Typen von Wissen

     
 

Was ist das: ›Wissen‹?

Wer das Wort ›Wissen‹ im Titel des Projekts schreibt, muss sich die Frage gefallen lassen: Was ist das?

Das Substantiv ›Wissen‹ ist eigentlich ein Unding. Das Substantiv legt eine Reifikation nahe; aber genaugenommen gibt es nur das (durch das Verb ausgedrückte) Phänomen, dass jemand etwas weiß oder kann (können und kennen wird noch im 18.Jh. synonym mit wissen verwendet, vgl. englisch to know).

Die Etymologie (von der idg. Wurzel *uid– ›sehen‹; demnach: erblickt, erfahren haben) bringt wenig Erkenntnis. Interessant ist die Lektüre der Artikel »Wissen« (subst.) und »wissen« (vb.) im Grimmschen Wörterbuch (DWB, Band XIV/2 (1960), Sp. 743–774.

Die Differenzierung zwischen wissen – meinen – glauben ist für das Folgende nicht von großem Belang.

Es gibt eine lange Tradition der Unterscheidung von Wissenstypen.

Leibniz unterscheidet »vérités de fait« (empirisches Sachwissen, kontingent) und »vérités de raison« (axiomatisches Wissen, notwendig z. B. die Winkelsumme im Dreieck beträgt zwei rechte Winkel) (»Monadologie«, verf. 1714; § 33).

Kant unterscheidet Wissen »ex datis / ex principiis« (Kritik der reinen Vernunft B 863)

Jürgen Mittelstraß hat die Unterscheidung von »Verfügungswissen« vs. »Orientierungswissen« geprägt.

(zurück zur Unterseite Visualisierung)

 
     
 

Typen-Katalog

Um das Vorurteil einer homogenen Vorstellung von ›Wissen‹ aufzuweichen, wird hier ein ungeordneter und nicht abgeschlossener Katalog vorgestellt.

Der Katalog orientiert sich an linguistischen und prädikaten- bzw. aussagenlogischen Gesichtspunkten; es werden logische und inhaltliche Gesichtspunkte berücksichtigt; es kommen im Medium Sprache wie Bild überlieferte Wissensbestände vor. Er ist gewonnen durch Analyse von Enzyklopädien.

Wissen, dass etwas einmal der Fall war oder ist: Goethe ist 1832 gestorben.

Wissen, dass es eine Entität gibt; als Unikate: Es gibt den Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko. Oder als Klasse: Es gibt Schnabeltiere.

Wissen davon, welche Eigenschaften ein Phänomen regelmäßigerweise hat: Das Reh frisst kein Fleisch.Die Sonne kreist um die Erde.

Wissen davon, was unter einem Archilexem alles subsumiert ist bzw. in welche übergeordneten Klassen wir (in unserer Kultur) Dinge einordnen: Voltaren ist ein Arzneimittel. Rodeln ist eine olympische Disziplin. Die Fledermaus ist ein Vogel.

Wissen um terminologische Konventionen: Primzahl ist eine nur durch sich selbst und durch 1 teilbare natürliche Zahl größer als 1.

Wissen um muttersprachliche Differenzierungen: hüpfen, gehen, laufen, schlendern, spazieren u.a. Verben für ›gehen‹

Wissen um Synonymien: Ilex heisst auch Eibe.

Kenntnis technologischer Prozesses-Abläufe: Wissen wie man ein Blancmanger zubereitet.

Kenntnis von Gesetzmäßigkeiten: Die Temperatur steigt im Erdinneren. – Wenn man sich Röntgen-Strahlung aussetzt, kann man Genschäden davontragen.

Kenntnis von Symptom–Zusammenhängen: Menschen mit roten Haaren sind jähzornig.

Wissen, wie man eine Statistik liest: Bei Börsenkursen stehen oben die besseren Werte; anders bei der Fieberkurve.

Kenntnis von Gefahrenquellen: Fliegenpilze sind giftig.

Wissen um die Strukturiertheit von regelmäßig vorkommenden Gebilden: Am Würfelbein befindet sich unten eine Rinne für die Flechse des Peronaeus longus.

Wissen um das Aussehen konstanter Phänomene: das Blatt des Ginkgo-Biloba-Baums

Wissen vom eigenen Herkommen (Familie, Nation): Die schweizerische Urbevölkerung bestand aus autochthonen Pfahlbauern.

Kenntnis von kulturell eingeübten Symboliken: Der Löwe ist ein Zeichen für den Teufel.

Wissen um Normen, Kenntnis von erlaubten bzw. tabuisierten Zielen und Werten: Zu Fisch serviert man Weisswein. Eltern sind zu ehren.

Wissen um Tun-Ergehen-Zusammenhänge: Wer sündigt, kommt in die Hölle.

Kenntnis protoytypischer Geschichten: Der Barmherzige Samariter

Kenntnis von Erklärungsmustern: Die vielen Gewaltverbrechen entstehen durch die Vorbildwirkung von Krimiserien an der Television.

Procedural skills (z. B. Rechnen mit einem Abakus); Kenntnisse von Problemlösungsstrategien (die Technik des Fahrplanlesens)

Logische Fähigkeiten, z. B. Verwendung des Modus BARBARA oder des a fortiori-Schlusses.

Kenntnis von sozialen Handlungsabläufen, sog. »Scripts«: Wie man im Selbsbedienungsrestaurant das Essen schöpft und bezahlt und einen Platz einnimmt.

Kenntnis von sozialen Rollen und damit erwartbaren Verhaltensmustern: die Ärztin in der Sprechstunde

Kenntnis von sozialtechnologischer Strategien: Schmeicheln bringt einen in der Hierarchie höher.

Kenntnis von Korrelationen von Elementen verschiedener Mengen: Anzahl Geburten auf Anzahl Sterbefälle in London 1626

nach oben

 
     
 

Logische Struktur – Erwerb

Wie amorph/strukturiert/real die Außenwelt ist, sei dahingestellt. Für unser Problem ist wichtig, dass Wissen immer eine Reduktion darstellt. Dabei wirken im Hintergrund kulturelle (gelegentlich auch individuell erworbene) Konzepte. Wissenselemente sind Konstrukte im Sinne der Theorie von Berger / Luckmann.

Omne quod cognoscitur, non secundum sui vim, sed secundum cognoscentium potius comprehenditur facultatem. (Boethius, consolatio, V, prosa 4)

Jeder Wissenstyp hat eine bestimmte logische Struktur (die man der oberflächlichen sprachlichen Formulierung oder bildlichen Darstellung nicht zwingend direkt ansieht), z. Bsp.:

Die Einordnung von Tierarten in ein System beruht (nach Linné) auf einer Taxonomie.

Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter muss man in narrativen Sätzen erzählen.

Für die Kennntis von Gesetzmäßigkeiten beruht auf aussagenlogischen Schlussformen: wenn p, dann q, außer wenn r.

Das Wissen von konstanten Naturphänomenen ist als Bildschema erworben: der zackige Flug der Fledermaus

Gewisse Wissensberstände sind als Ensemble abgespeichert: der Badestrand

Einige Wissenstypen erfordern die Kenntnis einer exakten Terminologie: ›Mord‹ und ‹Totschlag‹ ist im Strafgesetzbuch etwas anderes.

Wissen kann als Diagramm realisiert sein: Das Verhältnis von Einfuhr zu Ausfuhr wird als Flussdiagramm gezeichnet.

usw.

Zum Erlernen von Wissen ist je nach Typ eine bestimmte Technik nötig oder praktisch. Einige diser Erwerbungstechnikcen sind auto-intuitiv, andere müssen gelernt werden (und sind somit oft kulturabhängig):

Definitio fit per genus proximum et differentiam specificam. Das Zebra gehört zu den Pferdeartigen und hat Streifen.

Um ein Unikat (die Deutsche Kaiserkrone) zu bestimmen, verwendet man eine Ostensivdefinition: Man zeigt auf das Objekt.

Es wird eine porototypische Geschichte dargeboten: Atolle entstehen durch langsames Sinken einer Insel mit Saumriff …

Es wird ein Modell vorgestellt, zu dem das Wissenselement analog ist: Das Barometer kann mit einer Waage verglichen werden.

Das Wissenselemet wird aus verschiedenen Gesichtspunkten komponiert: Kapitalismus (nach Max Weber)

Das Wissenselement wird in einer Graphik visualisiert: pyramidenförmige Bevölkerungsstatistik

usw.

Die einzelnen Teile des Wissens sind dendritenartig vielfältig miteinander vernetzt, an anders Wissen angebunden.

Wissenselemente sind in Diskursen / Lebenswelten (Alfred Schütz) verortet. Unkraut gibt es in der Botanik nicht; aber der Gärtner weiss genau, was er ausreissen muss. Wer ein Wissen – sei es noch so gesichert – im falschen Medium anwendet (z.B. der Hobby-Gärtner in einer Biologie-Prüfung) eckt an. Anderes Beispiel: Kind als biologische / juristische / soziale Größe.

nach oben

 
     
 

Literatur

Peter L. Berger / Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt 1970. (The Social Construction of Reality 1966)

Carl F. Gethmann, Artikel »Wissenschaftstheorie, konkstruktive« in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, hg. Jürgen Mittelstraß, Mannheim: Bibliographisches Institut, Band IV (1996), S.756–758.

nach oben

 
     
 

Coda

Gustave Flaubert, »Le Dictionnaire des idées reçues« (écrit entre 1850 et 1880)

Online seit Dezember 2016 – P.M.

nach oben