Sagt ein Bild mehr als 1000 Worte?

     
 

Lösung zur Testfrage

Zuerst meint man ja: ›Tja, dieser Musikant klimpert noch auf der Laute, obwohl hinter ihm die Stadt bereits zusammenstürzt!‹

Quellenangabe: Die Verwandlungen des Ovidii in zweyhundert und sechs und zwantzig Kupffern. In Verlegung Johann Ulrich Krauß, Kupferstechern in Augspurg [ca. 1690]; Bild Nr. 98

... aber lesen wir doch die Bildbeischrift bei Krauß: Amphion, der Niobe Ehmann war ein vortrefflicher Musicant; und bauete die Mauren der Stadt Thebæ durch den Klang seines Seiten=Spieles und seiner Stimme, ohne das er Maurer, Steinmetzen und Baumeister darzu brauchen dörffen.

Auf diese Kunst wird in Ovids Metamorphosen VI,15 angespielt. Horaz berichtet davon in der sog. ›Ars poetica‹ (= Ep II,3 = ad Pison. 394sq.), wo er über die ursprüngliche Kunst der Dichter spricht. Zuerst erwähnt er den wilde Tiere zähmenden Orpheus, dann:

dictus et Amphion, Thebanae conditor urbis,
saxa movere sono testudinis et prece blanda
ducere quo vellet.

Ward von Amphion, des Thebanschen Schlosses
Erbauer, nicht gesagt, er habe Felsen
und Wälder seiner Leier süßen Tönen,
wohin er wollte, folgsam nachgezogen?
(Übersetzung von Wieland)

Also: Die Steine fallen nicht von einem einstürzenden Gebäude herunter, sondern sie fliegen gleichsam hinauf und fügen sich zu einem Gebäude.

Sagt das Bild wirklich (immer) mehr als 1000 Worte?

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