Rekonstruktionen

     
 

Rekonstruktionen — Einleitung

Verschwinden: Die Erosion trägt Gebirge ab – Tierarten sterben aus – Bauwerke zerfallen oder werden mutwillig zerstört – Nicht mehr verwendungsfähige Geräte werden entsorgt – Historische (immaterielle) Ereignisse sind schlichtweg vorbei.

In unserer Kultur gibt es offenbar das Verlangen, Vergangenes wieder in Erinnerung zu bringen, dies aus verschiedenen Motiven. Dazu dienen mimetische Bilder, die eine Visualisierung des verlorengegangenen Objekts zu rekonstruieren versuchen.

Was geht ein in die Visualisierungsarbeit?

Faktoren bei der Genese einer Rekonstruktion

Konkrete Überbleibsel

  • Materielle Fundstücke (ruinöses Mauerwerk; Knochen, …)
  • alte Ansichten (z.B. Photographien des einstigen Bauwerks)
  • Texte, Textfragmente

Hintergrunds-Wissen

  • Analogie anhand vergleichbarer Überlieferung (z.B. wie ein gotischer Altar aussieht)
  • Kenntnis von Typen (z.B. wie ein vierfüßiges Reptil gebaut ist)
  • physikalisch-technologisches oder naturkundliches Wissen (z.B. Grund der Gebirgsfaltung; wie ein Muskel an einem Knochen ansetzt)

Imaginationen, im Hintergrund leitende Vorstellungen, die auf die Sache projiziert werden (vgl. besonders das Beispiel mit den Drachen bei den Sauriern)

Francis BACON (1561–1626) zeigte im »Novum Organum« (Aphorismen 38 bis 62) mit seiner Idola-Lehre auf, wie Projektionen den Blick verfälschen. Als idola bezeichnet er falsche Begriffe (notiones falsae), Voreingenommenheiten, die den einzelnen Menschen oder eine Gemeinschaft oder das ganze Menschengeschlecht derart mit Beschlag belegt haben, dass sie die Erkenntnis verstellen.
> http://www.constitution.org/bacon/nov_org.htm
> http://www.thelatinlibrary.com/bacon/bacon.liber1.shtml

 

(Dank an Hendrick Goltzius für die Zeichnung!)

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Sachgebiete, in denen Rekonstruktionen von Bedeutung sind:

• Baugeschichte   Salomons / Ezechiels Tempel    Pfahlbauer    Pompeji      Troja    Cluny

• Kunstgeschichte i.e.S.     mittelalterl. Grabplastik

• Archäologie    antike Waffen

• Paläoontologie; biologische Fossilienkunde   Saurier     Homo diluvii testis    Zürich zur Eiszeit

• Verhaltensforschung    Farbsehen bei Hund und Fliege

• Geologie    Alpenfaltung      Kontinentalverschiebung

• Geographie     das Paradies

• Entstehung der Welt   

• Narrative in der Geschichte   Winkelried bei Sempach — Eleasar und der Elefant – Baumgartens Frau

• Tathergang    Autounfall

• Portrait   Das Antlitz Jesu

• Ikonographie    Kebestafel

• Literaturwissenschaft     Der Schild Achills   

• Phantasievolles Arrangement    Homer 

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Salomons und Ezechiels Tempel

Der Tempel in Jerusalem wurde zwei Mal zerstört: bei der Eroberung durch die Babylonier im Jahr 586 v.u.Z. und – nach dem Wiederaufbau und der Umgestaltung unter Herodes – bei der Eroberung durch die Römer im Jahr 70 u.Z. — Vgl. den Artikel in der Wikipedia.

••• Der Baubericht des salomonischen Tempels ist als Bibeltext zwei Mal überliefert: 1.Könige [Vg.: Lib. III Regum] 6–7; 2.Chronik 3–4.

1. Könige 6 (hier ein Ausschnitt, Einheitsübersetzung)

19 Im Innern des Hauses richtete er einen hochheiligen Ort ein, um die Bundeslade des HERRN aufstellen zu können. 20 Der hochheilige Ort war zwanzig Ellen lang, zwanzig Ellen breit und zwanzig Ellen hoch; er überzog ihn mit bestem Gold. Er überzog auch den Altar aus Zedernholz. 21 Das Innere des Hauses ließ Salomo mit bestem Gold auskleiden und vor dem hochheiligen Ort ließ er goldene Ketten anbringen. 22 So überzog er das ganze Haus vollständig mit Gold; auch den Altar vor der Gotteswohnung überzog er ganz mit Gold.

2. Chronik 3 (Ausschnitt Lutherbibel 1545)

3 Vnd also legt Salomo den grund zu bawen das haus Gottes / Am ersten die lenge / sechzig ellen / die weite zwenzig ellen. 4 Vnd die Halle fur der weite des Hauses her / war zwenzig ellenlang / Die höhe aber war hundert vnd zwenzig ellen / Vnd vberzogs inwendig mit lauterm gold.

Hier das Bild aus der 1531 bei Froschauer in Zürich erschienenen Bibel (fol. CLXV verso); Vorlage ist die 1524 in Wittenberg erschienene Bibel:

> https://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/5464818

Hier eine Rekonstruktion aus einer Bilderbibel (1626):

Icones biblicæ præcipuas sacræ scripturæ historias eleganter & graphice repræsentantes. Biblische Figuren/ darinnen die Fürnembsten Historien/ in Heiliger und Göttlicher Schrifft begriffen/ Gründtlich und Geschichtsmessig entworffen/ zu Nutz und Belustigung Gottsförchtiger und Kunstverständiger Personen artig vorgebildet / an Tag gegeben durch Matthaeum Merian von Basel. Mit Versen vnd Reymen in dreyen Sprachen gezieret vnd erkläret. – (Band 2, 1626; zu I Regum VI & VII)

Eine dem Bibeltext genau folgende Rekonstruktion bietet Leonhard Christoph Sturm (1669–1719):

Sciagraphia templi Hierosolymitani ex ipsis SS. Literarum fontibus, praesertim ex visione Ezechielis ultima, architectonice quidem, ita tamen concinnata, ut eam architecturae ignari quoque [...]. Lipsiae: Typis Joh. Wilhelmi Krügeri 1694.
> https://doi.org/10.3931/e-rara-75

••• Der Prophet Ezechiel hat eine Vision des 586 v.u.Z. von den Babyloniern zerstörten Jerusalemer Tempels:

Ezechiel / Hesekiel 40 (Ausschnitt, Elberfelder Übersetzung)

8 Und er maß die Torhalle nach dem Hause hin: eine Rute; 9 und er maß die Torhalle: acht Ellen, und ihre Pfeiler: zwei Ellen dick, und die Torhalle war nach dem Hause hin. 10 Und der Wachtzimmer des Tores gegen Osten waren drei auf dieser und drei auf jener Seite; ein Maß hatten alle drei, und ein Maß die Pfeiler auf dieser und auf jener Seite. 11 Und er maß die Breite der Toröffnung: zehn Ellen, und die Länge des Tores: dreizehn Ellen. 12 Und eine Grenzwehr war vor den Wachtzimmern, von einer Elle auf dieser Seite; und eine Elle Grenzwehr war auf jener Seite. Und jedes Wachtzimmer war sechs Ellen auf dieser und sechs Ellen auf jener Seite ...

Auch dieser Text wurde visualisiert:

Biblia latina cum postillis Nicolai de Lyra et expositionibus Guillelmi Britonis in omnes prologos S. Hieronymi et additionibus Pauli Burgensis replicisque Matthiae Doering. Daran: Nicolaus de Lyra, Contra perfidiam Judaeorum. Nürnberg: Koberger 1481.

••• Den Herodianischen Tempel (erbaut 20–10 v.u.Z.; durch die römische Armee im Jahr 70 zerstört) beschreibt Flavius Josephus (ca. 37/38 bis nach 100) in »Geschichte des Judäischen Krieges« V, v, 1–6 und »Jüdische Altertümer« XV, xi, 1–7. Hier ein kurzer Textausschnitt:

Indes das Innere des Tempelhauses in zwei Stockwerke geteilt war, blieb die Vorhalle, und zwar sie allein, in ihrer vollen Höhe sichtbar, die (im Innern) gegen neunzig Ellen betrug, während die Ausdehnung (Breite) fünfzig, die Tiefe aber zwanzig Ellen maß.
> https://de.wikisource.org/wiki/Juedischer_Krieg/Buch_V_5-9
> https://archive.org/details/jdischerkriegau00kohogoog/page/n395

Wenn Jean Fouquet um 1470/1475 dieses Bauwerk in einer Handschrift der »Antiquitates« von Flavius Josephus zeichnet, so mag ihm eine gotische Kathedrale als Modell vorschweben, oder aber er versteht den Tempel typologisch als Präfiguration der Ecclesia (vgl. v Naredi-Rainer S. 110ff.):

Les Antiquités judaïques, enluminure de Jean Fouquet; Paris, BnF, département des Manuscrits, Français 247, fol. 163.
> http://expositions.bnf.fr/fouquet/grand/f060.htm — auch auf wikimedia commons (gemeinfrei).

Literatur:

Othmar Keel, Ernst Axel Knauf, Thomas Staubli, Salomos Tempel, Fribourg: Academic Press 2004. (hier zu bestellen)

Paul v Naredi-Rainer, Salomos Tempel und das Abendland. Monumentale Folgen historischer Irrtümer, Köln: Dumont 1994. (Darin: Cornelia Limpricht, Der Salomonische Tempel als typologisches Modell, S. 235–300)

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Pfahlbauer

An dieser Rekonstruktion ist gut ersichtlich, dass nicht allein die am Seeufer gefundenen Holzpflöcke die Visualisierung bestimmten. Der Entdecker – Ferdinand Keller (1800–1881) – ließ sich bei der Rekonstruktion von einer ethnologischen Analogie leiten.

Ferdinand Keller, Die keltischen Pfahlbauten in den Schweizerseen, in: Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Band 9 (1853–1856), Tafel I.

In einer Fussnote ist bei Keller zu lesen: Wir haben der Zeichnung, […] welche die Construction der Pfahlbauten im Zürcher- und Bielersee veranschaulichen soll, die von Dumont d’Urville mitgetheilten Ansichten des Dorfes Doreï zu Grund gelegt. — Jules Dumont d’Urville (1790–1842) berichtet in seinem Buch »Voyage de la corvette L’Astrolabe, 1826–1829« von seiner Expedition in die Südsee. — Keller hat die Idee wohl der deutschen Ausgabe entnommen (Hinweis bei Bandi 1979):

Jules-Sébastien-César Dumont D'Urville, Entdeckungs-Reise der französischen Corvette Astrolabe unternommen auf Befehl König Karls X. in den Jahren 1826 – 1827 – 1828 – 1829. Mit einem lithographischen Atlas; aus dem Französischen, Schaffhausen: Brodtmann 1840; Tafel 59.
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10637476-7

Keller schreibt Doreï; im Bild heißt der Hafen Dory. (Hatte Keller eine andere Ausgabe zur Hand? Oder kontaminierte er Dory mit Bezeichnung des Dorfs Kuauï ?)

Immer wieder fühlten sich die Archäologen durch Reiseberichte von Ethnologen bestätigt:

Paul und Fritz Sarasin, Reisen in Celebes (1893–1896 und 1902–1903), Erster Band, Wiesbaden 1905, Fig. 91.
> https://archive.org/details/bub_gb_7aFNAAAAMAAJ/page/n350/mode/1up
> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00007B3500010000

Die Rekonstruktionen der Pfahlbaudörfer werden dann allmählich in Landschaften gestellt und mit Leben erfüllt, vgl. etwa das Bild von Karl Jauslin (1842–1904) hier oder:

Helveticus. Neues Schweizer Jugendbuch, hg. Karl Thöne u.a., Bern: Hallwag 1941, S. 12.

Literatur:

Hans-Georg Bandi, Pfahlbaubilder und Pfahlbaumodelle des 19. Jahrhunderts, in: Archäologie der Schweiz = Archéologie suisse = Archeologia svizzera, 2 (1979), Heft 1: "125 Jahre Pfahlbauforschung", S. 28–32.

Katharina Eder / Hans Tümpy, Wie die Pfahlbauten allgemein bekannt wurden, in: Archäologie der Schweiz 2 (1979), Heft 1: "125 Jahre Pfahlbauforschung", S. 33–39. > http://doi.org/10.5169/seals-2398

Hans Georg von Arburg, Schweiz aus dem Sumpf. Pfahlbauergeschichten oder literar. Konstruktionen eines anderen ›Mythos Schweiz‹, in: Jürgen Barkhoff, Valerie Heffernan (Hgg.), Schweiz schreiben. Zu Konstruktion und Dekonstruktion des Mythos Schweiz in der Gegenwartsliteratur, de Gruyter, 2010, S. 117–137.

 

Die erste menschliche Wohnung

Eugène Viollet-le-Duc (1814–1879), berühmt durch seine Restaurierungen mittelalterlicher Bauwerke, versucht die menschliche Ur-Hütte zu rekonstruieren. (Er ersinnt den ›Architekten‹ Epergos; hergenommen aus griech. epergasia ›Bebauung‹):

Eugène Emmanuel Viollet-le-Duc, Histoire de l’habitation humaine depuis les temps préhistoriques jusqu’à nos jours, Paris: Hetzel 1875; fig. 2.
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6258576d.texteImage

Vielleicht hat er diese Behausung gekannt:

[Simon Grynaeus] Novus orbis regionum ac insularum veteribus incognitarum, unà cum tabula cosmographica, & aliquot aliis consimilis argumenti libellis, quorum omnium catalogus sequenti patebit pagina […] Basileae: apud Io. Hervagium 1532.
Vgl. > http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/grynaeus1555

Sebastian Münster kennt dieses Bild und übernimmt es in seiner »Cosmographie«, wo er im fünften Buch von den "neuen Inseln" spricht:

Jre heüser haben eine form gleich wie ein glock mitt grossen bäumen auff gericht/ oben eng/ vnnd vnden weit/ bedeckt mit palmen blettern … (Hier aus dem Druck 1546, Seite dcxl)

Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum in welcher begriffen, Aller völker Herrschafften, Stetten, und namhafftiger flecken, herkommen: Sitten, gebreüch, ordnung, glouben, secten, und hantierung, durch die gantze welt, und fürnemlich Teütscher nation. Was auch besunders in iedem landt gefunden unnd darin beschehen sey. Alles mit figuren und schönen landt taflen erklert, und für augen gestelt. Getruckt zu Basel durch Henrichum Petri anno 1544.
> https://doi.org/10.3931/e-rara-26355

Und so bauen die Kinder der wakita.ch in 8032 Zürich heute noch im Wald:

Vielleicht schwebte Viollet-le-Duc auch ein Tipi vor, wie sie auf einer Farblithographie von Karl Bodmer (1809–1893) zu sehen ist, der auf seiner »Reise in das innere Nord-America« zusammen mit Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied in den Jahren 1832 bis 1834 viele Zeichnungen von authentischen Gegenständen gemacht hatte:

> https://www.akg-images.co.uk/archive/-2UMDHUNKFV1X.html

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Pompeji

Im »Magasin Pittoresque« werden der ausgegrabene Befund und die Rekonstruktion des Eingangstors der Casa di Pansa auf gegenüberliegenden Seiten wiedergegeben.

[Hier aus technischen Gründen nicht genau so dargestellt; die Bilder lassen sich vergrößern: Mit der sekundären Maustaste ins Bild klicken und je nach Browser wählen: "Bild in neuem Fenster öffnen" oder "Graphik anzeigen"]:

La Maison Pansa, à Pompéi. Dans son état actuel (p. 124) — Restauration par M. Duban (p. 125); in: Magasin Pittoresque 1857.

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Troja

In der Schedelschen Weltchronik (1493) steht:

Troya ist ein gegent der klainern asie. vnd darinn Ilion die stat gewesen. doch wirdt zezeiten troya für die stat genomen. vnd als Homerus setzt so ist troya vnder allen stetten vnder der sunnen vnd dem gestirnten himel gelegen die allerberüembtst gewesen. aber ytzo ist die groß troya (die ettwen der gantzen asie ein hawbtstat was) also außgelescht das kaum ein fueßstapff von ir erscheint. dann yetzo ist (als Ouidius vnd Virgilius schreiben) daselbst egker vnd feld da etwen troya was. also ist sie außgeprennt vnd zerrüdet.

Dennoch ist ein Bild der Stadt Troja beigegeben. Im Gegensatz zu Heinrich Schliemann (1822–1890) haben Hartmann Schedel (1440–1514) und seine Illustratoren keine archäologischen Grabungen durchgeführt. — Man erkennt gut, wie die Vorstellung einer zeitgenössischen spätmittelalterlichen Stadt die Rekonstruktion leitet. (Eventuell ist eine Ähnlichkeit mit Nürnberg ja sogar gewollt. Von den Trojanern abzustammen war ein beliebtes Mittel der Traditionsbildung.)

Liber Chronicarum, Nürnberg: Koberger 1493; Fol XXXVI recto
Koloriert hier > https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/is00309000/0090/image

Die Illustratoren von Vergils »Aeneis« sind immer wieder gefordert, Troja darzustellen, wenn Aeneas im 2. Gesang dessen Geschichte erzählt. Hier eine Szene vom Untergang der Stadt (2.Gesang, Verse 361ff.; man beachte das Pferd mitten in der Stadt):

Publij Virgilij Maronis Opera cum quinque vulgatis commentariis ex politissimisque figuris… Straßburg: Grüninger 1502. – Fol. CLXX recto
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00001879/image_359

Nach zeitgenössischer Vorstellung werden in Texten, die wir heute der Poesie zuordnen, historische Ereignisse wiedergegeben. Freilich handelt es sich bei den Bild-Beigaben weniger um Rekonstruktionen im modernen Sinne, sondern eher um Evokationen. So auch hier:

Georg Gotthard, Ein schön lustiges Spil oder Tragedi/ von Zerstörung der grossen und vesten königlichen Statt Troia oder Ilio, Getruckt zu Fryburg in Uchtlandt: bey M. Wilhelmo Mäss 1599.
> http://doc.rero.ch/record/13088

Literatur auf der Homepage von Ralf Junghanns, der den Text auch ediert hat:
> http://www.gotthart.ch/02troia.html

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Cluny III

Die Abteikirche des Klosters Cluny war seinerzeit die größte Kirche des Christentums. Sie wurde 1798 auf Abbruch verkauft und seit 1806 als Steinbruch genutzt und fast vollständig zerstört.

Immer wieder haben Kunsthistoriker versucht, die ursprüngliche Gestalt zu rekonstruieren, am wichtigsten sind die Arbeiten von Kenneth J. Conant.

Hinweise für die Rekonstruktion gaben, abgesehen von den Fundament-Resten

erhaltene Teile, hier eine Photographie der Türme am einen der stehengebliebenen Querschiffe:

Dank an > https://religiositaet.blogspot.com/2019/08/cluny-hirsau-klosterreformen.html

Zeichnungen aus der Zeit vor dem Abbruch von Jean-Baptiste Lallemand (1716–1803) um 1773:

> https://journals.openedition.org/cem/11974
> http://www2.oberlin.edu/images/Art335/335-180.JPG

Hier die Rekonstruktion von Georg Dehio (1850–1932):

Quelle > https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Dehio_212_Cluny.jpg

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Grabmal in Romainmôtier

Das Grabmal des Bischofs Henry de Sévery, Prior von Romainmôtier, das 1385–1387 errichtet wurde, wurde 1537 im Umfeld des reformatorischen Bildersturms zerstört (déroché), so zermalmt, dass heute ca. 1000 Fragmente vorliegen.

Ausschnitt aus der Rekonstruktionszeichnung von Franz Wadsack, Le tombeau de l'évêque de Rodez Henri de Sévery à Romainmôtier : itinéraires d'une commande artistique entre France méridionale et Pays de Vaud, Kunst + Architektur in der Schweiz = Art + architecture en Suisse = Arte + architettura in Svizzera 54 (2003), pp. 20–28. > http://doi.org/10.5169/seals-394232.

Vgl. auch: Cécile Dupeux / Peter Jezler / Jean Wirth (Hgg.): Bildersturm – Wahnsinn oder Gottes Wille?, München: Wilhelm Fink 2000, S.333.

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Antike Waffen

Der (unbekannte) Verfasser dieses antikenkundlichen Lexikons für Gymnasiasten (1734) zeigt Bilder von antiken Kriegs-Instrumenten und beruft sich im Text auf antike Schriftsteller.

Neue Acerra Philologica Oder Gründliche Nachrichten Aus der Philologie Und den Römischen und Griechischen Antiquitaeten, Darinnen Die schweresten Stellen aller Autorum Classicorum Der Studirenden Jugend zum besten in einer angenehmen Erzehlung kürtzlich und gründlich erkläret werden; Achtes Stück, Halle 1734. — Titelkupfer und XXI. Nachricht: Von denen Catapultis und Ballistis (S. 259–268).

Ausgabe von 1720 > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/neue_acerra_philologica_bd2/0159

Texte:

Caesar, Bellum Civile II,2: Asseres enim pedum XII cuspidibus praefixi atque hi maximis ballistis missi. (Stelle im Zusammenhang in der Übersetzung von Otto Schönberger: Doch lag seit alters her in der Stadt ein solcher Vorrat an allem Kriegsgerät und eine solche Masse von Wurfgeschützen [ballistae], dass kein mit Weidengeflecht bedecktes Schutzdach ihrer Gewalt wider stehen konnte. 12 Fuß lange Balken nämlich mit Eisenspitzen, geschleudert von riesigen Werfern, durchschlugen vier Lagen Flechtwerk und bohrten sich in die Erde ein.)

Tacitus, Historiae III, 23: magnitudine eximia quintae decimae legionis ballista ingentibus saxis hostilem aciem proruebat. lateque cladem intulisset ni duo milites praeclarum facinus ausi, arreptis e strage scutis ignorati, vincla ac libramenta tormentorum abscidissent. — (Stelle im Zusammenhang in der Übersetzung von Joseph Borst: Die Vitellianer hatten nämlich ihre Wurfgeschütze auf den Fahrdamm der Straße gebracht, um einen offenen, freien Platz zum Abschuß ihrer Geschosse zu gewinnen, die anfangs da- und dahinflogen und ohne dem Feind zu schaden, ins Gebüsch schlugen. Eine ungeheuer große Wurfmaschine der 15. Legion drohte durch ihre riesigen Steintrümmer die feindliche Linie niederzuschmettern. Sie hätte weit und breit Unheil angerichtet, wenn nicht zwei Mann die Heldentat gewagt hätten, aus einem Leichenhaufen Schilde herauszureißen, sie dadurch unkenntlich zu machen und die Stränge und Schwungriemen für das Abschleudern der Geschosse abzuschneiden.)

Wer die eigentliche Beschaffenheit dieser Maschienen wissen will, kan solche anderswo nachlesen. Der Acerra-Artikel verweist dazu u.u. auf
Ammianus Marcellinus, Historiae XXIII,4 (ohne daraus zu zitieren).

Ammianus Marcellinus erwähnt in seinem Geschichtswerk an mehreren Stellen Kriegsmaschinen. In Buch 23, Kap. 4 beschreibt er: ballista (Steinschleuder), scorpio (Pfeilschleuder), aries (Rammbock), helepolis (Städtebrecher). Der lat. Text hier > https://la.wikipedia.org/wiki/Machina_bellica

Hier die Beschreibung des aries (Widder) in der Übersetzung von W.Seyfarth (1906–1985), Berlin 1970:

Jetzt kommen wir zum Rammbock. Man wählt eine hohe Tanne oder Bergesche aus und umschließt ihre Spitze mit einem festen und starken Eisenbeschlag. Dabei erhält man die Form eines Widderkopfes, der aus dem Körper hervorragt und der Maschine den Namen gegeben hat. Den Stamm hängt man beiderseits an querverlaufenden und eisenbeschlagenen Bohlen auf. Wie an einer Waage wird er mit Bindungen eines zweiten Balkens festgehalten. Eine Menge von Leuten zieht ihn nun, soweit es die Ausmaße erlauben, nach hinten und läßt ihn wieder nach vorn schwingen, so daß er alles, was ihm entgegensteht, zerbricht, und zwar mit stärksten Stößen, gerade so wie ein Bock anspringt und zurückweicht. Wenn die Gebäude durch seine häufigen Stöße wie durch die wiederkehrende Gewalt eines Blitzes Risse bekommen haben, fallen die gelockerten Mauerwerke zusammen. Sobald durch eine derartige Arbeit bei voller Kraftentfaltung die Zerstörung erreicht ist, stehen die Verteidiger ohne Schutz da, die Belagerung geht somit zu Ende, und selbst die am stärksten befestigten Städte liegen offen da.

Der Text ist kompliziert, vgl. dazu M. F. A. Brok, Bombast oder Kunstfertigkeit: Ammians Beschreibung der ballista (23, 4, 1-3), in: Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge, 120.Bd., Heft 3/4 (1977), S. 331-345. > www.rhm.uni-koeln.de/120/Brok.pdf‎

Ferner verweist der Artikel in »Acerra« auf den Kriegstheoretiker des ausgehenden 4. Jahrhunderts:
Flavius Vegetius Renatus, dessen viertes Buch von »Epitoma de re militari« zur Belagerungstechnik wichtig ist, vgl. den Artikel in der Wikipedia. – Text lat./dt.: Vegetius, Abriss des Militärwesens, hgg. u. übers. v. Friedhelm L. Müller, Stuttgart: Steiner 1997.

Es gibt bereits früh Rekonstruktions-Zeichnungen

Valturio, Roberto / Malatesta, Sigismondo Pandolfo: De re militari, mit Vorrede des Autors an Sigismundus Pandulfus Malatesta, [Verona], 1472.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00065289/image_1

Flauij Vegetij Renati vier bucher der Rytterschafft ... geschriben mit mancherleyen gerysten. bolwerckenn. und gebeuwen. zu krygkszleufften gehorick. mit yrenn mosternn. unnd figuren darneben verzeychent, Erffurt: Knapp 1511.
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11199633-8

Bild aus diesem Druck > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00011426/image_5

Der Acerra-Autor weist auch auf einen biblischen Text hin:
2. Chronik 26,14f.: Vnd Vsia schickt jnen fur das gantze Heer / schilde / spiesse / helm / pantzer / bogen vnd schleudersteine. Vnd macht zu Jerusalem Brustwehre künstlich / die auff den Thürnen vnd Ecken sein solten / zu schiessen mit pfeilen vnd grossen steinen / Vnd sein gerücht kam weit aus / darumb / das jm sonderlich geholffen ward / bis er mechtig ward. (Lutherbibel 1545)

Johann Jacob Scheuchzer behandelte diese Stelle in der Dritten Abtheilung (1733) seiner »Physica Sacra«. Seiten 301–303; er zitierte ausgiebig Ammianus Marcellinus und ließ eine Zeichnung anfertigen (Tab. DI):

Vitruv (den der Acerra-Autor nicht zitiert) spricht de architectura, X. Buch, Kap. 10 von De scorpionibus et catapultis et ballistis etiamque testudinibus, beschreibt diese oppugnatorae res aber nicht genau, sondern schildert nur ihren Einsatz in gewissen Kriegszügen.

Vitruv wurde von Walther Hermann Ryff (ca. 1500 – 1548) ins Deutsche übersetzt und kommentiert und illustriert:

Vitruvius Teutsch: Nemlichen des aller namhafftigisten vn[d] hocherfarnesten, Römischen Architecti, und Kunstreichen Werck oder Bawmeisters, […], Nürnberg: Petreius 1548. Das Bild fol. CCCXVI Irecto
> https://diglit.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vitruvius1548

Eine der schriftlichen Quellen für den Kommentator Ryff ist sodann Flavius Josephus. Hier als Beispiel ein Auszug:

Aber was gestalt solche Wider vnnd Böck geformieret gewesen seyen/ zeigt Josephus in beschreibung des Jüdischen Kriegs eigendtlich an/ vnd spricht/ daß dieser Rüstzeug Aries ein starcker Baum sey gewesen/ wie ein Mastbaum eins grossen Schiffs/ welches zu öberst mit einem starcken Eysen beschlagen gewesen/ aller gestalt formiert wie ein Kopff eines Widers mit den Höreneren/ daher ihm der nammen Aries von den Alten geben worden. Dieser Baum ward an ein andern auffgerichten starcken Baum mit starcken Stricken gehenckt/ gleich dem Arm einer Wage/ rings vmbher zu mehrer bevestigung mit Pfeilen wol verschlagen. Hinden an diesem Baum stund ein grosse anzahl Kriegßknecht/ welche diesen Wider mit grossem gewalt vast vngestümmiglich an die Stattmawren antriben/ vnnd dieselbige damit niderfelleten. Hernach ist aber ein sonderlichs Gebew eins Gestells zu diesem Wider verordnet worden/ welches man für ein Statt hat rucken mögen [usw.] (Fol. CCCVVI verso)

Die Quelle: Flavius Josephus, Bellum Judaicum, vermutlich VII. Buch, 8. Kapitel, ¶ 5 (Belagerung von Masada) > https://de.wikisource.org/wiki/Juedischer_Krieg/Buch_VII_7-11

Noch in Bertuchs Bilderbuch für Kinder (Band 2, Nr. 35, Weimar 1802) werden diese Belagerungs-Werkzeuge der Alten abgebildet und es wird der Begriff genannt, u.a.: Widder (Aries).

> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bertuch1795bd2/0105/image

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Saurier

Otto von Guericke (1606–1686) berichtete 1672 von einem Fossilfund in einer Karsthöhle bei Quedlinburg, den er als das Skelett eines Einhorns interpretierte. – Der Kupferstich von N. Seeländer (1716), wurde erstmals publiziert in der Protogaea von Leibniz, Tafel XII (1749).

Indessen zeigt Michael Bernhard Valentini bereits 1704 ein Bild der Rekonstruktion – zusammen mit dem Vorbild und einer Diskussion über die Echtheit des Einhorns:

Michael Bernhard Valentini, Museum Museorum, oder Vollständige Schau-Bühne aller Materialien … 1704. — Der vollständigen Natur- und Materialien-Kammer Drittes Buch / Von allerhand Thieren. Das XXX. Capitel (S. 481–483).
> http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=drucke/na-2f-4&distype=start&pvID=start

Literatur: Fritz Krafft, Gottfried Wilhelm Leibniz oder Otto von Guericke? — Protogaea oder Experimenta nova Magdeburgica? Die Rekonstruktion des vermeintlichen Einhorns von Quedlinburg, in: Sudhoffs Archiv, Bd. 99 / Heft 2 (2015), S. 166–208.

1822 untersuchte Gideon Mantell ein paar versteinerte Knochen. Durch Vergleich mit den Knochen lebender Tierarten kam er darauf, dass einst ein gigantisches Reptil in der Grafschaft Sussex gelebt haben musste. Mantell nannte das Tier Iguanodon.

Der Paläontologe Richard Owen prägte 1841 den Namen Dinosaurier (schreckliche Echsen), um eine Gruppe ausgestorbener Reptilien zu benennen.

1854 wurden zur Eröffnung des Londoner Crystal Palace Park lebensgroße Dinosaurier-Skulpturen des Bildhauers Benjamin Waterhouse Hawkins aufgestellt. Die Plastiken von Hawkins machten Dinosaurier zum kulturellen Massenphänomen.

Funde von Knochen. Hier ein neuzeitlicher Fund:

Meyers Großes Konversations-Lexikon. Sechste Auflage, 22. Band. Jahres-Supplement 1909/10; s.v. Rekonstruktion fossiler Tiere

Analogie: Die Skelette von modernen Echsen sind bekannt:

> https://hoffmeister.it/index.php/freies-biologiebuch-fuer-schueler-und-studenten?start=13

Mentale Vorbilder gab es früher massenhaft in der Gestalt von Drachen. In der Mythologie (Kampf von Kadmos gegen den Drachen; Perseus rettet Andromeda vor dem Drachen, Iason schläfert den Drachen mit Medeas Zauberkräutern ein), in Sagen (Sigurdr / Siegfried im Nibelungenlied) und Legenden (St.Georg); Geschichtswerke (Livius: Marcus Atilius Regulus tötet einen Drachen); Naturwissenschaft (Athanasius Kircher, siehe unten). Hier nur eine kleine Auswahl:

Metamorphoseon sive transformationum Ovidianarum libri quindecim, aeneis formis ab Antonio Tempesta florentini incisi et in pictorum antiquistatisque studiosorum gratiam nunc primum exquisitissimis sumptibus a Petro de Iode Antverpiano in lucem editi Aº 1606. — Illustration zu Ovid, Metamorphosen VII, 149ff.

Alexander Barclay's Lyfe of Seynt George, 1515

Athanasii Kircheri E Soc. Jesu Mundus Subterraneus: in XII Libros digestus; Qvo Divinum Subterrestris Mundi Opificium, mira Ergasteriorum Naturæ in eo distributio, verbo pantamorphon Protei Regnum, Universæ denique Naturæ majestas & divitiæ summa rerum varietate exponuntur, Amstelodami, Apud Joannem Janssonium a Waesberge & Filios, 1678; Band 2, S.96.

Ausführliche und accurate Beschreibung nebst genauer Abbildung einiger vorhin fabelhafter Geschöpfe welche in der heutigen Naturgeschichte berühmter Schriftsteller gänzlich verändert und ins Licht gestellet sind, Leipzig: Nauck 1784.

Die Visualisierung des rekonstruierten Tiers.

1855 stellte man sich die Saurier in einem populärwissenschaftlichen Buch so vor:

Die Wunder der Urwelt. Eine populäre Darstellung der Geschichte der Schöpfung und des Urzustandes unseres Weltkörpers so wie der verschiedenen Entwickelungsperioden seiner Oberfläche, seiner Vegetation und seiner Bewohner bis auf die Jetztzeit. Nach den Resultaten der Forschung und Wissenschaft. Von Dr. W. F. A. Zimmermann [Pseudonym für Carl Gottfried Vollmer 1797–1864], Berlin: Gustav Hempel 1855. (Noch in der 16.Auflage 1861 und in der 28. Auflage 1881)
> http://lhldigital.lindahall.org/cdm/fullbrowser/collection/human/id/252/rv/singleitem

Literatur:

Alexis Dworsky, Dinosaurier. Die Kulturgeschichte. Wilhelm Fink Verlag, München 2011.

Paul Michel, Was zur Beglaubigung dieser Historie dienen mag. Drachen bei Johann Jacob Scheuchzer, in: Fanfan Chen / Thomas Honegger (Eds.), Good Dragons are Rare. An Inquiry into Literary Dragons East and West. Frankfurt am Main u.a.: P. Lang, 2009 (ALPH: Arbeiten zur Literarischen Phantastik), p. 119–170.

 

Meyers Lexikon (1909/10; s.oben) gibt zwei Rekonstruktionen von Diplodocus Carnegiei und schreibt: Dies soll zeigen, wie man dasselbe Skelett in sehr verschiedener Weise … rekonstruieren kann. Damit wird klug verdeutlicht, dass Rekonstruktionen nicht zwingend eindeutig sind. (Moderne Darstellungen hier > https://en.wikipedia.org/wiki/Diplodocus)

Nicht nur die Körperform hat man zu rekonstruieren versucht, sondern auch die Lebensweise. Hier die Atemstellung und die Fressstellung von Diplodocus, einem Schlickgrubenbewohner. Dabei werden auch physikalische Gesetzmäßigkeiten miteinbezogen, vgl. die Pfeile K und Q für die ansetzenden Kräfte an dem in einem strömenden Wasser sich bewegenden Tier:

Martin Wilfarth, Die Lebensweise der Dinosaurier, Stuttgart 1949, S.48.

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Vorurteils-geleitete Fehldeutung

Wenn die Deutung des Materials nicht bereits impliziert ist (wie z.B. wenn der Text sagt: "So war der Grundriss des salomonischen Tempels gestaltet."), muss bei der Rekonstruktion den Fundstücken eine Deutung zugeschrieben werden. Jede Deutung basiert auf Vorwissen.

Der im auftauenden Eis liegende, gefriergetrocknete ›Ötzi‹ wurde 1991 zunächst für die Leiche eines Einsiedlers aus den Nachkriegswirren gehalten, der zerlumpt in den Bergen gelebt hatte. Beinahe hätte man ihn beerdigt. Erst die Besichtigung durch den Prähistoriker Konrad Spindler zeigte, dass es sich dabei um einen außerordentlichen Fund handelte.

Wie Präjudizien die Interpretation steuern, erhellt schön aus diesem bekannten Fall:

Eine Gruppe von Erforschern der Erdgeschichte hielt an der biblischen Vorstellung des historischen Ablaufs fest, bei dem die Sintflut (Genesis 7) einen wichtigen Einschnitt bedeutet.

Gantz neue Biblische Bilder-Ergötzung: Dem Alter und Der Jugend Zur Beschauung und Erbauung/ Aus dem alten Testament angestellet und mitgetheilet: Von Johann Andreæ Endters Seel. Söhnen in Nürnberg [ca. 1700]

Sicher hat Scheuchzer dieses Bild aus A.Kirchers Buch »Arca Noë« gekannt, das er im Literaturverzeichnis zur »Physica Sacra« zitiert:

Athanasii Kircheri è Soc. Jesu Arca Noë: In Tres Libros Digesta, Quorum I. De rebus quae ante Diluvium, II. De iis, quae ipso Diluvio ejusque duratione, III. De iis, quae post Diluvium à Noëmo gesta sunt; Quae omnia novâ Methodo, Nec Non Summa Argumentorum varietate, explicantur, & demonstrantur, Amsterdam 1675; nach S. 154.
> http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kircher1675

Nach dieser Theorie ließen sich Spuren der in der Sintflut ertrunkenen Lebewesen als Fossilien im Gestein finden.

1725 wurden in einem Steinbruch bei Öhningen am Bodensee ein fossiler Schädel und eine etwa 50 cm lange versteinerte Skelett-Partie gefunden, die Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) aufgrund dieses ›Vor-Urteils‹ als Skelett eines vorsintflutlichen Menschen interpretierte. Er publizierte diese Entdeckung sofort; den Schädel in einem Journal:

Sammlung von Natur- und Medicin- wie auch hierzu gehörigen Kunst- und Literatur-Geschichten so sich von 1717-26 in Schlesien und anderen Orten begeben ... und als Versuch ans Licht gestellet, hg. Johann Kanold, Anno 1625. Aprilis, pp. 406–408: Hominis in Diluvio submersi Reliquiæ
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10499083-2

und die größere Partie als Flugblatt:

Homo diluvii testis. Bein-Gerüst eines in der Sündflut ertrunkenen Menschen/ ex museo Ioh. Iacobi Scheuchzeri, Zürich: zu finden bey David Reding ..., im Jahr nach der Sündflut MMMM XXXII.
> https://doi.org/10.3931/e-rara-16024

Das recht seltene Denckmal jenes verfluchten Menschen-Geschlechts der ersten Welt erscheint dann 1731 nochmals in Scheuchzers »Physica Sacra« (Tab. XLIX)
lat. Ausgabe > https://www.e-rara.ch/nep_r/content/pageview/535873
dt. Ausgabe > https://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/2962925

Es dauerte noch etwa 50 Jahre, bis diese Fossilien dem Flusswels und später einem Riesensalamander zugeschrieben wurden.

Literatur:

Urs B. Leu, Geschichte der Paläontologie in Zürich, in: Paläontologie in Zürich, Zoologisches Museum der Universität Zürich, 1999, S. 11–76; bes. Kap. 9.4.

Michael Kempe, Wissenschaft, Theologie, Aufklärung. Johann Jakob Scheuchzer und die Sintfluttheorie, Tübingen: Bibliotheca Academica Verlag 2003 (Frühneuzeit-Forschungen Band 10); bes. S. 128–135.

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Zürich zur Gletscherzeit

Oswald Heer (1809–1883) war ein Hauptbegründer der Pflanzengeographie, hervorragender Kenner der Insektenkunde und der fossilen Pflanzenwelt. Er stand in engem Kontakt mit dem Geologen Charles Lyell, der – im Gefolge von James Hutton – mit »Principles of Geology« (1830/33) eine überzeugende Theorie der Entstehung der Erdkruste geliefert hatte. Heer nimmt einen Wandel der Pflanzen- und Tierarten an; aber etwas anders als sein Zeitgenosse Darwin.

Sein Buch »Die Urwelt der Schweiz« ist mit äußerst präzisen Zeichnungen der Fundstücke versehen. (Auch Scheuchzers Beingerüst eines in der Sündfluth ertrunkenen Menschen wird zitiert und der Irrtum sachte korrigiert; S. 402ff.)

Das Buch enthält auch 7 »landschaftliche Bilder«, das sind Farblithographien mit Rekonstruktionen von Landschaften in den verschiedenen Epochen der Erdgeschichte. Seltsamerweise sind diese – poetisch wirkenden – Bilder lokalisiert, so z.Bsp. Basel zur Keuper-Zeit – Lausanne zur Miocenen-Zeit – Dürnten zur Zeit der Schieferkohlenbildung – die letzte Tafel: Zürich zur Gletscherzeit:

Oswald Heer, Die Urwelt der Schweiz, Zürich: Schulthess 1865.
Das Bild zeigt das Zürcher Seebecken – gewissermaßen vom Käferberg aus gesehen – mit den ( heute noch sichtbaren) Ablations-Moränen, ausgefüllt mit Eisblöcken des Linthgletschers, belebt mit Rentieren, Mammuts und Murmeltieren.

Literatur: Urs Leu, Oswald Heer: Paläobotaniker und Kritiker Darwins, in: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich (2009) 154 (3/4), S. 83–95.

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Wie nehmen andere Lebewesen Farben wahr?

Wie findet der Biologe das heraus? Hunde haben (wie die meisten Säugetiere) nur zwei Rezeptorzellen in der Netzhaut. Experimentell kann man untersuchen, wie gut ein Tier Informationen über seine Umgebung sammeln kann (Training mit Futterquellen).

J. von Uexküll (1864–1944) hätte auch einfach einen Farbkreis für die Wahrnehmung des Menschen und je einen für die anderen Lebewesen einander gegenüberstellen können; weil aber sein Anliegen seit 1909 die Erforschung der »Umwelt« war (Umwelt in Sinne von: Die Umgebung eines Lebewesens, die auf dieses einwirkt und seine Lebensumstände beeinflußt), stellte er einen (für den Menschen) alltäglichen Weltausschnitt dar, den er dann mit der Wahrnehmung von Hund und Fliege verglich:

Jakob von Uexküll, Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen: Ein Bilderbuch unsichtbarer Welten. (1934), (rowohlts deutsche enzyklopädie Band 13), Hamburg 1956. (Text zu den Bildern auf S.69ff.)

Vgl. die hervorragende Website > https://wisotop.de/Farbsehen-Tiere.php {November 2019}

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Geologie (1)

Die Glarner Doppelfalte

In den Gebirgen um das Linth-, das Sernf- und das Walenseetal liegt seltsamerweise eine ältere Gesteinsschicht über einer jüngeren. Die dicke obere Schicht aus rötlichem Verrucano-Gestein hat ein Alter von etwa 250 bis 300 Millionen Jahren; die untere, jüngere (fossilhaltige) Schicht aus Flysch ist dagegen lediglich 35 bis 50 Millionen Jahre alt.

Eine Ansicht, wie sie sich dem Auge bietet. > Bild bei Wikimedia

Über die erdgeschichtlichen Vorgänge, die zur Umkehr der normalen stratigraphischen Abfolge geführt haben, entwickelten mehrere Geologen im 19. Jahrhundert verschiedene Theorien, was teilweise zu heftigen Kontroversen unter Fachkollegen führte. Es kam zu mehrfachen Paradigmenwechseln.

Einige der dazu arbeitenden Geologen: R. I. Murchison — A. Rothpletz — M. Bertrand — M. Lugeon — Hans Conrad Escher von der Linth (1767–1823) — Bernhard Studer (1794–1887) — Arnold Escher von der Linth (1807–1872) — Albert Heim (1849–1937)

• Erst als das Alter der Gesteine deutlich eingeschätzt worden war, konnten bessere Theorien entwickelt werden.

• Den Mechanismus der Gebirgsbildung erklärte man sich nach verschiedenen (heute verabschiedeten) Theorien dann so, dass sich Schichten horizontal gegeneinander schoben, wobei Falten entstanden, die sich über einander legten. Erosion hat später obere Teile abgetragen.

• Als Motor galt zunächst die Erd-Kontraktion infolge Abkühlung; nach heutiger Theorie ist die Ursache eine Überschiebung infolge der Plattentektonik.

Die Rekonstruktion zeigt die (jüngere, durch Erosion abgetragene, weichere) Gesteinsschicht mit gestrichelten Linien:

Die Glarner Doppelfalte nach Heim aus: Hermann Credner, Elemente der Geologie, Leipzig 1897, Fig. 112.

Literatur:

Mark Feldmann, Von der Glarner Doppelfalte zur Glarner Überschiebung (online-Publikation auf geo-life.ch 2015)

Dominik Letsch, Arnold Eschers Sicht der Glarner Überschiebung, in: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich 156 (1/2), 2011, S. 29ff.

Margrit Wyder, Wissen sichtbar machen. Zu Goethes Visualisierungsmethoden in der Geologie, in: Wir wandeln alle in Geheimnissen. Neue Erfahrungen mit Goethe, hg. L. von Mackensen, Kassel 2002, S. 87–125.

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Geologie (2)

Die Kontinentalverschiebung

Bereits 1858 hatte Antonio Snider-Pellegrini aufgrund identischer pflanzlicher Fossilien in Sedimenten von Nordamerika und Europa postuliert, dass diese Kontinente vor langer Zeit einmal eines waren.

Alfred Wegener (1880–1930) hat die Hypothese der Kontinentalverschiebung ausgebaut (Die Entstehung... 1915, 4. Auflage 1929): Es soll zur Zeit des Karbons einen Superkontinent Pangaea gegeben haben, der später auseinandergedriftet sei. Die Konturen von Südamerika und Afrika passen genau zusammen.

Alfred Wegener, Die Entstehung der Kontinente und Ozeane, Braunschweig: Vieweg (4. Auflage) 1929.
> http://de.wikisource.org/wiki/Index:Die_Entstehung_der_Kontinente_und_Ozeane

Bild > http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1c/De_Wegener_Kontinente_018.jpg

Man hat in der Antarktis, in Afrika und Indien Reste eines Fossils (Lystrosaurus) gefunden, das unmöglich Meere überqueren konnte, was nahelegt, dass diese heutigen Kontinente vor ca. 260 Millionen Jahren eine Landmasse bildeten.

In der Graphik von Michael J. Benton sind sowohl die rekonstruierten Umrisse der auseinanderdriftenden Kontinente dargestellt als auch (stilisiert) die ursprünglich auf dem noch zusammenhängenden Kontinent siedelnden Tier- und Pflanzenarten:

Michael J. Benton, Die Entwicklung des Lebens auf der Erde. 3,5 Milliarden Jahre Evolution, Heidelberg: Quelle & Meyer 1988 (The Story of Life on Earth, 1986); S. 16.

Es ergänzen sich bei der Rekonstruktion mehrere Argumentationen: (1) die aufeinander passenden Küstenverläufe der heutigen Kontinente und (2) das Verbreitungsgebiet von Tieren und Pflanzen. Dazu kommt (3) die geowissenschaftliche Einsicht in das Funktionieren der Mantelkonvektion / Plattentektonik / Kontinentaldrift.

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Geographie

••• Genesis 2, 10–14 steht eine Skizze des Paradieses: Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen. 11 Der Name des ersten ist Pischon; er ist es, der das ganze Land Hawila umfließt, wo es Gold gibt. 13 Der Name des zweiten Stromes ist Gihon; er ist es, der das ganze Land Kusch umfließt. 14 Der Name des dritten Stromes ist Tigris; er ist es, der östlich an Assur vorbeifließt. Der vierte Strom ist der Eufrat. (Einheitsübersetzung)

Die Landkarte des Paradieses wurde aufgrund dieses Texts immer wieder rekonstruiert:

Hoc schema et descriptio referens orti Eden situm ponetur, ita ut 2. cap. 8. vers. Genes. respondeat. In: Biblia sacra veteris et novi testamenti, secundum editionem vulgatam. Basileae M.D.L.XXVIII
Der lange erläuternde lateinische Text hier weggelassen.

••• Ernst Haeckel (1834–1919) – der Popularisator von Darwins »Entstehung der Arten« – war vom Gedanken fasziniert, dass alle Lebewesen, insbesondere alle Menschenrassen aus einer gemeinsamen Urform hervorgegangen sind (monophyletischer Stammbaum).

Diesen genealogischen Gedanken hat er offenbar ins Geographische umgesetzt und nach der Urheimath des Menschen gefragt. In der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« setzt er – nur als eine provisorische Hypothese (die er später dann verwarf) – für das Menschengeschlecht eine einzige Urheimath an. Dies müsse ein jetzt unter den Spiegel des indischen Oceans versunkener Kontinent gewesen sein. Er bezieht sich auf die These von Philip Sclater, der 1864 einen solchen Kontinent postulierte und Lemuria nannte.

Haeckel zeichnet eine geographische Migrations-Tafel. Seltsamerweise ist dieser Kontinent nicht nur mit Lemurien bezeichnet, sondern auch mit Paradies – ein Wort, das im Text des Buches in diesem Kontext nicht vorkommt. Aus dem (immerhin mit Fragezeichen garnierten) Paradies gehen vier Hauptlinien hervor, wie die Genesis 2, 10–14 genannten Paradiesesflüsse...

Ernst Haeckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte [zitiert nach der 5. Auflage], Berlin 1874, bes.618ff.und Tafel XV. (Ausschnitt;in der Legende werden die verschiedenen Schraffierungen Menschenrassen zugeordnet.)
Digitalisat des Texts der Erstausgabe (1868) OCR-erfasst von Kurt Stüber
> http://www.biolib.de/haeckel/natuerliche/index.html

Heute sieht man die Wanderungen und Vermischungen der frühen Hominiden so:

Svante Pääbo, Die Neandertaler und wir. Meine Suche nach den Urzeit-Genen, S.Fischer 2014

David Reich, Who We Are and How We Got Here, Ancient DNA and the new science of the human past, Vintage Books 2019.

Website der Max-Planck-Gesellschaft > http://www.mpg.de/neandertaler

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Entstehung der Welt

Bei diesem Ereignis ist kein Augenzeuge anwesend gewesen. Die Rekonstruktion stützt sich auf die biblischen Sätze Genesis 1,1f.: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war aber wüst und öde (tohu wa-bohu), und Finsternis lag auf der Urflut, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht! usw.

Zur Visualisierung ist Phantasie nötig. (Es wird immer wieder gefragt, wer die abstrakte Malerei ersonnen hat...)

[Johann Ludwig Gottfried] Historische Chronica. oder Beschreibung der Fürnemsten Geschichten, so sich von Anfang der Welt, biß auff das Jahr Christi 1619 zugetragen. [Auflage:] Frankfurt/Main, M. Merians Erben, MDCLVII. — Gott ist hier wiedergegeben mit hebräisch Elohim, wie es hier auch im Bibeltext steht.

Auch Ovid kennt eine Kosmogonie (Metamorphosen I, 5ff.): Ehe das Meer und das Land und der alles bedeckende Himmel bestand, hatte die Natur ein einziges Aussehn (vultus), Chaos genannt, ein verworrene, rohe Masse (moles), […] Auch hier tritt eine göttliche Weltvernunft bzw. eine Naturkraft auf und trennt den Himmel vom Land. (Die Ovid-Illustratoren zeichnen diese Gottheit meistens anthropomorph.)

Die Verwandlungen des Ovidii in zweyhundert und sechs und zwantzig Kupffern. In Verlegung Johann Ulrich Krauß, Kupferstechern in Augspurg [ca. 1690].

Hier die Visualisierung in einer philosophisch gedachten Entstehungstheorie:

William Whiston [1667–1752], A New Theory of the Earth, from its Original, to the Consummation of all Things, London: printed by R. Roberts 1696.
> https://doi.org/10.3931/e-rara-11018

Kurz nach dem Urknall – in der Sicht der modernen astronomischen Forschung:

Während der ersten hunderttausend Jahre war das Universum völlig undurchsichtig, da bei den hohen Temperaturen die Materie ionisiert war, und es deshalb eine enge Wechselwirkung zwischen Strahlung und Materie (via Lichtstreuung an freien Elektronen) gab. – Als aber nach etwa 300'000 Jahren die Temperatur unter 3’000 Grad sank, konnten sich die freien Protonen mit den freien Elektronen kombinieren und neutralen Wasserstoff bilden. Da das Licht nicht mehr mit genügend freien Elektronen wechselwirken konnte, wurde das Universum durchsichtig.

Jan Olof Stenflo, Ursprung und Evolution des Universums in: unimagazin = Die Zeitschrift der Universität Zürich 2/2001, S. 13–15.
Der ganze Text hier > https://www.magazin.uzh.ch/de/issues/unimagazin-01-2.html

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Winkelried

›Arnold von Winkelried‹ ist eine mythische Figur, die der Sage nach in der Schlacht von Sempach am 9. Juli 1386 Lanzen der gegnerischen habsburgischen Truppe von Herzog Leopold ergriff, in seinen Körper gerammt und dadurch seinen Mitkämpfern eine Gasse in die feindlichen Reihen geöffnet haben soll.

Die erste bekannte Schilderung der Winkelried-Episode steht in der Zürcher Chronik (1476) aus dem Besitz von Gerold Edlibach (Handschrift der ZB Zürich Signatur Ms A 164, Teil III).

Die Beschreibung der Schlacht findet sich sodann im Geschichtswerk von Aegidius Tschudi (1505–1572), das erst im 18.Jh. gedruckt wurde:

Also was einer von Underwalden Arnold von Winckelried genant/ ein redlicher Ritter/ der sprang für die ordnung uß/ und umschlug mit sinen Armen ein Teil der Vienden Spiessen/ des gab Er sin Leben darumb/ do brachend daselbst die Eidtgenossen den Herren in Ihre Ordnung/ und begundendt die mit Strits Not trennen und brechen.

Ægidii Tschudii, gewesenen Land-Ammanns zu Glarus, Chronicon Helveticum. Oder Gründliche Beschreibung Der So wohl in dem Heil. Römischen Reich ... vorgeloffenen Merckwürdigsten Begegnussen. Alles Aus Authentischen Briefen und Urkunden ... zusammen getragen … Nunmehro zum Ersten mahl aus dem Originali herausgegeben … von Johann Rudolff Iselin, Basel: Bischoff 1734/1736. Band 1, S. 526.

Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk. Ein Handbuch zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse und zur Unterhaltung in 4 Bänden, Leipzig: Brockhaus 1837–1841. s.v. Sempach (Schlacht)

Martin Disteli (1802–1844) hat in der Frühphase seines Schaffens mehrere Schlachtenbilder gezeichnet. Das Bild der Schlacht von Sempach aus dem Jahre 1832 wurde von einem Formschneider CB (evtl. Clemens Bachmann) realisiert und publiziert.

> https://www.e-rara.ch/zuz/content/zoom/14161840 (Einzelblatt ohne Nachweis der Herkunft)

Für Disteli ist das Geschehen mit Winkelried nicht bloß historische Rekonstruktion, sondern auch Symbol des eigenen Kampfes gegen die herrschende Schicht. Vgl. Gottfried Wälchli, Martin Disteli. Zeit Leben Werk 1802–1844, Zürich 1943; S. 39f.

Ein ähnliches Bild, aber ohne prägnanten Winkelried steht in: Ernst Hermann Joseph Münch, Pantheon der Geschichte des Teutschen Volkes, Freiburg im Breisgau, Auflage 1840 [in Folio], 2. Band, zwischen S. 120 und 121. Es handelt sich um eine Aquatinta, "gest. v. Iselin" (29 x 36 cm).
> https://www.akg-images.de/archive/Schlacht-bei-Sempach-2UMDHURPON3U.html

Die Historienmalerei liebt die Szene; vgl. das Bild von Karl Grob (1828–1904) hier.

Keystone hat eine hübsche Sammlung zusammengestellt {Abruf im Dezember 2019}
> https://visual.keystone-sda.ch/lightbox/-/lightbox/page/1730458/1

Eleasar

Das erste Makkabäer-Buch erzählt die Geschichte der Unabhängigkeitskämpfe der Juden gegen die Seleukiden (175–140 v.u.Z.), die u.a. den Juden den griechischen Kult aufnötigen wollten. In einer Schlacht im Jahr 162 ereignet sich folgende Episode – die dem Heldentod von Winkelried ähnelt:

1 Makkabäer 6, 43–46: Und Eleasar Awaran bemerkte einen Elefanten, der war höher und besser gerüstet denn die andern, und er dachte, der König wäre darauf; und er gab sich hin, dass er das Volk Israel errettete und einen ewigen Namen erlangte, lief mit großer Kühnheit hinzu, drang durch die Feinde und tötete ihrer viele auf beiden Seiten. Und machte sich unter den Elefanten und stach ihn, so dass der Elefant umfiel auf ihn, und starb, und schlug ihn auch tot.

Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil, in welchen Alle Geschichten und Erscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. ... hervorgebracht von Chistoph Weigel in Regensburg. Anno M.D.C.xcvii

Mit der Axt hab’ ich ihm’s Bad gesegnet

In der Chronik von Johannes Stumpf wird die Episode geschildert, die wir aus Schillers »Wilhelm Tell« (1. Akt, 1. Aufzug) kennen, wo Baumgarten berichtet:

Ich hatte Holz gefällt im Wald, da kommt
Mein Weib gelaufen in der Angst des Todes.
Der Burgvogt lieg’ in meinem Haus, er hab’
Ihr anbefohlen, ihm ein Bad zu rüsten.
Drauf hab’ er Ungebührliches von ihr
Verlangt, sie sey entsprungen mich zu suchen.
Da lief ich frisch hinzu, so wie ich war,
Und mit der Axt hab’ ich ihm ’s Bad gesegnet.

Bei Stumpf (1547) wird die Geschichte etwas anders erzählt:

Bald darnach buolet bemelter tyrann einem Landmann/ auf Atzelen wonhafft/ umbs weyb/ benötiget sy eins tags inns pauren abwesen/ jm ein wasserbad zemachen vnd zuo jm dareyn zesitzen. Die frauw machet das Bad/ schicket heimlich ein botten nach dem mann/ der eylet vnuerzogenlich zuhauß/ vnd erschluog den Landuogt mit einer Axt im Bad.

Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […] Zürich bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII; Band 2, fol. 194 recto.

Das Bild zeigt das Haus aufgeschnitten (vgl. Innenansichten) . Es sitzen freilich zwei Frauen in der Badewanne. Eine steht außerhalb und bringt Essen. Hinten die Szene, die zum vorherigen Text passt, wo der Landvogt Bauern Ochsen wegnimmt und sagt, sie sollen den Pflug selbst ziehen (vgl. simultan dargestellte Szenen).

 

Bartholomäusnacht

François Dubois (1529–1584), Massaker der Bartholomäusnacht 1572.

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Freilich, wenn wir alle Visualisierungen von Narrativen ins Auge fassen wollten (Bibel, antike Mythologie, Geschichtsschreibung, belletristische Literatur), kämen wir an kein Ende!

Literatur: Franz Zelger, Heldenstreit und Heldentod, Schweizerische Historienmalerei im 19. Jahrhundert, Zürich: Atlantis 1973.

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Tathergang

Unglücksfälle und Verbrechen werden aufgrund von Zeugenaussagen und Indizien rekonstruiert. Hier ein Verkehrsunfall. Die Gestalt des vor das Auto rennenden Knaben ist mittels einer Linienzeichnung in die Photographie eingetragen:

Pestalozzikalender 1957, Seite 191.

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Das Antlitz Jesu

Johann Caspar Lavater (1741–1801) wird sein Leben lang von der Frage gequält, wie Jesus Christus ausgesehen habe: Gottes Ebenbild und Urbild der Menschheit. Die ihm bekannten Darstellungen beurteilt er – das ist hier die Methode für die (Kritik an der) Rekonstruktion – nach seiner Physiognomik, und er findet an allen Bildern etwas auszusetzen. Vielleicht sollte es kein Sterblicher wagen, ein Bild von Christus zu zeichnen. Gewiß kann keiner ein würdiges zeichnen.

S. 442 Ich wüßte nicht in welcher wirklichen oder erdichteten Situation ich mir diesen Christus denken könnte. Die Güte des Mundes ist so sanguinisch weich, die Nase vornen so breitklug, die Augen so wollüstig, Stirn und Raum zwischen den Augenbraunen so kalt und kahl, alles so rund so flach so leidenlos so seelenlos, alles ein Ausdruck von behaglich wollüstiger Atonie, daß man weder ein "Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer", noch ein "Selig sind die geistlich arm sind", aus diesem Gesichte erwarten darf.

S. 444 Die Stirn ist zu gerade, der Augenknochen zu hart, die Nase unten zu breit, zu weich der Mund, und die Stellung zu zaghaft.

S. 446 Nachstehender Umriß verliert durch seine Perpendikularität sehr viel von seiner in einzelnen Theilen ausgedrückten Größe. Man denke sich die Stirn oben nur um eine Linie zurückgehend. Das Aug ist zu hautig, der untere Umriß zu schwach. Die Nase zu kaltklug. Des Mundes Ruhe zu phlegmatisch.

Physiognomische Fragmente: zur Beförderung der Menschenkenntniss und Menschenliebe, Band 4, Leipzig / Winterthur: Weidmanns Erben / Reich 1778 IX. Abschnitt, III. Fragment: Über Christusbilder
> https://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/297315

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Die Tafel des Kebes

Ein aus dem 1. Jh. u. Z. stammender Text beschreibt und deutet ein Bild, das im Heiligtum des Kronos zu sehen gewesen sei. Die (ca. 20 moderne Druckseiten umfassende) Beschreibung des Bildes (Ekphrasis) in einem bildlos überlieferten Text wurde häufig wieder in eine Graphik zurück-umgesetzt.

Agapeti, Luciani, Cebetis Herrn/ Hoff/ Hausstaffel: Hohes vnd Nidriges standes personen zu vnterthenigsten ehren/ wolmeinendem gefallen/ gewünschtem nutz vnd frommen/ sich darin als in einem spiegel zubelüstigen vnd zubeschawen. Aus dem Griechischen übersetzt: Mit reimen vnd figuren erkläret/ vnd zum ersten also/ neben anderen zur kunst vnd tugent nutzlichen vnd anmütigen sachen/ durch den druck vor augen gestellet [durch Nicol. Glaserum] Gedruckt zu Bremen bey Thomas de Villiers/ im jahr MDCXIX. [1619]

Edmund W. Braun, Artikel »Cebestafel« in: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte, Stuttgart 1933ff. Band 3, Sp 383ff. – online hier: http://www.rdklabor.de/wiki/Cebestafel

Die Bildtafel des Kebes. Allegorie des Lebens, Eingeleitet, übersetzt und mit interpretierenden Essays versehen von Rainer Hirsch-Luipold, Reinhard Feldmeier, Barbara Hirsch, Lutz Koch, Heinz-Günther Nesselrath. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005 (= Sapere, Bd. 8). — Text und Übersetzung S. 68–111; dazu ein Kommentar.

Kurze Beschreibung hier > https://www.uzh.ch/ds/wiki/Allegorieseminar/index.php?n=Main.Kebestafel

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Der Schild Achills

In der »Ilias« (18. Gesang, Verse 478–603) beschreibt Homer, wie Hephaistos den Schild des Achill schmiedet. In der Terminologie der Literaturwissenschaft handelt es sich um eine (fingierte) Ekphrasis, d.h. eine anschauliche Bildbeschreibung. (> https://en.wikipedia.org/wiki/Ekphrasis mit weiteren Beispielen)

Ein kurzer Ausschnitt aus Homer (in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß 1793 )

Erst nun formt’ er den Schild, den ungeheuren und starken,
Ganz ausschmückend mit Kunst. Ihn umzog er mit schimmerndem Rande,
Dreifach und blank, und fügte das silberne schöne Gehenk an.
Aus fünf Schichten gedrängt war der Schild selbst; oben darauf nun
Bildet' er mancherlei Kunst mit erfindungsreichem Verstande.
Drauf nun schuf er die Erd', und das wogende Meer, und den Himmel,
Auch den vollen Mond, und die rastlos laufende Sonne;
Drauf auch alle Gestirne, die rings den Himmel umleuchten,
Drauf Plejad' und Hyad', und die große Kraft des Orion, Auch die Bärin, die sonst der Himmelwagen genannt wird, Welche sich dort umdreht, und stets den Orion bemerket,
Und allein niemals in Okeanos' Bad sich hinabtaucht.

[…]
Drauf zwo Städt’ auch schuf er der vielfach redenden Menschen,
Blühende: voll war die ein' hochzeitlicher Fest' und Gelage.
Junge Bräut’ aus den Kammern, geführt beim Scheine der Fackeln,
Gingen einher durch die Stadt; und hell erhub sich das Brautlied:
Tanzende Jünglinge drehten behende sich unter dem Klange,
Der von Flöten und Harfen ertönete;
[…]
> https://www.projekt-gutenberg.org/homer/ilias/ilias183.html

Es ist immer wieder versucht worden, das Aussehen des Schilds visuell zu rekonstruieren; Lessing zitiert (»Laokoon«, 1766, Kap. XIX) Jean Boivin de Villeneuve (1663–1726), Apologie d'Homère, et Bouclier d'Achille (Paris 1715), p. 236: > http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN647534053

1809 zeichnet Quatremère de Quincy (1755–1849) den Schild nochmals.
> http://www.quatremere.org/Pages/bouclier_Achille.aspx
Dieses Bild wird bald populär, vgl. die erste Nummer des »Magasin pittoresque« (1833), pag. 17
> http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k314169/f21.item

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Homer ergötzt die Zuhörer

Die phantasievolle Szene des seine Gesänge vortragenden Homer profitiert vom ›wirklichen‹ Portrait des Sängers, das in antiken Plastiken vorlag (Marmorskulpturen Caetani und Baiae, hier als Holzstich wiedergegeben):

Illustrirte Weltgeschichte für das Volk, […]; Pracht-Ausgabe. Zweite Auflage. 1. Band: Illustrirte Geschichte des Alterthums; Von den ersten Anfängen der Geschichte bis zum Verfall der Selbständigkeit von Hellas. Leipzig/Berlin: O.Spamer 1880; Seite 549 / 551.

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Konstruktion von Zukünftigem

Rückwärts in die Geschichte zu blicken gelingt mitunter, wie oben gezeigt. Der Blick in die Zukunft wird oft auch gewagt.

Ingenieure planen voraussehend Konstrukte, das gehört zu Ihrem Beruf.

Jean-Gaffin Gallon (1706–1775), Machines et inventions approuvées par l'Académie Royale des Sciences depuis son établissement jusqu'à présent, Paris: A.Boudet 1735; tome troisième
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/machines_inventions1735b/0085

Johann David Köhler (1684–1755) ist in seinem Geschichtsbuch »Orbis terrarum in nuce« sehr ehrlich: Das letzte Kupfer bringt noch den Spanischen Erbfolgekrieg 1701–1709 und die Schlacht von Belgrad, wo Prinz Eugen 1707 die Türken besiegte. Die übrigen Felder bleiben leer, weil die Ereignisse noch nicht stattgefunden haben:

Gründliche Erzehlung der merckwürdigsten Welt-Geschichten aller Zeiten. Von Anfang der Welt biß auf Gegenwärtige, so in den historischen Kupfer-Tafeln der Gedächtnüß-Hülflichen Bilder-Lust, Sonsten Die Welt in einer Nuß (orbis terrarum in nuce) betitelt, vorkommen und zu besondern Behuf und Belustigung, so wohl der studierenden Jugend... / vorstellig gemacht worden von Christoph Weigeln. Nürnberg, in Verlag Christoph Weigels, seel. Wittwen. Gedruckt bey Lorenz Bieling 1726.

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Weiterführende Literatur

Bernd Carqué / Daniela Mondini / Matthias Noell (Hg.): Visualisierung und Imagination. Materielle Relikte des Mittelalters in bildlichen Darstellungen der Neuzeit und Moderne, Wallstein Verlag, 2006 (2 Bände). Darin:

Bernd Carqué: Sichtbarkeit des Mittelalters. Die ikonische Repräsentation materieller Relikte zwischen Visualisierung und Imagination (Band 1, S.11–50)

Regine Abegg: Wider den Verlust der »anschaulichen Erinnerungen« — Abbildungen zwischen Evokation und Rekonstruktion. Das mittelalterliche Zürich in der Druckgraphik des 19. Jahrhunderts (Band 2, S. 503–546)

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zuerst online im November 2019 PM – Erweiterungen bis Juni 2020.

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