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Herrad: Darstellung des Enzyklopädischen |
schematische Darstellung des Bildes Fol. 32r und Präsentation der zugehörigen Texte:
In den Schriftbändern (Tituli) ist zu lesen (Übersetzung von Regula Forster und Paul Michel):
Anmerkungen: ° Diese Einteilung nach Aristoteles, Topik A,14 wurde übernommen von Augustin, Civitas Dei VIII,4 und Isidor, Etymologiae II, 24. °° Die Siebenzahl ist inspiriert durch die Sieben Gaben des Heiligen Geistes Jesaias 11,2f.; zur Quellenmetapher vgl. Ecclesiasticus (= Jesus Sirach) 1,5: Fons sapientiæ verbum Dei in excelsis. °°° nach Art der Hunde: vielleicht ein Reflex des sog. ›Hunde-Syllogismus‹. Sextus Empiricus berichtet im »Grundriss der pyrrhonischen Skepsis« (I, xiv, 62ff. – der Zusammenhang interessiert hier nicht) von einem Hund auf der Fährte eines Wilds, der an einer dreifachen Weggabelung nur zwei der drei Wege beschnuppert und dann den dritten nimmt, nach dem dialektischen Schluss: —————— Dazu gehört folgender Text (in dt. Übersetzung): § 115. Über die Philosophie und über die Sieben freien Künste, in welchen einige nach der Sintflut gründliche Kenntnisse erlangt haben; nach der Sintflut nämlich befleissigten sich die einen der Philosophie, andere – an Erkenntnisvermögen erblindet – der Dichtkunst und Magie. “Philosophie” heisst ‘Liebe zur Weisheit’, daher nennt man sie “Philosophen”, das ist ‘die Weisheit Liebende’. Die Philosophie teilt sich in drei Bereiche: Ethik, Logik, Physik. Physik ist die die Natur betreffende Wissenschaft, Ethik ist die Wissenschaft, die die Moral betrifft, Logik diejenige Wissenschaft, die Vernunft und die Rede betrifft. Der Physik ist das Quadrivium unterstellt – gleichsam als die vier Wege um zur Weisheit zu finden: Geometrie, Astronomie, Arithmetik und Musik. Diese vier Künste erörtern Wesen und Natur der Dinge. Das greichische “Gene” bedeutet im Lateinischen ‘Erde’; “metron” ist ‘Messung’, daher ist die Geometrie Erd-Messung. Astronomie ist die Wissenschaft von den Sternen. Arithmetik ist Wissenschaft von den Zahlen: “Rithmus” bedeutet ‘Zahl’; “moys” bedeutet ‘Wasser’; daher [der Name] Musik, gleichsam als die zum Wasser gehörende Wissenschaft, weil die Musiker gleich wie das Wasser durch “arsis” und “thesis”, das heisst durch Emporheben und Herabsenken ihre Lieder modulieren und auch weil ohne Flüssigkeit die Stimme kaum oder nicht erklingt. Der Logik ist das Trivium unterstellt – gleichsam als die drei Wege um zur Weisheit zu finden: Die Grammatik, die Dialektik und die Rhetorik. “Dia” heisst ‘zwei’, “lexi” bedeutet ‘Rede’; Dialektik ist die die Zweizahl enthaltende Rede. Die Dialektik unterscheidet das Wahre vom Falschen. Sie grenzt auch das Falsche mithilfe der Wahrscheinlichkeiten abwägenden [?] Vernunft. Die Rhetorik befasst sich mit Mutmaßungen. “Gramma” heisst ‘Buchstabe’; Grammatik ist die Wissenschaft von den Buchstaben, wie wir mittels Fällen, Zeitformen, Bedeutungen, Numerus und Zeichen richtig reden. So werden aus Quadrivium und Trivium sieben atheniensische Ernährer geboren, das heisst die Sieben freien Künste, welche darum “frei” genannt werden, weil sie die Seele von irdischen Sorgen befreien und sie darauf vorbereiten, den Schöpfer zu erkennen. Und sie werden “athenische” Ernährer genannt, weil das Studium bei den Athenern in größter Blüte stand. Die Ethik wird in zwei Bereiche geteilt, in Theorie und Praxis. “Theos” ist griechisch und heisst ‘Gott’, das heisst ‘Erforscher’ [etymologische Brücke via “theaomai” = ‘betrachten’]; Theorie ist das spekulative bzw. kontemplative Leben. “Bractos” ist griechisch und heisst ‘Tat’; Praxis wird das aktive Leben genannt. Daher also ist die Philosphie Erkenntnis göttlicher und menschlicher Dinge. |
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