampodis de Naeuis Corporis Tractatus, Grace & Latine nunc primum editus: Interprete Clavdio Martino Lavrenderio, Doctore Medico Parisiensi, Thomas Jolly, 1658 > https://books.google.ch/books?id=K4_j9ikw3ZQC&redir_esc=y

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Der Geißbock mit den Traubenrispe (1603)

Cesare Ripa († 1622) verfasste ein epochemachendes Werk zu Personifikationen, das später dann Künstlern als Vorlage diente und Betrachtern als Schlüssel zum Verständnis. Darin erscheinen selbstverständlich auch Visualisierungen von Begriffen für Emotionen / Haltungen / Tugenden und Laster vor wie Avaritia, Compuntione, Dolore, Felicità, Fortezza, Rumore, Speranza, Temperanza u.ä.m.

Die erste Ausgabe 1593 enthielt noch keine Bilder; illustriert ist dann die Ausgabe: Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cauate dall’antichità, & di propria inuentione, Roma 1603. — Digitalisat: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ripa1603

Die Gruppe der vier Temperamente wird in den Titeln mit den vier Elementen zusammengebracht:

  • COLLERICO PER IL FUOCO
  • SANGVIGNO PER L’ARIA
  • FLEMMATICO PER L’AGQVA
  • MALENCONICO PER LA TERRA.

Die Personifikationen sind angereichert mit Ding-Allegorien. Beispiel:

SANGVIGNO (Ausgabe 1603, S.77f.)

Zu dem den Sanguiniker begleitenden Geißbock heißt es:

Il montone con il grappo d'uva significa il sanguigno esser dedito a Venere et a Bacco; per Venere s'intende la natura del montone, essendo questo animale assai inclinato alla lussuria, come narra Pierio Valeriano lib. 10. et per Bacco il grappo d'uva, onde Aristotele nel problema 31. dice che ciò avviene nel sanguigno, perché in esso abonda molto seme, il quale è cagione de gli appetiti venerei, […].

Dann zitiert Ripa einen Text aus dem Medizinischen Lehrgedicht der Hohen Schule zu Salerno (ca. 1050), LXXXV De genere sanguinico (Natura pingues isti sunt, atque iocantes ...), in dem nach der Auslegung des Geißbocks die Charaktereigenschaften des Sanguinikers aufgezählt werden: largus, amans, hilaris, ridens rubeique coloris, cantans [Ripa fälschlich cautus – das Bild zeigt indessen eine Laute; vgl. schon Virgil Solis], satis audax atque benignus.

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Sancai Tuhui (China 1607)

Physiognomische Theorien gibt es auch in anderen Kulturen, z.B. in China:

In der mingzeitlichen Bilder-Enzyklopädie »Sancai Tuhui« (vollendet 1607) gibt es Listen mit physiognomischen Kennzeichen wie Augenformen, Handformen, Ohrenformen etc. Hier abgebildet sind unterschiedliche Formen von Augenbrauen. Die acht Tafeln von links nach rechts heissen Drachen-Braue – Luohan-Braue* – Augenbraue in der Form des Schriftzeichens ba (ba bedeutet ›acht‹, hier geht es nur um die Form**) – scharfe Klinge-Braue – Braue in Form eines Reisigbesens – gelbe, dünne Braue – aufgelockerte Braue (oder sich auflösende Braue) – Dämonen-Braue. Der Text unter der Abbildung beschreibt einerseits die Braue und fasst dann die damit assoziierten Merkmale hervor. So ist ein Mensch mit einer Dämonen-Braue geschlagen mit einem Herz, das nicht Gutes kennt oder anderen Gutes angedeihen lässt. [Tugenden wie] Mitmenschlichkeit und Pflichtbewusstsein sind wenig entwickelt, [dafür] sind Neid oder Missgunst hundertfach vertreten. Im Leben wird es wenig Kontinuität geben und die Gedanken sind häufig unkonzentriert (oder: zerstreut). [Eine solche Person] wird das Leben lang auf Katastrophen und Diebe treffen. (Übersetzung und Kommentar von Marc Winter, AOI der UZH)

*) Ein Luohan oder Arhat ist eine niedere Stufe der Erleuchtung, weniger bedeutsam als Bodhisattwa oder Buddha vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Arhat.

** ) Vgl. hier oder hier   

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Vorlagen für Zeichner vom Premier Peintre du Roi (1696)

Charles Le Brun (1619–1690), am Hof von Louis XIV., publizierte ein Werk, das Schule machte: Caracteres des Passions Gravés sur les desseins de L’illustre Mons.r Le Brun. Par S. le Clerc. A Paris chez N. Langlois [s.d. 1696?]

Darin stellt er – nach dem Grundsatz, dass jede Gemütsbewegung oder Leidenschaft ihre spezifische Miene, Gebärde habe, der Körper also ein Bild der Seele sei, und folglich der bildende Künstler ein Seelenmaler – in 43 Kupferstichen alle erdenkbaren sich im Physischen abbildenden Emotionen dar.

Es gibt mehrere Auflagen davon – Digitalisat der Ausgabe 1727: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1352510

Die Zeichen-Vorlagen wurden auch in der »Encyclopédie« dargeboten:

Encyclopédie, Recueil de Planches, Seconde Partie , Paris 1763; »Dessein«, Planche XXVI: Expreßion des Paßions

Dessein d’après l’exemple
Pl. XI. & fera usage des principes qu’il vient de copier, c’est-à-dire, par exemple, qu’il doit faire attention que les lignes sur lesquelles sont placés les yeux, le nez, la bouche, & les oreilles, sont paralleles entr’elles, & que, quoique ces lignes ne soient point tracées sur l’original qu’il a devant lui, ce principe y est observé.
[…] Il dessinera ensuite des piés & des mains, des bras & des jambes, Pl. XII. & XIII. Il s’appliquera surtout à mettre ensemble bien juste, & il ombrera comme nous venons de dire. […] L’expression des passions est une étude qui demande beaucoup d’application, & que l’on ne doit point négliger, parce que les moindres compositions ont un objet qui entraîne nécessairement le Dessinateur à donner aux têtes de ses figures le caractere qui leur convient relativement à ce sujet; mais comment pouvoir dessiner d’après nature les mouvemens de l’ame? […] Mais pour tirer un parti sûr & facile des richesses de son imagination, il faut auparavant avoir étudié dans les desseins des maîtres, qui les ont le mieux rendus, les signes qu’ils ont trouvés convenables pour exprimer dans une tête, telle ou telle passion. Le Dessinateur consultera aussi sa raison & son cœur, & ne fera rien que ce qu’il sentira bien. Le célebre M. le Brun qui avoit étudié cette partie, nous a laissé des modeles que l’on peut consulter. Voyez les Planches XXIV. XXV. & XXVI.
Quelle: https://fr.m.wikisource.org/wiki/Page:Encyclopedie_Planches_volume_2b.djvu/202

Zu Beginn des 19. Jhs. erschien eine deutsche Übersetzung: Handwörterbuch der Seelenmahlerei. Zum gemeinnützigen Gebrauch, besonders für Zeichner, Mahler und Liebhaber charakteristischer und allegorischer Darstellungen. Nebst 52 in Kupfer gestochenen Köpfen, die vorzüglichsten Gemüthsbewegungen und Leidenschaften betreffend, von Le Brün, Leipzig: Kleefeld 1802. – Viertes Kapitel. Von den äußern Kennzeichen, wodurch sich die vorzüglichsten Gemüthsbewegungen zu erkennen geben. – Digitalisat: http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/titleinfo/3183552

Die Zeichnungen und ihre Erklärungen werden Allgemeingut. Friedrich Jakob Floerken übersetzt im Artikel »Leidenschaft« in J. G. Krünitz, Oekonomisch-technologische Enzyklopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft […], 75. Theil (1798) Le Brun (nach Conference de Monsieur LeBrun Sur Expression generale et particuliere, Enrichie fig. gravées par B. Picart, Amsterdam / Paris 1698):

Wenn der Zorn sich der Seele bemächtiget, so hat derjenige, der diese Leidenschaft empfindet, rothe Augen, der Augapfel sieht verwirrt und blitzend aus; die Augenbraunen gehen bald nieder, und bald wieder in die Höhe; die Stirn hat zwischen den Augen starke Runzeln und Falten; die Nasenlöcher stehen weit offen; die Lefzen drücken sich aneinander; insonderheit aber geht die untere Lefze über die obere hervor; die Winkel des Mundes öffnen sich ein wenig, und verursachen mithin ein grausames und verächtliches Lächeln. Im Uebrigen scheints auch, als ob ein solcher Mensch die Zähne auf einander beiße, und ihm der Mund voll Wasser stehe; so ist nicht minder das Gesicht an einem Orte bleich, hingegen an einem andern erhitzt und ganz aufgeblasen; die Adern an der Stirne, den Schläfen und dem Halse blähen sich auf, und, statt Athem zu holen, pflegt der Zornige zu schnauben. (S.207)

Le Brun, der doch noch immer ein Meister in seiner Kunst ist, und denen unsere Künstler so häufig nacharbeiten, hat uns fünf Gesichter zurückgelassen, in denen er uns den Zorn vorstellet. Man sehe dieserhalb die Figur 4372, und man wird in der Physiognomie den ersten Grad des Zorns, nähmlich einen sehr starken Unwillen finden. Die Figur 4373 giebt uns schon nähere Aufklärung, indem der Blick und die verzognen Muskeln schon dasjenige an den Tag legen, was man wahren Zorn nennen kann. Siehet man aber die Figur 4374 an, so findet man ein Gesicht, welches den äußersten Zorn, Grimm, Wuth und Raserey ausdrücket, welches auch die Figur 4375 vorstellen soll; die Figur 4376 aber zeigt diese Leidenschaft mit der Furcht vermischt. (S.208)

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Tips für den Schauspielunterricht (1727)

Der Jesuit Franciscus Lang (1654–1725) war – für seine Ordensgemeinschaft typisch – als Dramenverfasser und Schauspiellehrer tätig. Seine Theorie der Schauspielkunst hat er in einer Abhandlung niedergeschrieben. Darin behandelt er auch, wie der Vortrag durch Gestik und Mimik unterstützt, wirkungsvoll wird. Das schmale Buch enthält acht Bilder, die Emotionen ausdrückende Gesten/Körperhaltungen zeigen.

Franciscus Lang, Dissertatio de actione scenica, cum Figuris eandem explicantibus, et Observationibus quibusdam de arte comica, Monachii 1727 – Abhandlung über die Schauspielkunst, übersetzt und herausgegeben [und mit einem instruktivem Nachwort versehen] von Alexander Rudin, Bern: Francke 1975.

Zu Abb. VII schreibt er u.a.: In heftigem Schmerz oder in der Trauer (in vehementi dolore aut tristitia) ist es nicht unangebracht, ja es verdient sogar Lob und erweckt Wohlgefallen, wenn man – entweder mit beiden vorgeschlagenen Händen oder indem der Kopf in den Armen verborgen wird – gelegentlich das ganze Gesicht eine zeitlang völlig verdeckt und sich dabei an eine Kulisse lehnt; man kann auch in dieser Stellung einige Worte, welche die Zuhörer nicht zu verstehen brauchen, in den Ellenbogen oder in den Busen flüstern, doch gerade aus diesem Flüstern, das mehr als Worte selbst besagt, wird die Gewalt des Schmerzes offenbar (Rudin, S.199)

Dass die Gestik und Mimik den Redner beim Vortrag unterstützt, beruht auf antiker Tradition. Cicero schreibt in »de oratore« insbes. III, lix, ¶ 220ff.:

Auf dem Gesicht beruht alles, und in dem Gesicht besitzen die ganze Herrschaft die Augen. […] Denn der ganze äußere Vortrag soll die Seele ausdrücken, und das Abbild der Seele ist das Gesicht (animi est enim omnis actio et imago animi vultus) und ihre Verräter die Augen. Denn dies ist der einzige Teil des Körpers, der alle Gemütsbewegungen durch ebenso viele Andeutungen und Veränderungen ausdrücken kann, und niemand vermag dies zu tun, wenn er die Augen schließt.
(Im Zusammenhang bei http://www.gottwein.de/Lat/CicDeOrat/de_orat03de.php)

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Entzieferung des Charakters (1775ff.)

Johann Caspar Lavater (1741–1801) – lassen wir zunächst jemand zu Wort kommen, der ihn gut kannte und durchschaute: »Lavaters Geist war durchaus imposant.« »Seine Schriften sind schon jetzt schwer zu verstehen, denn nicht leicht kann jemand eindringen in das, was er eigentlich will.« »Keineswegs imstande, etwas methodisch anzufassen, griff er das einzelne einzeln sicher auf und so stellte er es auch kühn nebeneinander.« (Goethe, Dichtung und Wahrheit, Vierter Teil, 19.Buch).

In den »Physiognomischen Fragmenten« (EA 1775–1778) behandelt er (die Angaben beziehen sich auf die verkürzte Ausgabe der Physiognomischen Fragmente von J. M. Armbruster, Winterthur: In Verlag Heinrich Steiners und Compagnie 1783–1787) da und dort verstreut:

  • Individualcharaktere: passim
  • Leidenschaften: I,65f und Tafeln XVII–XXIV
  • die vier Temperamente: III,62–74
  • Nationalphysiognomien: III,85–127; Bilder S.250ff.
  • medizinische Semiothik: III,79–84
  • Mensch-Tier-Vergleich: II,146–204 (kritisch gegen della Porta)
  • Schädellehre: II,205–241

Einige Male äußert sich Lavater zu seinem Vorgehen. Ein physiognomischer Sinn, um die Charakteristik der Natur zu empfinden sei unentbehrlich, aber ohne vernünftige Prüfung, ohne Zergliederung, ohne Vernunft, ohne Regeln […] wird das feinste physiognomische Genie oft irren. (II, 16/17). Auf ein spontanes, intuitives Erkennen folgt also eine Unterscheidung einzelner Elemente. Er teilt dazu das Gesicht in drei Abschnitte:

die Stirne bis zu den Augenbrauen ist Spiegel des Verstandes – Nase und Wangen Spiegel des moralischen und empfindsamen Lebens – Mund und Kinn Spiegel des animalischen Lebens, indeß das Aug Centrum und Summe des ganzen ist (I, 16f.; an anderer Stelle unterscheidet er neun Hauptabschnitte.)

Zur Deutung von Silhouetten gibt er eine kleine Classifikation von Linien, welche die menschlichen Gesichter zu bestimmen und zu begränzen pflegen, und die zur Entzieferung des Charakters dienen:

Perpendikulare, lokere perpendikulare, hart gespannte! So vorwärts sinkende; So zurückstrebende! Gerade, weiche Linien, gebogene, gespannte, wellenförmige Sektionen von Zirkeln – von Parabolen, Hyperbolen; Konkave, konvexe, gebrochne, eckigte – gepreßte, gedehnte, zusammengesetzte, homogene, hetrogene – kontrastirende! (II,118)

Sodann werden auch Gesichtsdetails als Zeichen gedeutet. Hier als Beispiel die Augenbrauen (in Auswahl: III, 181–184):

Einfachbogigte Augenbrauen sind jungfräulicher Charakter.
Wildverworrene sind immer Zeichen von wildem – oder, wenn die Haare zart sind, von sanftem Feuer.
Eckigte, stark gebrochene Augenbrauen sind immer Zeichen feuriger, produktiver Thätigkeit
Je näher die Augenbrauen auf dem Augen liegen, desto ernsthafter, tiefer, fester der Charakter.
Entfernt von einander – heiterer, offener, leichter Sinn.

Hier ein Dutzend Formen oder Chifren von Augenbrauen. Alle diese Formen vertragen sich mit Verstand. […] Jedoch schwerlich 10 […] am schwersten 4 […].

Die durch das Angesicht ›bezeichneten‹ Kräfte des Seelischen hat Lavater nicht systematisiert; er kennt indessen einige Hauptklassen: Gemüthszustände; Sittliche Charakter; Unsittliche; Empfindung; Kraft; Witz; Verstand; Geschmack; Religion; Unvollkommenheit; Lokalgesichter; Standesgesichter; Amtsgesichter; Handwerksgesichter; usw. Der Physiognomiker sollte einen reichen Wortvorrat zur Beschreibung haben. Eine Probe von Namen – unter dem Titel Witz:

Witzig, witzreich, witzelnd, überwitzig, plattwitzig, feinwitzig, süßwitzelnd, zermalmend, witzbrennend, — eitelwitzig, ernstwitzig, trockenwitzig, kaltwitzig, — frostig-grobwitzig — pöbelhaft - matrosisch - scharfrichterisch - blitzwitzig ; Schnackisch, drolligt, launig, spaßhaft, lächelnd, lachend, spottend, hohnlachend, schöngeisterisch &c. &c. (II, 42)

Beispiele für Analysen:

Lavater wurde einmal durch seinen Freund Johann Georg Zimmermann in Hannover genasführt; er hatte ihn um das Urteil über ein zugesandtes Profil gebeten. Lavater beurteilte diesen Menschen als das größte, schöpferischte Urgenie; dabey drollig und boshaft witzreich. – Es handelte sich allerdings um einen mehrfachen Mörder namens Rüdgerodt (auch: Rüttgerodt), der gerädert worden war. – Lavater hat diesen Irrtum ehrlicherweise publik gemacht (Physiognomische Fragmente, Zweyter Versuch, 1776, S. 194–196).

In der verkürzten Ausgabe (Band III, 1787, Tafel XXII. und S.249) charakterisiert er das Gesicht so:

Stärke mit Bosheit und Schwäche verbunden. In der Stirn und besonders im Kinn ist eine widerliche Stärke mit kalter Unempfindlichkeit vereint. Der Hals ist nicht herkulisch – kontrastirt mit Stirn und Kinn. Stirn und Nase sind roh und fein; Mehr listig, als verständig. Das Aug scheint falschlauernd, und daher nichts weniger als fest, kräftig und heldenhaft.

Hier noch ein sympathischerer Herr:

Eines der Talentreichsten Profile, das viel Geschmack mit sehr fener Kunstgeschicklichkeit vereinigt. Es ist unmöglich, daß ein so entscheidend sprechender Schattenriß […] von einem physiognomischen Blick mißkennt werde. […] Ein sehr guter Violinist, Miniaturmaler, geometrischer Zeichner – und ein ebenso angenehmer als Kenntnißreicher Unterhalter. Stirn, Nase, Kinn und die ganze Gesichtsform zeigt allemahl in Ansehung Alles Sinnlichschönen einen der kultivierbarsten Köpfe. (II, Tafel XXVI. und S.135)

Die vier Temperamente. Um diese eindeutig voneinander abzugrenzen, sind Stirn, Augen, Nase, Kinn und Haar auf unterschiedliche Weise hervorgehoben, wobei sich trotz der starken physiognomischen Orientierung auch in dieser Anordnung eine Orientierung an den Lebensaltern ausmachen lässt: vom Phlegmaticus (Jüngling) zum Melancholicus (Greis). Diesen vier typisierten Tafeln folgt eine Analyse realer Porträts von berühmten Persönlichkeiten, Zürcher Bürger und auch Narren, sowohl einheimischer Physiognomien als auch die anderer Nationalitäten. Hierbei werden einzelne Merkmale, wie die Nasen- oder Augenform, einem Charaktertyp zugeschrieben oder gleich allgemein beschrieben, welches Temperament offensichtlich das dominante ist.

Die Bilder sind offenbar nicht idealtypisch, denn Lavater hat an jedem etwas auszusetzen. Die Beylage ist eine noch charakteristischere Tafel (vielleicht deshalb der Kupferstich zarter?), mit der er aber noch immer nicht ganz zufrieden ist: Der Sanguiniker ist beynahe unverbesserlich – nur dürfte die Nase vom Munde noch etwas weiter abstehen.

J. C. Lavaters physiognomische Fragmente zur Beförderung von Menschenkenntniss und Menschenliebe, Vierter Versuch (1778), Sechster Abschnitt. Physiologisches …, Zweytes Fragment. Einige Beylagen zur physiognomischen Charakteristik der gewöhnlichen vier Temperamente = S. 351ff. Dazu die Bilder von Gesichtern im Tafelband.

Digitalisat:
http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/297423
http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/297425
http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/297427

Bekanntlich hat Lavater in Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) einen scharfzüngigen Kritiker gefunden. In seinem »Fragment von Schwänzen« (1783) parodiert er die Silhouetten-Portraits von Lavater:

Schriften und Briefe, Dritter Band, hg. Wolfgang Promies, München: Hanser 1972, S. 533–538. Vgl. den Kommentar zu Band III, 1974.

Digitalisat: http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/18Jh/Lichtenberg/lic_schw.html

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Reaktionen auf das Bild »Die Adieux von Jean Calas« von D. Chodowiecki (1774ff.)

In Toulouse wurde 1762 der hugenottische Tuchhändler Jean Calas beschuldigt, seinen Sohn ermordet zu haben, zum Tode verurteilt und hingerichtet; ein Justizmord, der die Welt bewegte. Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726–1801) malte aufgrund einer französischen Anregung* 1767 in Berlin ein Ölbild, das den Abschied der Familie von dem Verurteilten in der Gefängniszelle zeigt. 1767/68 publizierte er das Bild »Les Adieux de Calas à sa famille« als Radierung.

Dann hatte Chodowiecki 1774 noch eine Idee: Er zeigt die Reaktionen von vier Vertretern der vier Temperamente vor dem Bild »Les Adieux«.***

*) Zeichner: Lous Carrogis de Carmontelle / Stecher: Jean Baptiste Delafosse (1765): Dargestellt ist die Familie des Opfers, nicht Calas selbst.

**) Vgl. Wilhelm Engelmann, Daniel Chodowieckis sämmtliche Kupferstiche, 1857; # 48: mehrere Fassungen

***) Gerda Mraz / Uwe Schlögl, Das Kunstkabinett des Johann Caspar Lavater, Wien: In Kommission bei Böhlau 1999; Bild 91*: Feder und Tusche, laviert, weiß gehöht. Seit 1828 in der kk Hofbibliothek = heute ÖNB unter der Signatur: LAV XVII/205/7771; vgl. http://www2.onb.ac.at/sammlungen/bildarchiv/projekte/porlav/porlav-hp.htm <3.3.2015>

Lavater hat dieses Bild von Chodowiecki besessen und in der Kartusche notiert: Die vier Temperamente / vor / Calas Adieu. / von Chodowiecki. […] ach! vorm schrecklichen Abschied der se’gnenden Unschuld steh’n hier Erst cholerischer Ernst, nicht ganz vollkräftig, sanguinisch Doch nicht herzlich genug weynt neben Ihm einer … der Trübsinn scheint an der Seit’ ihm zu stehn’n, und kalt sitzt bey ihm das Phlegma. (Text bei Mraz/Schlögl)

Lavaters Schützling Johann H. Lips (1758–1817), der dessen Werk mehrheitlich illustrierte, hat diese Zeichnung in eine Radierung umgearbeitet, welche Lavater auf dem Titel des »IV. Versuchs« der »Physiognomischen Fragmente« (1778) placierte (unten links ist der Zeichner angegeben, rechts der Stecher Lips).

J. C. Lavaters physiognomische Fragmente zur Beförderung von Menschenkenntniss und Menschenliebe, Vierter Versuch, Leipzig und Winterthur 1778, Titelblatt des Textbandes — Digitalisat: http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/314671

In der verkürzten Ausgabe von Armbruster, Winterthur: In Verlag Heinrich Steiners und Compagnie 1787, befindet sich das (von wem? nochmals Lips oder Schellenberg?) neu, einfacher gestochene Bild im 3. Band, im Aufsatz »Etwas von den Temperamenten« vis-à-vis S. 69.

Das Betrachten des scheußlichen Bilds ist ein Test, der die Temperamente erkennen lässt. Lavater unterscheidet anhand dieses Tests Grade der Reizbarkeit:

Der Phlegmatiker ist rund, glatt, voll und sitzt.
Der Sanguiniker steht, hüpft, fliegt, ist länglicht rund und proportionirt.
Der Choleriker ist eckigter, und drückt, und stampft.
Der Melancholische ist eingedrückt und sinkt.

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Leidenschaft in eine mythologische Szene gefasst (1798)

In der von Johann Georg Krünitz initiierten »Oekonomisch-technologischen Enzyklopädie oder allgemeinem System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft in alphabetischer Ordnung« steht ein Artikel des damaligen Herausgebers Friedrich Jakob Floerken »Leidenschaft« – man fragt sich, wer außer dem Verfasser und dem Setzer die 510 Seiten je gelesen hat. Zum Artikel gehören auch Abbildungen, die auf die entsprechenden Textseiten bezogen sind:

Krünitz, 75. Theil (1798), Abbildung 4353 zu S. 191.

Nachdem Floerken die moralisch positiv bewerteten Gefühle von Braut und Bräutigam geschildert hat (ein sanfter bescheidener Liebhaber, der lange in der Stille für das Mädchen seufzte), zeigt er die negativen.

Wer vergleichen kann, der vergleiche hiermit die Figur 4353. Auch hier sieht man eine Braut, wie man im gemeinen Leben viele Bräute sieht. – Sie befindet sich auch bey ihrem Bräutigam. – Der Ofen der Zimmers ist ein Faun, an dem sich eine junge Bacchantinn wärmt, und das Hauptgemählde ein Silen, der auf einem Esel reitet, von lärmenden Bacchanten umgeben. Einige tragen etwas in ihren Händen. Ob es Gläser mit schäumendem Champagner sind, und ob sie anstutzen, läßt sich nicht deutlich erkennen. – Auf dem Canapee ist alles deutlicher – der Faun und die Bacchantinn und die Gläser mit schäumendem Champagner, eine Bouteille auf die Person. Der Bräutigam [...] sitzt ganz auf dem Kanapee, die Braut nur mit der rechten Hälfte. [...] In dem Kleide der Dame findet man nicht bloß eine hohe Taille, sondern gar keine. [...] Auf dem Büreau steht ein brennendes Licht, vermuthlich zur Besiegelung des Contracts. Statt des Vögelchens im Bauer bey den vorigen Liebenden, wedeln hier ein Paar Arzneygläschen mit ihren bekannten Schwalbenschwänzchen. – So entspinnen sich häufig die modischen Heyrathen in großen – auch jetzt schon in kleinen Städten. –

Die im Bildvordergrund dargestellte Emotion wird visualisiert anhand mythologischer Szenen auf Bildern und Statuen im Zimmer. — Bereits Dante hat Tugenden und Laster anhand von Bildern an der Wand und auf dem Fußboden evoziert: »Purgatorio« X, 28–96 und XII, 1–72. Die Technik, eine Emotion durch im Zimmer angebrachte Bilder anzudeuten, kennt sodann der barocke Roman, vgl. Philipp von Zesen, »Die adriatische Rosemund« (1645).

Woran konnten die Leserinnen und Leser des Krünitzschen Lexikons anschließen? Benjamin Hederich, im »Gründlichem Antiquitäten-Lexicon« (1743 und öfters) erwähnt im Artikel »Faun« Zwey schöne Gemälde von ihnen, wo ein junger Faun eine Bachantinn überfallen hat, und sie muthwillig küsset, indem sie eben aufstehen will; [...]. Im Artikel »Silen« erwähnt er den Eselritt. — Ausgangspunkt ist diese Szene: Der Waldgeist Silen im Gefolge des Dionysos reitet betrunken auf einem Esel und wird von Bacchantinnen geneckt (ebrius ecce senex pando Silenus asello vix sedet … Ovid, ars amatoria I,543ff.; vgl. Met. IV, 26f.)

Griechische und Römische Alterthümer/ welche der berühmte P. Montfaucon ehemals samt den dazu gehörigen Supplementen in zehen Bänden in Folio, an das Licht gestellet hat ... Auszugsweise ... in Deutscher Sprache herausgegeben von M. Johann Jacob Schatzen …, Nürnberg 1757; Tab. LXIV.

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Hang zum Stehlen und Musiktalent als Schädel-Regionen (1805ff.)

(Text von Joh. Depnering) Phrenologie (›Geisteslehre‹, nach griech. phrenós = Zwerchfell; Geist, Gemüt) ist eine Lehre, nach welcher die Schädelform von Individuen und ihre geistig-seelische Disposition in direkter Beziehung stehen.

Diese Anschauung wurde erstmals von dem Mediziner Franz Joseph Gall (1758–1828) formuliert, der sie als ›Schädellehre‹ oder ›Organologie‹ zunächst durch private Lehrveranstaltungen in Wien, später vor allem durch seine Vorlesungsreise in über fünfzig Städten Zentraleuropas in den Jahren 1805–1807 popularisierte.

Zur Terminologie: Der Ausdruck Phrenologie wurde 1815 von dem englischen Arzt Thomas Forster geschaffen und erst ab den 1820er Jahren allgemein verwendet, Cranioscopie steht schon im Artikel »Physiognomik« in Krünitz (1808) und wird dann von C.G.Carus (1841) verwendet.

(a) Gall geht davon aus, dass es angeborene Anlagen gibt: intellektuelles Vermögen, Neigungen, Triebe, Gemütsbewegungen. Diese Fähigkeiten sind naturgegeben. Der Mensch ist bey weitem nicht so sehr Schöpfer seiner Handlungen, als es ihm der Stolz und die Eigenliebe überredet haben. Der Hauptplan ist vorgezeichnet. (Gall 1791; zitiert bei Kordelas S. 37)

(b) Als Neuroanatom sieht er diese Anlagen auf distinkten Orten der Hirnrinde (Cortex) lokalisiert. Das Gehirn von Menschen und Tieren ist nicht als einheitlicher Körperteil zu betrachten, sondern als eine Art Konglomerat, das aus Einzelorganen besteht. Je nach ihrer Lage haben diese zerebralen Organe eine bestimmte Funktion; Gall betrachtet sie als den jeweiligen Sitz einer bestimmten Grundkraft wie beispielsweise ›Freundschaftssinn‹, ›Raumsinn‹ oder ›Dichtergeist‹.

(c) Die Stärke der Anlage korreliert mit der Größe des Organ-Teils.

(d) Die Tätigkeit des (je nachdem verschieden großen) Hirn-Teils ist erkennbar an Erhabenheiten und Vertiefungen am Schädel.

(e) Wie hat Gall die Entsprechungen zwischen Knochenstruktur und Grundkraft gefunden? Rein empirisch: Er kannte bereits den Zusammenhang von Hirnverletzungen und damit verbundenen Ausfällen von Seelenverrichtungen. Er korrelierte die Beobachtung besonders ausgeprägter Charakter-Eigenschaften mit dem Befund von auffälligen Erhabenheiten am Schädel. Als Material für die Messungen dienten ihm: Portraits genialer Menschen (z.B. Descartes), Wahnsinnige in Irrenanstalten, Zuchthäusler sowie besonders talentierte Schüler. Um seine theoretischen Ausführungen zu belegen, liess Gall in seinen Vorlesungen Beispiele aus seiner reichen Sammlung an Gipsabdrücken, Tier- und Menschenschädeln präsentieren.

Am Portrait von Descartes zeigen Gall und Spurzheim, wo die mathematische Begabung (sens des rapports des nombres) zu lokalisieren ist. (Anatomie et Physiologie de Système Nerveux, 1810–1891; Tafelband; Planche LXXXII, Fig. 5; dort weitere Kopf-Formen von Genies)

Im Gegensatz zur wenige Jahrzehnte zuvor entwickelten, spekulativen Physiognomik Lavaters postulierte Gall einen wissenschaftlich-eindeutigen anatomischen Zusammenhang zwischen den Ausbuchtungen und Vertiefungen des Kopfes und den Grundkräften, welche im Zusammenwirken den Gesamtcharakter einer Person bildeten.

Praktisch wollte Gall philanthropisch wirken: Strafvollzug, Behandlung der Irren wie auch die Erziehung sollten auf einer (modern gesagt) ›psychiatrischen Begutachtung‹ basieren.

Im Zuge seines Erfolgs geriet das Gall’sche System in der gelehrten und wohlhabenden Oberschicht stark in Mode. Mit den 27 Organen gekennzeichnete Schädel wurden verkauft, Drucke mit Abbildungen eines derartig markierten Kopfes, Schnupftabakdosen und Fächer mit ähnlichen Motiven. Der Assistent und Schüler Galls, Johann Gaspar Spurzheim (1776–1832), erweiterte das Gall’sche Modell um fünf Organe und unterzog es einer taxonomischen Ordnung. Spurzheim trug vor allem in Frankreich und Grossbritannien zum Erfolg der Phrenologie bei, indem er wie Gall als reisender Gelehrter durch die Lande zog. In Edinburgh wurde schliesslich im Jahre 1820 eine Phrenological Society gegründet. Unter den Gründungsmitgliedern befand sich George Combe (1788–1858), welcher mit seinem Werk The Constitution of Man (1828) eine weitere wichtige Rolle in der Verbreitung und Weiterentwicklung der Lehre spielen sollte.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand sich in Grossbritannien ein breiter Markt für die Phrenologie. Im Stile eines medizinischen Ratgebers wurde in einfachen Büchlein eine kompakte Version der Lehre dargeboten. Häufig wurde dabei die Abbildung eines Kopfes gebraucht, bei welcher die Flächen der Gehirnorgane direkt auf der Schädeloberfläche aufgetragen und mit den entsprechenden Bezeichnungen versehen worden waren.

Die Heftchen waren in der Regel entweder als Selbsthilfe-Lektüre mit praktischen Anweisungen zur Analyse des Charakters gestaltet oder sie wurden während einer pseudoärztlichen Untersuchung eingesetzt, in welche der beratende Phrenologe in vorgedruckte Listen seine Anweisungen zur Verbesserung des Charakters und der Gesundheit eintrug. Die sehr genauen Ratschläge des Arztes betrafen dabei nicht nur die Ernährung oder z.B. die Dauer, Häufigkeit und Art des Badens, sondern konnten sich auch auf die künftige Partnerwahl beziehen. Oft wurde in den Büchlein auch das Charakterlesen an Hand von Fotografien beworben. Andere hingegen enthielten exemplarische Abbildungen von Persönlichkeiten, bei welchen jeweils eine der Grundkräfte besonders ausgeprägt erschien.

Bild aus einer volkstümlichen Darstellung: Walter Möller, Angewandte Menschenkenntnis. Einführung in die Handschriften-, Gesichtsausdrucks- und Schädelkunde, [1916], 4. Auflage, Berlin/Oranienburg: Möller [1927].

Aus der Liste der 27 Grundkräfte Galls: (1) Trieb zur Zeugung, Fortpflanzung, Geschlechtstrieb (2) Jungenliebe, Kinderliebe (4) Mut, Raufsinn, Selbstverteidigungsinstinkt (5) Würg- und Mordsinn (6) List, Schlauheit, Klugheit (7) Eigentumssinn, Hang zum Stehlen (8) Stolz, Hochmut, Herrschsucht (11) Behutsamkeit, Vorsicht (12) Ortssinn, Raumsinn (13) Personensinn und -gedächtnis (17) Tonsinn, Musiktalent (21) metaphysischer Tiefsinn (22) Witz, Folgerungsvermögen (25) Nachahmungssinn (26) Sinn für Gott und die Religion.

So sehen Schädel aus jenachdem, welche Organe besonders ausgeprägt sind und demnach bestimmte seelische Kräfte hervorbringen:

Aus: Gustav Scheve, Katechismus der Phrenologie, 3., verb. Auflage, Leipzig: J. J. Weber 1853.

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Franz Joseph Gall / Johann Christoph Spurzheim, Untersuchungen über die Anatomie des Nervensystems überhaupt, und des Gehirns insbesondere ein dem französischen Institute ueberreichtes Mémoire, nebst dem Bericht der Commissaire des Institutes und den Bemerkungen der Verfasser über diesen Bericht, Paris: Teuttel und Würtz 1809.

Franz Joseph Gall / Johann Caspar Spurzheim, Anatomie et physiologie du système nerveux en général, et du cerveau en particulier, avec des observations sur la possibilité de reconnoître plusieurs dispositions intellectuelles et morales de l'homme et des animaux, par la configuration de leurs têtes, Paris: F. Schoell 1810–1819.

Hervorragende Darstellung der Lehre Galls mit Einordnung in die Ideengeschichte bei

Sigrid Oehler-Klein, Die Schädellehre Franz Joseph Galls in Literatur und Kritik des 19. Jahrhunderts. Zur Rezeptionsgeschichte einer medizinisch-biologisch begründeten Theorie der Physiognomik und Psychologie, Stuttgart: G. Fischer 1990.

Lambros Kordelas, Geist und caput mortuum. Hegels Kritik der Lehre Galls in der Phänomenologie des Geistes, Würzburg: Königshausen & Neumann 1998, S. 17–140.

Kleines Lesbuch mit kommentierten Texten Galls: Franz Joseph Gall: Naturforscher und Anthropologe. Ausgewählte Texte, eingeleitet, übersetzt, kommentiert von Erna Lesky, Bern: Huber 1979.

 

Anhang: Cesare Lombroso (1835–1909)

Lombroso geht sehr ähnlich vor: Er stellt statistische Korrelationen fest zwischen dem auffälligen Verhalten von Personen (Delinquenten) und ihren Schädelmerkmalen. (Dass er aufgrund der Anatomie ›den geborenen Verbrecher‹ erkennen wollte, ist möglicherweise eine spätere Unterstellung und Indienstnahme seiner Untersuchungen.)

Cesare Lombroso, L’uomo delinquente. In rapporto all’antropologia, alla giurisprudenza ed alle discipline carcerarie, Turin, Bocca, 1876. (dt: Der Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher und juristischer Beziehung, Hamburg 1887.) – Vgl. den Artikel https://it.wikipedia.org/wiki/Cesare_Lombroso

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Das Haus der Temperamente (1837)

Johann Nepomuk Nestroy (1801–1862) schrieb 1837 die Posse »Das Haus der Temperamente«, in der die Bühne vier Wohnungen zeigt, die von vier wohlhabende Privatiers mit den unterschiedlichen Temperamenten bewohnt werden.

Das Stück spielt auf einer viergeteilten Simultanbühne:

• Cholerisch •

Wohnzimmer des Herrn von Braus

Die Mahlerei des Zimmers ist hochroth gehalten

• Phlegmatisch •

Wohnzimmer des Herrn von Fad

Die Mahlerei des Zimmers ist lichtgelb gehalten

• Melancholisch •

Wohnzimmer des Herrn von Trüb

Die Mahlerei des Zimmers ist grau […] düster gehalten

• Sanguinisch •

Wohnzimmer des Herrn von Froh

Die Mahlerei des Zimmers ist himmelblau […] gehalten

Jeder der Herren hat eine wohlgeratene Tochter und einen studierenden Sohn, die im Wesen dem Vater nachschlagen. Zwischen diesen haben sich nach dem Prinzip der sich anziehenden Gegensätze zarte Bande gesponnen, welche die Väter aber zu zerstören trachten ....

Ausgabe: Johann Nestroy, Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe, Stücke 13, hg. William Edgar Yates, Wien/München: Verlag Jugend und Volk 1981.

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Haus_der_Temperamente

Inhaltszusammenfassung: http://www.nestroy.at/nestroy-stuecke/35_temperamente/index.html

Die Literaturwissenschaft spricht von Nestroys »Neigung, den Menschen als eine durch Schicksal, Charakter und Konformität seines Willens beraubte Marionette zu sehen«, wozu hier das vom Temperament zwanghaft Bedingte dazu komme.

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Atavistische Rudimente einstiger Zweckhandlungen (1872)

1872 publiziert Charles Darwin (1809–1882) The Expression of the Emotions in Man and Animals. Ihm geht es nicht um den charakterlichen Habitus, sondern um Ausdruckserscheinungen von Gemütszuständen.

Auf der Seite der Emotionen nennt er u.a.: Gedrücktsein, Sorge, Kummer, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung – Freude, Ausgelassenheit, zärtliche Gefühle, – Üble Laune, Schmollen, Entschlossenheit usw. Auf der Seite des Ausdrucks nennt er u.a. schräge Stellung der Augenbrauen – Stirnrunzeln – Entblößung der Zähne – Aufrichten der Haare – Erröten

Bündig formuliert: »Darwins Bedeutung ist einerseits in seiner hervorragenden Beobachtungsgabe und anderseits in seiner genetischen Erklärung der Ausdrucksbewegungen begründet. Seine Beobachtungen mimischen Geschehens bei höheren Tieren führten ihn zur Annahme, die menschliche Ausdrucksbewegung sei als Endphase eines schon im Tierstadium vorhandenen Bewegungsablaufes anzusehen. Zweck dieser Bewegungen war der Schutz des Individuums vor schädigenden Einflüssen. Obgleich dieser Schutz infolge der fortschreitenden Artveredlung überflüssig wurde, blieben die Bewegungen als solche erhalten; sie ›degenerierten‹ zu Ausdrucksbewegungen.« (Ruth Züst, 1948)

   

In der Zusammenfassung (englische Ausgabe p. 351; deutsche Ausgabe S.359; dazu passend die Photographien von Guillaume-Benjamin Duchenne auf Tafel II) spricht er – Kapitel 7 Ausdruck des Kummers rekapitulierend – von der ausserordentlich complicirten Kette von Vorkommnissen, welche zu gewissen ausdrucksvollen Bewegungen führen:

Take, for instance, the oblique eyebrows of a man suffering from grief or anxiety. When infants scream loudly from hunger or pain, the circulation is affected, and the eyes tend to become gorged with blood: consequently the muscles surrounding the eyes are strongly contracted as a protection: this action, in the course of many generations, has become firmly fixed and inherited: but when, with advancing years and culture, the habit of screaming is partially repressed, the muscles round the eyes still tend to contract, whenever even slight distress is felt: of these muscles, the pyramidals of the nose are less under the control of the will than are the others, and their contraction can be checked only by that of the central fasciæ of the frontal muscle: these latter fasciæ draw up the inner ends of the eyebrows, and wrinkle the forehead in a peculiar manner, which we instantly recognise as the expression of grief or anxiety. Slight movements, such as these just described, or the scarcely perceptible drawing down of the corners of the mouth, are the last remnants or rudiments of strongly marked and intelligible movements. They are as full of significance to us in regard to expression, as are ordinary rudiments to the naturalist in the classification and genealogy of organic beings.

Er versucht die schräge Stellung der Augenbrauen eines Menschen, der vor Kummer oder Sorgen leidet, zu erklären:

Bei Kindern ist erkennbar: wenn sie vor Schmerz laut aufschreien, so wird die Zirkulation angeregt und die Augen werden dadurch leicht mit Blut überfüllt; in Folge dessen werden die die Augen umgebenden Muskeln unwillentlich zusammengezogen. So werden die inneren Enden der Augenbrauen in die Höhe gezogen und erzeugen Furchen auf der Stirn. Diese unabhängig vom Willen erfolgende Reflextätigkeit wird vererbt. Sie ist auch bei anderen Ethnien feststellbar.

Auch wenn die Kultur die Gewohnheit zu schreien zurückgedrängt hat, so ziehen sich doch die Muskeln rund um das Auge zusammen, wenn das Individuum Kummer verspürt. Diese leichte Bewegung ist ein atavistisches Rudiment einer ursprünglich stark ausgeprägten Bewegung.

Darwin sagt nichts über eine kommunikative Funktion des Gesichtsausdrucks. Wir Menschen (generell Primaten) haben ein ausgezeichnetes Unterscheidungs- und Erinnerungsvermögen für Physiognomien. Aus tausenden von Gesichtern, die uns etwa in einer Großstadt begegnen, erkennen wir ein bekanntes sofort heraus. Und – auch wenn der Ausdruck zwingend eine Mitteilung ist – wir erkennen intuitiv augenblicklich an feinsten Details im Gesichtsausdruck die Stimmung unseres Gegenübers: Ist sie/er unwirsch oder bekümmert oder heiter usw.? Beide Fähigkeiten dienen der Steuerung der Interaktion im Verband und unter Einzelnen. Sie sind sicherlich stammesgeschichtlich alt.

Digitalisat der Erstausgabe 1872 mit maschinenlesbarem Text: http://darwin-online.org.uk/content/frameset?itemID=F1142&viewtype=side&pageseq=1

Eine Kritik dieser Stelle findet sich bei Philipp Lersch, Gesicht und Seele (1932), München/Basel, 3.Auflage 1951, im Kapitel B 3 »Das mimische Bild der Notfalten« (S.97–101).

—————

Die Ansicht von der phylogenetischen Verankerung gewisser Ausdrucksformen der menschlichen Mimik – eingedenk kultureller Abwandlungen – hat die Forschung auf der Linie Darwins weiterverfolgt. (Selbstverständlich wirft man diesen Forschungen aus einer gewissen ideologischen Ecke ›biologischen Reduktionismus‹ vor.)

Der Verhaltensforscher J. A. van Hoof hat die Homologien der menschlichen Mimik vom gewinnenden Lächeln bis zum aggressiven Auslachen bei Primaten dargelegt. Dem Lächeln homolog zeigt sich das »silent bare teeth display«, das Unterwürfigkeit in Verteidigungssituationen anzeigt. Eine Vorform des Lachens ist sodann das entspannte Mundoffengesicht (»relaxed open mouth display«) das beim Spielen signalisiert, das Beißen sei nicht ernst gemeint. — Man erinnert sich an das Bonmot des Kabarettisten Werner Finck (1902–1978): »Lächeln ist die eleganteste Art, seinen Gegnern die Zähne zu zeigen.«

Johan Antoon Reinier Alex Maria van Hooff, Aspecten Van Het Sociale Gedrag en de Communicatie Bij Humane en Hogere Niet-humane Primaten (Diss. Univ. Utrecht 1971), Verlag Bronder-Offset 1971.

I. Eibl-Eibesfeldt (*1928) hat anhand von Filmaufnahmen u.a. die Geste des Augenhebens vergleichend-ethnographisch dokumentiert (bes. S. 477ff.)

Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Grundriß der vergleichenden Verhaltensforschung, München / Zürich: Piper 1967.

—————

Ein Nachfolger Darwins im Bereich der psychologischen Diagnostik ist Paul Ekman (*1934) mit dem von ihm entwickelten Facial Action Coding System (FACS), einer physiologisch begründeten Klassifikation der emotionalen Gesichtsausdrücke und ihrer Interpretation.

https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Ekman

https://de.wikipedia.org/wiki/Facial_Action_Coding_System

http://www.gnosisfacialis.de <10.12.2015>

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Körperbau und Charakter (1921)

Im Lauf des 20. Jahrhunderts wurden verschieden Körperbautypen-Lehren entwickelt, die einen Bezug zwischen der angeborenen körperlichen Konstitution und der Anfälligkeit für bestimmte somatische oder psychische Krankheiten sowie dem Charakter feststellen zu können glaubten. Ein berühmter Vertreter ist Ernst Kretschmer (1888–1964).

Er nennt in seinem Werk »Körperbau und Charakter« (1921) im wesentlichen drei Typen: diejenigen des Leptosomen [von griechisch leptos »zart« und sôma ›Körper‹], des Pyknikers [pyknos ›dicht‹] und des Athletikers.

Merkmale des leptosomen Typus sind schmaler langer Kopf, hohe Stirn, vorspringendes Obergesicht, langer Hals, abfallende Schultern, schmaler langer Brustkorb, zurücktretender Bauch, weite Zwischenrippenräume, schwächere Behaarung. […] Die Leptosomen neigen, wenn sie geistig erkranken, mehr chronischen, schwereren Zuständen des Irreseins zu […]

Artikel »Konstitution« in: Der Große Brockhaus, 15.Auflage, 10.Band (1931), S. 417. Die Visualisierung setzt die Körper-Beschreibung um.

Die neuste Körperbautypenforschung sieht die Typen nicht als durch die Umwelt hervorgerufen an, sondern betrachtet sie als angeboren und deshalb als maßgebend für eine bestimmte Stellung ihrer Träger zur Außenwelt; sie erkennt ferner in den Körperbautypen nicht nur anatomische Merkmalskombinationen, sondern auch Träger bestimmter psychischer Besonderheiten. (Brockhaus a.a.O.)

Hinweis: https://de.wikipedia.org/wiki/Konstitutionspsychologie#Kretschmers_Konstitutionstypologie

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Ein Testfall zeigt die Veranlagung (1953)

Der Choleriker ist in einem alten dichterischen Gleichnis so dargestellt, daß er einen Stein, der seinen Lauf hindert, wutentbrannt zur Seite schleudert, während der Sanguiniker gemächlich über ihn hinwegschreitet. […] Der Melancholiker macht schon einen andern Eindruck. In dem erwähnten Gleichnis wird er ungefähr dargestellt als ein Mensch, dem beim Anblick dieses Steines ›alle seine Sünden einfallen‹, der in traurige Erwägungen verfällt und wieder zurückgeht. Alfred Adler, Menschenkenntnis (1927), leider ohne die Quelle des alten dichterischen Gleichnisses anzugeben. Danke, Daniel, für diesen Hinweis:

Der Stein

Leicht springt über den Stein der Sanguiniker, keck und mit Anmut.
Stolpert er dennoch darob, macht er sich wenig daraus.

Grimmig beiseite stößt ihn des Cholerikers kräftiger Fußtritt,
und sein funkelndes Auge freut sich des schönen Erfolgs.

Kommt der Phlegmatiker an, so hemmt gemächlich den Schritt er:
„Geht er mir nicht aus dem Weg, geh’ ich eben herum.“

Stille stehend beim Stein der Melancholiker sinnet,
unzufriedenen Gesichts, über sein ewiges Pech;
wie gern wär’ er doch über diesen Stein gestolpert.
(Friedrich Rückert)

Die Welt von A bis Z. Ein Lexikon für die Jugend, für Schule und Haus, hg. von Richard Bamberger, Fritz Brunner; Heinrich Lades, Reutlingen: Ensslin & Laiblin / Wien: Österr. Bundesverlag / Wien: Verlag für Jugend und Volk / Aarau: Sauerländer 1953.

Die Charaktereinteilung in die vier Temperamente findet sich auch heute noch in der wissensvermittelnden Literatur, nicht zuletzt da die Bezeichnungen der Temperamentstypen in den umgangssprachlichen Gebrauch übergegangen sind. Um für ein Jugendlexikon die typischen Eigenschaften eines Cholerikers oder Melancholikers bildlich auszudrücken, wurde eine Erzählung einer Aufgabe gewählt, die bewältigt werden muss: Dargestellt ist jeweils ein Mann, welcher einen Bretterzaun zu überwinden hat. Der frohgemute Sanguiniker löst dies, indem er mit Schwung darüber springt, der ungestüme Choleriker dagegen zertritt ihn. Der Melancholiker bleibt noch in der Bewegung hinter dem Zaun stehen, wohingegen sich der Phlegmatiker in Ruhe auf das obere Brett setzt. Um die Handlungsweisen noch zu verdeutlichen, sind die Figuren mit einer ausdrucksstarken Mimik versehen, die vor allem den Melancholiker – mit hängendem Kopf und Falten im Gesicht – von dem Phlegmatiker unterscheiden lässt.

Großartig ist der Cartoon des deutsch-dänischen Karikaturisten Herluf Bidstrup (1912–1988):

In vier (parallel untereinander angeordneten) Comicstrips wird in jeweils drei Bildern (von links nach rechts zu lesen) vom selben Malheur berichtet, auf das die vier Geschädigten entsprechend ihrem Temperament verschieden reagieren.

©: Der Cartoon ist x-mal auf russischen Websites zu finden, oder hier:
http://www.funimage.org/uploads/posts/2012-12/1355734094_08.jpg <1.3.2015>

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Ein Revival (1992)

1992 erscheint ein Buch mit dem Titel »Was Ohren verraten. So erkennt man den Charakter; Begabung, Chancen, Genialität« (Neuauflage München: Herbig 2002). Verfasser ist der Chirurg Professor Dr. Walter Hartenbach (1914–2012). These ist: Die Ohrenformen verraten die wichtigsten Wesenszüge eines Menschen.

Der Physiognomiker

  • geht aus von einem Gesamteindruck und
  • analysiert dann die Detail-Strukturen nach folgenden Gesichtspunkten: Außenleiste / Innenleiste / Ohrbucht (Ohrgrube) / unterer Einschnitt / Ohrläppchen.
  • Die charakterlichen Kategorien sind: Denkweise / Gefühlsleben / Willenskraft.

Je nach dem Gesamteindruck (vorwiegend positiv oder negativ) kann beispielsweise aufgrund einer kräftigen Außenleiste im Bereich Gefühlsleben auf unerschrocken oder auf überheblich geschlossen werden. Oder: ein kleines Ohrläppchen deutet bei vorwiegend positiven Merkmalen in der Denkweise auf beherrscht, bei negativen auf berechnend. Usw.

80 Fallstudien erläutern das. Als Beispiel-Personen dienen u.a. Daniel Barenboim, Agatha Christie, Albert Einstein, Steffi Graf, Papst Johannes Paul II.; bei den negativen Charakteren werden dezenterweise keine Namen genannt, es heißt dann z.B. Ohr eines fanatischen Ideologen oder Führender Offizier einer ausländischen Macht.

Giambattista della Porta lässt grüßen, wenn da steht: Je mehr ein Menschenohr dem des Affen ähnelt, desto stärker sind auch bei seinem Träger animalische Wesenszüge anzutreffen. Diese können sich sowohl im geistigen Bereich als auch in körperlichen Reaktionen zeigen. Im positiven Sinn bedeutet dies Dynamik, Darstellungskraft, Rhythmus und Reflexstärke. Negativ äußert sich das Animalische u.a. in mangelnder Beherrschung, […]. (S.50)

Eine genaue Prognose der Entwicklung lässt sich freilich nicht stellen. Je nach Intelligenzgrad und beruflichem Status können negative Eigenschaften wie Brutalität, Haltlosigkeit oder Kaltblütigkeit bei dem einen dazu führen, hochgesteckte berufliche Ziele rücksichtslos durchzusetzen, ein anderer dagegen kann in kriminelle Gewalttätigkeit abgleiten. (S.16; vgl. auch S.220)

Den Nutzen der Ohr-Analyse sah Prof. Hartenbach in der Erziehung, bei der Beurteilung von Angestellten (ähnlich wie bei J. Huarte, »Examen de ingenios para las sciencias« [1575]) und bei der Partnerwahl. Hierzu:

Man sollte also, bevor man mit einem Menschen eine engere Beziehung eingeht, die sichtbaren Signale, die durch seine Ohren zum Ausdruck kommen, nicht außer acht lassen. Dies erspart spätere Enttäuschungen. Im Zeitalter der gezielten Partnerwahl […] kann eine Ohranalyse Brauchbares leisten. Ist der Traumpartner zum Beispiel ein dynamischer, lebensfreudiger Mensch, so findet sich dieser am ehesten unter den Großohrigen. (S. 215)

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... doch ein Fenster in der Brust? (2015)

Bild: http://www.tmsneurosolutions.com — weitere Bilder: http://www.mayoclinic.org — http://tmstherapycenters.com <Oktober 2015>

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Eine Anmerkung

Jenseits der Fragestellung, wie Psychisches visualisiert werden bzw. wie man anhand der Physiognomie / Mimik erraten kann, was im Inneren des Gegenübers vorgeht – das stand hier im Zentrum –, stellt sich folgende Frage:

Wie frei ist unser Handeln? Ist es durch naturgegebene Größen vorbestimmt, die sich u.a. in der Bildung des Gesichts zeigen?

Zu erwähnen in diesem Zusammenhang ist die Kritik Lichtenbergs (1742–1799) an Lavaters Physiognomik: Wenn die Physiognomik das wird, was Lavater von ihr erwartet, so wird man die Kinder aufhängen ehe sie die Taten getan haben, die den Galgen verdienen, es wird also eine neue Art von Firmelung jedes Jahr vorgenommen werden. Ein physiognomisches Auto da Fe. [Sudelbuch; F 521]

Lavater kennt diesen Einwand selbstverständlich, und versucht ihm so zu begegnen. Er scheint eine ›Anlage‹ mit gewissen Spielräumen anzunehmen. Er will aber den Mitmenschen nicht aufgrund von dessen Anlagen richten, sondern diese Vorgaben sind ihm gleichsam die Bemessungsgrundlage, um ihm auf seine Art gerecht zu werden:

Der Mensch ist frey, wie der Vogel im Keffich. Er hat seinen bestimmten, unüberschreitbaren Wirkungs- und Empfindungskreis. Jeder hat, wie einen besondren Umriß seines Körpers, so einen bestimmten, unveränderlichen Spielraum. […] Einen Menschen zwingen wollen, daß er denke und empfinde, wie ich, heißt: Ihm meine Stirn’ und Nase aufdringen wollen; heißt: Dem Adler Langsamkeit der Schnecke, der Schnecke Schnelligkeit des Adlers gebieten wollen. […] Jeder Mensch kann nur, was er kann, und ist nur, was er ist. Er kann nur auf einen gewissen Grad steigen, und weiter nicht; […] Jeder Mensch soll nach sich selbst gemessen werden. (Fragment »Von der Freyheit und Nichtfreyheit« in: Physiognomische Fragmente, hg. Armbruster, Winterthur 1783, I, 166)

Die Befürchtungen Lichtenbergs wurden freilich im 20. Jh. bestätigt. Hierzu das Buch von Richard T. Gray (2004).

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Literatur

Noga Arikha, Passions and Tempers. A History of the Humours, New York: Ecco 2007.

M. Blankenburg, Artikel »Physiognomik«, in: Histor. WB der Philosophie, Band 7 (1989), 955–963.

Martin Blankenburg, Wandlung und Wirkung der Physiognomik, in: Karl Pestalozzi / Horst Weigelt, Das Antlitz Gottes im Antlitz des Menschen. Zugänge zu Johann Kaspar Lavter, Göttingen 1994; S. 179–213.

Ilsebill Barta Fliedl / Christoph Geissmar, Die Beredsamkeit des Leibes. Zur Körpersprache in der Kunst, Salzburg: Residenz 1992. [Sammelband]

Annette Graczyk, Die Hieroglyphe im 18. Jahrhundert: Theorien zwischen Aufklärung und Esoterik, de Gruyter 2015 (Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung 51); speziell zu Lavater: S.141–203.

Richard T. Gray, About Face: German Physiognomic Thought from Lavater to Auschwitz, Detroit: Wayne State University Press 2004; 445 Seiten.

Wolfram Groddeck / Ulrich Stadler (Hgg.), Physiognomie und Pathognomie. Zur literarischen Darstellung von Individualität (Festschrift für Karl Pestalozzi zum 65. Geburtstag), Berlin: de Gruyter 1994. [Sammelband]

Helmut Heintel, Leben und Werk von Franz Joseph Gall. Eine Chronik, Würzburg: Schneider 1986.

Adolf Katzenellenbogen, Allegories of the virtues and vices in medieval art from early Christian times to the thirteenth century, London 1939 (Studies of the Warburg Institute, 10).

Raymond Klibansky / Erwin Panofsky / Fritz Saxl, Saturn und Melancholie, (engl. 1964), dt. Übersetzung Frankfurt/M.: Suhrkamp 1990.

Lambros Kordelas, Geist und caput mortuum. Hegels Kritik der Lehre Galls in der Phänomenologie des Geistes, Würzburg: Königshausen & Neumann 1998.

Marten Kuilman, Homepage »Quadriformisratio« https://quadriformisratio.wordpress.com/2013/07/01/four-humores/ <Geplaatst op 1 juli 2013; letzter Abruf: 25.02.2015>

Gerlinde Lütke Notarp, Von Heiterkeit, Zorn, Schwermut und Lethargie. Studien zur Ikonographie der vier Temperamente in der niederländischen Serien- und Genregraphik des 16. und 17. Jahrhunderts, Münster: Waxmann 1998 (Niederlande-Studien 19).

Jennifer Montagu, The expression of the passions. The origin and influence of Charles Le Brun’s Conférence sur l’expression générale et particulière, New Haven: Yale Univ. Press 1994.

N.N., Artikel »Physiognomik« in: Krünitz, Oekonomisch-technologische Enzyklopädie, Band 112 (1809), S.718–786 [ausführliche Darstellung der Lehre von F.J. Gall]. — http://www.kruenitz1.uni-trier.de/

Sigrid Oehler-Klein, Die Schädellehre Franz Joseph Galls in Literatur und Kritik des 19. Jahrhunderts. Zur Rezeptionsgeschichte einer medizinisch-biologisch begründeten Theorie der Physiognomik und Psychologie, Stuttgart: G. Fischer 1990 (Soemmerring-Forschungen, Band 8); 442 Seiten.

Claudia Schmölders, Das Vorurteil im Leibe. Eine Einführung in die Physiognomik, Berlin Akademie Verlag 1995; 3. Auflage 2007 [mit Quellensammlung S. 169–237].

Ulrich Stadler, Der gedoppelte Blick und die Ambivalenz des Bildes in Lavaters »Physiognomischen Fragmenten zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe«, in: Der Exzentrische Blick, hg. Claudia Schmölders, Berlin: Akademie Verlag 1996, S.77–92.

Erich Schöner, Das Viererschema in der antiken Humoralpathologie. Mit einem Vorwort und einer Tafel von Robert Herrlinger, Wiesbaden: Steiner 1964 (Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, Beihefte 4).

Hans-Georg von Arburg, Der Fall Rüttgerodt, Die Physiognomik des Bösen und ihre Medialisierung um 1800. In: Roger Fayet (Hg.), Die Anatomie des Bösen. Ein Schnitt durch Körper, Moral und Geschichte, Baden: hier+jetzt 2008, S. 83–108.

Peter von Matt, »... fertig ist das Angesicht«. Zur Literaturgeschichte des menschlichen Gesichts, München: Hanser 1983.

Zedler, Großes vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, Band 42 (1744), Spalte 763ff. s.v. Temperament.

Ruth Züst, Die Grundzüge der Physiognomik Johann Kaspar Lavaters, Diss. Univ. Zürich, 1948. [konzis und gut]

http://physiognomy.history.qmul.ac.uk/bibliography.html <25.02.2015>

http://www.maitres-des-arts-graphiques.com/-EXBa.html <25.02.2015>

http://en.wikipedia.org/wiki/Humorism <25.02.2015>

 

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Online gestellt am 10.03.2015; revidiert im Januar 2016 — pm

D.Candinas danke ich für viele Hinweise.

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