Conrad Lycosthenes

     
 

Conrad LYCOSTHENES (graezisiert aus WOLFFHART), 1518 im Elsaß geboren, studierte in Heidelberg und war seit 1542 Professor für Grammatik und Dialektik in Basel, wo er bereits 1561 starb. Er gehört in die Reihe der bedeutenden polyhistorisch Gelehrten des 16. Jahrhunderts. (Sein Onkel war Conrad Pellican, sein Schwager war der Verleger Oporin.)

Das Portrait aus: Nicolas Reusner, Icones sive imagines virorvm literis illvstrivm, qvorvm fide et doctrina religionis & bonarum literarum studia, nostrâ patrumque memoriâ, in Germaniâ praesertim in integrum sunt restituta. Strassburg 1587. Zur Biographe vgl. den Artikel in der ADB

In einem Brief an Heinrich Bullinger vom 6. April 1557 chrakaterisiert Lycosthenes sich und seine Arbeit.
Lat. Edition und deutsche Übersetzung von Franz Mauelshagen in: Zwingliana XXVIII (2001), S. 97f.

Sein Schaffen lässt sich kennzeichnen als: sammeln, das Tradierte ergänzen und kommentieren.

Zwei Themenbereiche umfasst es:

(a) die enzyklopädische Verfügbarmachung des Wissens-Schatzes aus Antike und Humanismus.

(b) die Zusammenstellung von wunderbaren Vorzeichen.

(a) Er gibt – angeregt von des Erasmus wegweisenden Samlungen – mehrere Sentenzsammlugen heraus: Stobaeus, Enea Silvio, Ravisius Textor, des Erasmus Parabolae, und schließlich 1555 eine eigene Sammlung von Apophthegmata. Die handschriftlichen Notizen erbte sein Stiefsohn Theodor Zwinger, der sie dann mehrmals in immer umfangreicheren Editionen herausgab (Theatrum vitae humanae, Basel 1565 u.ö.). 1551 gibt er den »Elenchus« [Auszug] der Bibliotheca von Conrad Gessner heraus.

(b) Das 16. Jahrhundert ist gebannt von der Vorstellung, dass sich das Eingreifen Gottes in Vorzeichen – Naturkatastrophen, Missgeburten, Kometen – ankündigt; eine zeittypische Kontingenzbewältigungsstrategie. Davon ist in dieser Website die Rede.

Übersicht:

❑❑❑ Das Buch: Prodigia

❑❑❑ Wunder vs. Naturgesetz

❑❑❑ Typen von Wunderzeichen u.a.m.

❑❑❑ Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger

❑❑❑ Bildquellen

❑❑❑ Literaturhinweise; Hilfsmittel

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Das Prodigienbuch

Lycosthenes ediert und ergänzt 1552 das Prodigienbuch des spätantiken Autors Julius Obsequens, das seit der Editio Princeps 1508 im Anhang von Pliniusbriefen ein Schattendasein geführt hat:

Iulii Obsequentis prodigiorum liber, ab urbe condita usque ad Augustum Caesarem, cuius tantum extabat fragmentum, nunc demum Historiaru[m] beneficio, per Conradum Lycosthenem Rubeaquensem, integritati suae restitutus. Polydori Vergilij Urbinatis de Prodigijs libri III. Ioachimi Camerarij Paberg. de Ostentis libri II, Basileae: Oporinus 1552. [Bebildert!]
> http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10172090.html

Das Buch enthält:

Julius Obsequens (Mitte des 4. Jhs.) Prodigiorum liber (Der antike Text hier: http://www.thelatinlibrary.com/obsequens.html) – Lycosthenes hat diesen Text augmentiert a Conrado Lycosthene suæ integritati Historiarum beneficio restitutus; so findet sich der erste Abschnitt des antiken Texts bei L. unter Nummer 55.

Vergilius Polydorus (ca. 1470 – 1555), Dialogorum de Prodigiis libri tres. Basel 1531.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/%7Edb/0003/bsb00033163/image_6

Joachim Camerarius (1500 – 1574) de Ostentis, Viteberga 1532.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/%7Edb/0002/bsb00029021/image_1

1557 stellt Lycosthenes seine eigene Sammlung vor (562 Seiten in Kleinfolio). Bereits das Bild auf der Titelseite veranschaulicht die Fülle der aufgenommenen Themen (Unwetter, Kometen, Missgeburten, Katastrophen, Kriege, Monstra – alles aber dominiert von Gott):

Prodigiorum ac ostentorum chronicon quae praeter naturae ordinem, motum, et operationem, et in superioribus & his inferioribus mundi regionibus, ab exordio mundi usque ad haec nostra tempora acciderunt. Quod portentorum genus non temere evenire solet, sed humano generi exhibitum, severitatem iramque Dei adversus scelera atque magnas in mundo vicissitudines portendit. Partim ex probatis fideque dignis authoribus Grecis atque Latinis, partim etiam ex multorum annorum propria observatione summa fide, studio, ac sedulitate conscriptum adiectis etiam rerum omnium veris imaginibus, conscriptum per Conradum Lycosthenem Rubeaquensem; Basileae, per Henricum Petri 1557.

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00087675/image_1

> https://www.e-rara.ch/doi/10.3931/e-rara-125332

und im gleichen Jahr auf deutsch, übersetzt von Johannes Herold:

Wunderwerck Oder Gottes vnergründtliches vorbilden / das er inn seinen gschöpffen allen / so Geystlichen / so leyblichen / in Fewr / Lufft / Wasser / Erden / auch auß den selben vier vrhaben /inneingefügtem stuck des Mentschen / in Geflügel / Vieh / Thier / Visch / Gwürm / von anbegin der weldt / biß zuo vnserer diser zeit / erscheynen / hören / brieuen lassen. Zuo gwiser anmhanung seiner Herrlichkeit / zuo abschröckung sündtlichs lebens. Oder aber sonst verhängt hatt / den Ausserwölten zuor uebung vnd Christenlichem nachsinnen. den bösen zur straaf jres vnglaubens / mit sonder wunderbarer geheymnus vnd bedeüttung.
Alles mit schoenen Abbildungen gezierdt / vnnd an den Leser einer Vorrede / inn dero der entscheyd / hafft / betrug / fuog vnd urtel so herinnen zuo erlernen vnd zuo haben / in kurtze / eygentlich fürgeschriben vnd abgemalt. Auß Herrn Conrad Lycostehnis Latinisch zusammen getragner beschreybung / mit grossem fleiß / durch Johann Herold / vffs treüwlichst inn vier Buecher gezogen vnnd Verteütscht, Basel: Heinrich Petri 1557.

> http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0009/bsb00090910/images/

> https://www.e-rara.ch/zuz/doi/10.3931/e-rara-49776

Das Buch ist (in der deutschen Fassung) als Faksimile erschienen (mit einem Nachwort von Paul Michel und Pia Holenstein Weidmann) im Olms-Verlag, Hildesheim / Oetwil, 2007 (ISBN: 978-3-487-13428-4)

In der Bayerischen Staatsbibliothek liegt ein handschriftlicher Nachtrag (mit abgezeichneten und auch ausgeschnittenenen und eingeklebten Bildern): Continuatio Chronicorum Lycosthenis de prodigiis et ostentis ab anno 1557 ad nostra usque tempora [i.e. 1677] = Clm 30245
> http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00087677-4

Zum Übersetzer Johannes Basilius Herold (1514–1567)
> https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Basilius_Herold

Aufbau des Buchs (in der deutschen Fassung von Herold):

Zuschreiben an Abt Wolfgang von Fulda

Vorrede an den Christlichen Leser

Herold unterscheidet verschiedene Typen von (deutsch) Wunder und Phänomenen, die solche Erscheinungen erzeugen, und gibt jeweils Beispiele: Signa – Miracula – Visiones – Prophetia – verschiedene Arten von Träumen – Oracula – Vaticinia – Prodigia – Divinatio – Mmina – Ostenta – Portenta – Præsagia – Præsensiones – Monstra – Impressiones – Mirabilia – Incantamenta – Veneficisa – Carmina

Zeigrodel [= Bibliograpie der verwendeten Werke]

Von vnergründtlichen wunderwercken Gottes/ die er syd anbeginn der Welt/ in seltzamen gschöpffen/ mißgburten/ in erscheinungen an dem himmel/ auff der erden/ in den wassern den menschen zuor anmhanung/ schrecken/ mit sondern bedeüttungen vnnd nachgedencken fürgepracht.

Pag. i – ccv: Katalog von seltsamen Tieren (Harpye, Basilisk, Fledermaus), Mischwesen aus Mensch und Tier, menschl. Missgeburten (Hermaphrodit), Gestalten exotischer Völker am Rand der Welt. — Ohne Vorbedeutung-Folgen-Zusammenhang.

Pag. xxxvi – dlvij: Wunder-Folgen-Zusammenhänge in chronologischer Folge; am Rand datiert von 2057 vor Christi Geburt bis 1557. [in der lat. Fassung ab Pag. 35]

Pag. dlviii – dlxij: Dise nachfolgende Wundergeschöpff seind erst nach außgang des wercks/ durch gönner Herren Conrado Lycostheni zuokommen ...

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Wunder vs. Naturgesetz in den Theorien verschiedener Epochen:

Während Jahrhunderten bestehen zwei Wunderbegriffe nebeneinander:

(1) Das Wunder der sich in der Schöpfung bzw. in den Naturgesetzen manifestierenden Gottheit;

(2) das Wunder des diese Gesetzmäßigkeit ausser Kraft setzenden, persönlich eingreifenden Gottes.

Die Kontroverse zwischen der These, Gott greife nicht mehr in die einmal geschaffene Welt ein, und derjenigen, Gott offenbare seine Gegenwart durch sein ständiges Wirken in der Welt, erlebt um 1715 einen Höhepunkt in einem philosophischen Schriftenstreit zwischen Newton (vertreten durch seinen Schüler Samuel Clarke) und Leibniz. (Zusammenfassung der Wunderdebatte bei Alexandre Koyré: From the Closed World to the Infinite Universe. Baltimore 1957. Dt. Übers.: Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum. Frankfurt/M. 1969 [= stw 320], Kapitel 11: ›Der Gott des Werktages und der Gott des Sabbat‹.)

Einige Textbeispiele dazu:

Lukrez, »de rerum natura« V,878ff. begründet, warum es keine Kentauren geben kann

lateinischer Text http://www.hs-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lsante01/Lucretius/luc_rer5.html

engl. Übersetzung http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus:text:1999.02.0131

Isidor, Etym XI,iii. http://www.fh-augsburg.de/%7Eharsch/Chronologia/Lspost07/Isidorus/isi_et11.html#c03

Deutsche Übersetzung: Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Lenelotte Möller, Wiesbaden: Matrixverlag 2008.

Thomas von Aquin, c.gent. III, 100: Quod ea quae Deus facit praeter naturae ordinem non sunt contra naturam. http://www.corpusthomisticum.org/scg3064.html#26533

Michel de Montaigne (1533–1592), Essais II,xxx: D’un enfant monstrueux
. Version HTML d'après l'édition de 1595 > http://www.bribes.org/trismegiste/es2ch30.htm

Gegen die Vorstellung von Wundergestalten spricht der Satz natura non facit saltûs – die Natur macht keine Sprünge.

Bereits bei Aristoteles findet sich die Formulierung: Die Natur schreitet so allmählich von den unbeseelten zu den belebten Wesen fort, daß man bei dem stetigen Zusammenhange nicht gewahr wird, wo die Grenze der beiden Arten leigt (in: »Historia de animalibus« I, 588B,4)

Johann Amos Comenius (1592–1670) hat in seiner Schrift »de sermonis Latini studio« (1638) die Worte: Natura et Ars nusquam saltum faciunt, nusquam fecerunt.

Bei G.W. Leibniz (1646–1716) ist der Gedanke so formuliert: Nichts geschieht auf einen Schlag, und es ist einer meiner wichtigsten Grundsätze, dass die Natur niemals Sprünge macht. Ich habe diesen Satz das Gesetz der Kontinuität genannt (in: »Nouveaux essais sur l'entendement humain«, Vorrede, 1765).

Carl von Linné (»Philosophia botanica«, 1751) formuliert: natura non facit saltûs

Der Zusammenhang mit der Mentalität, insbesondere der reformierten Theologie des 16. Jhs. wäre noch zu erörtern:

Deus absconditus; Ira Dei im Luthertum — Konjunktur des Teufels im 16.Jh. — Oekeonomie des Sündenverhaltens in einer Konfession ohne Beicht und ohne Fegefeuer — Prädestinarionslehre (Calvin; Zürcher Orthodoxie)

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Typen von Wunderzeichen – Typen von damit Vor-Bedeutetem – Deutungstechniken – Aitiologie

Lange nicht alle extraordinairen Ereignisse werden als Vorzeichen gewertet. Oft berichtet Lycostehenes ganz einfach von ›faits divers‹. – Wo Ereignisse Zeichencharakter haben, muss man deren Stellenwert im Auge haben; zur Erklärung dient am besten Cicero (Tabelle). Einige Ereignisse (z.B. Erdbeben) können entweder Vorzeichen oder damit bedeutetes Unglück sein.

Einteilung der Signa (nach Cicero, »de divinatione«):

 Signa der Götter vor einer Aktion der Menschennachträgliche Missfallenskundgebung der Götter
die Götter melden sich spontan (signa oblativa)  
die Menschen (Priester) befragen die Götter (signa impetatriva)
[im Christentum nicht üblich]
  

Typen von Wunderzeichen: ein extra-ordinaires Ereignis (natura facit saltus)

In der heidnischen Antike: besondere Vorkommnisse beim Opfer; Vogelflug; spechende Tiere

Zeichen am Himmel: Halo, besondere Regenbogen, Kometen, Blitze, Sonnen-/Mond-Finsternisse u.a.

allerlei sonderbare Regen: Korn-, Blut-, Frosch-, Kreuzregen, ›Manna‹

Schriften auf Naturdingen (z.B. auf Steinen, Fischen); vom Himmel gefallene Zettel oder Bücher

Gespenstererscheinungen (z.B. Totentanz nachts auf dem Friedhof)

Wunderbrunnen und dergl.; selbsttätige Gegenstände (.z.B. der grünende Stab Aarons)

überlebende Fastende, Scheintote

Verschiedene Typen von "Monstren":

    • fremde Tiere (Walfisch, Paradiesvogel, Basilisk)
    • hybride Tiere (geflügeltes Krokodil, Fledermaus)
    • tierische Sonderformen (Huhn mit 5 Beinen; Kalb mit 2 Köpfen)
    • Mischwesen aus Mensch und Tier (Mensch mit Elefantenkopf; Schwein mit Menschenkopf; Schwein mit Menschenfüßen, Satyr)
    • menschliche Missgeburten ("siamesische Zwillinge", Bruoder Dichtlin)
    • Menschen in weit abgelegenen Kulturen (vgl. z.B. am Rand der Ebstorfer Weltkarte, Sciopoden)

Typen von damit (Vor-)Bedeutetem; meist ein Ereignis der Geschichte

politische Wirren und Kriege

gewaltsamer Tod eines Herrschers

Krankheiten (Pest)

Missernten, Hungersnöte, Teuerung

(für die Menschen bedeutsame) Katastrophen wie Ueberschwemmungen, Erdbeben

Sprachliche Formulierungen zur Vermittlung von Vorzeichen zum damit angedeuteten Ereignis

asyndetische Nebeneinanderstellung

bloße Zeitangabe und eben domols – bald wurden druff – bald hernach strittend die kriegßleuth

durch den Erzähler explizit gemachter Bezug den todt Constantini verkündet vnnd zeiget lang daruor ein stern – ein gwüsse anzeigung des todts Philippen – wölches alls ein anzeig wz grosses kriegs

es wird eine Kausalität insinuiert

zeitgenössische Beteiligte deuten die Zeichen welches von vilen vßgelegt ward / das es gwiß wäre / … – ein whar sager der bey jim wz / sagt / es deütte auff seinen tod hin – und legt mans es auß / als ob dasselbig den tod C. Tiebrii bedeüttet – Dise fluot hat man für ein wharnung zeichen gehalten – Vilerlei außlegung sind dorüber außgangen –

Ursachen für die Wunder (Aitiologie): mehr dazu hier > symbolforschung.ch/Teratologie.html

Sünde einzelner Menschen oder ganzer Gruppen

Gottes unergründlicher Zorn

Teuflischer Einfluss

"Natürliche" Ursachen (z.B. Versehzauber; Samen-Überfluss)

(Zu unterscheiden: Wird das Zeichen und das damit Vorhergesagte in einen kausalen oder einen semiotischen Zusammenhang gebracht?)

Bedeutung der Monstra für die Menschen

Das Wunder ist Zeichen von Gottes Allmacht (er schafft auch Dinge, die wir für unmöglich halten; vgl. Genesis 18,14 – Augustin, civitas Dei XXI,7)

Mit dem Wunder warnt Gott die Menschen vor einem kommenden Übel; sie können durch sündloses Verhalten diesem entgehen. — Lycosthenes bringt nur historische Beispiele; mitunter mit Wunder–Geschehen-Zusamenhang. .Die zeitgenössischen Flugbläter sind offen für die Zukunft, wobei eine "Umkehr" der Menschen offen ist.

Das Wunder ist Zeichen von Gottes Zorn.

Beglaubigungsstrategien

Attribute wie "wahre Abconterfeyung"

Datierung und Lokalisierung

Nennen von Zeugen

Relikte (z.B. aufgelesene Ähren bei Kornregen)

Tests mit involvierten Personen

u.a.m.

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Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger

Angeregt wurde Lycosthenes durch Julius Obsequens: Iulii Obsequentis prodigiorum liber, ab urbe condita usque ad Augustum Caesarem, cuius tantum extabat fragmentum, nunc demum Historiaru[m] beneficio, per Conradum Lycosthenem Rubeaquensem, integritati suae restitutus. Polydori Vergilij Urbinatis de Prodigijs libri III. Ioachimi Camerarij Paberg. de Ostentis libri II, Basileae: Oporinus 1552.
> http://www.thelatinlibrary.com/obsequens.html

Iulius Obsequens entnahm seine Beispiele Livius, »ab urbe condita«, vgl.

Veit Rosenberger, Gezähmte Götter. Das Prodigienwesen der römischen Republik. (= Heidelberger Althistorische Beiträge und Epigraphische Studien. Band 27). Steiner, Stuttgart 1998.

Peter Leberecht, Iulius Obsequens und das Problem der Livius-Epitome. Ein Beitrag zur Geschichte der lateinischen Prodigienliteratur. In: Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse. Herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur (Mainz). Wiesbaden 1968, S. 155–235.

Von dort stammen aber nur wenig Material. Es wäre interessant, woher Lycosthenes sein Werk augmentiert.

Nach der Vorrede, bevor der paginierte Teil beginnt, gibt er eine Liste mit Quellenangaben (Zeigrodel / dero geschrifften/ dorauß nachuolgender Wunder bschreybung genommen vnnd zusamen tragen). Vermutlich hat er die genannten (und von uns oft schwer identifizierbaren) Werke nicht alle per Autopsie konsultiert, sondern er schleppt bibliographische Angaben aus Enzyklopädien und dergl. weiter.

Für das historische Material kommen neben vielen anderen Texten in Frage: Zunächst die römischen Geschichtschreiber: Livius, Tacitus, Sueton Gaius Suetonius Tranquillus (ca. 70 n. Chr. bis ca. 140 n. Chr.) »De vita Caesarum« enthält 12 Kaiserbiographien von Cäsar bis Domitian.

Beispiel: Zum Jahr 56 (dt. Fassung S. xcli): Als Claudius Cesar mit gifft hingericht/ eben desselben Monats do erschein am himmel ein stern/ der stuond etwa lange zeit. Darzuo ward das Grab Drusi des ältern vom stral getroffen vnd verwüstet/ also das vil gemürmels entstuond. — Vgl. dazu den Text des Sueton, zu Claudius, Kap. 46: Praesagia mortis eius praecipua fuerunt: exortus crinitae stellae, quam cometen vocant, tactumque de caelo monumentum Drusi patris, ... (Der ganze Text auf lat.> http://www.thelatinlibrary.com/suetonius/suet.claudius.html#46)

Weitere Vor- und Nachläufer und etwa gleichhzeitige Publikationen:

Werner Rolevinck [auch Rolewinck] (1425–1502). Im Jahr 1474 wurde zum erstenmal in Köln sein Werk »Fasciculus temporum« (Abriss der Weltgeschichte) gedruckt, das innerhalb von 18 Jahren 30 Nachdrucke erfuhr und in verschiedene Volkssprachen übersetzt wurde. Man bezeichnet dieses Werk als den »Ploetz des 15. und 16. Jahrhunderts«. Der Fasciulus wird von Lycosthenes selbst als Quelle angegeben.

Giacomo Filippo Foresti (Jacobus Philippus Foresta da Bergamo, 1434–1520?), Supplementum chronicarum, Venezia, Bernardino Rizzo, 1492 und öfters.

Sebastian Brant (1458–1521): Flugblätter des Sebastian Brant, hg. von Paul Heitz. Straßburg 1915.

Hiob Fincel (gest. 1582): Wunderzeichen. Warhafftige beschreybung und gründlich verzeichnuß schröcklicher Wunderzeichen und Geschichten; die von dem Jar an 1516 biß auff yetziges Jar 1556 geschehen und ergangen sindt nach der Jarzal durch Jobum Fincelium, Nürnberg: Berg und Neaber 1556..

Caspar Goldwurm (1524–1559), Wunderwerck und Wunderzeichen Buch, Darinne alle fürnemste Göttliche, Geistliche, Himlische, Elementische, Irdische und Teuflische wunderwerck, so sich in solchem allem von anfang der Welt schöpfung biß auff unser jetzige zeit zugetragen und begeben haben, kürtzlich unnd ordentlich verfasset sein. Der gestalt vor nie gedruckt worden, Franckfurt am Main: Zephelius, 1557.

Pierre Boaistuau († 1566): Histoires Prodigievses, Extraictes De Plvsieurs fameux Authours, Grecs & Latins, sacrez & Prophanes / Mises en nostre langue par P. Boaistuau, surnommé Launay, natif de Bretagne .... - Et nouuellement augmentées de quatorze Histoires par Claude Teßerant Parisien : auec les poartraicts & figures. - Paris : de Bordeaux, 1568 — Pierre Boaistuau, Histoires prodigieuses. Préface de Gisèle Mathieu-Castellani. - Texte intégral. - Paris [u.a.] : Ed. Slatkine, 1996 (Fleuron 87)

Ludwig Lavater (1527–1586), Von Gespänsten, vnghüren, fälen, vnd anderen wunderbare dingen, so merteils wenn die menschen sterben söllend, oder wenn sunst grosse sachen vnnd enderungen vorhanden sind, beschähend, kurtzer vnd einfaltiger bericht / gestelt durch Ludwigen Lauater .... - Getruckt zu Zürych by Christoffel Froschower 1569.
> http://doi.org/10.3931/e-rara-4155

Peter Stotz, Spectres et apparitions surnaturelles: entre les machinations des démons et la puissance de Dieu. La version latine du Von Gespänsten de Ludwig Lavater (1570). In: Habiller en latin. La traduction de vernaculaire en latin entre moyen âge et renaissance. Études réunies par Françoise Fery-Hue et Fabio Zinelli. (Études et rencontres de l’École des chartes 52). Paris: École des Chartes, 2018, pp. 111–137.

Ambroise Paré (1510–1590): Les Oevvres de M. Ambroise Paré Conseiller, Et Premier Chirvrgien Dv Roy. Auec les figures & portraicts tant de l'Anatomie que des instruments de Chirurgie, & de plusieurs Monstres ; Le tout diuisé en vingt six liures .... Paris: Buon, 1575 — Ambroise Paré, Des monstres et prodiges . Éd. critique et commentée par Jean Céard. - Genève : Droz, 1971 (Travaux d'humanisme et renaissance 115)

Ulisse Aldrovandi (1522–1605): Vlyssis Aldrovandi Patricii Bononiniensis Monstrorvm Historia. Cvm Paralipomensis Historiæ Omnivm Animalivm Bartholomaeus Ambrosinvs ..., et Horti publici Prefectus Labore, et Studio uolumen composuit. Marcus Antonius Bernia in lucem ed. propriis sumptibus. ... Cum ind. copiosissimo.. - Bononiae : Bernia ; Tebaldinus, 1642

Ulisse Aldrovandi, Monstrorum Historia, Préface de Jean Céard, Les Belles Lettres / Nino Aragno Editore, Paris/Turin 2002.
Aldrovandi HomePage > http://amshistorica.unibo.it/ulissealdrovandi-opereastampa

Georg Stengel S.J. (1584/1585–1651),De monstris et monstrosis, quam mirabilis, bonus, et iustus, in mundo administrando, sit Deus, monstrantibus, Ingolstadt: Haenlin 1647.
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10913970-2

Vgl. die Website zu Wundersammlungen, Naturalienkabinetten des 16./17. Jhs.
> Kunstkammern/Kunstkammern_Liste.html

Ein hierzu besonders hervorzuhebender Mann: Chorherr Johann Jakob Wick (1522–1588)

1533 Schüler in Kappel a.A. (1527 säkularisiert, wird von der Stadt geführt, Bullinger ist dort Lehrer); ab 1538 an der Lateinschule im Fraumünster. 1540 Studium in Tübingen, gemeinsam mit den Studienkollegen Rudolf Gwalter (1519–1585), Johannes Haller (1523–1575) und Johannes Wolf (1521–1571), dann in Marburg. 1542 Pfarrdienst in Witikon. 1545 Pfarrer in Egg. 1552 an der Predigerkirche in Zürich. 1557 Berufung zum zweiten Archidiakon am Großmünster. Er wirkt im engsten Umkreis des Antistes Heinrich Bullinger († 1575).

Von 1560 bis zu seinem Tod stellt er 24 illustrierte Quart- und Foliobände zusammen, ab 1572 jährlich einen. Die Einzelbände umfassen durchschnittlich gut 600 Seiten und sind annalistisch, lose, unsystematisch angeordnet; die Informationen sind nie kritisch gesichtet oder gewichtet. Die Kollektaneen enthalten handschriftliche Aufzeichnungen mit 1028 Bildern (kolorierte Federzeichnungen von verschiedenen Händen) und eine große Zahl von Druckschriften: 499 Flugschriften und mehr als 430 Einblattdrucke.

Wick hatte Zuträger aller Art (die Chorherren; Reisende wie Einheimische). Druckschriften und handschriftliche Mitteilungen aus Gelehrten-Briefwechseln erhielt Wick u.a. von Konrad Gessner (1516–1565), Rudolf Gwalter, Ludwig Lavater und Josias Simler (1530–1576), Theodor von Beza (Genf, 1519–1605). Vor allem aber profitierte er vom europaweiten Briefwechsel Heinrich Bullingers.

Die Wickiana = seine Sammlungen. — Achtung: Wick hat einerseits Flugblätter gesammelt, anderseits handschiftliche Notizen (mit Zeichnungen) gemacht. Das ist in der Zentralbibliothek Zürich getrennt.

Flugblätter > https://www.e-manuscripta.ch/search/quick?query=johann+jakob+wick
> https://www.e-manuscripta.ch/wick/nav/classification/1726382

Handschriften > bei siwsscollections.ch

Es existiert ein 1950 erstellter Katalog (Typoskript von 378 Seiten): Marlies Stäheli, Beschreibender Katalog der Einblattdrucke aus der Sammlung Wickiana in der Zentralbibliothek Zürich, mit einem Titelregister, einem Orts-, Namen- und Sachregister und einem Drucker- und Druckerortregister; einsehbar in der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich, Signatur LGS 70 GAD ZUER 001:1

Kommentierte Edition der Drucke: Wolfgang Harms und Michael Schilling, Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts, Band VI (2005) und Band VII (1979): Die Wickiana, Tübingen: Niemeyer.

Wichtigste Themen:

  • Politisches Zeitgeschehen: Die Religionskriege in Frankreich (die Nachrichten über die Pariser Bluthochzeit in der Bartholomäusnacht 1572 füllen nahezu einen Band). Aufzeichnungen zum spanisch-niederländischen Konflikt. die Auseinandersetzung mit Moskowitern und Türken, die das christliche Europa im Osten bedrängen (Schlacht bei Lepanto 1571).
  • Die Auseinandersetzungen zwischen den evangelischen und den katholischen Orten der Eidgenossenschaft
  • Nachrichten über Naturkatastrophen, Missgeburten und aussergewöhnliche Naturerscheinungen wie Kometen, Nordlichter, Halos usw. als warnende Zeichen und Wunder Gottes. – Anregung: Conradus Lycosthenes, Prodigiorum Ac Ostentorum Chronicon, Basel 1557 (deutsch: Wunderwerck oder Gottes unergründtliches vorbilden...)
  • Berichte über Mordtaten und Hinrichtungen, über Einflüsterungen des Teufels, Hexen und ihre Verfolgung

Unnd so der läser die [Bücher] flyssig besicht, so wirdt er sich grösslich verwunnderen ab der trübsehligen zyt.

Hans Fehr, Massenkunst im 16. Jahrhundert. Flugblätter aus der Wickiana, Berlin 1924 [Querschnitt von über 100 Blättern]

Bruno Weber, Erschröckliche und warhafftige Wunderzeichen 1543-1586: Faksimiledruck von Einblattdrucken aus der Sammlung Wikiana in der Zentralbibliothek Zürich, Dietikon-Zürich: Graf, 1971 [45 Bll.].

Matthias Senn, Johann Jakob Wick (1522–1588) und seine Sammlung von Nachrichten zur Zeitgeschichte, 138. Neujahrsblatt der Antiquarischen Gesellschaft Zürich = Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich Band 46/Heft, Zürich 1974.

Matthias Senn, Die Wickiana. Johann Jakob Wicks Nachrichtensammlung aus dem 16. Jahrhundert, Raggi-Verlag, Küsnacht/Zürich 1975.

Franz Mauelshagen, Wunderkammer auf Papier. Die "Wickiana" zwischen Reformation und Volksglaube, Tübingen: Bibliotheca-Academica-Verlag 2011 (Frühneuzeit-Forschungen Band 15)

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Bild-Quellen

Den Konglomerat-Charakter (auch) dieser Enzyklopädie erkennt man schnell, wenn man beobachtet, woher all die vielen Bilder entnommen sind.

Die Bilder in der lat. Ausgabe mögen einigermaßen bewusst gesetzt worden sein. Heroldl beschreibt, wie er bei der Herstellung der deutschen Übersetzung vorgegangen ist: dann ich/ der die plätter von und under dreyen pressen dann zuckend … für zuoschreyben mich vnderstanden. Die Bilder sind denn auch anders angeordnet als in der lat. Vorlage.

(Die Quellenangabe mit ⬆ unter dem Bild)

Iulius Obsequens

Iulii Obsequentis prodigiorum liber, Basileae: Oporinus [1552]

⬆ Lycosthenes deutsch: Pag. cxxxij

Schedelsche Weltchronik (1493)

⬆ Schedelsche Weltchronik (1493) Fol. CXCVIII recto

⬆ Lycosthenes, deutsch Pag. dlix

Johannes Stumpf (1500–1577/78),

Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […] Zürich bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII.

Stumpff spricht sehr oft von Vorzeichen; der Zeichner der Lycosthenes-Ausgaben hat offensichtlich Bilder von dort vereinfachend übernommen. Die Zerlegung in einzelne Motive (Sonnenfinsternis, Erdbeben, Blutregen, Komet usw.) hat den Vorteil, dass diese kleinen (7 x 7 cm) Holzschnitte immer wieder und auch in verschiedenen Kombinationen in den Text eingebunden werden können.

⬆ Stumpf, 1.Band, fol. 46f = 2. Buch, xx. Kap.

⬆ Lycosthenes zum Jahr 803: fol. cccxxxi / pag. 339

Sebastian Münster

Cosmographia. Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum in wölcher begriffen. Aller völcker Herrschafften, Stetten vnnd namhafftiger flecken / härkommen …. Allenthalben fast seer gemeret und gebessert/ auch mit einem zuogelegten Register vil breüchlicher gemacht. Basel, Heinrich Petri, 1546.

Erstes Beispiel:

⬆ In der Cosmographia für die Erbauung der Stadt Freiburg im Üechtland

⬆ Zum Jahr der Welt 1790 = 2173 vor Christus bringt Lycosthenes (1557) dieses Bild vom Bau des Turms zu Babel.

Zweites Beispiel:

Lycosthenes – Vor dem Jahr 87 vor Chr. ist das Thema der Bundßgnossen krieg wider die Römer: do lüeffen alle thier/ so dem mentschen heimblich vnd nutzlich/ als Hund/ Pferd/ Esel/ Rinder / Schaff/ Säw/ vnd ander vieh zusammen/ wurden wild/ rissen sich auß/ lieffen zuowald/ liessen sich weder anrüeren noch handlen …

⬆ Nur in der deutschen Ausgabe von Lycosthenes findet sich dazu dieses Bild.

⬆ Es stammt aus der Cosmographie von Jahr 1553, wo es etwas völlig anderes illustriert, nämlich die fruchtbarkeit des alten Teutschen erdtrichs, die schon Tacitus schildere.

Drittes Beispiel:

Lycosthenes, »Von wunderwerck« fol. xxvi / xxvij (in der allgemeinen Einleitung):

Das Material zum Bild geht im Kern zurück auf die Carta marina des Olaus Magnus (Venedig 1539), ist aber damit nicht identisch. In seiner Historia de gentibus Septentrionalibus« Rom 1555 bringt O.M. die einzelnen See-Monstra in einzelnen Holzschnitten.

⬆ Hingegen bringt die im selben Verlag (Henricpetri Basel) wie das »Wunderwerck« in der dritten Auflage 1550 von Sebastian Münsters Cosmographey oder beschreibung aller Länder, Herrschaften, fürnemsten Stetten, geschichten .... eine Art "Wimmelbild" all dieser Wesen, die in einem einzigen Aquarium zu schwimmen scheinen, mit einer Legende, in der die See-Monstra anhand der Buchstabenverweise beschrieben sind. Lycosthenes / Herold übernehmen genau diesen Holzschnitt, lassen die Legende indessen weg. (Die Initialen H.R.M.D. verweisen auf Hans Rudolf Manuel Deutsch als Zeichner.)

Mehr hierzu > porcus marinus.html

Johannes Herold

Beim folgenden Beispiel kann man dem Übersetzer Johannes Herold (1514–1567) dabei zuschaun, wie er direkt nach dem Ausdruck des lateinischen Texts seinen eigenen deutschen mit Bildern amplifiziert, die er einem von ihm gestalteten Buch entnimmt.

Lycosthenes behandelt zum Jahr 183 vor Chr. einen Unglücksfall im Circus Maximus: In der Römer spilfeyre die P. Cornelius Cethegus vnnd Aulus Posthumius Albius/ dem alten brauch nach hieltend/ do fiel der vmblauffend knopff auff der zilseülen im Rennplatz/ vf der Morgenröttin […] gmäld vnd warffs zuo hauffen.

(Dass damals ein mālus = ein Stützpfahl auf das Standbild einer numinosen Gestalt fiel, berichtet Livius XXXIX,7; Herold deutet diese als Morgenröte/Aurora.)

⬆ Circus aus Lycosthenes

Herold hatte drei Jahre vorher im gleichen Verlag eine Übersetzung mehrerer antiker Werke angefertigt, die reich illustriert ist: Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung, durch was verwähnungen denselben etwas vermeynder macht zugemessen, vmb dero willen sie von den alten verehret worden, pp. pp. auß vieler glerten thewrn männer schrifften, […] Durch Johann Herold beschriben vnd ins teütsch zuosammen gepracht, Basel: Henrich Petri 1554. Hier steht die Illustration bei der Erklärung des Beiworts Olympier von Jupiter:

⬆ Bei Herold steht die Illustration bei der Erklärung des Beiworts Olympier von Jupiter

Die Wickiana

Offensichtlich kennt Lycosthenes Flugblätter, wie sie Wick sammelte. De Illustrator gestaltet sie oft vereinfachend um für die Holzschnitte.

Erstes Beispiel:

⬆ Wickiana, Flugblatt 1543   >>> Quelle

⬆ Lycosthenes ebenfalls zum Jahr 1543 in der deutschen Fassung: NJt weyt von Pfortzheym in der Maggrafschafft Baden/ im dorff Zesenhausen/ vmb die fünfte nach mittag/ do sahe man ein strobelstern/ der grösser dann ein mühlstein scheyn/ seynen schwantz gegen Mitnachte khört/ auß dem selben fiel ein feuwr wie ein grosser grausamer drach auff die erd härab/ soff aus einem bächlin/ das es schier gar außdorret/ flog hernach in einen acker/ den fraß er schier gar ab/ schwang sich wider in die höh vnnd lies ein gemörck hinder jm seynes ubelhaußhaltens.

Zweites Beispiel:

Die Wunderbarlich geburt zů Wynserß – Flugblatt 1543

⬆ Wickiana (PAS II 15/7) > https://www.e-manuscripta.ch/zuzneb/wick/content/titleinfo/2724422

⬆ Lycosthenes deutsch Pag. dvij

Conrad Gessner

Conrad Gessner (Zürich 1516–1565) und Lycosthenes (Basel 1518–1561) kannten sich gut und standen in brieflichem Kontakt.

Conrad Gessner bringt im Fischbuch (1558) das Bild eines Meerwunders:

Conradi Gesneri medici Tigurini Historiae animalium liber IIII. qui est de piscium & aquatilium animantium natura: cum iconibus singulorum ad vivum expressis …, Tiguri: apud Christoph. Froschoverum, anno 1558.

Das Bild ist hier angeschrieben mit Monstrum marinum, ex tabula quadam impressa in Germania olim. Bei diesem ›einst in Deutschland gedruckten Bild‹ handelt es sich um ein Flugblatt mit deutschen Text und dem Bild des aus Fischleib und Frauenoberkörper zusammengesetzten Monstrums, gedruckt bei Johann Grüninger in Straßburg 1523. (Dieses abgedruckt und kommentiert bei Ingrid Faust, u.a., Zoologische Einblattdrucke und Flugschriften vor 1800, Stuttgart: Hiersemann 1998–2010; Band V, # 759.)

⬆ Lycosthenes zum Jahr 586 n.Chr.: Im Nil do sahe man auch zwey Mhörwunder/ dero das ein biß zum nabel/ als ein mannßbild/ das ander wie ein weibsbild gestaltet ...

Der Formschneider von H.Petri hat möglicherweise aus dem Monstrum marinum ein Paar gemacht.

Froschauer-Bibel

Die Vision Daniels als Beispiel

Die gantze Bibel / der ursprünglichen ebraischen und griechischen Waarheyt nach auffs aller treüwlichest verteütschet, Getruckt zuo Zürich bey Christoffel Froschouer, im Jar als man zalt MDXXXI [1531].

⬆ Lycosthenes zum Jahr 543 vor Chr.

usw.

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Hilfen

Für Lycosthenes-Fans, die im deutschen Text lesen möchten:

Typographie:

  • dz ≈ dass
  • vnd’scheyd ≈ underscheid = Unterschied
  • Nasalstrich: vñ ≈ und
  • das Dehnungszeichen h steht heutzutage nach dem Vokal; bei Herold davor: Lherer – Mhon ≈ Mond – anmhanung ≈ Anmahnung – mhör ≈ Meer.
  • Er verwendet das h auch sonst überflüssigerweise: wharnung – rhů ≈ mhd. ruowe = Ruhe – Heül ≈ Eule

Johann Herold stammt aus Calw im oberdeutschen Raum und lebte und wirkte seit 1539 und insbesondere seit 1554 in Basel. Er kennt – abgesehen von dem im (regional unterschiedlichen) Frühneuhochdeutschen Üblichen – einige lautliche Besonderheiten:

  • Gelegentlich verwendet er Wörter, die wir im Schweizerdeutschen kennen, z.B. lämi ≈ Lahmheit
  • Das Baseldeutsche kennt die Entrundung von Vokalen (noch heutzutage im Vergleich mit Dialekten des Mittellands: schön > scheen – Lüüt [Leute] > Lyyt – grüen > grien). Herold schreibt oft Wörter so entrundet: brieuen ≈ mittelhochdeutsch prüefen – yebung ≈ mhd. üebunge
  • Häufig bildet Herold scheinbar entrundete Vokale zurück und bildet eine pseudo-korrekte Form: mhör ≈ Meer – khört ≈ [ge]kehrt

Frühneuhochdeutsches Wörterbuch > https://www.fwb-online.de/

In Basel wurde im Gegensatz zu Zürich die Lutherbibel gedruckt > Lutherbibel von 1545 im WWW

Viel Spaß (und Erkenntnisgewinn) bei der Lektüre!

Literaturhinweise

Artikel "Wunder-Zeichen" in Zedlers Großes vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, Band 59 (1751) 2149–2166
> https://www.zedler-lexikon.de/

Eugen Holländer, Wunder, Wundergeburt und Wundergestalt in Einblattdrucken des fünfzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts; kulturhistorische Studie Stuttgart: Enke 1921. https://archive.org/details/wunderwundergebu00holluoft

Rudolf Schenda, Die Prodigienliteratur in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, (Münchner Romanistische Arbeiten 16), München 1961.

Dieter Harmening, Superstitio. Überlieferungs- und theoriegeschichtliche Untersuchungen zur kirchlich-theologischen Aberglaubensliteratur des Mittelalters, Berlin: Erich Schmidt. 1979.

Irene Ewinkel, De monstris. Deutung und Funktion von Wundergeburten auf Flugblättern Deutschlands des 16. Jahrhunderts, (Frühe Neuzeit 23), Tübingen: Niemeyer 1995.

Veit Rosenberger, Gezähmte Götter. Das Prodigienwesen der römischen Republik. (= Heidelberger Althistorische Beiträge und Epigraphische Studien. Band 27). Steiner, Stuttgart 1998.

Jörg Jochen Berns, Wunderzeichen am Himmel und auf Erden. Der frühneuzeitliche Prodigiendiskurs und dessen medientechnische Bedingungen, in: Herbert Jaumann / Gideon Stiening (Hgg.), Neue Diskurse der Gelehrtenkultur in der Frühen Neuzeit, de Gruyter 2016, S. 99–161.

Pia Holenstein Weidmann, Monströse Erscheinungen im 16. Jahrhundert zwischen Naturwissenschaft und Gottesfurcht, am Beispiel von Conrad Lyosthenes, in: »Spinnenfuß und Krötenbauch« – Genese und Symbolik von Kompositwesen Schriften zur Symbolforschung Band 16, PANO Verlag, Zürich 2013.
> Holenstein.pdf

Artikel von Clemens Schlip > https://humanistica-helvetica.unifr.ch/fr/works/168

Zum Basler Drucker/Verleger Heinrich Petri: Frank Hieronymus u.a., Griechischer Geist aus Basler Pressen: https://www.ub.unibas.ch/cmsdata/spezialkataloge/gg/short-drucker-017.html

Frank Hieronymus, 1488 Petri - Schwabe 1988. Eine traditionsreiche Basler Offizin im Spiegel ihrer frühen Drucke, 2 Bde., Basel 1997. »Wunderwerck« = Nr. 381 (S. 1100f.)

Lycosthenes. Zeichen und Wunder; zweisprachige Ausgabe von Kai Brodersen mit den* Holzschnitten der Ausgabe von 1552, Wiesbaden: marixverlag 2021 (223 Seiten; * es handelt sich um einige Holzschnitte)

Ein (nicht aktualisierte, aber dennoch nützliche) Bibliographie (erstellt von Pia Holenstein Weidmann) ist hier als PDF-Datei zum Download

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Impressum

Diese Website geht zurück auf ein Kolloquium des Deutschen Seminars der Uni Zürich im Sommersemester 2005 und wurde nachher noch etwas augmentiert.

– Saskia Waibel – Brigitte Bovo – Michael Kotrba (Zentralbibliothek) haben dazu beigetragen. – Letzte Fassung: P.Michel März 2024

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